Simons Systemische Kehrwoche

“Probleme”

Fritz B. Simon

Da ich in diesem Blog ja aus meinem Herzen keine Mördergrube mache und munter vom Leder ziehe, d.h. mich nicht scheue, bestimmte Menschen oder ihre Entscheidungen als, zum Beispiel, problematisch, idiotisch oder blöd zu bezeichnen, bekomme ich immer wieder verwunderte Rückmeldungen, wie ein Systemiker/Konstruktivist so etwas denken, sagen, ja, publizieren könne.

Beispiel: “Saetze wie “Das Problem der USA ist,…”, “Das ist halt das Problem…” oder “wenn eine Partei extremistische und schwachsinnige Positionen vertritt” versetzen mich immer wieder in Erstaunen und ich frage mich, wie man solche Aeusserungen mit einer systemischen und radikal konstruktivistischen Grundhaltung vereinbaren kann.”

Mir scheint solch ein Statement Ausdruck der Missverstehens von Systemtheorie und Konstruktivismus zu signalisieren. Denn, wenn jede Aussage von einem Beobachter gemacht wird und dieser Beobachter immer bewertet (was unvermeidlich ist), dann ist die Konsequenz des radikalen Konstruktivismus, dass niemand für sich und seine Wirklichkeitskonstruktion (inkl der darin enthaltenen bzw. varausgesetzten Bewertungen) irgendeinen Absolutheits- oder Wahrheitsanspruch für sich und seine Aussagen reklamieren kann. Das heißt aber nicht, dass er sich irgendwelcher Wertungen enthalten sollte (oder könnte).

Ganz im Gegenteil: Er muss sich (als Konstruktivist) seiner eigenen Bewertungen bewusst sein, damit er sie nicht aus Versehen für Wahrheiten hält und um dieser vermeintlichen Wahrheiten willen anderen den Schädel einschlägt.

Wenn ich hier z.B. das Verhalten der USA als Problem bewerte, dann muss ich halt versuchen, etwas dagegen zu tun. Das ist für mich persönlich nicht so leicht, aber ich kann immerhin versuchen, andere aufzustacheln, eine Revolution anzuzetteln usw. …

Aus wissenschaftlicher Sicht schaue ich stets aus einer Außenperspektive auf einen Gegenstand (z.B. die Weltgesellschaft, die USA, Obama, Chefs in Unternehmen). Aus dieser Perspektive kann ich sehen, dass “Probleme” auch “Lösungen” sind/sein können – für denjenigen, der etwas als Problem definiert, vielleicht auch für jemand anderen. Aber aus der Innenperspektive des Betroffenen (Mitglied des sozialen Systems) liegt es in meiner Verantwortung, aufgrund meiner eigenen Kriterien irgendein Phänomen als “Problem” oder anzustrebende “Lösung” zu definieren oder auch nicht. Das muss ich schon deshalb, weil ich sonst nicht handlungsfähig werde…

Konstruktivismus heißt nicht Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit, sondern Beobachterabhängigkeit von Aussagen. Und die Konsequenz ist nicht, dass es keine Wahrheiten mehr gibt, sondern dass man sich über sie einigen muss. In der Hinsicht bin ich persönlich durchaus bereit, in den Ring zu steigen – wohl wissend, dass meine Sichtweisen keinen größeren Anspruch auf Gültigkeit haben, als die irgendwelcher Kommentatoren (die mir eben manchmal als idiotisch erscheinen).

Und deswegen müssen wir uns halt drüber streiten….

Bookmarken bei
Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • Colivia
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Wikio DE

6 Kommentare

  1. Ich finde es nervig wenn nicht gestritten wird. Dann gibt es keine Möglichkeit den eigenen Willen, das eigene Wollen zu kommunizieren, Information zu generieren, Umweltbedingungen selbstreferent zu beeinflussen. Ohne Streitkultur, eine ernsthafte Streitkultur, nicht dieses politisch korrekte bla bla, entstehen seltsame Verhaltensweisen, erschreckende Verhaltensweisen…
    Die Arbeiten von Selvini-Palazzoli haben das deutlich gezeigt.

    Kommentar by o.werner — 7. August, 2011 @ 16:30 Uhr

  2. Konstruktivismus ist also Verantwortung, okay.
    Und was, wenn nicht?

    Kommentar by Max Liebscht — 7. August, 2011 @ 19:27 Uhr

  3. Ich freue mich zu sehen, dass meine Kommentare tatsaechlich gelesen und sogar beantwortet werden :) . Es ging mir in der oben zitierten Bemerkung nicht darum, dass man als Systemiker bzw. Konstruktivist keine Position beziehen darf. (Ganz im Gegenteil!) Mein Erstaunen bezog sich auf die Wortwahl. Fuer mich klingen “das Problem ist”, “schwachsinninge Position”, oder “idiotisch” einfach nicht nach Dialog. Ich hoere hier nicht den Wunsch, sich auf eine Wahrheit zu einigen, sondern vielmehr das “Verkuenden” einer Wahrheit.
    Das wiederum ist nach meiner Erfahrung genauso wenig hilfreich wie ein gleichgueltiges “Blahblah”. Ich glaube daran, dass es einen Weg in der Mitte gibt, auf dem man klar und deutlich Stellung bezieht und trotzdem Raum laesst fuer andere Positionen und konstruktiven Dialog.

    Kommentar by pp — 7. August, 2011 @ 20:03 Uhr

  4. @3: Ich halte nichts vom Werfen mit Wattebäuschchen. Harte Bandagen. In aller Freundschaft…

    Und wenn es um Politik geht, sollten wir nicht vergessen, dass es oft um relativ starke Konflikte geht… Da hilft auch der Dialog oft nicht… (leider, siehe zur Zeit in den USA).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 7. August, 2011 @ 21:40 Uhr

  5. Tit for tat, sozusagen.

    Kommentar by Max Liebscht — 8. August, 2011 @ 16:27 Uhr

  6. Wobei die Tomatenziele als Dialog- bzw. Sparring-Partner hier i.d.R. gar nicht zur Verfügung stehen sondern das Beste an der ihnen geltenden Schelte verpassen.

    Kommentar by Max Liebscht — 10. August, 2011 @ 17:02 Uhr

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Systemische Kehrwoche

nach Stichwort
Carl-Auer LebensLustCarl-Auer CompactCarls Klassiker-BibliothekCoachingFamilientherapie und FamilienforschungHypnose und HypnotherapieKinder- und JugendlichentherapieManagement / OrganisationsberatungOrganisations- und StrukturaufstellungenPaartherapiePhilosophie / Systemtheorie / GesellschaftPsychiatriePsychologie/PsychotherapieSystemaufstellungenSystemische MedizinSystemische PädagogikSystemische Soziale ArbeitSystemische TherapieTherapie und HumorVerlag für Systemische Forschung
HörBarLesBarBuchBar
AnsprechpartnerCarl Auer – Geist or Ghost?Jobs & PraktikaVerlag für Systemische ForschungSo finden Sie uns
Für AutorenBuchhandelPartnerbuchhandlungVeranstaltungenLinksProspektanforderungNewsletterGeschenkgutscheinE-Cards
AktuellesRezensionsexemplareUnsere VorschauVerlagsgeschichte