Prost
Fritz B. Simon
Gestern habe ich aus einem dieser Krüge (neudeutsch: mugs) meinen Kaffee getrunken und spontan das Bedürfnis verspürt, den anderen, die mit mir zusammen aus ebensolchen Gefäßen ihren Kaffee tranken, zuzuprosten.
In letzter Minute fiel mir auf, was ich da – quasi automatisch – zu machen im Begriff war. Ich stoppte die Bewegung und sprach über irgendwas Unverfängliches…
Doch die Frage (das Problem) blieb: Wieso sagt man nicht “Prost”, wenn man zusammen Kaffee, Tee, oder Limonade trinkt? Muss es Alkohol sein, der da getrunken wird? Ein Gift, bei dessen Genuss man den Wunsch braucht: “Es möge nutzen!”?
In Kaffee ist schließlich auch Gift drin. Das ist diskriminierend.
5 Kommentare
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Weil im Mittelalter das Trinkwasser so schlecht war in den zugekackten Städten, haben die Leut, z.T. auch die Kinder, viel (niedrigprozentiges) Bier getrunken. (Wobei die Wasserqualität sich heute wie damals entscheidend auf den Geschmack des Bieres auswirkt, von gewissen Reinigungeffekten abgesehen, dürfte der Aspekt der Desinfektion im Zuge des Gärungsprozesses dafür gesorgt haben, daß Bier das bessere Wasser war für die durstigen Hälse seinerzeit).
Streng genommen sind Alkoholika bis heute als Arzney anzusehen.
In der Klostermedizin findet es sich regelmäßig auch derart ausgewiesen. Dem Wein wurde nicht zu Unrecht bekömmliche Wirkung auf die Gesundheit zugeschrieben. Goethe soff, den Haushaltsbüchern zufolge, nachweislich 3 – 4 Liter über den Tag; freilich (dieser überraschende Befund klärte sich etwas später): ziemlich mit (sicherlich gutem) Wasser gestreckt. Im Urlaub beliebt es mir, mich an diesem großen Pantheisten zu orientieren diesbezüglich – die armen Mitmenschen um mich herum zeigen sich regelmäßig verwirrt darob. Einfach eine Frage persönlicher Kultur. Die Persönlichkeitsanteile gehen weniger unbarmherzig miteinander ins gericht. Epikur ließ sich anläßlich seines herannahenden Ablebens in einer Tonne warmem Wassers von seinen Schülern Wein reichen – Medizin zur Erlösung allen lebensnotdürftigen Herumgezappels hin, dahingegehend endlich seelig ruhen zu dürfen wie ein allzeit getroster Stein.
Mit dem Übergang in die Massengesellschaft, um nicht zu sagen Massentierhaltung unserer Tage, kam es unter der “Nothdurft” der echt beschissenen Verhältnisse zum Einen zu gewaltigen Exzessen unter dem Industrieproletariat, die zwar nichts zu fressen kaufen konnten für ihre Löhne, aber Gin, der aus Kartoffeln gebrannt wurde, soffen, z.T. sogar in dieser Art “naturaler” Währung ausgezahlt wurden.
(Daß es in den großen Städten überdurchschnittlich weniger ausgewogen – hübsche Menschen gibt, denn in strukturschwächeren Gegenden führe ich auf diese Exzesse ungehemmter Ausbeutung und deren Auswirkungen auf die genetischen Bestände der Folks zurück -wenn schon Hypnose die mehr oder weniger schützenswerten Anlagen der Bürger manipuliert, wie weit erst Recht eine gesundheitlich verelendende Lebensführung über Generationen von Fabrikarbeitern, Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiterkindern hin – wer Manchester, Chemnitz & Co überlebt hat, dessen Urenkeln mag man es noch ansehen, wie knapp sie als Clan davon gekommen sein mögen gegenüber gesellschaftform – bedingter psychosoamtischer Verwurstung.)
Ein Relikt des Ganzen ist bspw. der Bergarbeiterschnapps, den die Leute, die im Braunkohletagebau der DDR beschäftigt waren, deputatsmäßig zugeteilt bekamen. Das Zeug war nebenbei bemerkt vergleichsweise gar nicht so verkehrt und wird wohl industriell aus Weizen gebrannt worden sein denn aus Erdäpfeln.
Diese Unart, hektoliterweise den ungesunden Kaffee in sich hineinzuschütten und seine Organe damit zu ruinieren, all dies setzte in Europa wohl etwas später ein als die Ginepidemie. Identitätskonstruktionstechnisch suchte die neureiche Bourgeoisie die Aristokratie nachzuäffen und das Proletariat der ersten Welten, sobald von den Früchten der Rationalisierung trotz Kriegen und Mißwirtschaft – wie derzeit bei der Sächsischen Landesbank – auch bei ihnen was abfiel, machte den gesundheitsbelastenden Blödsinn denn schließlich auch massenweise nach.
Da wir uns derzeit so arrangiert haben, daß wir unsere Stellvertreterkriege extern führen können, regulieren die Massen ihre Lebenserwartung immerhin selbst auf ein gemeinverträgliches Maß durch die Inanspruchnahme von Kaffee, Alk, Nikotin.
(((Wie es die jenigen halten, die unsere hochwohlgeborenen Traneszendenzkrisen heutzutage tagtäglich erarbeiten im Manchester der dritten, vierten, und fünften Welten, würde mich schon interessieren. Anything goes wahrscheinlich. Die Kinder werden diverse Abgase schnüffeln, stell ich mir vor und was es an Abstruserem geben mag in diversen Höllen.)))
Daß auch THC zur Volksdroge wird, selbst bei all denen, welchen ihre Kriegssehnsucht infolge Selbstüberdruss durch military – look zum Ausdruck zu bringen beliebt, verfolge ich daher mit Besorgnis, da übermäßiger Konsum zwar einigermaßen paranoid machen kann, die Lebenserwartung dieser entspannt verdusselten Geister gleichwohl eher steigt dadurch der empfundene Stress auf low level bleibt und bleibt und bleibt.
“Die Geschichte des privaten Lebens” (wohl von Ariés et al.) empfiehlt sich für Interessenten solcher Zusammenhänge.
Fazit: Meiden Sie all dies! Dann brauchen Sie beim Kaffee halt auch nicht befürchten im Staufenberg für einen Gewohnheitstrinker gehalten zu werden. Geben Sie sich lieber ausgiebig sexuellen Ausschweifungen hin, das scheint noch am bekömmlichsten zu sein. Sie haben im Zusammenhang kulinarischer Obsessionen auf altersbedingte Besonderheiten zwar schon hingewiesen, immer wieder kommen wir aber wohl dahin hinaus, daß das Prinzip Qualität dem Prinzip Quantität zunehmend vorgeht, sei es, was eher quantitativ – wachstumsorientiert statt qualitativ -fruchtbarkeits- bzw. kreativitätsorientiert angedachte systemtheoretische Konzeptionen angeht oder sei es die Philosophien genußvollen Lebens betreffend.
Hach herrje, was ist denn das? Vor mir steht (rein zufällig) eine Boutille St. Ambrosius. Ein Hefebier, das vorbildlich aus Honig gebraut worden ist (Keine Plempe mit beigemixter Süßungsculeur, von welcher einem Kopfschmerzen gewiß sind).
Maßvoll gefaßt in bedacht einzuteilende 0,33l!
Salute!
Kommentar by Max Liebscht — 4. Januar, 2008 @ 18:45 Uhr
Kürzer gefaßt (eine Flasche hab ich noch, hehe); wenn Sie sich durch Ihr Trinkverhalten schon selbst (öffentlich, nicht nur vor sich selbst) diskriminieren, dann wenigstens richtig.
Seeliche Grüße – der fromme Geist des heiligen Ambrosius.
Kommentar by Max Liebscht — 4. Januar, 2008 @ 18:49 Uhr
Dass ich keine Milch mag, habe ich hier ja lieber nicht gesagt, sonst wäre das mit der Diskriminierung noch problematischer geworden.
Gruss, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 4. Januar, 2008 @ 19:03 Uhr
Schad um den Käs.
Kommentar by Max Liebscht — 4. Januar, 2008 @ 20:13 Uhr
Älter werden ohne Wein und Käse.
Gar trübseelig stimmt mich diese Vorstellung.
Es leben die Rindviecher dieser Welt!
Kommentar by Max Liebscht — 4. Januar, 2008 @ 20:19 Uhr