Simons Systemische Kehrwoche

Rating-Agenturen

Fritz B. Simon

Alle haben Angst vor den drei großen Rating-Agenturen. Wie konnten sie solch eine weltweite und nahezu unbegrenzte Macht gewinnen? Und wie konnten sie sie bewahren, obwohl ihre Fehleinschätzungen zur Weltfinanzkrise 2007/2008 geführt haben?

Hintergrund scheint mir – wieder einmal – das merkwürdige US-amerikanische System zu sein, dass obrigkeitliche Funktionen privatisiert und damit den Regeln der Wirtschaft unterwirft.

Eine möglichst objektivierbare Bewertung der Kreditwürdigkeit von Schuldnern oder potentiellen Schuldnern zu erhalten, ist in einem auf Kredit beruhenden Wirtschaftssystem notwendig. Wenn man kein Vertrauen zu demjenigen haben kann, der den Kredit haben will, so kann man es durch das Vertrauen zu einer Organisation bzw. deren Verfahrensweisen die Kreditwürdigkeit zu bewerten ersetzen.

Die Notwendigkeit oder Nützlichkeit solcher Organisationen ist also einleuchtend.

Dass diese Organisationen private, profitorientierte Unternehmen sind, macht die Angelegenheit etwas komplizierter.

Wenn sie vom potentiellen Kreditgeber bezahlt würden, wäre es klar, dass sie sich keine Fehlurteile leisten können. Niemand würde sie mehr engagieren. Da sie aber vom Kreditnehmer bezahlt werden, stellt sich die Frage, womit sie ihr Vertrauen verdienen.

Die Antwort ist, dass sie ihre Zuverlässigkeit beweisen müssen, wenn sie ihre eigenen Reputation – und damit ihr künftiges Geschäft – bewahren wollen. Trotzdem: Das Dilemma ist nicht zu leugnen.

Und dass es nicht immer angemessen gelöst wird, zeigt die Sub-Prime-Krise, wo die Rating-Agenturen Schrottpapieren die höchsten Bewertungen gegeben haben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Korruption im Spiel war. Ohne sie und das Vertrauen zu ihren Ratings hätten deutsche Landesbanken sicher keine Schrottpapiere gekauft.

Dass sie weiter im Geschäft geblieben sind, liegt einfach am Mangel an Alternativen. Wenn Kreditgeber ihre Kreditvergabe innerhalb ihrer Organisation begründen müssen, dann können sie sich nicht einfach darauf berufen, dass sie persönlich dem Schuldner vertrauen. Sie müssen ihre Entscheidungen mit “objektiven Daten” begründen können. Und die bzw. etwas, was so aussieht, liefern im Moment als einzige die Rating-Agenturen. Sie verdienen zwar kein Vertrauen, aber es gibt keinen, der mehr Vertrauen verdienen würde, also tut man so, als ob…

Ein weiterer Grund für ihre Wichtigkeit ist, dass Staaten und zwischenstaatliche Institutionen wie der IWF oder die EZB den Agenturen einen quasi-staatlichen Status gegeben haben, indem sie bestimmte Aktionen wie die Akzeptanz bestimmter Anleihen als Sicherheit an bestimmte Ratings gebunden haben.

Eine der negativen Folgen der Privatisierung obrigkeitlicher Funktionen, die durch das amerikanische Modell weltweit wirksam geworden sind.

Die Welt braucht Rating-Agenturen, die neutral und unabhängig sind, d.h. nicht als profitorientierte Unternehmen organisiert sind.

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5 Kommentare

  1. Ja, das ist mal eine schöne und sinnfällige Erklärung für den Laien, danke! Habe mehr verstanden.

    Es muss nur, meine ich anstelle von “obrigkeitlich” heißen: hoheitlich. Obrigkeit ist ein vordemokratischer Begriff und beschreibt m.A. nicht die (hopefully demokratisch, parlamentarisch) legitimierte Hohheit von Staaten, wie sie heute beispielsweise im System der Vereinten Nationen auch global wirksam sind. “Obrigkeit” beschreibt Zustände in Feudal- und/ oder ständischen Gesellschaften. “Hohheitlich” sind alle Aktionen öffentlicher Institutionen, die legitimiert sind, das ist, glaube ich, gemeint, oder?

    Kommentar by Andreas von Bernstorff — 30. Juli, 2011 @ 00:34 Uhr

  2. @1: Ja, das meine ich: hoheitlich. Ist wahrscheinlich der bessere Begriff. Ich bin eben in meinem Denken zu obrigkeitsgläubig. Obwohl: Hoheiten gehören ja durchaus zum Obrigkeitsstaat.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 30. Juli, 2011 @ 13:06 Uhr

  3. Kommentar von Andreas von Bernstorff:
    “[...] Es muss anstelle von “obrigkeitlich” heißen: hoheitlich. Obrigkeit ist ein vordemokratischer Begriff und [...] “Obrigkeit” beschreibt Zustände in Feudal- und/ oder ständischen Gesellschaften. “Hohheitlich” sind alle Aktionen öffentlicher Institutionen, die legitimiert sind, das ist, glaube ich, gemeint, oder?”

    Oder Wikipedia muss korrigiert werden:
    [...]
    Der Begriff [Hoheitsakt] entstammt der Zeit feudalen Staatsverständnisses und wurde in die Exekutivverfassung der Demokratie übernommen. Ein Zusammenhang mit besonderer ethischer Legitimation ist mit dem Begriff des Hoheitsaktes nicht verbunden. [...]

    Kommentar by duscholux — 30. Juli, 2011 @ 13:22 Uhr

  4. Ich glaube nicht, dass eine verstaatlichte oder verbeamtete Kreditwürdigkeitsrüfung zwangsläufig besser sein muss als eine privatwirtschaftlich organisierte. Schliesslich haben die staatlichen Prüfungs-Institutionen aller ! betroffenen Länder genauso versagt und das nicht nur weil sie sich allesamt auf das Rating von S&P, Moody oder Fitch usw. verlassen haben. Das Wort Kredit beinhaltet Glauben und Vertrauen und genau da liegt eben das Problem. Verantwortlich für die Entscheidung ist letzten Endes der Kreditgeber. Dein impliziter Vorschlag einer Agentur, die von den Gläubigern finanziert wird ist wahrscheinlich der sinnvollste, um eine langfristig befriedigende Lösung zu finden. Warum es das noch nicht gibt weiß ich nicht. Vielleicht einfach deshalb, weil es eben mehr Schuldner als Gläubiger, mehr Papier als Geld gibt. Mehr Blase als Luft.

    Kommentar by Stephan Walderdorff — 30. Juli, 2011 @ 13:22 Uhr

  5. Wenn man sich nach dem gegenwärtigen Rückfall in feudalistische Verhältnisse irgendwann wieder für demokratischere, kastenübergreifendere Sozialdesigns erwärmen wird, wird man sich an uns hoffentlich noch soweit erinnern, dass man sich genauer überlegt, welche gesellschaftlichen Funktionen bei Non-Profit-Organisationen besser aufgehoben sind und welche Profit-Organisationen besser können. Eine der verhängnisvollsten Soll-Bruchstellen, welche in die aktuelle Rahmenkonstruktion für korporatokratisches Affentheater eingebaut sind.

    Kommentar by Max Liebscht — 2. August, 2011 @ 03:07 Uhr

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