Simons Systemische Kehrwoche

Rating

Fritz B. Simon

Die Rolle der Rating-Agenturen bei der Auslösung der Finanzkrise ist bekannt, und jetzt wird deutlich, dass sie auch eine wichtige Rolle bei der Griechenland-(Portugal-, Spanien-)Krise spielen. Ihre Macht ist vollkommen unangemessen. Aber dass sie so mächtig geworden sind, ist aus konstruktivistischer Sicht verständlich.

Wer über die Definitionsmacht von “gut” und “schlecht” (= “Bonität”) verfügt, hat die Macht, Entscheidungen zu steuern, da die sich ja immer an Bewertungen orientieren.

Dabei ist der Anspruch oder die Suggestion, hier würden objektive Beurteilungen abgegeben, vollkommener Quatsch. Wer sich ein wenig mit den Methoden der Wirtschaftsprüfung beschäftigt, weiss, wie windig deren Verfahrensweisen sind. Die Kriterien der Beurteilung sind kaum durchschaubar, folgen keiner konsistenten Theorie, unterliegen zum großen Teil der Willkür und dem Geschmack des Prüfers usw. So sind die Triple-A’s oder BB+ zwar sicher mehr als Kaffeesatzleserer, aber doch weit weniger als sie beanspruchen (=Abbild der Realität).

Doch selbst wenn ihr Ergebnis ausgelost würde, hätten solche Ratings weiterhin eine ungeheure Macht. Denn sie verändern, was sie bewerten. Ein Land, das herabgestuft wird, verdient gerade dadurch diese Abwertung. Selbst wenn seine Kreditwürdigkeit bis dahin gut gewesen sein sollte, mit dieser negativen Beurteilung ist sie spätestens dahin. Selbsterfüllende Prophezeiungen, wie sie im Buche stehen.

Daher sind für Spekulanten Rating-Agenturen die wichtigsten Kooperationspartner – ob bewußt oder unbewußt, spielt keine Rolle.

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4 Kommentare

  1. FBS: “[...] Ratings [...] verändern, was sie bewerten. [...]”
    Heisenberg, oder nicht?

    Bisweilen, besonders Freitags nachmittags und abends in den Flughafen Lounges, und in der Woche davor oft auch in den fünf Sterne Hotels, kann man Horden von Analyzern beobachten, die übers Wochenende nach Hause fliegen.

    Interessant oft auch ein Blick in die Akten oder den PC, mit denen sie sich auf dem Nebensitz im Flugzeug beschäftigen. Ungewollt wird man Zeuge übergeordneten Geschehens.

    Nicht nur beobachten, sondern auch recht erhellende, oder eher verdunkelnde “interessante” Gespräche sind da zu überhören: Ahnungslose unter sich.

    Meistens erscheinen sie wie Kinder, altersmässig noch nicht einer deutschen Hochschule entwachsen, die da ins Rad der Weltgeschichte eingreifen dürfen.

    Ähnliches gilt nach meiner Beobachtung für die Teams des IMF, wenn sie ein schwächelndes Land “überfallen”. IMFler belauscht man leicht bei den Gratissnacks, von denen sie sich fast ausschliesslich ernähren um Spesen zu sparen, in den Gratislounges auf den von speziellen Conciergen und Buttlern abgeschirmten Businesseetagen in den Hotels in den Hauptstädten der Dritten Welt.

    Kommentar by duscholux — 30. April, 2010 @ 06:34 Uhr

  2. Demnach, was FBS schreibt, verläuft die Bewertung und Aktualisierung von Werten unbewußt auf ähnlich prähistorischem Niveau wie die Statuszuschreibungen, die wir Systemaffen Augenschein zufolge in Face- to- Face – Gruppen vornehmen. Als Brillenträger bspw. wäre Herr S. den Roten Khmer verdächtig gewesen und hätte sich verdächtig betragen. Wer verwirrt wirkt, wird verwirrt, weil er für verwirrt gehalten wird. Werte, die als Attraktoren in sonst chaotischen Systemen einander rekonstruierender Rekonstruierer wirken als Folge von sich verselbständigenden und stabilisierenden Vorurteilsbildungen. Interessante Frage, welche neurophysiologische Entsprechung es eigentlich zu den Ratern gibt in dem menschlichen Organismus, von dem wir allzeit auf die soziale Zusammenhänge abstrahieren…?

    Kommentar by Max Liebscht — 30. April, 2010 @ 13:07 Uhr

  3. Welche Entsprechung? Das ist doch sie selbe, die den ganzen Karren am laufen hält, oder nicht? Machtgeilheit, Wohlstandsträume, Geltungsbegehren.

    Kommentar by pascal — 30. April, 2010 @ 14:08 Uhr

  4. Was die Entsprechung anbelangt, geht es darum, auszuloten, inwieweit der Körper als Metapher trägt, um soziale Organisation zu verstehen, zu antizipieren. Wir abstrahieren fortlaufend von dieser körperlichen Verfaßtheit auf soziale Zusammenhänge und basteln entsprechend dieser soften Grenzbildungen harte Realitäten. So wir unser Organismus für die Verarbeitung der von ihm aktualisierten Unterschiedsbildungen bspw. eine Analog- Digital- Wandlung realisieren muss, haben wir das auch in sozialen Organismen wenn aus Kontinuitäten Entscheidungen gemacht werden und der BWL- er versucht, Qualitatives in Quantitatives zu übersetzen. Was ist die Rating – Agentur in unserem Organismus bzw. wie kommen soziale Organismen zu ihren Bewertungskriterien?

    Meiner Ansicht ist dies in sozialen Communities der Job der Politik und ihrer angekoppelten Propagandaapparate, die Folks und Rater auf ökologisch sinnvolle Referenzwerte zu fokussieren. Für den Organismus ist es bspw. blöd, wenn er vergißt zu trinken, Nahrung zu sich zu nehmen oder zu oft zu sehr von tit for tat abzuweichen. Man soll sich auch nicht unbedingt ins (eigene?) Trinkwasser kacken. Jedes dieser Bewertungskriterien hat freilich ein Gegenüber (Wertequadratmäßig) und bedarf der Balance durch ergänzende Antagonisten.

    Wenn eine Communities milieuinzestmäßig zu sehr auf familiäre Werte fokussieren würde, müßte die Führungs samt der daran angeschlossenen Parolenagenturen bspw. stärker auf Werte fokussieren, welche Kompetition, individuelle Geltung, machtvolle Souveränität betonen e.t.c. Im Moment haben wir davon aber eher zuviel und dem entsprechend einfallslos raten und taktieren die Funktionäre und Rater in ihren Lounges.

    Wenn die Führungsfunktion ausfällt, auf ausgleichende Referenzgrößen zu fokussieren, verhalten sich die Rater einfach so schwachsinnig bzw. systemrational weil die balancierende Referenzgröße als Bewertungskriterium nicht geltend gemacht wird. Das läuft so wie bei uns früher in der DDR bei den Übereifrigen, die nicht bloß SED – rot waren sondern die vorgegebenen Idiotien 150% -ig umzusetzen suchten. Die Leute setzen im Grunde bloß um, was als Führerbefehl auf der gesellschaftlichen Mattscheibe als angezeigt erscheint.
    “Bürger sei wachsam!”, fällt uns als vertrauenwollenden Renditejägern erst wieder später ein.

    Informationstechnisch sind nicht die Rater das Problem. Problematisch ist, dass keine ökologisch sinnvollen Referenzgrößen als Bewertungskriterien geltend gemacht werden. Die Gesellschaft taumelt quasi führungslos dahin. Ein Schiff, bei dem niemand am Steuer steht und für den Moment des entscheidungsmäßigen Zweifelns Orientierungswerte und Rahmenvorgaben signalisiert, stabilisiert sich auf sicherstem = primitivstem Funktionsniveau. Und das ist wohl, was wir in allen Schichten jetzt sehen, nicht nur bei den Ratern.

    Wieviel an Anstand und prosozialen Werten unsere Altvorderen als “implizites Wissen” vom letzten Kriegsverlauf her internalisiert hatten, wird uns erst jetzt so langsam bewußt, wenn wir die hippen Youngster ohne jegliches Geschichtsbewußtssein schwindelfrei agieren sehen. Aktuelle Doktrin bei den Elite- Kader- Schmieden ist ja auch, dass die smarte Jungs und Mädels gar nicht wissen sollen, was sie eigentlich anrichten in den realen Marktwirtschaften und Haushalten dieser Welt. Aber wie gesagt, den Systemaffen die Schuld zu geben, macht wenig Sinn. Getreulich ihrer Dressur nutzen die bloß die gesetzten Rahmen und Möglichkeiten aus. Reflexives Bewußtsein entsteht erst durch spürbaren Schmerz.
    In der DDR hatten wir so etwas kurze Zeit nach der Wende als die chronischen Opportunisten ethisch – moralische Anwandlungen bekammen und nicht so richtig wußten, ob es nicht doch noch etwas auf die Mütze gibt. Wenn ich gestern die Plakate gesehen habe, mit der die Bundeswehr ihr Afganisthan – Recruiting bei der Görlitzer “Arbeitsagentur” bewirbt, habe ich den Eindruck, dass Weimar eigentlich schon wieder ziemlich am Ende bzw. das Wirtstier Staat hohlgefressen ist. Auch in der DDR wurden so die Schnarchnasen geworben. Selbst die uns Ossis einst so beeindruckenden Wirtschaftskreisläufe sind inzwischen volkswirtschaftlich und ökologisch ähnlich unsinnig definiert, wie es in den letzten Jahren unübersehbar wurde. Dazu die Steigerung in der Plattheit und Groteskheit der ausgegebene Parolen – all das kenn ich schon vom Endstadium des real existierenden Sozialismus auf begrenztem Revier.

    Die eben bemühte Metapher vom dem Schiff ohne Steuerinstanz haut vermutlich so ganz auch nicht hin. Problem ist wohl eher, dass da ein Steuermann steht, der meint sich ohne Schaden geschweige Skrupel besaufen und von der Realisierung ökologischer Zwänge abkoppeln zu können. Wenn die Realpolitik ausgerechnet von denen bedient wird, die sich bei ungemütlicher sozialer Großwetterlage jederzeit auf ihre schwimmenden Inseln und Rettungsboote verpissen können, kann man schlecht erwarten, dass jeder Krethi und Plethi berücksichtigt wird, bei der Parole von Bewertungskriterien für die Rater.

    Griechenland rechnet sich einfach nicht. Andere Rationalität. Andere Zahlengrundlagen und Codierungschlüssel. Der Businessplan funktioniert nicht wie sich das gehört. Der Witz ist aber, zur Not funktioniert es auch ohne Businessplan. Spätestens die letzte Grenze, die Ökologie hat immer einen – auf analog codierten Datensätzen basierenden – Businesplan dabei.
    Die Blutsverwandten werden dem Rotzlöffel, der seine Hausaufgaben nicht macht, nicht die Familienmitgliedschaft aufkündigen können. Europe is family. Was als rational gelten kann, bestimmt sich immer am Kontext.
    Und der ist aufgrund intensiver Abhängigkeit der einander beobachtenden Beobachter eben auch familiär definiert. Wenn es zulässig ist, wird der asoziale Rotzlöffel das ausnutzen und die Füße hochlegen bis es für alle nicht mehr tragbar ist und das System an die Grenzen seiner Balancierfähigkeit kommt. Da diese Familie aber ohnehin gegründet wurde, um ihre Ressourcen und Synergiepotentiale einseitig ausplündern zu können, kann man aus dem Ganzen lernen, dass das Griechenlandprojekt super läuft. Erst ist da Schlagzeile, da werden noch ein paar andere allgemein bekannte Sorgenkinder Schlagzeilen machen. Von Urlaubsländern aber erwartet man ähnlich wie bei bestimmten Kindern ohnehin nicht allzuviel an Rationalität. Und dann sieht man sich gezwungen zu regulieren, indem an der Geldchraube gedreht wird. Dann wird Geld als Waffe gegen die staatstragenden Systemaffen im europäischen Binnenland eingesetzt. Funktioniert extern gegenüber Bananenrepubliken ja auch. Auf wieviel % Inflation wollen wir wetten? Also Folks: haltet artig Eure Hemden fest, auch wenn sie nicht ganz sauber sind!

    Kommentar by Max Liebscht — 1. Mai, 2010 @ 08:44 Uhr

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