Ratingagenturen
Fritz B. Simon
Standard & Poors hat neun Euro-Staaten mit einem schlechteren Kredit-Rating versehen (abgestuft).
Die Aufregung darüber ist bemerkenswert gering.
Dies mag ein Hinweis darauf sein, dass die von vielen bekämpfte Macht der drei großen Agenturen im Schwinden begriffen ist. Man braucht vielleicht gar keine eigenen, europäische Agentur zu gründen, denn die amerikanischen kicken sich selbst aus dem Spiel.
Das ist ihnen interessanterweise ja nicht durch die grandiosen Fehlratings, die u.a. zur Sub-Prime-Krise bzw. der Finanzkrise 2007/2008 geführt haben, gelungen. Aber jetzt, wo sie den großen Staaten wie Frankreich und vorher schon den USA das Rating downgraden, da verlieren sie ihre Bedeutung.
Die Erklärung dafür (versuchsweise): Bislang war das Rating nützlich, um Kreditgebern Sicherheit (d.h. die Illusion der Sicherheit) zu geben bzw. denen, die Kreditentscheidungen trafen, die Legitimierung ihrer Entscheidungen im Rahmen ihrer jeweiligen Organisationen (Banken, Versicherungen etc.) zu erleichtern.
Dieser Effekt ist nicht mehr gegeben, wenn nur noch einer (Deutschland) ein Top-Rating hat und alle anderen abgestuft sind. Wenn weiter Kredite an Dritte vergeben werden sollen/müssen (wohin mit dem ganzen Geld?), dann müssen andere Kriterien zugrunde gelegt werden.
Die Annahme, dass die USA ihre Kredite nicht zurück zahlen werden, ist ziemlich abwegig (die drucken einfach ihre Dollars). Das gilt im Prinzip auch für Frankreich und Österreich. Aber, wenn das so ist oder so eingeschätzt wird, dann macht das Rating keinen Unterschied mehr… Wer Österreich einen Kredit geben will, der wird das tun, auch wenn das Rating schlecht ist. Und da das sicher weiter viele sein werden, werden auch die geforderten Zinsen nicht ins Unermeßliche steigen.
Wer sich nicht mehr auf das Vertrauen in die Agenturen bzw. deren Urteil berufen kann, muss sich in Zukunft auf die eigene Urteilsfähigkeit verlassen, wenn es um die Frage geht, wem er vertraut. Er muss sich andere Legitimationslieferanten für seine Entscheidungen suchen.
Um wieder mal eine Voraussage zu treffen: Der Anfang des Endes der Macht der Rating-Agenturen ist eingeläutet.
7 Kommentare
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Kapitalismus als Religion – was ist denn nu richtig lieber Herr Pfarrer? Huch, weg isser!!
Kommentar by Max Liebscht — 14. Januar, 2012 @ 14:29 Uhr
Neulich sprach ich mit einem Zen-Meister über die Frage, wer eigentlich die Zen-Meister supervidiert (die Frage kam von ihm). Man könne sich ja nicht auf die Nachhaltigkeit einer einmal zugeschriebenen Qualifikation verlassen. Wer sichert eigentlich die Qualität der Ratingagenturen? Noch eine Ebene darüber? Nein: Mir scheint, daß grade ein Peer-Review, in der Wissenschaft lange üblich, losgeht. Moody’s ist mit S&P im Dissens. Die qualifizieren sich zirkulär runter, wetten?
Kommentar by Ulrich Clement — 14. Januar, 2012 @ 19:48 Uhr
Da muß man aber nachdenken.
Kommentar by Max Liebscht — 15. Januar, 2012 @ 11:31 Uhr
Interessanter Ansatz: eine Rating-Agentur aufzubauen, die Rating-Agenturen bewertet. Vorschlag: im Vatikan ansiedeln;
mehr Unfehlbarkeit geht nicht.
Kommentar by Klaus Bernd — 16. Januar, 2012 @ 23:11 Uhr
Friedrich Dürrenmatt: Der Auftrag; Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter.
Kommentar by Matthias Ohler — 16. Januar, 2012 @ 23:32 Uhr
Spitzen Buch.
Manchmal frag ich mich, wer bei dem gespickt hat; die Konstruktivisten bei den Literaten oder umgekehrt?
Kommentar by Max Liebscht — 17. Januar, 2012 @ 08:05 Uhr
Nicht die Urteile der Ratingagenturen sind das Problem, sondern die Schuldenpolitik vieler Euro-Staaten. Die Ratingagenturen zu beschimpfen, weil sie schlechte Nachrichten überbringen, hilft nicht weiter. Der Finanzminister sollte den Agenturen dankbar sein, dass sie durch ihre Ratings den Reformdruck auf Schuldenstaaten aufrechterhalten.
Kommentar by Junge Unternehmer — 17. Januar, 2012 @ 14:12 Uhr