Referendum in Griechenland
Fritz B. Simon
Alle Welt (damit ist heute üblicherweise der Finanzmarkt gemeint) ist entsetzt, dass Papandreu die griechische Bevölkerung fragen will, ob sie mit dem Rettungsplan der EU für Griechenland einverstanden ist (die Aktien stürzen ins Bodenlose).
Von Finanzspezialisten wird dies als “Selbstmord” bezeichnet, der obendrein ganz Europa in den Tod (den Finanzcrash) mitreissen kann.
Dass dies die Folge sein kann, will ich gar nicht und kann ich gar nicht bestreiten. Das ist das Risiko – und dieses Risiko ist nicht klein.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob nicht auch eine Chance in diesem Verfahren liegt.
Auch wenn ich wenig Vertrauen in “das griechische Volk” im Blick auf dessen finanzpolitische Kompetenz habe, sollten wir – Stichwort “Schwarmintelligenz” – einen Blick darauf werfen, was das Gute daran sein könnte, wenn die Volksabstimmung zur Ablehnung der Brüsseler Beschlüsse führt (wenn sie zur Zustimmung führt, dann ist ja sowieso alles Friede, Freude, Eierkuchen).
Hier ist eine unorthodoxe Phantasie gefragt. Die Chance ist, dass die Logik der gegenwärtigen politischen Entscheidungen in Frage gestellt wird. Wenn der Preis dafür, Griechenland in der Euro-Zone zu halten, für die Griechen (aus deren Sicht) zu hoch ist, dann ist dies eh nicht durchzusetzen. Man kann ein Land nicht längerfristig gegen die Meinung der Bürger regieren. Und wer weiss schon wirklich, was die positiven Nebenwirkungen sein werden, wenn die Griechen sich bakrott erklären und zur Drachme zurückkehren (außer dass viele Banken weltweit in Schwierigkeiten geraten – was nicht per se gut ist).
Ich persönlich glaube ja, dass es für Griechenland dann noch schlimmer kommt, als jetzt schon alles ist. Die Drachme wird eine Schrottwährung, der Euro überbewertet.
Als Deutscher kann man dann wahrscheinlich für’n Appel und ‘n Ei die schönsten griechischen Ferienhäuser kaufen. Die Eingebohrenen werden sich darum drängen, in diesen Häusern putzen zu können. Man hat dann endlich die Chance sich an akademisch gebildetem Reinigungspersonal zu erfreuen. Mit der Putzfrau über Platon zu diskutieren: welch neue Lebensqualität.
Aber wahrscheinlich kommt ja eh alles anders.
Im Prinzip finde ich es aber trotz dieser wunderbaren Zukunfstperspektiven nicht schlecht, wenn jetzt ein Referendum stattfindet. Denn dies erzwingt, die Prämissen der bisherigen Lösungsstrategien noch einmal kritsch zu überprüfen.
2 Kommentare
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Voll heromäßig: Am Anfang und am Ende Europas: Griechenland.
Fetzt!
Kommentar by Max Liebscht — 2. November, 2011 @ 00:45 Uhr
Für „Entschleunigung“ in der Politik stehen für mich dieses Jahr Jens Stoltenberg und Giorgios Papandreou. Beide haben Respekt verdient. Sie stellen sich gegen die Affektinkontinenz der Kulturinsassen und ihrer polit PinUps und nehmen ihre Verantwortung an.
Ob Papandreou von innenpolitischer Erosion getrieben wird, ob 50% Schuldennachlass nicht ausreichen, oder ob er tatsächlich das Volk abstimmen lassen will, wer weiß. Die Motive werden wir eventuell erkennen, wenn die Geschichte in ausreichendem Abstand erzählt wird.
Hilfreich erscheint mir, sehr geehrter Herr Simon, der von Ihnen definierte erste Hauptsatz der Verantwortungsdynamik:
„Das Maß der Verantwortung in einem Interaktionssystem bleibt konstant“.
„Giorgios Papandreou schockt die Märkte (was immer das ist) und brüskiert EU-Partner ( er verletzt deren Gefühle?)“, so oder ähnlich könnte man die heutigen Schlagzeilen verdichten.
Mir scheint, der Skandal ist nicht, dass Papandreou politische Teilhabe umsetzt, skandalös ist, dass die Mitsprache der griechischen Bevölkerung als Angriff auf Europa ja, auf die Weltwirtschaft verstanden werden soll. Bei „Basta“ und „Alternativlos“ sind Zweifel nicht nur erlaubt, sie sind notwendig. Nicht gegenüber den Griechen, die abstimmen sollen, sondern gegenüber polit Pin Ups und Marktschreiern, die laut Krise rufen, wenn Demokratie im Spiel ist.
Respekt für Herrn Stoltenberg, der das Thema Ethik bewusst gemacht hat, Respekt für Herrn Papandreou, der den Souverän bewusst gemacht hat. Es wird Zeit, dass Politik ihre Verantwortung wieder übernimm und nicht versucht, der beste Investmentbroker zu werden. Zwei Ansätze wurden uns vorgelebt. Also nichts, was man sich selbst ausdenken muss…..
Kommentar by es — 2. November, 2011 @ 13:45 Uhr