Regelmäßigkeit
Fritz B. Simon
Regelmäßigkeit des eigenen Verhaltens ist eine der Vorraussetzungen dafür, dass man von seinen Mitmenschen für ordentlich und zuverlässig gehalten wird. Sie ist aber auch mit Risiken verbunden, die nicht zu unterschätzen sind.
Die Vorteile bestehen, um das klar zu sagen, in erster Linie darin, dass andere Menschen beruhigt, d.h. nicht allzu häufig überrascht werden. Wenn man nicht will, dass sie dumme Fragen stellen oder sich ängstigen, sollte man besser kein unerwartetes Verhalten zeigen. Allerdings muss man dafür einen hohen Preis zahlen. Man gibt seine Freiheit auf und muss sich selbst disziplinieren. Weicht man von den Erwartungen ab, so gerät man in Erklärungsnot.
Ein Beispiel: Ein lieber Kollege von mir ruft jeden Abend seine Frau zu Hause (oder wo immer sie sich gerade aufhalten mag) an. Das ist ein Verhalten, mit dem sie rechnen kann. Eines Tages tut er dies nicht. Folge: Sie gerät in Panik, was ihm denn passiert sein könnte, sie alarmiert alle möglichen Leute, und es fehlt nicht viel, dass sie Polizei und Notarzt zu ihm schickt. Was war passiert? Er war vor, statt nach dem täglichen Telefonat eingeschlafen…
Wer seinen Lieben Sorgen ersparen und sich seinen individuellen Handlungsspielraum erhalten will, sollte derartige ritualisierte Verhaltensweisen meiden wie die Pest. Sich unberechenbar zu zeigen, ist ein Aspekt der Fürsorge für diejenigen, die sich um einen sorgen.
Warum schreibe ich das alles?
Es ist kurz nach Mitternacht, ich hatte den ganzen Tag viel zu tun, am Abend noch eine lange Sitzung. Ich bin nicht dazu gekommen, irgendetwas in dieses Weblog zu schreiben. Das habe ich nun davon, dass ich mich verpflichtet habe, hier jeden Tag was von mir zu geben… die Freiheit, ins Bett zu gehen, ist dahin (na ja…).
Zum Thema Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit noch eine Geschichte, die ich gerade in meinen mails gefunden habe. Eine Meldung aus der New York Times. In einem Verlag (nicht dem Auer Verlag), in einem Großraumbüro wurde fünf Tage lang nicht bemerkt, dass einer der Mitarbeiter (ein Korrektor) tot an seinem Platz saß. Er war schon vorher immer etwas still, kam als erster und ging als letzter. Der Unterschied zwischen korrigierend und tot da sitzen war offenbar kein Unterschied, der für die Kollegen einen Unterschied machte. Er als er am Wochenende auch noch an seinem Schreibtisch saß, sprach ihn eine Putzfrau darauf an, ob es ihm etwa nicht gut gehe. Er war – wie die Obduktion zeigte – bereits seit fünf Tagen tot, gestorben beim Korrigieren medizinischer Fachbücher.
Die Moral von der Geschichte: Wer als erster bei der Arbeit ist und als letzter geht, ist möglicherweise nicht fleissig, sondern tot. Und: Bei vielen Tätigkeiten ist es nicht wirklich wichtig zu arbeiten, wichtiger ist, dass man auf seinem Platz ist. Und: Berechenbarkeit ist nur in den seltensten Fällen ein Zeichen von Lebendigkeit.
8 Kommentare »
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in der tat: REGELMÄSSIGKEIT ist eine narration, die ihre vorteile hat, weil sie komplexität reduziert. Die aber eben auch – und deshalb – zu verkrustenden abstraktionen führt.
Ich kann eben nur jeden morgen regelmässig “ein brötchen mit kaffe” frühstücken,von ich vom (aktuellen und einmaligen) Duft, Geschmack, meiner Befindlichkeit in der Wahrnehmung etc. etc. abstrahiere.
ich hoffe, das war trotz aller kürze keine geschmacklose bemerkung…
Kommentar von jürgen kriz — 20. Juni, 2005 @ 14:48 Uhr
Lieber….wer?
jetzt laust mich aber der Affe. Heute ist – zumindest in meiner Wirklichkeitskonstruktion – der 28.März 2007 10h47 – ich war in Herrn Zimmermanns Kehrwoche kurz hereinguckend und klickte oben links auf “vorherige” und kam zu Ihrem Räsonnieren über Michael Jackson vom …Juni 2005 und die dazugehörige Antwort von Herrn Robert Wagner aus dem OKTOBER 2005. !!!??? und Ihre umgehende Antwort, ebenfalls aus dem Okltober 2005! Als ich dann auf “nächste” klickte kam ich auf diese Seite vom 20.Juni 2005 – in welcher der heutige Text (28. 3. 2007) von Herrn Zimmermann – zurückversetzt nach 20.Juni 2005 zu lesen steht. Eigentlich ist es genial!
Kommentar von Sylvia Taraba — 28. März, 2007 @ 09:52 Uhr
PS: Der heutige 28. 3. 2007 Text von Herrn Zimmerman unter dem Titel Fritz B. Simon “Regelmässigkeit”
Kommentar von Sylvia Taraba — 28. März, 2007 @ 09:55 Uhr
…. wie immer dieses kecke Spiel zustande gekommen sein mag, Sie, wer immer Sie sein mögen Herr “Zimmermann”, reagieren prompt und zuverlässig, wenn man sich auf Ihre Sprünge einstellt. Haben Sie kurzfristig die Rolle des GROSSEN WEBMASTERS übernommen, des Herrschers über Zeit und Raum? Können Sie noch mehr Rekursives veranstalten ???
Kommentar von Sylvia Taraba — 28. März, 2007 @ 10:26 Uhr
So eine Art Sternfahrt kreuz und quer durch Zeit und Raum und die diversen Kehrwochen hindurch???
“ich” übrigens habe einen Rüttler erfahren hinsichtlich meiner Berechenbarkeit und danke Ihnen Herr “Zimmermann” und werde Ihren Vorschlag, nicht den ersten dieser Art, auf den ich stoße, in das Repertoire meiner Möglichkeiten aufnehmen!
Kommentar von Sylvia Taraba — 28. März, 2007 @ 10:35 Uhr
Liebe Frau Taraba,
völlig von Berechenbarkeit hypnotisiert, langweilig
und unerotisch …
wollte ich Sie grad fragen, wie ich das mit dem
Glashaus und dem Konstruktivismus verstehen muss…(in Bezug
auf Ihre Antwort an den ominösen Herrn “Zimmermann” – unter
uns : ist doch
klar, dass das ein Deckname ist.)
Das ist doch jetzt mal großes Tennis hier, endlich Kunst… und
nicht die übliche lineare Nummer.
Finden Sie nicht auch lustig, wie (ich auch)über Kontingenz,
Emergenz … usw.
immer arg inkontingent … gedacht und geschrieben wird?
Da ist es zur Inkontinenz doch nur ein schmaler Grad.
Vielleicht gönnt uns der große Webmaster nur diesen
einen Vormittag der Anarchie…
Genießen Sie ihn
Grüsse von
PA
Kommentar von Peter Allerfrau — 28. März, 2007 @ 13:54 Uhr
Lieber Herr “Allerfrau” – was machen Sie hier in diesem abgründigen Abseits -kann ich Sie unter diversen anderen Decknamen vermuten? Bestimmt! Dieser jedenfalls ist göttlich genial!
Sie sind wohl der EINZIGE der neugierig auf “Regelmässigkeit” geklickt hat? Ich wüßte nun noch gern, ob ich die EINZIGE bin, also ob diese ganze Inszenierung NUR FÜR MICH gedacht war, nämlich denselben Beitrag “Regelmässigkeit” gestern Vormittag unter dem Namen des umstandslos zielgerichteten Kehrers “Zimmermann” zu finden und dann, per Klick nach 2005 zurückkatapultiert, unter dem Namen des damaligen Kehrers “F. B.Simon” – oder ob auch ANDERE diese nachhaltige Schockbehandlung durch den interimistischen Netzmeister erfahren haben. Oder arbeitet er gar mit Herrn “Müller” zusammen und die denken sich ab jetzt Webscherze aus? Oder ist Unberechenbarkeit “ganz normaler” Weballtag? Wie immer, ich liebe Zu-Fälle. Vermutlich war das NUR FÜR MICH gedacht, nicht mehr zu wissen in welcher von wem konstruierten Welt ich mich befinde – vielleicht – unter anderen meiner Decknamen – auch für Sie?
Ja – ich weiß zwar jetzt vielleicht nicht ganz genau, was Sie meinen, weil mir die Begriffe, wie sie von den verschiedenen Kehrern verwendet werden, gern vor den Augen verschwimmen, und alles hier sehr mühsam ist, – ja, ich finde es sehr lustig.
Das, was Sie möglicherweise meinen, liegt vermutlich daran, dass der Begriff der Kontingenz von den meisten logisch falsch verstanden wird. Nämlich in dem Sinn, dass alles möglich ist. Dekonstruktivistisch so zu sagen. Prinzipiell ist ja Alles möglich.Gleichermaßen wie Nichts. Was ja bekanntlich Dasselbe ist, jedenfalls in den Gesetzen der Form. Aktuell ist jedoch nicht Alles möglich, wenn die Erste Unterscheidung getroffen ist. Und die ist immer schon getroffen.
Tatsächlich ist, wenn einmal eine Bezeichnung erfolgt ist, nicht mehr alles möglich.
Wenn jetzt im Auer Weblog der Alltag unberechenbar wird, steige ich aus, weil mir dieser Zeitvertreib im Poisitiven zu zeitaufwendig und unökonomisch ist. Ein linear konzipiertes Tagebuch, muss sich und seine Programme also im erwartbaren Griff haben. Wenn ich schwanger bin, bin ich schwanger, außer ich benutze sämtliche Decknamen zu meiner Identifizierung, dann bin ich schwanger und nicht schwanger zugleich; Dann sind Wir Mann und Frau in einem, sind Wir das nicht sowieso? Aber wie eine Welt konstruieren, wenn nicht (in sich) getrennt voneinander? Und wenn Tag ist, ist Tag – außer eben in Australien. Wenn es heiß ist ist es heiß, außer am Nordpol, jedenfalls so lange als die gemeinsame Übereinkunft der Beschaffenheit des Nordpols, auf Grundlage der klassischen Physik, aufrecht bleibt. Was nicht mehr so sicher ist. Die allgemeine Tendenz ist Katastrophenerwartung. Selbsterfüllende Prophezeiungen treten dann ein, wenn sie oft genug gebetet wurden, jedenfalls bei Spitzensportlern. Das gesellschaftliche Feld richtet sich erwartungsvoll danach aus. Bitte betrachten Sie das nur als groben unwissenschaftlichen Unfug!
Sind Sie ein “Eingeweihter” des radikalen Konstruktivismus ? Oder ein “Eingeweihter”, der vorgibt nicht eingeweiht zu sein? Oder ein “Eingeweihter”, der sich nicht ganz auskennt? Oder ein “Eingeweiter”, der nicht bereit ist alle Konsequenzen aus seiner Eingeweihtheit zu ziehen? Hier im Abseits kann ich ja so kühn sein, zur Sache zu kommen und Fragen zu stellen, die sich nicht aufklären lassen.
Die logische und logologische Inkontinenz, also das Unvermögen der Kontingenz, liegt auf der Hand. Wenn ich mir da jetzt mal sicher bin. Anders sieht es schon mit dem überaus spannenden Begriff und der Tatsache der doppelten Kontingenz aus – keiner kann in den anderen hineinsehen, welche Wendungen er aus seinem Zauberhut, seiner Black Box, ziehen wird – insofern ist Unberechenbarkeit immer ein Thema im Leben. Webmaster “Zimmermann” hat Anregung gegeben, diesen Koeffizienten bewusst ins Handlungsrepertoire einzubauen – als Sorge um die mit mir in Beziehung stehenden – für mich war es ein (zweiter) Fingerzeig, um die mit mir in Beziehung stehenden, ein wenig mehr auf Distanz zu halten, mit ihren trivialen Erwartungen und banalen Anforderungen! Ja ich genieße dass hier im Abseits sich ein schwarzes Loch geöffnet hat oder ein Wurmloch – wo gestern schon stattgefunden hat was morgen gesagt wurde.
Das mit dem Glashaus und dem Konstruktivismus ist glaub ich so zu verstehen, dass jeder ganz selbstverständlich, im Zusammenspiel mit den ominösen Anderen, sein eigenes Glashaus (oder Blinden Fleck) konstruiert, auf das/den andere Steine werfen können. Konstruktiver und produktiver: man wirft keine Steine auf anderer Glashäuser, sondern wechselt die Plätze und Aussichten im eigenen. Denke ich mir heute. Schöne Grüsse S.T.
Kommentar von Sylvia Taraba — 29. März, 2007 @ 10:23 Uhr
PS. Ich habe gewohnheitsmäßig oben von “Wirklichkeitskonstruktion” geschrieben. Aus meiner Sicht müsste es heißen “Realitätskonstruktion”, da ich zwischen Wirklichkeit und Realität stark zu unterscheiden gelernt habe. Nur soviel und so grob zur “Theorie” meiner Konstruktions-, Belustigungs-, Verärgerungs- und Erbauungskonzepte.
Kommentar von Sylvia Taraba — 29. März, 2007 @ 13:28 Uhr