Simons Systemische Kehrwoche

Religionsunterricht

Fritz B. Simon

In Berlin gab es gestern einen Volksentscheid darüber, ob statt Ethik als Pflichtfach in den Schulen Religion als Pflichtfach bzw. die Wahl zwischen beidem als Wahlpflicht eingeführt werden soll. Ich habe mich, zugegebenermaßen, mit dieser Frage bislang nicht beschäftigt. Jetzt aber, da das Ergebnis vorliegt (Ethik bleibt weiter Pflichtfach, Religion kann wie bisher als Wahlfach dazu genommen werden), scheint es mir doch einiger Überlegungen wert.

Frage: Was macht eigentlich den Unterschied zwischen Wahl- und Pflichtfächern aus?

(Meine) Antwort:

In Pflichtfächern lernt man etwas, von dem andere denken, man müsse es lernen, d.h. die Lernmotivation ist extrinsisch.

In Wahlfächern lernt man, was man lernen will, d.h. die Lernmotivation ist intrinsisch.

Dabei kann sich das Lernen auf die Meta-Ebene (Theorie, Wissen) oder auch die Praxis (eine Fähigkeit, Können) beziehen. Meist geht es um eine Mischung aus beidem (man lernt z.B. etwas über die englische Grammatik und im besten Fall lernt man auch, Englisch zu sprechen).

Im ersten Fall geht es um geforderte soziale Standards, im zweiten um individuelles Interesse.

Wenn man diese (zugegeben: schlichte) Definitionen akzeptiert und aus solch einer Perspektive auf die Frage nach Religion als Pflichtfach schaut, so scheint mir klar, dass in einer pluralistischen Gesellschaft Ethik-Unterricht weit angemessener ist als Religionsunterricht (als Pflichtfach, wohlgemerkt). Denn Ethik und die Diskussion darüber bzw. auch der Streit darüber ist eine Notwendigkeit für die Gesellschaft, und die unterschiedlichen Religionen sollten dabei Thema sein. Aber die Indoktrination in Glaubensinhalte und -praxis sollte nicht Aufgabe der Schule (zumindest nicht als Pflichtfach) sein, sondern jeder Religionsgemeinschaft selbst überlassen bleiben.

Meine eigene Erfahrung mit dem Religionsunterricht als Pflichtfach war jedenfalls, dass er nur erträglich war in den drei Jahren, als wir einen Jesuiten-Pater als Religionslehrer hatten, der das machte, was man – hoffentlich – im Ethikunterricht macht: Philosophie, Diskussionen – mehr über die Welt als über Gott.

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2 Kommentare

  1. Lieber Herr Simon,
    nur kurz – mein Enkel sitzt mir im Nacken – ich stimme Ihnen vollinhaltlich zu. Ich selbst habe im Sacre Coeur mit der Religion keine negativen Erfahrungen gemacht, im Gegenteil, dafür im Gymnasium die schrecklich langweilige, freudlose, irgendwie naive, verlogene zum Teil lächerliche des katholischen Religionsunterrichts als Pflichtfach durch einen Religionslehrer. Ich hab später meine Tochter vom Religionsunterricht abgemeldet, das konnte man, um ihr diese miserable “höhere” Einführung in den Katholizismus zu ersparen. Finde ich jetzt nachträglich als Fehler, da man über den kulturellen Hintergrund und seine philosophischen Inhalte, seine Struktur und liturgische Gestaltung etc. sowie sein durchaus wichtigen sakralen Angebote besser informier sein sollte, als sie es ist, bin trotzdem froh ihr die Zeit mit der unglaublichen Naivität und philosophischen Unbedarftheit und Unglaubwürdigkeit der Lehrer erspart zu haben. Ob man an einen Lehrer kommt, der, wie Ihrer, philosophisch-lebenspraktisches anzubieten hat, das ist höchst unwahrscheinlich. Der Ethik-Unterricht -ich finde ihn sehr wichtig, aber er dient, auch oft einer Art politischer Indoktrination, da muss man sich auch schon wieder fürchten, dass er in inkompetenten Händen liegt

    Kommentar by Sylvia Taraba — 27. April, 2009 @ 12:38 Uhr

  2. W a h l p f l i c h t f a e c h e r
    gibt es auch noch. Gibt es dann eine extrinsische Intrinsitaet?

    Schoen zu wissen, dass Frau Merkel fuer ein anderes Volksabstimmungsergebnis war.
    Vielleicht war sie auch gegen die Globalisierung ohne es zu sagen und auch für ein anderes Kursbuch, als Mehdorn es verfolgte.

    Mehdorn sah ich heute in einer Fotomontage vor der Bahnhofsmission stehen. Vielleicht arbeitet er dort ehrenamtlich weiter.

    Kommentar by duscholux — 28. April, 2009 @ 18:17 Uhr

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