Simons Systemische Kehrwoche

Richard Fisch

Fritz B. Simon

Er war einer, wenn nicht der (!) Vater aller im Moment auf dem Markt zu findenden Kurztherapieformen: Richard Fisch.

Er ist am 23. Oktober in Palo Alto im Altern von 85 Jahren gestorben.

Ich selbst bin mit ihm durch das für mich und meinen beruflichen Werdegang wichtigste Buch in Kontakt gekommen: “Lösungen” von Paul Watzlawick, John Weakland und Richard Fisch.

Von den drei Autoren war er derjenige, der am wenigsten Freude am Schreiben hatte. Dafür war er ein begnadeter Therapeut.

Nachdem er in seiner medizinischen Ausbildung von Harry S. Sullivan und seinem interpersonalen Ansatz der Psychiatrie beeinflusst worden war, verließ er den üblichen Karriereweg des amerikanischen Psychiaters und schloss sich der Gruppe um Don D. Jackson an, die in Palo Alto das Mental Research Institute gegründet hatte. Er war einer derjenigen, die sich dort speziell der Frage nach erfolgreichen Wegen der Kurztherapie widmeten.

Gern erinnere ich mich an eine Frankreich-Tournee von Vertretern des MRI (Palo Alto Gruppe), die damals – wenn ich mich recht erinnere – aus Dick Fisch, Karen Schlanger und mir bestand. Es muss 1986 gewesen sein. Wir besuchten einen Kongress in einem ehrwürdigen und berühmten (uns aber natürlich vollkommen unbekannten) großen psychiatrischen Klinikum der Gegend Clermont Ferrands. Dort traten die Honoratioren der französischen Psychiatrie auf, weißhaarig, ihrer eigenen Wichtigkeit bewußt, sehr ernst. Da wir alle nicht verstanden, was sie sagten, übernahm Dick Fisch die Rolle des Simultanübersetzers. Diese Aufgabe wurde für ihn dadurch erleichtert, dass er auch kein Französisch konnte. Nahezu lippensynchron erklärte uns nun der aufgeblähte Würdenträger auf dem Podium (durch den Mund von Dick Fisch), wie er einstmals im Rotlichtbezirk von Amsterdam sein Heil suchte, welche Widerstände er zu überwinden hatte … usw. Es muss für die anderen Teilnehmer ein Rätsel gewesen sein, warum wir an welchen Stellen (als einzige) lachten und uns kaum halten konnten…

Als wir in Paris dann vor einem Auditorium von – wie es schien – vor allem Lacanschen Psychoanalytikern über Psychosetherapie in fünf bis zehn Sitzungen berichteten, war die Atmosphäre etwas gespannt.

Dick kommentierte: “Ich komme mir vor wie ein PLO-Abgesandter bei einer Bar Mizwa Feier!”

Mit Dick Fisch ist nun auch der letzte der drei Palo Alto Boys (Watzlawick, Weakland, Fisch) gestorben. Ihr Einfluß auf die Entwicklung des Feldes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden…

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5 Kommentare

  1. Ja, Sie dürfen nicht nur nicht in Vergessenheit geraten,die Autoren von “Lösungen”,sondern ich wünsche mir, dass man sie in die Lehrpläne unserer – und erst recht französischer – Schulen aufnimmt.Das könnte der chronifizierten französischen Eigenbrötlerei entgegen wirken.

    Kommentar by Christian Michelsen — 28. Oktober, 2011 @ 20:32 Uhr

  2. “Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
    das ist im Grund der Herren eigner Geist,
    in dem die Zeiten sich bespiegeln.”

    JWvG

    Kommentar by es — 29. Oktober, 2011 @ 19:03 Uhr

  3. “Klugheit ist oft lästig wie ein Nachtlicht im Schlafzimmer.” Ludwig Börne (zu JWvG?)

    “Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum” (Börne: Briefe aus Paris).

    Kommentar by Christian Michelsen — 30. Oktober, 2011 @ 19:27 Uhr

  4. Lieber Herr Simon, Ich habe mich sehr gefreut diesen Beitrag zu lesen. Dick Fisch hat einen tiefen Eindruck auf mich und meine Arbeit hinterlassen. Er war mit Watzlawick mein erster Trainer im Therapiefeld. In meiner Zeit am Mental Research Institute von 1998-2002 sass ich fuer eine Weile in seinem Vorzimmer und zwischen seinen Klienten haben wir immer ein wenig geplaudert.
    Auch hat er mich oefter eingeladen mit ihm seinem liebsten Hobby nachzugehen und sonntags ueber die Bay zu fliegen. Das schloss eine lange Vorbereitungsphase ein, in der das Flugzeug auf Sicherheit ueberprueft wurde. Er hat mich, als Co-Pilot, auch oft die Steuerung uebernehmen lassen. In meiner letzten Begegnung mit ihm erzaehlte er mir wie sehr er seine Wohnung genoss, weil jeden Tag viele laute Flugzeuge drueber flogen…
    Meine Arbeit ist jetzt mehr auf Somatik ausgerichtet, aber der Einfluss von Brief Therapy a la Dick ist immer implizit.
    Viele Gruesse aus San Francisco (im Moment stark von Erdbeben durchschuettelt).
    Monika Broecker

    Kommentar by Monika Broecker — 31. Oktober, 2011 @ 03:21 Uhr

  5. Und heute ist der 100ste Geburtstag von Heinz von Foerster.

    Kommentar by Monika Broecker — 14. November, 2011 @ 04:37 Uhr

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