Simons Systemische Kehrwoche

Richtige Heiligenscheine

Fritz B. Simon

In einem der letzten Blogs, als es um Heilige und ihre Neonröhren ging, fragte ein Kommentator, woraus denn richtige – d.h. echte – Heiligenscheine bestehen. Eine Frage, die mich seither nicht mehr loslässt.

Auf Bildern sehen sie ja immer aus wie Scheiben. Und bei Skulpturen erscheinen sie als eine Art Frisbee, als Teller, der klar begrenzt ist und aus Stein, vorzugsweise Marmor, ist. Manchmal, wenn die Skulptur aus Bronze gegossen ist, dann findet man sie auch als Ring (wie bei den Neonversionen), an denen im Einzelfall Sterne befestigt sind, die sich auf einer Umlaufbahn um den heiligen Kopf zu befinden scheinen.

Die Tellerhaftigkeit und Kreisförmigkeit lässt mich die erste, nahe liegende Antwort, der Heiligenschein sei einfach ein Schein – d.h. ein Licht, das vom Kopf des jeweiligen Heiligen ausgeht (wie von einer Glühbirne) – verwerfen. Denn Licht würde ja nicht am Tellerrand aufhören zu leuchten. Selbst wenn man die Frage, ob Licht die Charakteristika von Welle oder Partikel besitzt, zugunsten der Partikel beantwortet, sind diese Partikel bei Licht doch – nach meiner Erfahrung – nicht so fest gekoppelt, dass sie dem Beobachter teller- oder ringförmig erscheinen würden oder könnten.

Diese eher naturwissenschaftlichen Unterscheidungen bringen mich – ich bin ja kein Physiker – schnell an meine Grenze.

Konstruktivistisch betrachtet, ist wahrscheinlich die Schein-Sein-Unterscheidung nützlicher: Beim Heiligenschein geht es um das relativ komplexe Verhältnis von Schein und Sein. Der Heiligenschein steht für das Heiligsein. Da man das Heiligsein nicht direkt beobachten kann, muss man sich mit der Beobachtung des Scheins des Heiligen zufrieden geben bzw., wenn man Heiligkeit zeigen will, dann muss man eben für den richtigen Schein sorgen.

Das entspricht ja auch der Lebenserfahrung. Ziemlich schnell kommt man dann zu dem Schluss, dass man immer nur Scheinheiligkeit beobachten kann.

Aber offenbar reicht es ja, wenn Heiligkeit wahr-scheinlich (= schein-wahrlich) ist…

Eine weitere, eher soziologische Variante der Bedeutung des Heiligenscheins ergibt sich aus der Praxis der katholischen Kirche, Menschen heilig zu sprechen. Ein kommunikativer Akt, der alle Merkmale des performativen Sprechaktes bzw. des Übergangsrituals aufweist, durch das die Identität eines Menschen (von nicht-heilig zu heilig) verändert wird. Das ist vergleichbar mit Prüfungen, bei denen man ein Zeugnis erwirbt. Beispiel: Führerschein. Der Heiligenschein – wie immer man ihn erworben haben mag – berechtigt zum freien Eintritt ins Himmelsreich und einen privilegierten Platz (von wo man besser sehen kann und besser gesehen wird) an der Seite des Herrn.

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14 Kommentare

  1. Soweit mir bekannt ist, erwirbt man einen Heiligenschein bevorzugt durch irgendwelche masochistischen Akte, wie z.B. sich wahlweise auf ein Rad flechten, mit Pfeilen durchbohren oder auf einem Rost über offenem Feuer braten zu lassen. Je verzückter man dabei gen Himmel schaut, desto besser. Insofern könnte der Heiligenschein auch ein Ausdruck des jeweiligen geistigen Schadens sein, den man bei solchen Operationen zwangsläufig davongetragen hat…

    Comment by sist — 9. März 2012 @ 22:45 Uhr

  2. Der Schein bestimmt das Bewusstsein – vorzugsweise der Anschein und der Geldschein, auszugsweise der Heiligenschein – idealerweise anscheinend alles zugleich.

    Comment by Matthias Ohler — 9. März 2012 @ 23:22 Uhr

  3. Das ist doch ein reines Beobachter-Produkt, oder? Stell Dir vor, Du bist heilig und keiner kuckt hin….Allein kann man nicht heilig sein. Die Analyse müßte also bei den Heiligkeits-Zuschreibern anfangen und deren Heiligungsbereitschaft. Die machen eine Aufmerksamkeits-Steuerung, bei denen ein idealisierter Kopf hell erscheint. Der Heiligenschein ist das analoge (runde) Äquivalent des digitalen Ausrufezeichens.

    Comment by Ulrich Clement — 10. März 2012 @ 10:33 Uhr

  4. :-))) Chemisch-physikalisch bin ich auch nicht weitergekommen. Diesen “Schein” (und Assoziationen zur Wortbedeutung) verwenden nur die deutschen Muttersprachler (engl. to mutter = brummeln, murmeln). Die Englischen sagen “Halo”, der Franzose “Auréole”, der Schwede: Gloria, etc., aber da er in vielen Religionen vorkommt – und nicht alle das Wort “heilig” kennen -, habe ich ihn immer als den verzweifelten Versuch der Künstler verstanden, eine “Erleuchtung”, ein “Klarsehen”, ein “Wirklichkeit-Sehen” darzustellen.

    Eine Tür springt auf und eine Gruppe Wahrnehmungspsychologen (allen voran David Eagleman), die an die Monty-Python-Truppe erinnern, hüpfen heraus, schreien unisono 3 x “Humbug!” und verschwinden wieder wie der Kuckuck in der Uhr.

    Ist der Heiligenschein (Neon, Blattgold, Merkelfrisur, …) nicht die Sehnsucht, in diesen komplexen Zeiten ein paar wirklich Erleuchtete unter uns haben zu wollen? Und nicht nur Scheinriesen …?

    Comment by Grey Geezer — 10. März 2012 @ 11:28 Uhr

  5. In der visuellen Wahrnehmung werden hell/dunkel Grenzen als Kontraste bezeichnet. Ein Halo ist visuell eine Minderung des Hell-Dunkel Kontrastes an der Hell-Dunkel Grenze. Er wird physikalisch konstruiert wenn Licht einer fokusierten Lichtquelle auf seinem Weg durch die brechenden Medien der Augen abgelenkt, gestreut wird. Wir nennen das Abbildungsfehler. Rein physikalisch dürfte sich der Halo nach außen nicht deutlich abgrenzen, er müsste unscharfe Grenzen zeigen, so wie Kinder Sonnenstrahlen malen, die nach außen immer heller werden, um sich dann im Hintergrund zu verlieren.
    Die deutliche Abgrenzung von Halos wird von der Netzhaut (neuronales Netzwerk) errechnet, so daß der Effekt unregelmäßig brechender Medien (unser Auge) auf die Kontrastwahrnehmung herausgerechnet wird und wir klare Grenzen wahrnehmen,… auch dort wo physikalisch keine klaren Grenzen sind.
    So kann bemerkt werden, dass visuell-kognitiv Halos enstehen wenn Abbildungsfehler der brechenden Medien durch das neuronale
    Netzwerk der Augen nicht ausreichend herausgerechent werden.
    Es kommt zur Wahrnehmung des Strahlens. Die Strahlen können auch bunt wahrgenommen werden wenn das Licht prismatisch gebrochen wird.
    Halos sind kognitiv sehr störend, da Grenzen überstrahlt werden, das irritiert, und die Orientierung im überstrahlten visuellen Feld wird vermindert. Dieses Überstrahlen wird als Blendung erlebt, bezeichnet. Blendung ist Blindheit durch Helligkeit.
    Semantisch, bitte, könnte jetzt jemand anschließen …

    Comment by o.werner — 10. März 2012 @ 18:00 Uhr

  6. Ich versuch es mal mit ´ner Metapher:
    http://bvs.he.lo-net2.de/webkurs12/hpgencontent29.htm

    Comment by Max Liebscht — 10. März 2012 @ 20:07 Uhr

  7. Jetzaberecht:
    http://kurzurl.net/M0jgy

    Comment by Max Liebscht — 10. März 2012 @ 20:13 Uhr

  8. gregory bateson verstand es noch, sich ernsthaft mit diesem thema zu beschäftigen (siehe: “wo engel zögern. unterwegs zu einer epistemologie des heiligen”), aber diese kunst ist heute offenbar selten geworden.

    Comment by franz fricz — 10. März 2012 @ 21:07 Uhr

  9. Wer einen Wiskeytrinker als Vorbild nimmt, dähr sollte schon mal alle Fünfe gerade sein lassen gönne, nüsch?

    Comment by Max Liebscht — 10. März 2012 @ 23:48 Uhr

  10. (Auch in der Linguistik ist Unschärfe die Voraussetzung für fruchtbare Bedeutungsgebung. Und was außerdem bedenklich stimmen könnte: Wenn Witz und Ernsthaftigkeit einander gleich hell und dunkel bedingen, ja als Gestalt um so deutlicher hervortreten lassen, kann Albernheit schwerlich ein Grund sein, kunstlos die Flügel hängen zu lassen.)

    Comment by Max Liebscht — 11. März 2012 @ 10:36 Uhr

  11. @ 10
    ich würde einen unterschied machen zwischen witz einerseits und witz- und niveaulosen albernheiten andererseits

    Comment by franz fricz — 12. März 2012 @ 11:16 Uhr

  12. Dezisionist!
    Milder: “Was ich gesagt habe erkenne ich eigentlich erst an der Reaktion des “Empfängers”. (Gunther Schmidt)

    Comment by Max Liebscht — 13. März 2012 @ 00:48 Uhr

  13. @12. …

    Comment by Matthias Ohler — 13. März 2012 @ 08:06 Uhr

  14. Na das is ja mal ´ne souveräne Ansage!
    Bin begeistert.
    Sublime Melange aus Dostojewski und irgendwie so
    http://www.youtube.com/watch?v=JTEFKFiXSx4&feature=related

    Übrigens beginnt übermorgen die Buchmesse.
    Anläßlich Leipziger Allerlei mengen sich ganz viele Gutmenschen.
    Und man kann das Vergnügen neunmalschlauen Herumgezankes mit der mildernden Wirkung geistiger Essenzen kombinieren. Wenn das nich rockt!

    Comment by Max Liebscht — 13. März 2012 @ 13:45 Uhr

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