S-Bahn
Fritz B. Simon
Die Berliner S-Bahn ist zur Zeit in der Krise. Achsen brechen, der Fahrplan kann nicht eingehalten werden, Züge stossen zusammen,, werden verkürzt, fallen aus, und sind als Folge davon überfüllt.
Sie ist für mich ein Musterbeispiel oder auch Laborexperiment für die Art der Führung und des Managements, die mit dem Namen Hartmut Mehdorn (ich weiss, ich wollte nie wieder über ihn schreiben) verbunden sind. Auf eine Formel gebracht: Idiotisches Management.
Organisationen brauchen das, was früher in der Werbung für Nylonstrümpfe “Dehnungsausgleich” genannt wurde, d.h. Spielräume, Reservekapazitäten – materiell wie personell -, wenn sie den ganz normalen Alltag zuverlässig bestehen wollen (von Innovation ganz zu schweigen).
Wenn solch eine Organisation auf Profitmaximierung getrimmt wird, hat dies paradoxe Effekte. Kurzfristig kann ein Gewinn erwirtschaftet werden, langfristig geht das in die Kosten und der Gewinn bricht weg. Die Berliner S-Bahn hat über 50 Millionen Gewinn an die DB abgeführt und dabei autodestruktiv (auf “Verschleiß”) gewirtschaftet. Kurzfristig ist dies der Bilanz von Mehdorn positiv zugeschrieben worden, jetzt ist er weg, und andere haben die Folge zu tragen.
Meines Erachtens müssen Unternehmen, die der Bereitstellung öffentlicher Infrastrukturen dienen, wie Familienunternehmen geführt werden: Ihr Sinn besteht darin, für das Gemeinwesen, in dessen Eigentum sie sich befinden, Überlebensfunktionen zu erfüllen. Das heißt weder Profitmaximierung noch unwirtschaftlich arbeiten. Aber im Zweifel genügt eine schwarze Null oder eine bescheidene, aber zuverlässige Ausschüttung, wenn diese Infrastrukturaufgaben optimal erfüllt werden und die jeweils zukunftssichernden Investitionen geleistet werden.
Der Börsengang der Bahn ist einfach eine Idiotie, zu der sich unsere Politiker (verführt durch Lobbyisten und ziemlich schwachsinnige wirtschaftswissenschaftliche Theorien und Theoretiker – liebe Kollegen – haben verführen lassen).
Bei der Post ist ja auch viel im argen. Seit vier Tagen warte ich auf einen Brief, der angeblich zu 98% am nächsten Tag zugestellt wird. Zu den 2 % gehören wahrscheinlich einfach die meisten Briefe. Dass ich schon mal Postsendungen bekommen habe, die ein halbes Jahr im Postamt Charlottenburg gehortet wurden, habe ich früher schon beschrieben… Zumwinkels Erbe.
Hartmut Mehdorn ist jetzt in den Aufsichtsrat der Air Berlin eingerückt. Bleibt im Interessen der Flugsicherheit nur zu hoffen, dass er dort keine wichtige, die Politik bestimmende Rolle spielt. Das ist aber zu befürchten, warum sollte man ihn sonst anheuern… Deshalb gilt vielleicht in Zukunft bei Air Berlin Flügen: Fallschirm nicht vergessen!
7 Kommentare
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Ein Prinzip, welches wohl nicht nur in der Dialektik Kapitalismus versus Familie (Kompetenzwettbewerb versus Milieuinzest) Gültigkeit beanspruchen darf:
allzu viel ist ungesund.
Problem:
Wer stoppt die Mehmehs und Zumwinkels und und und?
Eine Gesellschaftsform in kindischem Größenwahn tappst den Cleverles hinterher und schmeißt frohgemut selbst die primitivsten Einsichten halbwegs nachhaltigen Wirtschaftens über Bord.
Das Resilienzpotential der Nachkriegszeit –
das scheint gründlich aufgebraucht.
Die ethisch moralischen Autoritäten sind entzaubert.
Können wir uns aber nicht auf derartige Moralinstanzen bzw. Autoritäten verbindlich einigen,
denen wir das Tun und Lassen solcher Erfolgsmanager unterstellen, wird es absehbar zu biologischen Lösungen kommen.
Und zwar nicht zuletzt als Folge unternehmensethischer Degeneration.
Kommentar by Max Liebscht — 5. Juli, 2009 @ 11:50 Uhr
Ach ja, die Bahn. Aber ist unsere Bewertung nicht einseitig? Das ist doch wie bei dem Beispiel mit den roten und den grünen Ampeln: Der autofahrende Mensch hat beim Fahren durch die Stadt den Eindruck, dass alle Ampeln immer auf Rot stehen, wenn er/sie an eine beampelte Kreuzung kommt. Dieser Eindruck zeigt, dass wir grüne Ampeln einfach überfahren, ohne sie wirklich dauerhaft wahrzunehmen.
Und genauso ist das mit der Bahn. Das, was weder früher noch heute funktioniert, nehmen wir stark wahr (Beschwerden über die Bahnverspätungen liegen für mich auf einer Ebene mit Beschwerden über das schlechte Wetter – aus eigener empirischer Erfahrung sind 80% der Züge, die ich benutze, pünktlich, 10-15% wenige Minuten verspätet und nur 5-10% wirklich signifikant zu spät). Wie sieht’s denn aus mit den Verbesserungen? Ist es selbstverständlich, dass Fahrende eine Steckdose am ICE-Sitzplatz bekommen? Hat die Bahn sich früher für ihre Verspätungen entschuldigt und Ersatzreisemöglichkeiten recherchiert? Neulich war ich in einem Zug unterwegs, wo’s heiß war, weil die Klimaanlage ausgefallen ist. Da könnte man sich jetzt wieder über das Missmanagement beschweren, klar. Mache ich aber nicht, denn: Das Zugpersonal ist mehrmals durch den Zug gelaufen und hat kostenfreie Getränke verteilt.
Natürlich darf und soll man sich über Dinge, die verkehrt laufen, beschweren, aber bitte mit einer gewissen Fairness und Ausgewogenheit.
Kommentar by Kai Weber — 7. Juli, 2009 @ 09:53 Uhr
Seit man weiss, dass die Bahn von PR-Agenturen Internetforen systematisch durchseuchen lässt, liest man solch positive Berichte ueber Steckdosen am ICE-Stehplatz und ungeniessbaren Gratiskaffee vom Schaffner mit gemischten Gefühlen.
Kommentar by duscholux — 7. Juli, 2009 @ 18:05 Uhr
Na gut, die gemischten Gefühle kann ich verstehen – aber die verteilten kostenlosen Erfrischungsgetränke waren Mineralwasser und Orangensaft und meines Erachtens genießbar.
Kommentar by Kai Weber — 7. Juli, 2009 @ 22:18 Uhr
FSBs “… Erachtens müssen Unternehmen, die der Bereitstellung öffentlicher Infrastrukturen dienen, wie Familienunternehmen geführt werden …”
À la Karstadt?
Ursache von Karstadts Niedergang war doch auch die Acquisition von drei Familienunternehmen: Neckermanns NECKERMANN, Schickedanzens* QUELLE und Kargs Hertie.
Dies im Sinn, kann man zu dem Schluss kommen, Mehdorf hat die Bahn nach dem Vorbild von Familöienunternehmen geführt.
FSBs Philippikas zu Familienunternehmen wuerde ich gerne beherzigen, aber immer wenn er sie hier reitet, fallen mir sofort Familienunternehmer ein, die aus eigener Doofheit voll in die Kacke geraten sind.
*) lt. Wikipedia haben Schickedanzsproesslinge immer noch Funktionen bei Karstadts ARKANDOR.
Kommentar by duscholux — 8. Juli, 2009 @ 11:58 Uhr
Etwas Differenzierung tut offenbar not.
Hat MehAir überhaupt Familie, daß er so auf Ersatz aus ist?
In seinem vorigen Leben war er ja ein paar (3) Mal (?) in der Psychiatrie.
Beispiel für geglückte Rehabilitation?
Psychiater Simon scheint Einwände zu haben.
Jetzt läßt man ihn jedenfalls woanders nach Nähe suchen.
Kommentar by Max Liebscht — 8. Juli, 2009 @ 20:56 Uhr
Verkuerztes Zitat aus dem Tagesspiegel:
“Derzeit stehen wegen der verschärften Kontrollen nach einem Radbruch nach Tagesspiegel-Informationen nur noch 311 Viertelzüge…. Im Normalbetrieb sind 552 Viertelzüge erforderlich. Mit dieser geschrumpften Flotte ist nur noch ein Notbetrieb möglich, den die S-Bahn als „Basisangebot“ bezeichnet. …
Dieses „Basisangebot“ gilt aber nur, wenn es keine weiteren Sicherheitsauflagen für das Auswechseln der Räder gibt. Sollte das Eisenbahn-Bundesamt verlangen, dass alle Räder eines Fahrzeugs ausgetauscht werden müssen, was derzeit geprüft wird, würden nach Tagesspiegel-Informationen nur noch 150 Viertelzüge im Einsatz bleiben können. …
Die S-Bahn empfiehlt dagegen, keine Räder mehr in ihren Zügen mitzunehmen, …”
Clevere Passagiere: bringen ihre Raeder selbst mit.
Kommentar by duscholux — 10. Juli, 2009 @ 16:18 Uhr