Simons Systemische Kehrwoche

Saakashwili

Fritz B. Simon

Der Ministerpräsident von Georgien wirkt im Fernsehen ja ganz sympathisch – und er spricht Englisch. Das dürfte auch der Grund sein, warum ihn die stündlich wechselnden Moderatoren bei CNN den ganzen Tag über live interviewen (ich verfolge das nicht nahtlos, aber immer, wenn ich den Fernseher eingeschaltet habe, erscheint Herr Saakashwili live). Er sagt dann natürlich auch immer wieder dasselbe.

Was er gebetsmühlenartig der Weltöffentlichkeit klar zu machen versucht, ist, dass Georgien das ist, was die Tschechoslowakei 1938 war, und dass Russland das Gegenstück zu Nazi-Deutschland ist. Wer jetzt Appeasement betreibe, der mache sich mitschuldig an den Folgen für die Wiedererrichtung des Sowjetreichs (oder so ähnlich), wenn nicht gar für den nächsten Weltkrieg.

Ich bin wirklich kein Freund von Herrn Putin. Aber ich halte es für sehr problematisch, wenn in solch einem Konfliktfall von vornherein festzustehen scheint, wer der Aggressor ist. Wenn, wie auf BBC ein Vertreter Russlands erklärte, man einen Völkermord in Südossetien habe verhindern müssen und man deswegen einmarschiert sei, so sieht die Situation ja ein wenig anders aus. Dann geht es eben nicht mehr und allein um die Frage, ob die Grenzen eines souveränen Staates respektiert werden. Wenn wirklich 40000 Flüchtlinge aus Südossetien in Nordossetien in Lagern untergebracht werden mussten, dann muss die Lage doch ein wenig anders beurteilt werden.

Komisch mutet es allerdings an, wenn Senator McCain, der US-Präsidentschaftskandidat, ein glühender Anhänger der Invasion im Irak, verkündet, die Weltgemeinschaft könne es nicht tolerieren, dass hier eine Invasion in einen souveränen Staat erfolgt.

Solche Konflikte führen immer zur Anwendung von Gewalt (= Krieg), wenn es keinen Dritten gibt, der von beiden Parteien als Vermittler oder höhere Macht akzeptiert wird und die Machtverhältnisse nicht eindeutig sind. Dass das kleine Georgien sich auf einen solchen Konflikt mit dem großen Russland einlässt, spricht dafür, dass es sich stark genug gefühlt haben muss (ermutigt durch die Bush-Regierung?)…

Man müsste eine Institution erfinden und schaffen, die die Rolle des Dritten, d.h. des Schlichters oder auch Weltpolizisten, übernehmen kann. Man könnte sie vielleicht ja “Vereinte Nationen” nennen. Allerdings würde sie ihre Funktion nur ausfüllen können, wenn alle sich ihrer übergeordneten Macht unterstellen. Und das wiederum wird nur funktionieren, wenn ihre Funktionalität gesehen wird.

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10 Kommentare

  1. Zitat: “Allerdings würde sie ihre Funktion nur ausfüllen können, wenn alle sich ihrer übergeordneten Macht unterstellen. Und das wiederum wird nur funktionieren, wenn ihre Funktionalität gesehen wird.”

    Diese (militärische) Macht ist aber mit viel Geld und Vorschung im militärischen Bereich verbunden. Sonst wäre es sonst “nur” Diplomatie, und ein zahnloser Tiger hat halt keine Zähne, schon gar nicht wenn er mit einem Cowboy spricht. (Der seinen Cold geladen hat)

    Und das ginge nur, wenn die USA das mitfinanzieren. Paradox, was?

    Kommentar by Holger Huckfeldt — 14. August, 2008 @ 12:43 Uhr

  2. Wie auch in vielen Kriegen zuvor geht es um wirtschaftlichen Einfluss. Und hier habe alle Parteien große Interessen. So wird es unmöglich ein “Gute” oder “Böse”-Seite zu ermitteln. Leidtragend ist die Bevölkerung, denn die hat keine echte Macht.
    Jedes Land mit Rohstoffen oder Pipelines wird wohl in den nächsten Jahre ein gefährdetes Land werden. Der Rohstoffbedarf der Großmächte ist einfach zu hoch.

    Kommentar by Nees, Eckhard — 14. August, 2008 @ 12:56 Uhr

  3. In meinem ersten Kommentar vertrete ich ja stillschweigend die These, dass ein übergeordnete Macht einer militärischen Macht eine noch größere militärische Macht sein müsse.

    Muss das wirklich so sein? Es wäre schön, einen Ausweg zu finden. Das Konzept von aggresiver (oder adressivbereiter) Stärke ist irgendwie zu selbstreferientiell und hält sich so selbst am Leben.

    Könnte z.B. Vernunft eine akzeptierbare Macht darstellen? Welche Entscheidungen und Handlungskonsequenzen müssten dazu (von wem) getroffen werden?

    Und, um mal diese “es geht nur ums Geld”-Geschichte zu hinterfragen: Was würde wohl passieren, wenn jemand mal ausrechnet, das sich so ein Krieg gar nicht (finanziel) Lohnt? Würden dann alle die Waffen fallen lassen?

    Kommentar by Holger Huckfeldt — 14. August, 2008 @ 13:47 Uhr

  4. Welches der Anlaß ist, um Vorherrschaftsansprüche auf Ressourcenausbeutung bzw. über wichtige Transportwege neu auszuhandeln, ist doch zweitrangig für militärstrategische Geopolitiker. Wenn man das bekannte Schema der Konflikteskalation von Glasl anwendet, macht sich ab Stufe 6 die Intervention einer höheren Instanz notwendig; Machtwort einer wie auch immer legitimierten Führungskraft, Naturgewalt bzw. Erschöpfung der Kontrahenten, über welche sich ein Dritter Beuteinteressierter freut. Allparteiliche Mediation e.t.c. hat ab da also ohnehin schlechte Chancen. Vermittlung durch die UNO aber, die für die Amerikaner vermutlich sowieso nicht mehr als eine Quasselbude ist, ist gar nicht erwünscht. Man frage mal einen Amerikaner, wen er für berufener hält, irgendwo irgendwas zu “schlichten” und wen letztendlich für mächtiger. Was auch immer inszeniert wird – es geht wie eh und je darum, daß die Karten neu gemischt werden sollen. Das sich die Amerikaner bzw. Stellverteter in diesen, in Bezug auf Ressourcenbezüge interessanten Regionen engagieren werden, war u.a. nach den Aktionen im Irak, in Afganistan abzusehen. Der Stil, wie sie sich ins Geschäft bringen, ist über die letzten Jahrzehnte hin doch ziemlich ähnlich. Georgiens Präsident sei in den USA ausgebildet worden, heißt es.

    In geopolitisch interessanten Gebieten werden in den nächsten Jahren in der Tat sicher vermehrt solche zu inszenierten Anlässe für sog. Friedenseinsätze zu “beobachten” sein. Wem auch immer dieser jeweils folgende Frieden dann auch gehören mag. Letztlich profitieren wir mittelfristig wohl alle davon, wenn die Rohstoffströme, welche die Wirtschaftsweise unserer westlichen Gesellschaften am Laufen halten, nicht wegen Nachschubengpässen ins Stocken geraten. Vom bigotten Luxus moralischer Bedenken also mal abgesehen, könnten wir Bush, Mc Cain und deren Drehbuchschreibern also eher dankbar sein. Einer der wichtigsten Werte in den kapitalregierten Demokratien der ameropischen Welt ist nun mal Öl bzw. Gas. Wir sind auf den Verschwendungsexzess an Rohstoffen eingestellt. Unter imperialistischem Vorzeichen renoviert sich nun aber Rußland als Supermacht. Das ist ein wenig heikel, wenn sich die Oligarchen hinsichtlich Statusanspruch gar zu angepißt fühlen und wir dürfen hoffen, daß sich die selbst eingesetzten Manager früh genug beim Pinkeln begegnen.

    Kommentar by Max Liebscht — 14. August, 2008 @ 17:17 Uhr

  5. Ob jetzt wieder so ein mehr oder weniger kulturvolles Gebell anhebt?

    Kommentar by Max Liebscht — 14. August, 2008 @ 17:19 Uhr

  6. Ohne Gewaltmonopol läuft da nichts. Das ist der zivilisatorische Fortschritt an der Staatsbildung: dass aus kriegerischen Interventionen, die zwangläufig eskalieren und zur Bildung von Kriegen als autopoietischen Systemen führen, Polizeiaktionen werden…

    Ohne Gewaltandrohung wird es langfristig keine dauerhaften friedlichen Konfliktlösungen geben. Insofern ist es Ausdruck der Vernunft, diese Gewalt einem neutralen Dritten zuzubilligen. Dass Kriege sich – außer für einige Kriegsgewinnler – volkswirtschaftlich nie rechnen, ist schon lange belegt. Und dass der Beginn eines Krieges ökonomisch meist ziemlich blöd ist, müssen jetzt ja die Amerikaner am Beispiel des Irak-Krieges erleben.

    Die Sowjetunion hat ihren Niedergang sicher auch dem nicht gewinnbaren Krieg in Afghanistan zu verdanken. Und wenn die Russen wirklich Georgien besetzen sollten, so werden sie sich daran auch die Zähne ausbeissen…

    Friedliche Konfliktlösungen sind langfristig immer das ökonomisch Sinnvollste (und billigste).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 14. August, 2008 @ 18:46 Uhr

  7. Vorab: Es tut mir leid für alle, die sich gezwungen fühlen, Beiträge wie den folgenden zu lesen und ihn dann doch nicht verstehen können. Immerhin, man kann nicht wissen, ob es den Versuch wert ist. Manchmal ja, manchmal nein, immer irgendwie nur ansatzweise. Was Sie immerhin tun können, ist, Kybernethik schlicht auf sich selbst anzuwenden. Sie gelangen u.U. zu mal mehr oder weniger lustvollen Grenzerfahrungen wenn nicht gar Transzendenz. Ein Blog wie hier – nicht alles was sich in Lichtenbergs Sudelheften formuliert findet, ist große Literatur. Der Spielraum Blödsinn zu schreiben, vergrößert den Möglichkeitsraum für Erfahrungen ebenso wie das Risiko, blöd dazustehen. Obwohl Fritz Simon offenbar tatsächlich immer noch psychoanalytisch geprägt zu sein, was die Wertschätzung für Freiheiten des freien Assoziierens anbelangt, erinnert mich das Ganze Arrangement auch an provokatives Coaching. Harlekinen wie Georg Schramm scheint es derzeit noch am ehesten möglich Themen wie die gegenwärtige Systemkotze in Georgien durch Blume doch adäquat abzubilden. Meinetwegen können Sie aber auch weiter davon erzählen, daß Kommunikationsabbruch möglich wäre, daran glauben, daß das gefährlich sei, anderseits aber vorsätzlich ignorieren, weil „nicht kommunizieren“ anerkanntermaßen nicht geht. Ich bin sowieso ignorant. Und ich bin sowieso sehr einfühlsam, wenn das Angebot stimmig erscheint. Nach Möglichkeit immer in einer annehmlichen Form von „Beides“ 
    Also: Kommunikation bzw. das damit Gemeinte kann sich natürlich immer nur verlagern. (Insofern ist noch nicht mal das Leben irgendwann zu Ende sondern nur auf anderes übergegangen.) Soweit wir die Konsequenzen von Verlagerung in der einen anderen Richtung abzuschätzen vermögen, sind wir verantwortlich für die Entscheidungen, die wir einander mehr oder weniger bewußt zumuten und haben in jedem Fall mit Überraschungen zu leben, um überhaupt lernen zu können. Ich sag hier auch nonchalant „Gute Nacht“, wenn Sie meinen, daß Ihnen das weiterhilft in Ihrer Selbstverständigung/Lernen und fasse das Forum hier sonsten weiter als Spiel mehr oder weniger glückender Verständigung UND Entwicklung.

    Ausnahmsweise aber lieber aber mal zum Thema:
    Ich gebe zu, das ordentlich sachlich empfohlene Buch von Ihnen (noch) nicht gelesen zu haben.

    Hier in den eher salopp verfaßten Beiträgen, im Rahmen der Simon´schen Sudelhefte zumindest aber scheinen Sie, absichtlich schweigend kommunizierender :-) Fritz Simon Staatsgebilde als Entitäten aufzufassen, Faktoren die hinsichtlich ihrer Entwicklungstendenzen im Ganzen zu betrachten sind.
    Vielleicht verstehe = mißverstehe ich Sie da anders als gemeint.
    Aber genau das scheint doch längst nicht mehr gegeben, wie übrigens auch der Peter Kruse in Ihrer Nachbarschaft bei YouTube ausführt.
    Multinationale Konzerne haben längst mehr Power als irgendwelche öffentlich sichtbaren entscheidungsvollzugsbeauftragten Entertainer.

    “… außer für einige Kriegsgewinnler.” – ich meine, das ist schön von Ihnen gesagt, aber genau das ist der Punkt und war stets der Punkt.
    Um in Ihrer Spreche zu sprechen, sind es also nicht die Staaten, die “vorrangig” autopoeitische “Systeme” bilden, das sind bloß trojanische Pferde renditeinteressierter machtstrategisch ambitionierter Betas.
    Worauf wir eher hoffen können (und sollten!), daß sich diejenigen, welche die “stärkeren”, “wirkungsmächtigeren” autopoeitischen Systeme bilden, genau das so bald als möglich hinbekommen, sich beim Pinkeln zu verständigen.
    Macht, die öffentlich wird, wird geschwächt, in Frage stellbar. Deshalb das mit dem „sollten“.
    Heraus mit den eigentlichen Königen!
    Und dann meinetwegen sokratischer Dialog, soweit man jemanden dazu verführen kann, der den Vorteil nicht zu lernen, früh internalisiert hat.
    Davon auszugehen, daß Vernunft eine Macht wäre, ist sicherlich nicht unbedingt vernünftig. Meine Kinder sagen, mitunter, daß Tiere böse seine. Böse sein können natürlich nur Menschen, Bosheit ist eine Errungenschaft der Sozialisation, wie Berne wohl mitgehen würde.
    Ähnlich liegt ein Kategorienkuddelmuddel vor, wenn man ausgerechnet Vernunft und Macht synonym zu fassen suchte. Im besten Falle hat beides einander jeweils zur Voraussetzung.
    Bitte zu entschuldigen, daß ich das Denken in den systemtheoretischen Antagonismen nicht mehr so drauf habe – aber immerhin bemüh ich mich um Verständlichkeit.

    Die Staaten sind doch längst nur noch offizielle Hierarchie und längst entmachtet. Sobald die inoffiziellen, wie Sie es aufzufassen scheinen, “Systeme” sich offizieller konstituieren würden, wären sie leichter angreifbar. Daher sind Staaten und bspw. auch deren Banken, wie u.a. die Sächsische, die Bayrische Landesbank e.t.c. gut, weil sie die Selbstbedienung der Raubritter von heute in geregelten Bahnen verlaufen lassen. Gewinne privatisieren und Verluste solidarisieren, wie es hier jüngst so treffend hieß. Auch das muß ja koordiniert werden. Die ganzen Zuschauer sind derweilen mit Automaten in Atem zu halten. Ganz abschaffen kann, man sie halt noch nicht, so daß die selbsternannten Übermenschen notgedrungen erst mal auf andere Formen der Lösung demographischer Fehlentwicklungen setzen müssen.
    Hinreichend sind die offiziellen Gebilde, um den Mob ohne den es noch immer nicht ganz geht, auf dem Teppich zu halten – u.a. dadurch sie ihm Identifikationshilfen anbieten. Es wird aber sicher schon hübsch dran gearbeitet; Mitarbeiter, die “nett und normal” sind, kommen dann irgendwann von der Firma Monsanto geliefert. Und Leute wie der (früher ja auch wohl auch nur schwer integrierbare) Simon werden in Afganisthans entsorgt / initialisiert. Sonst aber haben sich staatstragende Organisationsformen in Korsettfunktionen zu bescheiden. Wenn die Puppen lieb sind, kriegen sie hernach schröderlike noch ein Leckerli. Ohne solche symbolischen Vorsorgeleistungen würden sich wahrscheinlich nicht mal mehr talentierte Dissoziale als Schaudarbieter engagieren lassen.

    Ohne Gewaltandrohung wird es langfristig keine dauerhaften friedlichen Konfliktlösungen geben, schreiben Sie nun. Um eine solche Drohung glaubhaft zu machen, muß Gewalt partiell auch demonstriert werden können. Das haben Sie als Vater sicherlich auch oft genug gegenüber Ihren Töchtern praktiziert: Mit professionell annehmbar formulierten, „süßen“ Worten unmißverständlich auf die Knute bzw. Sanktionsmacht hingewiesen. Gekonntes körpersprachliches Framing dazu, damit der Multi- Bind auch beizeiten greift. Ihnen selbst wird man die Alltagsweisheit vom “Wer nicht hören, will … ” sicher nicht erst in der Psychiatrie beigebracht haben. Genau das passiert also jetzt gerade (auch) in Georgien. Muskelnspielen, auf das man einander besser einschätzen kann. Und genauso sportlich werden das auch die mal mehr mal weniger abgestimmt agierenden Renditeoptimierer sehen, als Entscheidungshilfe für Strategisches Kalkulieren. Fußball ist was für Arme.

    Da wird Machiavelli gedacht und alles andere später.
    “Friedliche Konfliktlösungen sind langfristig gesehen immer das ökonomisch Sinnvollste (und billigste)” – das würde voraussetzen, daß ökologisch gedacht würde, im Bateson’ schen Sinne systemisch. Genau das ist aber nicht der Fall. Von „langfristig“ also ganz zu schweigen. Und wer so denkt, auf partielle Hegemonie hin also, für den sind friedliche Konfliktlösungen die Krätze. Der will Rendite und daher den Blitzkrieg, energisches Durchgreifen gegen die Verletzung der Menschenrechte und wie diese Stilblüten schizoider Funktionäre nun auch immer lauten mögen. Kein Mensch hat doch ein Interesse, daß bspw. der Nahe Osten zur Ruhe kommt. Das können nur Schnösel verlangen, die sich nicht bewußt sind, wie sehr sie von dieser Seite des Konfliktes mitprofitieren. Was sollen die ganzen, in das Hin und Her eingebundenen Funktionäre machen? Woher sollen wir mit all den schwer vermittelbaren Jugendlichen hin die als Söldner im Afganistaneinsatz Sinn und Auskommen gefunden haben? Womit sollen wir die fabelhaften Renditen der Rüstungsindustrie ersetzen, von denen wir alle partiell partizipieren? Auch um die breitenwirksam unterhaltsamen Wohltätigkeitsbälle wäre es schade, auf denen sich die Gattinnen der Gewinnler um ein paar aidskranke Mohrenkinder bekümmert zeigen können. Wie sollen wir den uns mitsamt unserem schwachsinnigem Lebensstandard erhaltenden Rohstoffnachfluß anders gewährleisten? Diplomaten kosten. Militär kostet. Schön viel. Also ein bißchen von beidem. Die Kinder schönreicher Übermenschen schickt man natürlich lieber in die Diplomatie. Und die Automatenhypnotisierten und Molusken diverser Gesellschaften stehen sowieso nicht zur Debatte zur Verfügung, um ernsthaft mitreden zu können und werden bei den Ballonfahrten der ameropischen Gesellschaftsformen bestenfalls als Manövriermasse eingesetzt. Um Räuber und Gendarm spielen zu können, braucht man von beidem Leute, um beide Rollen besetzen zu können.

    In Ihrer Denke freilich zeigen sich entsprechende Inkonsistenzen wie zumindest mir scheint. Is ja nicht schlimm, insofern wir wenig zu sagen haben. Zuweilen denken Sie ökologisch -systemisch, also kosmopolitisch im besten Sinne. Dann wieder sprechen sie bspw. einem Gewaltmonopol für. Und fallen sogar soweit hinter das in der Theoriebildung Erreichte zurück, Neutralität für möglich zu halten. Grad als ob irgendein Repräsentant auch nur irgendeines Landes in seinen Interessen unberührt sein könnte. Da brauchen Sie einen Eskimo, der nicht lesen und schreiben kann, könnte man denken. Vielleicht tut´s es auch ein Neo, also ein Nazi aus Mecklenburg. Aber selbst das reicht nicht. Selbst, wenn eine Rechenmaschine als Vermittler eingesetzt werden sollte (wenn es OP Roboter gibt und Pflegeroboter, die den Alten ein Kuscheltier ins Gitterbette reichen können, könnte es ja auch so was wie orakelvolle Mediationsroboter geben)- so würde diese Rechenmaschine lt. Konstruktivismus- Denke einzuberechnen haben, welche Macht ihr den Strom zuspeist = drosseln könnte.

    Festzuhalten bleibt erst mal ein wenig origineller Schluß, der auf eine ungebrochene Tradition verweist: Für die paar … wie sie Sie sagen „einige Kriegsgewinnler“ rechnet sich Irak, für die rechnet sich der derzeitige Aufmarsch in Polen, in Tchechien, für die rechnet sich Afganistan. Seit Rußland sein Reset in stabilfeudalistische Verhältnisse hinbekommen hat, und die Rüstungsproduktion nicht mehr volkseigen ist, rechnet sich das auch da für einige sehr viel mehr als für andere. Da ist sogar einem Konflikt wie in Georgien in gewisser Weise etwas abgewinnen.
    Das sind die “Systeme”, die in sich etwas strikter gekoppelt sind, nicht die offiziell immerhin noch ab und zu beobachtbaren Schausstellerverbände in Brüssel, Berlin oder München.

    Auch beim Drehen und Wenden der aktuellen politischen Kabalen wird deutlich: Das Systemdenken an sich führt weiter, aber es führt nur begrenzt weiter. Die erwähnten Inkonsistenzen sind im Rahmen dieses Denkzeuges normal. Denken wir im Begriff der Struktur, gilt es einerseits alles in allem (in gewisser Weise systemisch) und andererseits im Detail zu denken (Chaostheorie). Bei konsequenter Ausführung strukturtheoretischer Ansätze gibt es wahrscheinlich auch weniger Brüche mit Maturana.

    In der Praxis bedeutete dies alles in allem, konsequent kosmopolitisch zu denken, das Gesamte im Blick zu haben. Potlatch – das wäre Globalisierung. Wir finden in den Regierungen diese Pattsituationen (wie künstlich die Interessengegensätze staatstragender Gruppen auch inszeniert sein mögen), wir finden Machtgleichgewichte, Polarisierungen im Globalmaßstab. Das Gewaltmonopol, um das es eigentlich geht, ist das Gewaltmonopol dessen, was “uns” ökologisch ermöglicht. Wer also auf höhere Mächte vertraut, darf in jedem Fall optimistisch sein und auf nachhaltigen Frieden hoffen, an dem vielleicht sogar ein paar von uns beteiligt sein werden.

    Sog. „Rückkopplungen ins System“ führen es an seiner Grenzen. Wird eine autopoeitische Struktur fortgesetzt in diesem Sinne stimuliert, transzendiert es seine Form oder es wandelt (!) seine Qualität.
    „Kommunikation“ (einander überlagernde und anregende Resonanzprozesse) kann nicht abgebrochen sondern bestenfalls verlagert werden. Das ist daher auch nicht unbedingt gefährlich, wenn jemand verstärkt intern bzw. intrapsychisch “kommuniziert”.
    Wenn Staaten nicht mehr miteinander reden, ist das ähnlich, wie wenn Persönlichkeiten nicht mehr miteinander reden. Die Macht der Körpersprache bleibt. Und über sie zeigt sich, daß das Reden zwischen Persönlichkeiten durch das Reden zwischen Persönlichkeitsanteilen zunehmend ersetzt wird. Persönlichkeitsanteile, welche die Körper der Gesellschaft mal mehr mal weniger begeistern. Interne Kommunikation sozusagen (ich verwende diese „Notbehelfsbegriffe“ um hier besser verständlich zu sein, warne aber einmal mehr vor den Nebenwirkungen mangelhaft konzeptualisierter Nebenimplikationen). Einsicht als Frucht solcher internen Abstimmung ist der erste Weg zur Besserung. Wobei der Volksmund dabei womöglich Konsistenz meint. Innere Haltung, die in äußerer Haltung von Staaten, Kartellen bzw. Persönlichkeiten dann zum Ausdruck gebracht werden kann: Friedensgespräch (d.h. die Claims sind wieder abgesteckt und hinreichend bewacht) oder „bewaffneter Friedenseinsatz”.
    Anderes?
    Es ist wie in der Therapie. Wer aktuell schwächer dasteht, bzgl. der Aushandlung von Statusansprüchen sucht einen Externen davon zu begeistern, daß seine Interesse allgemeinerer Natur sind. Wer sich sicher fühlt, der braucht weder Reden noch Ratschläge sondern setzt Frames in Form Fakten, sich also möglichst umstandslos durch.

    Ich finde es also schön, was Sie schreiben und hab mir fest vorgenommen mehr zu lesen, aber so bilden sich die Zyklen der Genese und Degeneration staatstragender Organisationsformen und deren weniger offizieller Ergänzungen für mich einfach nicht überzeugend ab. (Wobei das Kritisieren natürlich leichter fällt.) Davon abgesehen, daß das bei prinzipieller Betrachtung sowieso der Fall ist – vielleicht meinen Sie Ihre Sätze ja anders, als ich sie schon verstehen kann, noch verstehen mag (sind ja auch eine Art Aufstellungen, deren Strukturkonstellation ich meinen Resonanzkörper aussetze).
    Wie das Hin- und Herhalluzinieren hier verläuft, erscheint mir inzwischen wieder ein bißchen spannender. Fatalerweise heißt das wohl, daß die Intensivierung externer Themen dazu führt, daß auch hier wieder bissel mehr Leben in die Bude kommt bzw. die stillen Teilhaber einfach nur pietätvoller sind. Wie dem auch sei. Schnell noch der Kommentar für Spätberufene: Kommentare sind Kommentare – nicht mehr, nicht weniger. Mal interessanter, mal weniger interessant. Sie geben einem was beim Schreiben, beim Lesen. Sie laden zum Lesen, Schreiben ein. Beredtes Schweigen kann mitgedacht werden. Dramaturgisch animierende Konfliktanträge gibt es vielleicht im nächsten Leben. Obwohl friedliche Konfliktlösungen langfristig nicht immer das ökonomisch Sinnvollste sind – auch und gerade wenn man keinen Friedhof Gleichgeschalteter will.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 15. August, 2008 @ 10:23 Uhr

  8. “Kommunikationsabbruch” im Sinne von “mit Ahmadinedschab reden wir nicht” muss natürlich auch als Kommunikation betrachtet werden.

    Ignorieren auch.

    Und Neutralität bezieht sich m.E. (als Aspekt des systemischen Handwerks) immer nur auf einen konkreten Konflikt bzw. eine Entweder-oder-Alternative, das “gezeigte Verhalten” des Dritten, die vorübergehende Erfüllung einer Rolle, nicht auf das, was er oder sie denkt und fühlt.

    Offenbar gilt auch für Sie, Herr Liebscht, dass man sich im Leben entscheiden muss, ob man lieber lesen oder schreiben will.

    Dass Sie sich für das Schreiben entschieden haben, kann ich Ihnen nicht verdenken.

    Kommentar by Fritz B. Simon — 15. August, 2008 @ 12:48 Uhr

  9. Danke.
    Mediation ohne Zen ist Partikularismus.
    Und natürlich kommt man diesbezüglich nie weiter als unterwegs zu sein.
    Um immerhin zu wissen, daß Neutralität gar nicht geht, muß man nicht irgendeine Psychologie studiert haben sondern bloß die Körpersprache beliebiger Leute oder Institutionen genauer betrachten.
    Die paradoxe Anforderung der Allparteilichkeit, von welcher Sparrer und Varga von Kibéd gern und gut sprechen, scheint mir strukturell mit dem Verhalt zu korrespondieren, daß jede Organisationsform im Ansatz paradox angelegt ist.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 16. August, 2008 @ 00:09 Uhr

  10. Früh bei der migränegeplagten oder just unfreundlichen Bäckerfrau
    also “wo” es die Algenbrötchen gibt und das Schweizer Bürli,
    auf der Glastheke die Zeitungen
    von denen meine Augen beim Anstehen gern die Schlagzeilen klauen
    so wie neulich als BILT in fetter schwarzer Schrift schrieb:
    KRIEG!- und mich das an alte schwarzweiße Fotos in vielleicht doch nicht so ganz falschen DDR – Geschichtsbüchern erinnerte.

    Heute aber daneben: nie gesehene Flaschen mit exotisch – farbenen Füllungen: Limonaden für 90 Ct.
    Das Etikett verblüffte weiter: “Spirit of Georgia”.
    Georgien; Ursprung Europas noch vor Griechenland!
    Die Brücke, da die Altvorderen durchkamen von Tansania her!
    Die Geschichte vom Sündenfall vor 5000 Jahren nahbei in Stein geritzt!
    Längst Christen da hier in den Wäldern noch germanische Stämme Indianer spielten!

    Irgendwie hatte ich Lust, die Plörre zu probieren und wunderte mich wieso ausgerechnet in Görlitz der Jesusbäcker flugs solch aktuellen Bezug herzustellen vermochte, ja Solidarität zu vermarkten suchte.
    Leider reichte das Semmelgeld nicht mehr.
    Spirit of Georgia?
    : “Limette und Waldmeister”. Aha.
    “Kaktusfeige und Blutorange”. Hätt ich nicht gedacht, aber es is ja doch auch ein recht fernes Land.
    “Kiwi und Mango” ???
    Irgendwie … diese ironisch anmutenden Koinzidenzen in den Phänomenen selbst, ich kann das alles noch nicht so recht integrieren.
    (Und hier hilft einem ja keiner.)

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 16. August, 2008 @ 13:56 Uhr

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