Simons Systemische Kehrwoche

Schredder

Fritz B. Simon

In den letzten Wochen bin ich nicht nur mit dem Entsorgen von Bücher, CD’s und Ähnlichem beschäftigt, sondern ich trenne mich auch von alten Akten – Patientenakten.

Es gibt ja Vorschriften, dass derartige Unterlegen eine gewisse Zeit aufgehoben werden müssen. Aber so lange, wie ich die Protokolle von Therapien, Analysen etc., die ich vor (in manchen Fällen) 30 Jahren mal durchgeführt habe, wie Schätze gehütet habe, das geht über alle amtlichen Anforderungen hinaus.

Warum habe ich all diese Notizen, Aufzeichnungen, Protokolle von und über Therapiesitzungen so lange aufgehoben?

Souvenirs? Das Aufrechterhalten von Beziehungen, die lange verjährt sind?

Raum für vielfältige Deutungen.

Warum habe ich sie nun alle geschreddert?

Das ist eine langwierige und langweilige Tätigkeit, die erstaunliche physikalische Einsichten über die Möglichkeiten, dieselbe Materiemasse in unterschiedliche Volumina zu füllen, mit sich bringt, aber trotzdem nicht selbstverständlich ist. Das heißt, sie bedarf des Entschlusses.

Vergangenheitsbewältigung? Gezielter Gedächtnisschwund? Datenschutz (das auf jeden Fall).

Mir war sehr unwohl dabei, mich so radikal von der Vergangenheit zu trennen. Trotzdem: Nach zig Jahren höchste Zeit reinen Tisch zu machen.

Merkwürdig, was man alles aufhebt, und zu welchen (?) Zwecken…

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8 Kommentare

  1. Lieber Herr Simon,

    das kann ich sehr gut nachfühlen, weil mir diese Gemütslage um den Abschied von all den Sachen zwischen Aktendeckeln, die früher einmal so unglaublich wichtig waren (sie waren es seinerzeit manchmal wirklich,aber doch nur manchmal). Manchmal zucke ich dann zurück: Willst du das jetzt wirklich für alle Zeit vernichten? Bei manchen Sachen habe ich ein klares Ja, bei anderen plagen mich Zweifel. Heute wird viel über die 68er Zeiten diskutiert. Ich habe manchmal gedacht: Da machst du irgend wann etwas draus. Heute sind es dann doch oft andere Wichtigkeiten um jene Zeiten als das, was sich damals so spektakulär ausgetobt hat. Merkwürdig, was man alles aufhebt und zu welchen Zwecken. Wie Recht Sie doch haben. Demnächst mache ich mich wieder dran ans Ausmisten. Sie haben mich motiviert, es mutig zu tun. Danke!

    Herzlichen Gruß,
    Horst Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 27. Juni, 2008 @ 17:55 Uhr

  2. Ja, Herr Kasper: “Da machst Du was draus!”, ist wahrscheinlich auch ein Gedanke, den ich hatte…

    Aber, um die Motivation für Sie weiter zu steigern: Seit ich das alles geschreddert habe, fühle ich mich fit für die Zukunft.

    Zukunftsorientierung ist wahrscheinlich ja daran gebunden, sich – zumindest in Massen – von der Vergangenheit trennten zu können (- wie schreibt man das noch nach der neuen Rechtschreibung: mit ß oder mit ss?).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 27. Juni, 2008 @ 18:39 Uhr

  3. Zu diesem Thema fällt mir nur der vielschichtige Roman “Rot” von Uwe Timm ein.

    Kommentar by Elisabeth B. Far. — 27. Juni, 2008 @ 18:40 Uhr

  4. Dreht es sich um das “rechte Maß” oder die “gewaltigen Massen”? So funktioniert jedenfalls die Unterscheidung. Wahrscheinlich geh es immer ein wenig um beides.

    Kommentar by Horst Kasper — 27. Juni, 2008 @ 21:05 Uhr

  5. Die Frage von ß und ss lassen wir mal unentschieden – passt ja beides ganz gut…

    Kommentar by Fritz B. Simon — 28. Juni, 2008 @ 09:11 Uhr

  6. Vielleicht, daß es einem auf einer eher urtümlichen Ebene mehr oder weniger bewußt ist, daß die Akten,
    die wir
    ungebeten
    ÜBER andere Menschen anlegen, eigentlich doch
    irgendwo
    auch diesen Menschen selbst gehören, diesen in irgendeiner Form zu gänglich zu machen sind. In gewisser Weise handelt es sich um Repräsentationen dieser Personen, Zeugnissen ihrer so und nicht anders verlaufenen Existenz. Irgendwo auch Vermächtnisse. Akten die im Gebrauch zwischen Menschen
    gleich
    Parallel-
    existenzen
    eine Art Eigenleben entwickeln
    Wenn man
    sich dieser Blasphemie,eigenmächtig und ohne Erlaubnis Zeugnisse von Gottes Schöpfung anzulegen, schuldig macht … daß man diese Schuld nur bereit ist einzugehen, unter implizitem Ablegen des
    Versprechens
    etwas draus zu machen und derart eines Tages, wenn Zeit ist, es auf Ausgleich zu bringen,
    diese Eigenmächtigkeit
    zu rechtfertigen. Lesen wir
    in diesen Zeugnisse so und nicht anders gelebten Lebens
    , scheinen die Akten
    Leben zu bekommen. Daß wenn wir die Akten von jemanden zerstören, das wie eine Verletzung interpretiert wird. Du sollst Dir kein Bild von mir machen auf daß ich keinen Einfluß mehr nehmen kann.
    Voodoo.

    Kommentar by Max Liebscht — 28. Juni, 2008 @ 11:58 Uhr

  7. Hallo Frau Taraba, bin Ihrem Hinweis gefolgt und habe die Bescherung gefunden.

    Kommentar by Elisabeth B. Far. — 28. Juni, 2008 @ 18:00 Uhr

  8. Doch nicht so gedankenschnell.

    Kommentar by Max Liebscht — 29. Juni, 2008 @ 00:49 Uhr

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