Schule
Fritz B. Simon
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich als jemand entlarve, der seine pubertären, antischulischen Affekte hier ungehemmt und Beifall heischend auslebt, würde ich gern das Thema Schule noch einmal in Thesenform ansprechen.
Was man in der Schule lernt, ist
(1) Schüler zu sein (Disziplin, sich in die Spielregeln von Organisationen einzufügen)
(1.1) sich in Beziehungen zu Hierarchen zu positionieren (Anpassung oder Widerstand, Sich-Abgrenzen oder Sich-Identifizieren)
(1.2) sich in Beziehungen zu seinen Peers zu positionieren (mit der Masse gehen oder Einzelgängertum, Konkurrenz oder Kooperation)
(1.3) dass die vermittelten Inhalte beliebig und austauschbar sind, da sie Mittel zum Zweck sind (Beziehungsaspekte sind der eigentliche Lehrstoff).
(2) Wenn man gute Lehrer hat, dann kann man auch noch lernen, klar zu argumentieren, logisch zu denken, seine Kreativität zu nutzen, sich Stoffe geordnet zu erarbeiten, sich seiner Kompetenzen bewusst zu werden und sie zu entfalten, oder neugierig auf Themen zu werden, von denen man bis dahin keine Ahnung hatte etc. (aber das sind im Zweifel “Nebenwirkungen”, die mit Schule durchaus kompatibel sind, aber nicht deren Kern ausmachen – auch wenn engagierte Lehrer sich derartigen Zielen verpflichtet fühlen)
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Lieber Herr Simon,
Leider nur in aller Eile: ich habe nicht den geringsten Einwand, gegen das, was Sie hier so klar und eindeutig beschreiben. Wir sind Teil des Systems, in welchem man in der Organisation Schule genau diese Dinge lernt. Schon im Elternhaus lernt man „sich einzufügen“ in ein soziales System. Was ist daran schlecht? Das scheint einer menschlichen sozialen Notwendigkeit zu entsprechen. Ich betrachte das als selbstverständlich. Dennoch gibt es auch “unangepasste” und diverse Zwischstufen von “Unangepasstheit”, die jeder von uns, mehr oder weniger lebt, die im System dennoch Angepasstheit bedeutet. Das System lebt ja bekanntlich von Störungen.
Deswegen betrachte ich es auch als in einem gewissen Sinn problematisch, wenn Erwachsene pubertäre Befindlichkeiten aus ihrer Schulzeit unreflektiert und unkritisch zum Besten geben, statt sich zu überlegen, warum Schule so ist, wie sie ist, und wie diese Organisation aussehen könnte, ohne eine Gruppe der Beteiligten zu desavouieren, sonder klar und deutlich zu formulieren, was die Aufgabe der Schule ist, dann wird auch der Widerspruch, der Doublebind oder die Verlogenheit oder Unbewusstheit in der wir leben zumindest deutlicher.
De einzige Antwort, die ich hier akzeptieren will ist die, sinnvolle Projekte für eine Veränderung dieser Organisation zu formulieren. Zum Beispiel eben die, das Lehrer keine besondere Ausbildung brauchen, sondern dazu da sind, Schüler den ganzen Tag zu betreuen und zu beaufsichtigen, und Ihnen primitive Regeln des Zusammenlebens beizubringen, da sie sonst von niemandem beigebracht werden. Natürlich könnte man sich vieles andere überlegen, aber das scheint dann mehr in den Bereich der Utopie zu fallen – dem sich übrigens eine Menge Lehrer verpflichtet fühlen. Ein Dilemma denke ich.
Lehrer engagieren sich im Grunde fast nur mehr, in dem, was die “Beziehungsaspekte” betrifft, da die Eltern das nicht mehr leisten und die Lehrer Angst vor den Schülern haben, die derart ohne Grenzen aufwachsen. Die Lehrer müssen daran scheitern, weil genau diese Grundlegung durch die Eltern geleistet werden muss. Soziale Bindung und Zuwendung gehört zum Menschsein und Menschwerden. Wenn wir das vergessen, wird sich halt der Mensch zu seltsamsten Wesen weiterentwickeln….
Kommentar von Sylvia Taraba — 24. März, 2009 @ 20:41 Uhr
Mir scheint, liebe Frau Taraba, Sie vernachlässigen den Unterschied zwischen Schule und Familie als sozialen Systemen sehr unterschiedlichen Typs:
In der Familie herrscht eine personenbezogene Kommunikation, in der Organisation eine sachbezogene. In der Familie sind die Personen nicht austauschbar, in der Organisation sind sie es. Das macht einen gravierenden Unterschied. Denn in Organisationen zu funktionieren heißt immer, seine eigene Austauschbarkeit als seine Existenzgrundlage zu akzeptieren… Soll man das?
Kommentar von Fritz B. Simon — 24. März, 2009 @ 21:06 Uhr
Lieber Herr Simon, mir scheint Sie widersprechen sich doppelt und dreifach, und Sie wissen nicht, dass es in Schulen oftmals keinerlei Sachbezogenheit gibt, sondern schlicht personenbezogene Kommunikation. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn Sie sich davon einmal ein Bild machen würden? In der Schule sind die Personen, die einen Schüler begleiten (lehrer) auch oft nicht austauschbar, jedenfalls für die Dauer der Schulzeit eines Individuums nicht…Die Schüler übrigens auch nicht. Die Frage, die Sie zuletzt stellen ist außerdem hoch artistisch – was denken Sie?
Kommentar von Sylvia Taraba — 24. März, 2009 @ 21:19 Uhr
Lieber Herr Simon, liebe Frau Taraba,
Schule ist ein Zwangskontext.Ist es nicht eine Stärke von Kindern und Jugendlichen sich diesem Zwangskontext zu widersetzen? Vor allem dann, wenn er sie nötigt den Vormittag sinnlosen Inhalten zu verbringen; sich Regeln und Ritualen zu unterwerfen, die sie selbst nicht mitgestalten können? Wenn sie genötigt werden stundenlang “fremdgesteuert” zu sein? Wo bleibt für SchülerInnen die Möglichkeit mitzugestalten? Wann haben sie Gelegenheit zu konstruieren, statt ständig zu rekonstruieren? Wann dürfen sie dekonstruieren? Meist wird doch immer nur instruiert.
Systemisch- konstruktivistisches Denken und Handeln sind leider immer noch Ausnahmerscheinungen in der Schulwirklichkeit. Für mich gehört das in die Lehrausbildung.
Schule sollte vor allem eine Schule der SchülerInnen sein.
Es gibt inzwischen auch viele gute Beispiele dafür. Dort wird Demokratie gelebt , miteinander gelernt, gelacht, gespielt, gearbeitet und gefeiert. Schulen, die die Ressourcen der Kinder fördern und fordern. Viele Kinder und Jugendliche brauchen mehr denn je Anerkennung, Achtung, Wertschätzung und Empathie. Sie brauchen das Gefühl das sie etwas können, das sie wichtig und wertvoll sind. Ist das so schwer?
Kommentar von Eva Woelki — 24. März, 2009 @ 22:09 Uhr
Noch ein Kommentar- für alle Lehrkräfte.
, nicht bös gemeint.
Natürlich werden die zwei “das” in meinem vorletzten Satz mit ss geschrieben. Ich korrigiere das lieber gleich. Lehrer haben so einen Rechtschreibfehlerblick
Kommentar von Eva Woelki — 24. März, 2009 @ 22:17 Uhr
Also, das ist mir einfach zu dürr, lieber Herr Simon! So wenig wie das, woran Sie sich hier erinnern, haben auch Sie in der Schule und durch die Schule bestimmt nicht gelernt. Auch wenn es Ihnen aus der Sicht des kritischen Systemikers heute so erscheinen mag. Ich will an ein paar wenigen Beispielen erläutern, wie ich das meine:
Lesen. Wahrscheinlich haben Sie einst als hochbegabtes Kerlchen dank Ihrer Wissbegier schon vor dem Beginn der Schule lesen können. Ihre Klassenkameraden haben das Lesen dank Schule und Unterricht gelernt. Selbst Ihnen bot die Schule den Rahmen, Ihre Fertigkeit zu stärken und zur Reife zu bringen. Wenn heute laut PISA-Studien fast ein Viertel aller jungen Erwachsenen nicht richtig Lesen und Schreiben kann, ist das sehr schlimm. Aber es bedeutet auch, dass mehr als ¾ aller Erwachsenen während ihrer Schulzeit gelernt haben, einen Text zu lesen und gleichzeitig zu verstehen. Was wäre denn mit der Lesefertigkeit in einer zivilisierten Gesellschaft, wenn es keine Schule gäbe, die dafür den Rahmen und die Gelegenheit bietet.
Schreiben. Da gilt zunächst einmal dasselbe wie beim Lesen! Außerdem: Dass die Schule hier nicht perfekt arbeitet, zeigt sich manchmal sogar hier im Blog. Selbst manche Akademiker, jüngere noch mehr als ältere, tun sich schwer mit der Orthografie. Das ist auch eine Folge der Überfrachtung der Schule mit Inhalten, die zu einer immer weiter fortschreitenden Einschränkung der Übungszeit für solche elementaren Leistungen wie das Rechtschreiben führen. Jedenfalls gehört es zweifellos zu den Aufgaben der Schule, solide Grundlagen für den schriftlichen Umgang mit der Muttersprache zu fördern.
Rechnen. Kann man die Weite des Zahlenraumes ohne Schule und Unterricht begreifen lernen? Hätte ich das elementare Rechnen nicht in der Schule gelernt, wo sonst? Könnte ich mein Leben in einer komplizierten Gesellschaft ohne Rechenfertigkeit führen? Auch wenn viele junge Leute beim Hören des Begriffs Mathematik schon in Deckung gehen, weil sie längst in der Vermeidungsecke zu Hause sind, was alles betrifft, das an Zahlen und Rechnen erinnert. Ich bin jedenfalls froh, die meisten Rechenprobleme des Alltages bis hin zum Rechnen mit Gleichungen, das Prozentrechnen, aber auch die Berechnung von Konstruktionen, Flächen, Körpern so beherrschen gelernt zu haben, dass ich das bis heute kann.
Weltwissen. Ich kann hier nur wieder von der eigenen Erfahrung ausgehen. Der Geschichtsunterricht, auch wenn das in der Nachkriegszeit praktisch ohne Schulbücher ablief und mehr oder weniger die Geschichte der Kriege betraf, hat mir später bei der selbstständigen weiteren Durchdringung historischer Sachverhalte sehr geholfen, was ich da gelernt hatt. Vom Biologie-, Physik- und Chemieunterriecht profitiere ich bis heute und die Orientierung im Raum: Was für ein Ereignis war es damals für mich, mit dem damals neu aufgelegten Diercke-Atlas zu arbeiten. Über Fremdsprachen gäbe es auch eine Menge zu schreiben…
Musik. Ohne den guten Musikunterricht hätte ich nicht (mit vierzehn) rasch vom Blatt singen, Violine und Klavier spielen gelernt, ganz zu schweigen vom Wissen über die Musik.
Ich bin noch heute vielen meiner Lehrer dankbar für das, was ich durch sie, wenn auch nicht immer von ihnen, gelernt habe.
Sie haben mich zu einer ordentlichen Selbstprüfung veranlasst, lieber Herr Simon. Ich beende sie mit der Feststellung, dass ich offenbar viel mehr in meiner Schulzeit und durch die Schule gelernt habe als Sie. Und das alles unter den gemessen an heutigen Möglichkeiten äußerst armseligen Bedingungen von Kriegs- und Nachkriegszeit.
Beste Grüße,
Horst Kasper
Kommentar von Horst Kasper — 24. März, 2009 @ 22:22 Uhr
Lieber Herr Simon
Wie sehr Sie mir aus dem Herzen sprechen! Auch ich sehe mich hie und da konfrontiert mit meinen „antischulischen Affekten“, die bei mir evt. noch etwas häufiger auftreten, weil ich in der LehrerInnenaus- und Weiterbildung natürlich noch mehr mit Lehrpersonen zu tun habe und nach wie vor sowohl in deutschen wie auch in schweizerischen Schulstuben oft genau das antreffe, was Sie thesenartig formuliert haben.
Und wenn wir schon bei den antischulischen Affekten sind: Sloterdijk hat es mal folgendermassen auf den Punkt gebracht:
„Viele Lehrer betreiben Entmutigungsdidaktik, wenn sie als Bildner von schlechtem Klima wirken. Das tun sie oft, auch ohne es zu wollen, wenn sie heimlich ihr eigenes Scheitern oder ihr Selbstmitleid auf ihre jungen Klienten übertragen. Man müsste die Kinder durch ein eigenes Emissionsschutzgesetz gegen Erwachsenenpessimismus schützen.“
Gerade weil die Beziehung der eigentliche Lehrstoff ist und viele Eltern in den heutigen vorherrschenden Kleinfamilien offenbar überfordert sind, „braucht es eine Trendwende, die den Pädagogen mehr als Künstler der Beziehungen zeigt und weniger als einen blossen evolutiven Wissensvermittler.“ (Reich, 2005)
Und betreffend der Beziehungsaspekte, die von den Eltern geleistet werden müssten:
Remo Largo, der mit seinem neuen Buch (Schülerjahre) soeben wieder einen Bestseller landet, (was natürlich nichts heissen will) schreibt, dass es möglicherweise ein Mythos sei, wenn man glaubt, dass Eltern in der Vergangenheit mehr Verantwortung für ihre Kinder übernommen hätten: „Früher wurden Kinder sehr viel stärker durch eine Gemeinschaft bestehend aus Bezugspersonen der Verwandtschaft und aus dem Bekanntenkreis sowie durch Geschwister und zahlreiche andere Kinder erzogen. Heute verbringt ein Kind während der obligatorischen Schuljahre bis zu 10‘000 Stunden in der Schule. Da ist es schlicht unmöglich, die Verantwortung dafür, dass Kinder fleissig, ordentlich und anständig sind und möglichst keine Probleme machen – wie Lehrer ihre Schüler gerne hätten -, nur bei der Familie zu suchen. Die Schule wird zukünftig sogar mehr Verantwortung auch ausserhalb des Unterrichts übernehmen müssen.“ (Largo, 2009)
Und genau für diese Verantwortung braucht es LehrerInnen, die professionell coachen können und hauptsächlich als AtmosphärendidaktikerInnen wirken. Erst diese Neuausrichtung der Schulen würde meines Erachtens das System Schule grundlegend perturbieren und nicht so Reförmchen wie Tagesschule ja oder nein oder statt 45 Minuten- 60 Minuten-Lektionen einführen usw. Es braucht dazu sicherlich intensives Arbeiten im und am System, denke ich.
Herzliche Grüsse
Max Woodtli
Kommentar von Max Woodtli — 24. März, 2009 @ 22:56 Uhr
Ihr Punkt, Herr Kasper!
Ich habe lesen, rechnen und schreiben erst in der Schule gelernt. Und das finde ich auch wichtig an Schule, dass sie derartige Kulturtechniken vermittelt. (Dazu braucht man aber nicht 13 Jahre.) Auch Geografie habe ich in der Schule gelernt, Musik leider überhaupt nicht… Orthographie habe ich auch nicht in der Schule gelernt, obwohl ich sie für wichtig halte und bei Seminararbeiten von Studenten darunter leide, wenn (bzw. dass) sie lausig ist (ich habe sie erst erlernt – zumindest die Komma-Regeln – seit ich publiziere).
Und ich habe sicher auch noch vieles andere gelernt, von dem ich oben gesagt habe, dass man es lernt, wenn man engagierte Lehrer hat (ich hatte einige) – aber, und das scheint mir wichtig zu betonen und der Punkt, um den es mir geht: All das kann in der Schule geschehen und geschieht auch hoffentlich, aber es ist nicht das, was m.E. die Funktion (wahrscheinlich nicht die einzige Funktion) von Schule ausmacht: das ist der in meiner These 1 genannt heimliche Lehrstoff. (Ihr Beispiel, dass heute viele nicht mehr lesen können, nehme ich eher als Beleg für meine These.)
Kommentar von Fritz B. Simon — 24. März, 2009 @ 23:00 Uhr
Lieber Herr Woodtli, ich denke dass Sie es genau erfasst haben, was die Praxis erfordert. Aber die Diskussion in der Öffentlichkeit und natürlich die Lehrerausbildung drückt sich genau um diese Punkte herum. Und deswegen ist die öffentliche Diskussion aus meiner Sicht unehrlich. Herrn Simons Statement aus systemtheoretischer Sicht entbehrt leider der Hinweise auf diese Praxis, obwohl er ja diesbezügllch auch Praktiker ist und nicht nur Theoretiker! Aber das wird sich ja jetzt ändern, da Schule allmählich in das Blickfeld rückt und nicht, wie wir vor einigen Jahren feststellten, sich niemand für die Schule interessiert….
Kommentar von Sylvia Taraba — 25. März, 2009 @ 10:40 Uhr
Der Comic am Schluss muss ich mir merken! Auch ein schönes Beispiel für “Reframing”.
Kommentar von Max Woodtli — 25. März, 2009 @ 12:57 Uhr
Wird hier nicht der den Schüler einzubleuende Kanon vergessen?
Es gab eine Zeit, da reichte es, von einem anderen zu wissen “Volksschule, mittlere Reife, Abitur, Latinum klein oder gross” und man wusste in etwa, was man beim Gegenueber grosso modo voraussetzen kann.
Kommentar von duscholux — 25. März, 2009 @ 17:54 Uhr
Lieber Herr Simon, ich hab den Laptop auf die Reise mitgenommen und finde gerade Zeit ihn zu nutzen. Ob ich mich noch klar ausdrücken werden können, weiß ich nicht, aber ich habe ein Unbehagen, das ich gern los würde: Wurde hier nicht vergessen eine klaren Unterschied zu machen zwischen Beobachtung 1., 2., und Ja: 3. Ordnung???
Meine “Schilderungen” der Praxis, wie ich sie als Kunsterzieherin (!) in der Schule kennen gelernt oder durch diverse Schilderungen anderer Lehrer erfahren habe, sind 1. Ordnung.
Ihre systemischen “Thesen” – also Ihre Beobachtung der Funktion von Schule ist eine Beobachtung 2. Ordnung;
letztere als bewusste und notwendige gesellschaftliche Übereinkunft zu sehen und zu akzeptieren und deshalb für “selbstverständlich” zu finden, wäre eine Beobachtung 3. Ordnung:
„Ich verstehe mein System in dem ich lebe, dessen Teil ich bin“. D.h. ich akzeptiere, wozu und wie die Systeme nun mal je in sich funktionieren. Ich sehe meine individuelle persönliche Aufgabe darin, im Zuge von deren Erfahrung, Reflexion und meiner Verantwortung, mich für deren „Kontrolle“, „Humanisierung“ oder „Verbesserung“ zu engagieren.
Sich als Schüler/in dagegen, also gegen die Zwangsveranstaltung Schule, zu wehren ist wiederum 1. Ordnung; – ganz ohne Kritik und ganz ohne Wissen, wehrt man sich, aus dem „kindlichen“, „jugendlichen“,„humanen“ oder „wilden“ Selbstverständnis heraus, quasi instinktiv gegen Zwang? Warum eigentlich? Um das System zu perturbieren? „wild“ zu bleiben, als Widerspruch, der das System entwickelt?
Was mir überhaupt nicht klar wurde: sind Ihre “Thesen” kritisch, stoisch oder ironisch gemeint (Teilnehmer/innen scheinen sie als kritisch aufzufassen!) -oder als lapidare systemische Feststellung??? Kann sich daran etwas ändern und wenn dann wie und warum überhaupt???
Was ist das Ziel systemtheoretischer Intervention (Beobachtung)? Die reine Feststellung der Beobachtung oder Verantwortung und Veränderung?
In Ihrer (verzeihen Sie) „pubertären“ Schilderung Ihrer Schulzeit (1. Ordnung) geben Sie Ihrem „antischulischen“ Unmut Ausdruck, womit Sie, wie gesagt, durchaus viele Sympathiepunkte gewinnen. In den nachfolgenden Thesen fassen Sie zusammen, wozu Schule aus systemischer Sicht dient, also was ihre gesellschaftliche Funktion ist. Auch hier gewinnen Sie hohe Zustimmungswerte. Wenn sie das in einer ganz normalen Tageszeitung schreiben würden oder systemisch ungebildeten Lehrern erzählen würden, die würden Ihnen aus Ihrer Sicht 1. Ordnung widersprechen. Würden das Hohe Lied der Bildung und Pädagogik anstimmen, von der freien Entfaltung des Individuums.
Sie schreiben: „Vor diesem Erwartungshintergrund (Individuum als Ich-AG) gewinnt die Schule als Organisation, in der das Funktionieren in Organisationen trainiert wird (= Unterordnung und Austauschbarkeit zu akzeptieren), eine besondere, prekäre Bedeutung…“
Wie ist „prekär“ hier zu verstehen – aus Ihrer Sicht?
Was bedeuten nun Ihre Thesen – dass hier eine revolutionäre Änderung dieser Funktion möglich ist, ja schon ins Haus steht, oder dass 1-3 unwiderruflich gesellschaftliche Funktion der Schule ist, um (heutige) Gesellschaft überhaupt zu ermöglichen??? Wodurch verändert sich Gesellschaft aus systemtheoretischer Sicht? Durch schlichte Beobachtung oder durch die Intervention des Kapitals und seiner Notwendigkeiten?
Ist dies erst HEUTE die gesellschaftliche Funktion der Schule oder immer schon gewesen, seit es staatliche Schulen gibt? (ohne hier historische Aufarbeitung der Entstehung von Schule einzufordern)
Es ist in den Beiträgen angeklungen, wie ich übrigens auch meine, dass Schule heute eine durchaus neue Funktion hat, nämlich die ländliche! (Groß)Familie zu ersetzen… und schon die Kinder zu coachen, dass sie im System besser funktionieren und dabei auch noch glücklich sind. (Mal abgesehen von den Nebeneffekten der dabei erlernten Kulturtechniken) Wäre Letzteres die Idee eines Funktionssystems: – effizient zu funktionieren und dabei auch noch glücklich zu sein? Für alle natürlich gleichermaßen. Oder gibt es Unterschiede?
Pisa legt ja nahe, dass in der Schule mehr einschlägiges „Wissen“ produziert werden muss. Wie geht das zusammen?
Ohne Ihre Antwort empfinde jedenfalls ich, dass Sie sich diesbezüglich mehrfach widersprochen haben, sozusagen auf verschiedenen Eben durcheinander gesprochen, beziehungsweise nachgebessert haben, was ich auf die Komplexität der Beobachtungsebenen dieser Schulfrage zurückführe….
Ich habe mich nicht sophisticated ausgedrückt. Diese Fragen interessieren mich nicht fachlich, sondern wegen meiner Vergangenheit, und besonders jetzt, da in Österreich gerade ein absurder Budget-Coup der Bildungsministerin, getarnt als seltsame Reform, gelandet werden soll, der das Land spaltet, nämlich in Lehrer und die übrige Bevölkerung: erstere sollen 2 Wochenstunden länger „vor der Klasse stehen“, unbezahlt versteht sich und das findet die übrige Bevölkerung o.k. und dass die Lehrer sich wehren, asozial. Was diese typisch ambivalente bzw. negative Rolle zeigt, die die Lehrer in den Köpfen der Menschen spielen – warum, darauf sind wir hier noch nicht tiefer gehend gekommen….
Kommentar von Sylvia Taraba — 26. März, 2009 @ 04:05 Uhr
Liebe Frau Taraba,
Ihre Unterscheidung zwischen Beschreibungen 1. und 2. Ordnung scheinen mir durchaus nachvollziehbar und sinnvoll. Und auch die Zuordnung, die Sie vorgenommen haben. Mein Unwillen über die Schule gehört sicher zur 1. Ordnung, d.h. zu der des Teilnehmers am System (als Schüler oder Vater), d.h. des Erlebens aus der Innenperspektive. Und hier setzt auch der Unwillen an, den ich in der Regel durch meine Thesen bei Lehrern ernte.
Meine Thesen erfolgen aus einer Aussenperspektive dazu. Und ich meine, dass der von mir genannte, heimliche Lehrstoff von Schule unvermeidlich ist, es sei denn man hat ein Modell von Hauslehrern – was ja in der weit verbreiteten, individualisierten “Nachhilfe” durchaus häufig praktiziert wird.
Warum ich diese organisationelle Wirkung so in den Vordergrund rücke, hat einen einfachen Grund: Ich denken, dass man sich nur im Bewusstsein dieser – unvermeidbaren, weil übergeordneten, gesellschaftlichen – Funktion von Schule Gedanken darüber machen kann, wie man diesen limitierten Freiraum nutzen will oder soll.
Hier scheint mir sehr wohl Platz für ein Modell, in dem der einzelne, unverwechselbar Schüler mehr in den Mittelpunkt gerückt wird oder in dem Kooperation honoriert wird. Und das sieht man meiner Erfahrung nach an der Art, wie mit Inhalten umgegangen wird. Eine meiner Töchter ist eine Zeitlang in Kanada in eine Schule gegangen, da war das – nach dem, was sie mir erzählt hat – der Fall. Man hat Inhalte gemeinsam erarbeitet, Kooperation und Kreativität wurde positiv bewertet etc. Auf jeden Fall war der Kontrast zu unseren expliziten und impliziten Lernzielen riesig. Wo ich nur einen Kanon von Inhalten vermittle, da wird jede Abweichung zwangsläufig negativ bewertet und Hierarchie ist an die Beherrschung dieser Inhalte gekoppelt. (Das Mandarin-Prinzip.)
Mein Eindruck ist, dass mit der Steigerung des Ausbildungsaspekts, d.h. der Schwerpunktsetzung auf Berufsvorbereitung, der Leistungssteigerung, der Fokussierung auf professionellen Verwendbarkeit dessen, was gelernt wird, der einzelne Schüler immer mehr aus dem Blickfeld gerät.
Hier setzt meine Kritik an der Schule an.
Ich denke, Schule sollte sich auf Bildung im traditionellen Sinne (auch und gerade als Persönlichkeitsbildung) zentrieren und alle sachliche Zweckbezogenheit über Bord werfen. Kein Mensch weiss heute, welches Wissen unsere Kinder in der Zukunft baruchen. Also sollten wir sie in die Lage versetzen, es dann zu generieren, wenn sie es brauchen, statt es jetzt zu “speichern”. Wir sollten Musse- und Reflexionsfähigkeit als Hauptfächer etablieren. Die Fähigkeiten, die man braucht, um sich kreativ sein eigenes Weltbild und seine eigene Welt zusammen zu bauen, müssten vermittelt werden…
Also: Mehr Kunsterziehung (nicht, um Sie jetzt glücklich zu machen), mehr Musik, Philosophie, Erkenntnistheorie etc. Und schmeißt das Datengehubere über Bord.
Leider kenne ich noch genug Lehrer, die Bildung mit Datenwissen u.Ä. gleich setzen. Die halte ich für nur beschränkt tauglich, oder überhaupt für ziemlich beschränkt…
Kommentar von Fritz B. Simon — 26. März, 2009 @ 08:00 Uhr
“Ich denke, Schule sollte sich auf Bildung im traditionellen Sinne (auch und gerade als Persönlichkeitsbildung) zentrieren und alle sachliche Zweckbezogenheit über Bord werfen. Kein Mensch weiss heute, welches Wissen unsere Kinder in der Zukunft baruchen.”
“Also: Mehr Kunsterziehung (nicht, um Sie jetzt glücklich zu machen), mehr Musik, Philosophie, Erkenntnistheorie etc. Und schmeißt das Datengehubere über Bord.”
Absolut einverstanden! Und als Vertreter der Berufspädagogik könnte ich mir noch vorstellen, dass es durchaus Sinn macht zwischen der allgemeinbildenden Schule und der Berufsschule zu unterscheiden. Im Unterschied zur allgemeinbildenden Schule wird die Berufsschule und somit (mehr oder weniger) auch der Inhalt von den Lernenden bewusst gewählt. Somit kommt man wahrscheinlich nicht darum herum, hier auch berufsrelevante Fachinhalte zu schulen, obwohl auch hier die Halbwertszeit der Relevanz dieses Wissens drastisch abnimmt (natürlich nicht bei allen Fächern gleich drastisch, wie z.B. bei den Sprachen). Auch im Berufsbildungskontext wäre somit eine andere Art des Umgangs mit Wissen und Nicht-Wissen durchaus angebracht.
Ironie des Schicksals: Selber mache ich die Erfahrung, dass gerade BerufsschullehrerInnen noch am ehesten offen sind für neue Ansätze. Also dort wo die Relevanz von Fachwissen womöglich noch am ehesten gegeben ist, ist man am meisten offen für Musse, Reflexionsfähigkeit usw.
Kommentar von Max Woodtli — 26. März, 2009 @ 09:54 Uhr
LLieber Herr Simon, darin sind wir uns vollkommen einig, also erstens in Ihrer vorangegangnen Analyse, die kann ich vollkommen nachvollziehen und in Ihrer Kritik und Ihren Ideen, die meine eigene Lehrausübung, dank meines Faches, angeleitet haben.
Ein Punkt fehlt mir – das Problem Eltern – gerade die wollen, leistungsorientiert, dass ihre Kinder das Datengehubere mit machen, wenn sie nicht schlicht froh sind, dass sie die Kinder abgeben können und möglichst erst abends zurückbekommen – was ja unter bestimmten Bedingungen durchaus verständlich ist, aber eigentlich gleichermaßen kritikwürdig ist. Teilnehmer des Schulsystems 1. Ordnung sind Schüler/Eltern/Lehrer/Adminstration und Staat.
2. Ordnung können nur ganz wenige analysieren, was da vor sich geht.
Auch die Lehrerausbildung gaukelt den Lehrern vor, für was anderes bestellt zu sein, als sie dann an Ort und Stelle in der Praxis erfahren – wofür sie natürlich nicht besonders ausgebildet wurden. Die verspannteren unter ihnen tappen dann voll ins Messer:
Ihnen wird dann nachgesagt, dass sie unfähig, schlecht usw. sind, sie haben „Burnout“ (übrigens eine der Interessantesten Feststellungen von Ihnen, das Burnout Langeweile sei nd Ihre Begründung dazu (rebell-TV), Angst und machen sich so zu Opfern
Wie soll dieser Widerspruch je gelöst werden?
Mein Standpunkt: jeder ist nur selbst ist fähig und auch verantwortlich dafür, hier an seinem Platz das Entscheidende zu tun und zu bewirken.
Aber die Verlogenheit dieser Diskussion (wie man sie jetzt wieder in Österreich beobachten kann), ein ganz schlimmer Doublebind, verhindert sogar, dass man über das Gleiche spricht, wenn man über das Gleiche spricht. Der Ansatz war ja auch hier schon zu spüren, jeden packt das Unbehagen bei einem anderen Schwerpunkt und schon gerät man in Konflikt, weil jeder einen andern Aspekt betont, der dem anderen scheinbar widerspricht oder nicht geläufig ist…..
Kommentar von Sylvia Taraba — 26. März, 2009 @ 10:18 Uhr
Das Thema Schule findet in der Öffentlichkeit von jeher immer große Aufmerksamkeit – Leserbriefe und Kommentare kommen auch hier zahlreich. Es gibt kaum eine Institution über die wir nicht alle meinen mitreden zu können. Schließlich waren wir alle einmal in der Schule und kennen den “Laden” von innen und außen. Also munter drauflos diskutiert. Ob jedoch unsere Ideen etwas mit dem zu tun haben, wie Pädagogen heute versuchen ihren Job zu machen sei mal dahingestellt. Als systemischer Berater ist es für mich wenig hilfreich der Schule und den Personen die sie vertreten ihre Defizite und Mängel um die Ohren zu hauen. Ok es gibt viel zu tun und es gibt viele Menschen in diesem System, die auch mit Hilfe der klugen externen Experten versuchen gute Lösungen zu finden.
Schule kann jedoch niemals Ersatz für Familie sein und das auffangen, was dort zu lernen und zu leisten ist.
Kommentar von Wolfgang Röttsches — 27. März, 2009 @ 09:58 Uhr
Ja, da stimme ich Ihnen in allen Punkten wirklich zu. Und es ist von wirklich allen Beteiligten eine ehrliche Beobachtung verlangt, die aufdeckt, was hier tqtsächlich der Fall ist. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist auch schon Schülern (auch bezüglich ihrer Haltung), aber erst recht den Eltern, den Lehrern und den Politikern zumutbar.
Kommentar von Sylvia Taraba — 27. März, 2009 @ 10:35 Uhr
Lieber Herr Simon, liebe KommentatorInnen,
leider bin ich erst heute dazu gekommen, die Lektüre meiner RSS-Abos gebührend nachzuholen und habe aus diesem Grunde die enorm spannende Diskussion hier verpasst.
Daher in Kürze: Sie scheint mir einerseits ein weiterer Beweis für die fehlende Limitionalität des Erziehungssystems zu sein, das bekanntlich zwischen Inflation und Deflation oszilliert (es würde sicherlich den Rahmen und die Nerven potentieller LeserInnen überstrapazieren, diesen Punkt hier weiter auszuführen; meine letzten 50 eigenen Blogartikel behandeln mehr oder minder dieses Problem, das aus dem fehlenden symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium des Systems resultiert… umso wichtiger m.E. übrigens die Einsicht, die operationalisierten Programme des Systems mehr in den Blick zu nehmen: Also Klassen, Prüfungen, Lehr(ver)ordnungen, Reflexionsangebote, Lernumgebungen etc. – denn diese stehen im Gegensatz zum Code prinzipiell zur Disposition).
Andererseits ist die Diskussion ein weiterer Beleg für das alte Foerster’sche Postulat vom Empfänger, der den Sinn einer Nachricht bestimmt; auch und gerade bei hochemotionalisierten Themen wie “Schule” oder “Lehrer”. Ich kann das im Übrigen nachvollziehen: Einerseits wird (in der Öffentlichkeit) von Lehrern eine prinzipielle Zuständigkeit für die Gesamtgesellschaft eingefordert (Systemwucherungen, die ein System nicht mitmachen kann), nicht erst seit Schlagworte wie “lifelong learning” die Runde machen; andererseits wird ihre Arbeit und die Institution Schule als solche laufend delegitimiert, von anderen Funktionssystemen “bedroht” (Autonomieverlust), in den Massenmedien und der öffentlichen Meinung angegriffen… da wundert es kaum, dass Äußerungen (die ich beispielsweise nicht als Kritik, sondern als sehr feinsinnige Beobachtung wahrgenommen habe) eine solche Diskussion auslösen.
Wobei das ja grundsätzlich nichts Schlechtes ist.
Kommentar von Sebastian — 17. April, 2009 @ 20:40 Uhr