Schwarzfahren in Berlin
Fritz B. Simon
Gestern habe ich an einem Kunstprojekt teilgenommen, in dessen Verlauf mein Gesicht (inkl. Bart, Lippen, Ohren, Hals…) vollkommen schwarz (=pechschwarz) angemalt wurde.
Da am Ort des Geschehens die Möglichkeiten sich zu waschen nicht sehr attraktiv waren, beschloss ich zu der mir nächst verfügbaren Dusche in einem anderen Stadtteil zu fahren. Dazu musste ich die S-Bahn benutzen.
Die erstaunliche Erfahrung dabei war, dass kein Mensch von mir Notiz nahm (d.h. natürlich: nicht mal so habe ich das geschafft). Kein Lächeln, kein Stirnrunzeln, kein Wort. Eventuell ein flüchtiger Blick, aber auch der nur ausnahmsweise und dann von japanischen Touristen.
Das ist es, glaube ich, was Berlin so interessant macht. Man fällt nicht auf, der Spielraum für Abweichungen ist deshalb ziemlich groß, kein Schwein schert sich darum, wie man lebt. Und deshalb kann man sich auch rot oder grün oder schwarz anmalen, ohne dass dies irgendwie gesellschaftlich sanktioniert würde (zumindest kurzfristig).
Mir selbst ist diese Gleichgültigkeit meinem Schwarzaussehen erst zu Hause aufgefallen. Denn während der Fahrt hatte ich das ganz vergessen (man sieht sich ja nicht). Erst der Blick in den Spiegel und die Mühe der Entfärbung hat mir vor Augen geführt, wie ungewöhnlich die Nicht-Reaktion meiner Mitmenschen war.
Die Anonymität einer richtigen Großstadt = die Freiheit, die man da genießt: Berlin eben.
10 Kommentare
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Stadtluft macht frei. Der Kontext scheint mir allerdings nicht ausreichend beobachtet. Wie meinte F.v.Logau:
“Fastnacht ist die schnöde Nacht, die das Christentum fast schwärzet, drinnen sich die geile Welt mit dem schwarzen Buhler herzet.
Unter allen hohen Festen hat die Fastnacht Oberstelle,
Weil man sieht, dass ihr zu Ehren sich das meiste Volk geselle.”
Kommentar by es — 13. Februar, 2012 @ 13:49 Uhr
Fastnacht gibt es nicht in Berlin…
Kommentar by Fritz B. Simon — 13. Februar, 2012 @ 15:05 Uhr
Allerdings züchten auch moderne Formen von Freiheit gerade in der Anonymität von Großstädten Ohne-Michel-haltungen und Untertanenmentalität.
“Seit ich in Berlin bin, lebe ich unter dem Druck dieser sklavischen Masse ohne Ideale. Zu dem alten menschenverachtenden preußischen Unteroffiziersgeist ist hier die maschinenmäßige Massenhaftigkeit der Weltstadt gekommen, und das Ergebnis ist ein Sinken der Menschenwürde unter jedes bekannte Maß. Ich mache Studien”
Heinrich Mann 1906
Ohne Eigenverantwortung und minimale Anteilnahme, was sich im öffentlichen sozialen Raum so tut, kann sich die Version “kein Schwein schert sich darum” auch als Selbstisolations-Bumerang erweisen.
http://www.zeit.de/2011/24/01-USA-Deutschland/seite-2
Ob es sich langfristig auszahlt, unbeteiligt mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen und mit Einmauern in Hartherzigkeit den Rest seines Lebens zu fristen, weiß ich nicht so genau:
http://www.zeit.de/2012/07/WOS-Kronberg
Angesichts des Gesamtpanoramas vor unser aller Augen fällt mir immer “Biedermann und die Brandstifter” ein.
Vogel-Strauß-Politik mit gelegentlichen Stoßgebeten zum Himmel: “Heiliger St. Florian…” eben.
Irgendwie sind mir die Facetten des main-streams nicht so ganz geheuer: Lebensqualität liegt für mich in der Gestaltung von Freiheit, die ich trotz Anstrengungen auch genießen kann.
Weniger dagegen im Genuß in Form von beliebigem, unbeteiligtem und passiv abgeschottetem Konsum von Massenware.
Ganz ohne Aufwand lassen sich auch Alltäglichkeiten gestalten:
Kleine Gesten: “Sie sind ja schwer bepackt? Kann ich Ihnen helfen?” Eine kleine Anerkennung: “Sie sehn heute aber toll aus. Ist schon Rosenmontag?” “Bitte nach Ihnen”….”"Gern geschehen”
Einfache Alltagsfreundlichkeiten. Diese vermisse ich eben in anonymen Großstädten. Deshalb lebe ich lieber in der Provinz.
Hier finden sich auch noch “arschlochfreie Zonen” mit Nachbarschaftshilfe.
Kommentar by deaXmac — 13. Februar, 2012 @ 15:07 Uhr
Was machen die denn dann seit 1430?
Soll doch auch der “Alte Fritz” seinen Spaß gehabt haben, als er sich unters Volk mischte.
Kommentar by es — 13. Februar, 2012 @ 16:28 Uhr
Da hat wohl wieder mal jemand in seinen Plattenschrank geguckt,
http://www.youtube.com/watch?v=FvJJRVQKz3E&feature=related
Auch ein immer wieder netter Soundtrack für derlei Selbsterfahrungstripps durch den öffentlichen Untergrund; “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität” von Richard Sennett.
Man kann in Berlin auch nahezu ohne Beinkleid unbehelligt mit der U-Bahn reisen.
Seitdem ich das mal – aus Versehen (in einem etwas bewegteren Aufstellungsseminar hatten die Nähte der akrobatikuntauglichen Hose nahezu flächendeckend nachgegeben, was ich aber ebenfalls irgendwie erst zu Hause gewahr wurde – ausprobiert habe, warte ich auf die Einführung von FKK-Waggons.
Kommentar by Max Liebscht — 13. Februar, 2012 @ 19:03 Uhr
Kommentar #2 by Fritz B. Simon — 13. Februar, 2012 @ 15:05 Uhr
“Fastnacht gibt es nicht in Berlin…”
Hier irrt FBS, leider:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/karneval-in-berlin-frohsinn-mit-schalldaempfer/6201228.html
Karneval in Berlin
Frohsinn mit Schalldämpfer
Anhänger des Jeckentums feierten auf dem Ku’damm – unter Protest gegen Lärmvorschriften des Senats.
ad Kommentar #5:
Kann Berlin, was New York kann?
Schlüpfer-Schau in der U-Bahn
New York lässt die Hosen weg
http://www.bild.de/reise/2012/new-york/no-pants-subway-ride-new-york-u-bahn-21975124.bild.html
Kommentar by duscholux — 14. Februar, 2012 @ 08:12 Uhr
Kein Mensch nahm von dir Notiz? Von wegen… Das ist ja gerade der Trick! Keiner schaut hin, ist auch nicht mehr nötig. Schau mal bei http://www.paraleaks.noia rein. Die machen es offen: BKA, CIA, Savak, DINA, KGB, IGST, GIZ, Mossad, Kempeitai usw. haben dich am 12.02.’12 erfasst und mit Scanner geweißt, Schuhgröße, Kragen- und Pupillenweite gespeichert. Typisch für Hinterher: Die eigene Gleichgültigkeit fällt einem erst zu Hause auf.
Schon ’49 verbot unsere Mutter uns, die S-Bahn zu nehmen. Ihr landet sonst bei den Russen! Überhaupt – muss es denn Berlin sein? Nimm allenfalls die U-Bahn, Fritz. Am sichersten ist’s doch zu Hause.
Übrigens, am schlimmsten sind die Japaner mit dem Nicht-Angucken. Cave 憲兵隊 !!
Kommentar by clairvoyant — 14. Februar, 2012 @ 10:22 Uhr
@3 “Nachbarschaftshilfe” und arschlochfreien Zonen gibts in London, Paris und sogar Berlin, das ist nun wirklich kein Privileg der Provinz.
Und trotzdem kann man in der Stadt in wohltuende Anonymität eintauchen, ohne das Verhalten seiner Mitmenschen als Gleichgültigkeit abwerten oder blödes Gerede in Kauf nehmen zu müssen. Wunderbar!
Die “Alltagsfreundlichkeiten” (nicht zu verwechseln mit den Scheißfreundlichkeiten)lassen sich auch in der niederbayerischen Provinz vermissen. Das ist nicht typisch für die Großstadt.
(hier gebe ich zu, ich bin froh, der gar nicht so kleinen Provinz entkommen und in der gar nichts so großen Großstadt angekommen zu sein).
Besser oder schlechter gibts da nicht.
Kommentar by TPunkt — 14. Februar, 2012 @ 10:58 Uhr
Gut, dass FBS nicht im Gorillakostüm unterwegs war! Da wäre er gar nicht aufgefallen, nicht einmal Japanern.
http://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo
Kommentar by Louis de Lue — 14. Februar, 2012 @ 13:12 Uhr
@ 8.
Von “Besser oder schlechter….” war überhaupt nicht die Rede.
Weshalb auf Privilegien pochen? Es gibt eben Beides.
Ich habe halt so meine eigenen Berliner Erfahrungen im gesamten Spektrum auf dem Buckel, auch mit nicht gerade wohltuender “Anonymität” samt Ignoranz und Arroganz.
Berlin samt “Berliner Schnauze” mit “Meenste” weiß ich dennoch sehr wohl zu schätzen und zu genießen.
So klein ist meine Provinz garnicht, sie hat gelegentlich sogar Hauptstadt-Flair, wenn auch nicht so glamourös und stylish wie Berlin:
http://www.groenemeyer.de/musik/singles-maxis/komm-zur-ruhr/titel-texte/komm-zur-ruhr/
http://www.youtube.com/watch?v=k8gFxkXi-GA
Ich mag die direkte Art des Melting-Potts einfach lieber.
Rauh, aber herzlich.
“Alles klar?”…”Na Logo!”….”Un sons” … “Et muss”
Kommentar by deaXmac — 15. Februar, 2012 @ 19:21 Uhr