Simons Systemische Kehrwoche

Selektionskriterien

Fritz B. Simon

In der letzten Woche war ich zweimal in Sachen Kultur außer Haus. Erst habe ich eine Oper (Don Carlo), dann auf dem Jazzfest Berlin Carla Bley gesehen/gehört.

Das Durschnittsalter des Publikums war in beiden Fällen ca. 60 Jahre (d.h. zwischen 50 und 70, wahrscheinlich sogar noch etwas höher), aber dennoch vollkommen verschieden. Die beiden Selektionen der Bevölkerung wurden eigentlich nur durch mich miteinander verbunden…

In der Oper waren eher die guten Bürger, d.h. lauter Studienrätinnen mit Perlenketten, die voller Verachtung auf diejenigen schauten, die nicht den Eindruck erweckten, dass sie jederzeit mitsingen oder zumindest die Partitur lesen könnten.

Bei Carla Bley waren diejenigen, die ehemals der Schreck dieser – schon immer vorgealterten – Studienrätinnen waren. Sie sind jetzt offensichtlich auch in die Jahre gekommen, tragen aber immer noch gern Schwarz, und sie halten sich wahrscheinlich immer noch für jünger als sie aussehen.

Menschen unter 30 waren kaum vertreten, weder in der einen, noch in der anderen Veranstaltung.

Dass Carla Bley und ihr Lebensgefährte, Steve Swallow (am Bass), in den 70er sind, hat man nur an den verrunzelten Krakenfingern, mit denen sie ihre Instrumente bedienten, gemerkt. Die übrigen Mitglieder der Band waren allesamt etwa halb so alt, und die Musik, die sie zusammen spielten, war irgendwie alterslos. Die Sängerinnen bei Don Carlo waren alle viel jünger, etwas moppelig, und sie haben trotzdem (oder deswegen – das weiss ich nie…) grandiose Töne produziert.

Interessant, wie sich Szenen und Subkulturen gegeneinander abgrenzen. Ob man zu der einen oder der anderen gehört, sieht man schon an der Kleidung. Dass die Eintrittspreise als ein (aber nicht das einzige) Selektionskriterium fungieren, dürfte eine nicht allzugewagte These sein, aber nur das Fehlen der Jungen erklären.

In beiden Fällen fragt man sich (d.h. frage ich mich – immer wieder…), ob man wirklich dazu gehören will…

Aber das Publikum sollte weder gegen die Oper noch den Jazz als Argument verwendet werden. Was können Verdi und Frau Bley dafür…?

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3 Kommentare

  1. Bevor Sie von
    Carlo über
    Carla nach
    Karlovy Vary kommen
    vielleicht schon mal ein bißchen S-Gymnastik:
    http://www.youtube.com/watch?v=4nvikKHM6qQ&feature=related

    Kommentar by Max Liebscht — 8. November, 2011 @ 20:38 Uhr

  2. Mein Sohn Philipp, 22 Jahre, Student der Juristerei war ebenfalls in der Oper Carlo von Verdi. Er nutzte das Angebot der Deutschen Oper Berlin für Bürger unter 30 Jahren für alle Preiskategorien Karten für 10€ zu erwerben. Dieser preisgünstige Möglichkeit ist 1 Stunde vor Operbeginn geöffnet.
    Philipp und manch anndere junge Menschen nutzen diese Möglichkeit und insoweit ist noch Hoffnung für die deutsche Kulturwelt.
    Vielleicht setzen Sie sich zukünftig in die besten Reihen, da sitzen so einige dieser Jungen und diese sehen (noch) nicht wie gealterte Studienrätinnen aus.

    Kommentar by Renate Walter-Kirst — 11. November, 2011 @ 13:44 Uhr

  3. @2: Ja, stimmt. Da waren ein paar junge Leute. Sie haben den Altersdurchschnitt um etliche Jahre gesenkt. Danke. Und keine Perlenketten…

    p.s.: Ich habe zu gestehen, dass ich von diesen Billigkarten weiß, weil meine Kids sie auch gelegentlich nutzen (allerdings wundern sie sich aber immer wieder über den Altersdurchschnitt des Restpublikums).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 11. November, 2011 @ 22:48 Uhr

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