Selektionszwang
Fritz B. Simon
Dass nicht zu wenig, sondern zu viel Daten das Problem der US-Geheimdienste sind, zeigt das Beispiel des nigerianischen Unterhosenbombers. Die diversen Dienste (16 an der Zahl) hatten alle Daten darüber, dass ein Nigerianer, der im Jemen trainiert wird, an den Weihnachtsfeiertagen versuchen würde, ein Flugzeug in die Luft zu jagen (- eine Formulierung, die zugegebenermassen in Bezug auf Flugzeuge zu verharmlosenden Missverständnissen einlädt), und der Vater des Attentäters war persönlich beim Chef der CIA in Lagos vorstellig geworden, um vor seinem Sohn zu warnen.
Alle Daten waren da, sagt Obama, aber es gelang nicht, die “dots” zu verbinden.
Das ist aber generell das Problem, wenn man von Daten überflutet wird. Wie filtert man, was wichtig und was unwichtig ist. Wie macht man aus wahrgenommenen Unterschieden (= Daten) schließlich Unterschiede, die Unterschiede machen (=Informationen) und schließlich Wissen (= Handlungskonsequenzen, die man aus Infos ableitet).
Wenn man das Maschinen überlässt, dann kann man sehr wohl auf potentielle Verknüpfungen kommen und als intelligenter Beobachter neue Hypothesen bilden. Aber man darf nicht erwarten, dass die Maschine intelligent ist und sich in Sicherheit wiegen, wenn die keine Verknüpfungen herstellt. Das kann ja schon – wie hier geschehen – deswegen der Fall sein, weil ein Name (2. Unterscheidung nach GSB) mehrfach anders geschrieben ist. Die Maschine koppelt immer nur Zeichen mit Zeichen, nie das Bezeichnete (1. Unterscheidung: der konkrete Mensch mit Sprengstoff in der Hose) mit der konkreten, befürchteten Aktion.
Hätten diese Dienste – die organisatorischen Probleme, die durch die Vielzahl der autonomen und miteinander rivalisierenden Einrichtungen entstehen, lassen wir mal beiseite – über weniger Daten verfügt, so wäre die Mitteilung des Attentäter-Papas, eines ehemaligen Ministers, sicher anders bewertet worden und sie hätte andere Konsequenzen gehabt…
Wieder einmal ein Beleg, dass man nicht vorsichtig genug sein kann, bei der Wahl der Daten, mit denen man sich zumüllt – als Individuum wie als Organisation.
3 Kommentare »
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“…wieder einmal ein Beleg, dass man nicht vorsichtig genug sein kann, bei der Wahl der Daten, mit denen man sich zumüllt – als Individuum…… wie als Organisation….”
Das komische ist, dass ja das individuelle Gehirn umgehend “wichtig” und “unwichtig” selektiert, und die Daten- und individuelle Informationsverarbeitung bisher keinen allzu großen Wissensstau erzeugt hat, dass aber die Träger (des Hirns) sich so viele neue Spielsachen (Unterscheidungen) gleichzeitig angeschafft haben, deren Wichtigkeit oder Unwichtigkeit noch nicht ausreichend durchdekliniert, durchanalysiert und durchkommuniziert sind, größte Schwierigkeiten damit haben, sich erneut auf die wesentlichen Informationen zu einigen….
Kommentar von Sylvia Taraba — 9. Januar, 2010 @ 13:15 Uhr
Wie verändert sich die “freie” Welt!
Kann Freiheit hineinkontrolliert werden?
In Israel werden die Fluginsassen (konnte ich mir nicht verkneifen Frau Taraba)in einem “guided interview” befragt. Alle!
Kommentar von es — 9. Januar, 2010 @ 17:40 Uhr
Glauben Sie an “Freiheit”?
Mehr oder weniger Kontrolle wird es wohl geben müssen
…..Die Gedanken sind frei….
und aus denen wird die Welt gebaut. Wenn die Gedanken beschränkt sind, gibt es mehr Kontrolle in der Welt. Grenzen muss es geben, das ist sozusagen die “Natur” von Welt, und der Zwei-Seiten-Form. Werden notwendige Grenzen nicht eingehalten gibt es die verschiedensten Arten von Kontrolle….
Wer die Macht hat Kontrolle auszuüben, das ist eine Frage der Mehrheiten (von Argumenten, Stimmen, Geld, Kapital, Gewehren oder Bomben usw.)
….deshalb haben Gedanken Macht, sie können etwas bewegen, z.B. neue Mehrheiten bilden….
Kommentar von Sylvia Taraba — 11. Januar, 2010 @ 13:18 Uhr