Sklavenaufstand
Fritz B. Simon
Die Ereignisse in Rosarno machen deutlich, wie in Italien (und bei uns nicht viel anders) mit Arbeitsimmigranten umgegangen wird. Im Wochenmagazin Espresso ist jetzt ein langer Artikel dazu erschienen, in dem u.a. analysiert wird, wie die Regierung Berlusconi eine neue Form der Kriminalität erfunden hat: die “clandestinità”, d.h. das Leben im Untergrund.
Der Entstehungs-Mechanismus ist simpel: Wer seine Arbeit verliert, verliert auch seine Aufenthaltsgenehmigung. Dann kann er seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, bekommt keine ärztliche Versorgung, keine Fahrerlaubnis, keine neue Arbeit. Die braucht er aber, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten usw.
Catch.22.
Eine der Folgen ist ein Phänomen oder eine Fähigkeit, das bzw. die darin besteht, sich unsichtbar zu machen - für alle öffentlichen Beobachter. Da man ja trotzdem Geld verdienen muss, ist man allerdings jeder denkbaren Form schamloser Ausbeutung ausgeliefert.
Der Autor der Artikels sieht in dieser Gesetzgebung ein Menschenbild am Werke, das auch bei uns die Gesetzgebung lange Zeit bestimmte: der Immigrant als Roboter, als eine Arbeitsmaschine, die man anstellt, wenn man sie braucht, und abstellt, wenn man sie nicht mehr braucht.
Dass das nicht so funktioniert, merkt man, wenn diese Arbeitssklaven ihre Familien mitbringen, Kinder in die Welt setzen, und nicht aufhören wollen zu arbeiten, wenn man ihr Arbeit nicht mehr braucht.
http://espresso.repubblica.it/dettaglio/la-rivolta-degli-schiavi/2119377//0
3 Kommentare »
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Keine Sorge, alles wird gut!
Die Jungs haben alles im Griff und wenn von den letzten eben ein paar von den Hunden unter uns gebissen werden dann sind die Werteorientierungen auch wieder so, wie wir sie brauchen.
http://www.youtube.com/watch?v=iy-el0jO1mo&feature=channel
Kommentar von Max Liebscht — 18. Januar, 2010 @ 10:15 Uhr
Wenn wir von der Schwäche der Anderen (in dem Fall afrikanischer Immigranten) ausgehen, gehen wir ausschließlich von unserer (kapitalistischen, demokratischen) Stärke aus. Die Stärke der Afrikaner, die sich auf den Weg machen nach Europa zu kommen und das schaffen, ist eine enorme Selbstbehauptung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen. Ich bin der Überzeugung, dass wir für deren negative Lebensumstände, die sie diese fliehen lassen, Mitverantwortung tragen.
Aber ich bin ebenso der Überzeugung, dass diese Menschen für das Geburtsland, das sie verlassen Verantwortung tragen.
Ich denke, der Umstand, dass sie unsere Schwächen, und die Schwächen des Systems, schamlos ausnützen, entsteht aus dem psychischen Manko, sich als Opfer zu fühlen oder zu bestimmen. Statt ihr persönliches Schicksal und das Schicksal ihres Landes in die Hand zu nehmen, nehmen sie in Kauf irgendwo im Untergrund oder am äußersten Rand menschenunwürdig zu vegetieren und auch ihre Familien da mit hineinzuziehen.
Ihre Stärken und ihr integratives Selbstbewusstsein produktiv und revolutiv im eigenen Land ein- und umsetzen, um sich nicht selbst zu betrügen, ist das, was ich von diesen Menschen verlange und erwarte.
Sie sind dann nicht Opfer, sondern produktive Täter, die es vermeiden, sich als Bodensatz und Abschaum des Reichtums zu etablieren, sondern selbst einen (relativen) Reichtum zu erschaffen und ihrerseits Bedingungen der Akzeptanz und Unterstützung zu kreieren.
Unsere Mitverantwortung an der Gestaltung eines neuen Menschenbildes ist es, Ökologie als Ziel und einen fairen Preis für deren Ressourcen und deren Produkte und Dienstleistungen zu bezahlen, als Gebot der Stunde zu sehen und das fehlende, notwendige, nachhaltige Knowhow als Nachbarschaftshilfe beizusteuern.
Diese Menschen beim illegalen Einwandern in die Industrieländer zu unterstützen, um Billigst- und Billigarbeit für das kapitalistische System resp. Mafia zu leisten, halte ich für ein Missverständnis und ist einem konstruktiven, produktiven Menschenbild keinesfalls zuträglich.
Nun wird mir sofort Blauäugigkeit vorgeworfen werden, weil es eine allgemein anerkannte Legende ist, dass Menschen mehr wollen als sie haben und dass sie zu diesem Zweck dorthin auswandern müssen, wo der Wunsch nach “mehr” und nach “besseren Verhältnissen” gewährleistet scheint.
Ich habe leider keine Ahnung, wie der gedankliche und praktische Übergang in andere Verhältnisse gelingt. Ich bin der Ansicht, dass in der gegenwärtigen Welt Wanderbewegungen keinerlei allgemeinverträglichen Sinn stiften, da sie keines der zu Grunde liegenden Probleme lösen, sondern diese individuell und objektiv prolongieren.
Die Gier nach mehr ist die eine Seite, entfremdete Arbeit die andere Seite. Das Problem des kapitalistischen Wirtschaften ist, dass es vom Drücken der Preise für die Arbeitskraft lebt und seinen ungeheueren Mehrwert daraus schöpft. Da das Problem die Lösung ist (…) ist es notwendig, dass sich alle mit weniger zufrieden geben, indem sie sich weigern, entfremdete Arbeit zu leisten. Diesen Gedanken gilt es zu verbreiten.
Kommentar von Sylvia Taraba — 20. Januar, 2010 @ 11:03 Uhr
Wenn dieser schöne Gedanke sich mal nicht entfremdeter Arbeit verdankt!
Kommentar von Max Liebscht — 21. Januar, 2010 @ 09:10 Uhr