Simons Systemische Kehrwoche

Stammesgesellschaften

Fritz B. Simon

Jemen und Afghanistan stehen nicht so sehr für den Islamismus und Al Qaida, sondern für Stammesgesellschaft.

Es ist eine Gesellschaftsform, die sich radikal von der funktionell-differenzierten Gesellschaft, wie wir sie heute im Westen finden, unterscheidet. Deswegen scheitert der Westen bzw. die Politik des Westens auch damit, dort “Nation Building” zu betreiben. Um von der Stammesgesellschaft zur Nation des 19 Jahrhunderts zu kommen – was damit ja gemeint (und wahrscheinlich auch ein Auslaufmodell) ist – müssen erst noch ein paar Entwicklungsstufen durchlaufen werden, von denen man nicht behaupten kann, dass sie wirklich erstrebenswert sind, z.B. die Stufe des Feudalsystems.

Vielleicht sind ja Diktaturen, wie wir sie in Saudi Arabien oder unter Saddam Hussein im Irak hatten, in diesem Sinne zu werten. Ihre gewalttätige Abschaffung durch Intervention von außen zum Zwecke des “System Change” hat funktioniert, allerdings in rückwärtiger Richtung: zurück zu den alten Stammesmodellen, nicht zum modernen Zentralstaat. Wahrscheinlich lassen sich derartige Entwicklungen eben nicht von außen anstoßen. Irritation/Perturbation kann soziale Strukturen und Prozesse immer nur stören, nicht aber positiv definieren. Das ist nun mal bei autopoietischen, strukturderterminierten Systemen so… Man kann von außen Strukturen zerstören, ihr Aufbau muss aber immer als systemeigene Leistung erfolgen. Es gibt keine instruktive Interaktion (Maturana), es gibt aber destruktive Interaktion.

Deswegen wird man die Entwicklungsschritte von der Stammesgesellschaft zur funktional-differenzierten Gesellschaft auch nicht so einfach überspringen können.

Wäre ja interessant zu überlegen, was heute angemessene und realisierbare Zwischenstufen der Entwicklung wären und was wir deswegen zu erwarten haben.

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4 Kommentare »

  1. Vor noch gar nicht so langer Zeit wären Sie für solche Sentencen von wegen political correctness ziemlich angebellt worden, die verehrten Stammesbrüder per definitionem auf ein zurückgebliebenes Entwicklungsniveau zu fixieren.

    Und in der Tat ließe sich damit natürlich die Sauerei prima legitimieren, dass wir schon wieder kriegerische Entwicklungshilfe leisten – kurz: Krieg führen. Grad als hätten wir als sozialer Reflexionsklumpen aus unserem letzten Krieg und aus dem Vietnam der Russen des Westens nichts gelernt. Hoffnungsträger Hitler und seine Spezies aus der Großindustrie hatten natürlich auch nur Gutes im Sinn mit den primitiven Untermenschen jenseits des Ural. Dejenigen welche übrig geblieben wären würden Dank der deutschen Hochkultur heute zweifelslos ein gehobenes Dasein pflegen. Im Hinblick auf die primitiven und kulturell eher niedrig stehenden Amerikaner plädiere ich schon lange für einen Einmarsch da drüben. Wenn wir denen gezeigt haben, wie es geht, können sie ja immer noch selber.

    Wenn es “uns” tatsächlich um den Entwicklungsfortschritt der Primitivlinge zu tun wäre, würden wir das mit der Infragestellung von außen tunlichst sein lassen. So aber stärken und stabilisieren “wir” den gesellschaftlichen Status quo an sog. Rückständigkeit und haben alles mögliche aber kein Interesse an demokratischen Strukturen, wie wir sie selber nicht haben. Immer wieder hat sich in den letzen Jahrzehnten der Nachkriegszeit gezeigt, dass die US- Amerikaner die Bildung demokratischer Strukturen als Bedrohung ihrer Hegemonie betrachten und vor Ort zu unterbinden suchen.

    Das Interessante ist, dass es Kulturen gibt, die an sich so angepaßt sind an ihre Ökologie, dass sie scheinbar auf die von uns unter Schmerzen erreichten Sozialformen locker verzichten können. Italiener können nicht arbeiten. Den Wilden wachsen die Kokosnüsse und Bananen gerade in den Mund. Die kommen ohne industrielle Revolution und neue Collectionen aus. Wieviel an Entwicklung in unserer alleinseligmachenden Richtung braucht es überhaupt? Auch in Stammesgesellschaften wird gelacht, geliebt u.s.weiter.

    Zu Ihren Überlegungen empfehle ich in diesem Sinne “Drachenkampf” von Heinrich Rombach.

    Dazu kommt, dass das Bild, von wegen, dass wir in 1 Gesellschaftsform leben würden, doch ziemlich eindimensional sein dürfte. Feudalismus, Traumzeitalter, Stammesgesellschaft ebenso auch fortgeschrittenere Gesellschaftsformen haben wir auch hier, mitten unter uns. “Ehe ist ein System ineinandergreifender Diktaturen.” (Anonymus) “Freundschaft ist Kommunismus zu zweit. (aus “Poesie für Zyniker”) “Es kann nur einen geben…” (Highlander und Freunde” …

    Auch bei ernsthafterer Betrachtung lassen sich in unserer – hinsichtlich Sozialevolution gegenwärtig eher regredierenden – Corporatokratie, Entsprechungen zu dem farbenfrohen Graves – Konzept ausmachen; Kulturformen, welche u.a. dazu viable Führungsstile nahelegen… Die durch die Spieltheorie inspirierten Überlegungen zu den Umgangsformen in virtuell vermittelten Kooperationsgemeinschaften; tit for tat e.t.c. finde ich spannend.

    Spannend ist auch der Befund, dass wir uns hurtig eben auch wieder mitten im bewältigt geglaubten Gestern wiederfinden können. Die Russen mit ihrer Feudalismus- Renaissance, wir DDRlinge mit dem Rückfall in die soziale Marktwirtschaft und insgesamt schließlich mit unserem Rückfall in den Frühkapitalismus.

    Kommentar von Max Liebscht — 10. Januar, 2010 @ 18:26 Uhr

  2. Ich finde es etwas irritierend, dass hier von Entwicklungsschritten im historizistischen Sinne gesprochen wird. Sollte ein Psychologe nicht etwas im Historismus geschult sein (via Hermeneutik/historische Methode: Wertgleichheit von historischen Einheiten)?
    Jedenfalls wirkt das Orakeln über sich wiederholende Geschichte irgendwie anachronistisch …

    Kommentar von Martin Weitzmann — 10. Januar, 2010 @ 20:24 Uhr

  3. Lieber Herr Simon,

    grundsätzlich stimme ich Ihnen zu. Trotzdem scheint mir das Durchlaufen sämtlicher evolutionärer Zwischenschritte nicht notwendige Bedingung zur funktionalen Ausdifferenzierung einer Gesellschaft zu sein. Das widerspricht nicht der These des systeminternen Strukturaufbaus – aber eine unflexible Marschroute gesellschaftlicher Entwicklungsziele klingt doch arg teleologisch: Freiheit lässt sich nicht erzwingen, gegebenenfalls kann sie aber irritieren (vielleicht eine Prise Kantische Ethik statt Hegelscher Geschichtsphilosophie). Bitte kein Feudalsystem!

    Kommentar von Sebastian — 10. Januar, 2010 @ 22:10 Uhr

  4. Komplexität muss zu den ökologischen Anforderungen angemessen sein. Insofern sie sich gleichermaßen an verschiedenen ökologischen Werten auszurichten suchen, sind die historischen Gesellschaftsformate in der Tat als gleichwertig anzusehen. Kinder bspw. entstehen nicht nur durch “guten” Sex. Geben es die Umstände her, so verfallen wir schnell und mit beträchtlicher Freude in Stillosigkeit und suchen der Welt ganz ohne Raffinesse ein Schnippchen zu schlagen. Das Dumme an der Intelligenz ist, dass ihr Tendenz dahin geht, sich selbst abzuschaffen u.s.w.u.s.f. Auf stabilem Niveau ungestraft regressiv sein dürfen – das ist doch, was wir mit Paradies assoziieren.

    Insofern sich die ökologischen Werte, auf die sich die sog. historischen Gesellschaftsformate beziehen, inmitten unserer Gesellschaft regenerieren, regeneieren sich auch die sog. historischen Gesellschaftsformate. Mitten unter unser erleben wir allerorten Stammesgesellschaft, Sklavenhalterei, Feudalisnus, Bürokratie, Kapitalismus, Faschismus, Sozialisnus, Kommunismus, Anarchie als mehr oder minder funktionale soziale Antworten auf mehr oder minder realisierte ökologische Fragestellungen und Herausforderungen.

    In anderer Hinsicht sind die Entwicklungsstadien aber durchaus nicht gleich wert. Wer es nicht glaubt, kann sich bei mir gern als Haussklave bewerben. Das heißt, dass wir soziale Werte zum Maßstab dafür machen, als wie wertvoll wir ein Gesellschaftsformat ansehen. Diesbezüglich sind wir mit Kapitalismus unzufrieden, haben damit aber länger üben können als mit anderen Formaten. Dementsprechend verhält es sich mit der systemischen Angemessenheit des entsprechenden Führungsstils. Sag ich jetzt mal als Gelegenheitssystemiker und Strukturanthropologe.

    Auch je nachdem, welche sozialen Werte Sie entsprechend Ihrer Kaste zugrunde legen als Rationalitätskriterium, werden Sie Faschismus sympathischer finden als Kommunismus. In den niederen Kasten träumt man naturgemäß eher von Kommunismus. Die einander in Hassliebe zugetanen und in balanciertem Clinch miteinander liegenden Oligarchenstämme träumen eher von faschistischen Bedingungen, weil diese die unkompliziertesten Bedingungen bieten zur kurzfristigen Profitmaximierung nach dem amerikanischen Cowboy- Management-Modell namens AUA.
    (Absahnen- Und- Abhauen)

    Dieses Verhältnis von Wertgleichheit und Werttungleichheit findet in einer anderen, für die Kinder mühsam zu lernenden Sozialkonstruktion ihre Entsprechung: Sie, werter Herr Weitzmann sind nicht weniger oder mehr wert als ich im Hinblick darauf, dass wir soziale Antworten auf ökologische Fragen zu erfinden haben. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit.

    Gleichwohl erscheint mir Ihr Verhalten als mehr oder weniger wertvoll. Wenn ich die Hoffnung hege, dass Sie mir zeigen, wie sich eine Animation in eine Website einbetten läßt, Sie dieser Erwartung an diesbezüglich mehr oder minder wertvolle Verhaltensbeiträge aber nicht entsprechen wollen und mir stattdessen einen Schneeball an die Rübe schmeissen, so ist Ihnen wenigstens im Nachhinein klar, dass ich eine emotionale oderund rationalisierte Bewertungsreaktion nicht vermeiden kann und hoffe, dass Sie Fortschritte machen in Punkto Sozialität mir gegenüber.

    Wir müssen also zwischen vertikalen und horizontalen Betrachtungen unterscheiden: Dein Verhalten finde ich schlecht und hoffe, dass Du Fortschritte machst (mir gegenüber) aber dennoch bist und bleibst Du wegen Deines Verhaltens/Handelns nicht per se ein schlechter / guter Mensch.
    Person nicht gleich Verhalten. Tun wir das, so verschließen wir uns und dem Stigmatisierten das Potential möglicher Verhaltensweisen. Mich interessiert nicht, wer Du bist sondern zu wem Du werden könntest.

    In der Erziehung sehen wir, was für Schaden entsteht, wenn wir nur eine Art der Betrachtung pflegen. Es führt ebenso zu Verblödung, wenn wir leugnen, dass individuelle Verhaltensbeiträge als (bzgl. der gemäß Sozialkonsens hochgeschätzten Werte wie bspw. unbedingte Kooperation vs, Marktwirtschaft)unterschiedlich wertvoll zu beurteilen sind, wie wenn wir leugnen, dass wir als Mitmenschen gleichwertig sind. Kurz: als Suchende und potentiell Findende ist es empfehlenswert, einander als gleichwertig zu achten. Als Menschen, die eine Antwort gefunden haben ist es empfehlenswert, diese Antworten (als mehr oder minder soziale Leistung) auch zu werten (und damit neu in Frage zu stellen). Im Individuellen wie im Gesellschaftlichen braucht Sportlichkeit (bzw. Resilienz) beides; Lust zu fragen und Lust zu antworten.

    In der Hoffnung Ihnen, Herr Weitzmann und Ihnen, Herr Simon die etwas paradoxen Verhältnisse am Baum der Erkenntnis etwas näher gebracht zu haben …

    Kommentar von Max Liebscht — 12. Januar, 2010 @ 12:37 Uhr

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