Simons Systemische Kehrwoche

Steuerung durch Geld

Fritz B. Simon

Wo soziale Prozesse durch das Medium Geld organisiert werden bzw. sich organisieren, hat dies zur Folge, dass Beziehungen zwischen Menschen an Bedeutung verlieren, d.h. die Bindung zwischen ihnen abnimmt. Die Zugehörigkeit zu spezifischen sozialen Systemen (Familie, Stamm, Nation etc.) wird für das Überleben des Individuums weniger wichtig.

Positiv ist an dieser Entwicklung m.E. zu bewerten, dass die Autonomie des Einzelnen gestärkt wird (allerdings nur: wenn er Geld hat), negativ, dass er zunehmend isoliert wird bzw. sich isoliert.

Das alles hat schon Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes (1900) analysiert. Systemtheoretisch ist es auch logisch und ableitbar von der Funktion des Mediums Geld (s. Systemische Wirtschaftstheorie). Es wird aber auch durch Studien empirisch belegt, die in den USA unternommen wurden: Der durchschnittliche Amerikaner hatte im Jahre 1985 noch 12 bis 13 Personen, die er zu seinem engeren Bekanntenkreis rechnete, im Jahre 2005 waren es nur noch 2 bis 3 Personen (Smith-Lovin et. al. 2006, zit. n. Haesler 2011).

Ein Beleg dafür, dass der seit Reagan in den USA 8und zunehmend bei uns) herrschende Finanzkapitalismus sozial weitreichende Folgen hat… Und ein Hinweis darauf, dass die Familie bzw. die zwei bis drei Menschen, zu denen man als Einzelner eine engere Beziehung hat, in Zukunft an Bedeutung gewinnen dürfte (als Gegenentwurf zu einer ansonsten durchökonomisierten Welt).

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15 Kommentare

  1. Als Nietzsche 1887 die “Heraufkunft” des souveränen Menschen verkündete, als ein “von der Moral der Sitten befreites” Individuum, sah er darin ein starkes Wesen … das von den Fesseln der Moral befreite Individuum, das sich selbst
    schafft und zum Übermenschlichen tendiert, ist unsere Realität.

    Aber anstatt die Kraft des Übermenschen auszustrahlen, scheint es zerbrechlich, sein Dasein ist mangelhaft, es ist von seiner Souveränität erschöpft und beklagt sich darüber. Es ist kein fröhlicher Wissenschaftler und das Lachen Nietzsches ist ihm vergangen. Messie statt Messias.

    Depression ist die Melancholie einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind, es scheint die Krankheit von Demokratie und Marktwirtschaft zu sein.

    Aus dieser Sicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Souveränität des Menschen, nicht dessen, der falsch handelt, sondern dessen, der gar nicht handeln kann.

    Wir stehen heute vor einer eigentümlichen Verkehrung der Dinge. Während in einer determinierten, kosmologischen Weltordnung, über die ein Schöpfer wacht, die Verantwortung externalisiert werden kann, Gott, der Teufel, Dämonen, Geister, oder ein numinoses Fatum die Handlungen exkulpierend bestimmen, streicht die Aufklärung die Externalisierungsmöglichkeiten.

    Gnadenlos wird der Einzelne für sein Tun und lassen verantwortlich gemacht. Die Lagebesprechungen der rolltreppenfahrenden Kulturinsassen sind Massenbedürfnisse. Identitätspareto ist Massenintelligenz. Zwei, drei biologische Einheiten zum Flüssigkeitsaustausch reichen.

    Und während die rolltreppenfahrenden Kulturinsassen so vor sich hin werkeln verwickeln sie sich in die sonderbarsten Widersprüche.

    Die Dekonstruktivistin leidet an Liebeskummer, und der Chip-
    Designer entwickelt eine Schwäche für buddhistische Weis-heitslehren. Der Waffenexperte geht am liebsten in die Oper und der Systemtheoretiker zieht in eine Altbauwohnung.

    Wunschproduktionsfabikanten sind gefragt. Die blaue Sonne strahlt.

    Übrigens sollen 4/5 der Menschheit noch nie telefoniert haben.

    Kommentar by es — 12. Oktober, 2011 @ 15:59 Uhr

  2. Hab ´nen Utopistenclub gegründet.

    Kommentar by Max Liebscht — 12. Oktober, 2011 @ 18:45 Uhr

  3. Beobachter beim beobachten beobachten, sich selbst beim Beobachten und Handeln beobachten: in kleinen ueberschaubaren offiziellen Orten, z.B. Treppenhaeusern, gruesst man sich nicht mehr.. und was passiert wenn jemand ploetzlich gruesst …

    Kommentar by o.werner — 13. Oktober, 2011 @ 14:16 Uhr

  4. @1: ist nicht Geld die/eine aktuelle Form der Externalisierung?

    Kommentar by Matthias Ohler — 13. Oktober, 2011 @ 14:49 Uhr

  5. @4: Mt 6,24.

    Kommentar by es — 13. Oktober, 2011 @ 15:31 Uhr

  6. @eben: Getauscht.

    Kommentar by Matthias Ohler — 13. Oktober, 2011 @ 19:06 Uhr

  7. Ich lese seit einigen Jahren diesen Blog, z.T. mit viel Gewinn für mich, aber: Gehts auch ein Tick konkreter?
    Zum Beispiel hinsichtlich der Occupacy Bewegung. Meine Wahrnehmung ist, daß sich Konstruktivisten mit eindeutigen Positionen ziemlich schwertun – mal abgesehen von Haltungen zu Bahnchef Mehdorn, der DB als solches, dem Berliner Nahverkehr etc etc …um mich kurz zu fassen, zitiere ich aus den Nachdenkseiten:

    quote
    In den USA haben sich bereits die Gewerkschaften und kritische Intellektuelle wie Paul Krugman, Joseph E. Stiglitz, Michael Moore, Noam Chomsky oder Naomi Klein der „Occupy-Bewegung“ angeschlossen und versuchen ihre alternativen Ideen einzubringen. In Deutschland sind es vor allem attac und einige Politiker der Linken, die sich bisher mit der „Occupy-Bewegung“ solidarisiert haben. Wo bleibt eigentlich die kritische Intelligenz? Wo bleiben kritische Wissenschaftler und Künstler?
    unquote

    Und was passiert hier im Blog? Es scheint, als würden sich die hier Anwesenden/Mitlesenden oder wie immer man das nennen mag, beim beobachten beobachten? Ist das eigentlich alles? Aber vielleicht verstehe ich auch den Konstruktivismus falsch – und es handelt sich um eine Disziplin ähnlich der Pathologie – man weiß zwar alles, zwar (meist)nur hinterher und aus sicherer Entfernung, aber immerhin.

    Kommentar by Rolf Rämmele — 14. Oktober, 2011 @ 08:40 Uhr

  8. @7: Wir wissen nur das, was wir erfinden – hinterher oder auch vorher.

    Kommentar by Jaul Reifebohne — 14. Oktober, 2011 @ 10:06 Uhr

  9. @ 8: Ach was!

    Kommentar by rolf rämmele — 14. Oktober, 2011 @ 10:49 Uhr

  10. Das traditionelle philosophische Verständnis geht davon aus, dass das entscheidende Kriterium für “Wissen” sein “Wahrheitsgehalt” ist. Der misst sich nun wiederum daran, ob für eine bestimmte Behauptung beansprucht werden kann, das sie auf irgendeine Weise mit “realen” Verhältnissen identisch ist.

    V. Glasersfeld nennt diese Auffassung (ggf. auch “Kunstgriff”) “metaphorischen Realismus”. Daraus entwickelt er einen “operativen” Wissensbegriff. Im englischen Sprachgebrauch deuten die Wörter “match” (stimmen) und “fit” (passen) auf den Unterschied zwischen einem realistischen und einem konstruktivistischen Wissensverständnis (erinnert an die Evolutionstheorie)hin.

    “Fitness” (Passung) meint eine Eigenschaft des Beobachters und beschreibt keine Umweltbeziehung. “Wissen” kann also nur in plausiblen und brauchbare Erklärungen bestehen. Sichert das “Wissen” die systemische Integrität, so ist es viabel.

    Die evolutionäre Erkenntnistheorie legt mit dem “Anpassungsbegriff” bereits eine “patriarchale Konversationsweise” (Maturana) an.

    Von einer solchen Beobachtungsposition aus besteht “die Welt” aus “Sachzwängen” und “Anpassungsdruck”, die ggf. auch den Einsatz von Gewalt gegen “falsche” Interessen legitimieren.

    Mit einer “radikal” konstruktivistischen Betrachtung ist diese Sichtweise unverträglich. Unsere gemeinsame, soziale Wirklichkeit ist nur so “wahr”, wie wir es zulassen.

    Kommentar by es — 14. Oktober, 2011 @ 12:00 Uhr

  11. @7: Als alter Mann setze ich mich nicht mehr in Parks und demonstriere… (schon wegen der Gefahr des Rheumas). Ich schreibe Artikel und Bücher – die man lesen kann oder auch nicht. Die Handlungs-Konsequenzen daraus hat jeder Leser dann für sich zu ziehen (wie ich ja auch). Und für mich heißt das, dass ich mein Leben im Allgemeinen nicht durch Geld steuern lasse… (auch wenn ich mich durchaus als “bestechlich” erlebe).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 14. Oktober, 2011 @ 19:01 Uhr

  12. FSB: “auch wenn ich mich durchaus als “bestechlich” erlebe”

    Bestechlich sind wir ja wohl alle. Leider versucht es keiner …

    Kommentar by duscholux — 15. Oktober, 2011 @ 13:05 Uhr

  13. Als mitunter wenig einfühlsamer Mensch sollte ich von Zeit zu Zeit das mit dem Paraphrasieren üben:

    Eine gute Familie ist also eine gute Bank.

    Und Bestechlichkeit die Voraussetzung dafür, dass wir den Wert der Unbestechlichkeit höchschätzen.

    KK (Konsequenter Konstruktivismus) und KK* (leicht zu verwchseln!) Kämpferischer Konstruktivismus scheinen nicht ohne weiteres miteinander integrierbar. (Woran m.E. deutlich wird, dass die Differenzierung ontologischer Dimensionen sog. Systeme bzw. Strukturen im Konstruktivismus noch geübt werden muss.)

    Vgl. Libet und die Folgen: Man weiß zwar alles, zwar (meist) nur hinterher und aus sicherer Entfernung, aber immerhin. “Weisheit ist ein raffinierter Schwanz, der seit 20 Jahren nicht mehr steht.” (von Teilen der Epistemologiegeschichtsschreibung Carl Auer zugeschrieben.)

    Die Systemische Gemeinde rockt soweit im Gleichklang als es heißt: Den Anschein der Unbestechlichkeit aufzubauen, lohnt insoweit als die unmoralischen Angebote interessanter werden.

    Prof. Simon gibt sinngemäß bekannt, dass das Rock- n´Roll-Zeitalter bei ihm vorbei und die Freuden des primären, sekundären und tertiären Krankheitsgewinnes spannender werden. Sozial dynamisierende Affektausbrüche können wetterbedingt nicht mehr open air sondern nur noch aus sicherer Deckung heraus angeboten werden.

    Weiohwei, ob das jetzt so alles echt richtig war?

    Kommentar by Max Liebscht — 16. Oktober, 2011 @ 10:11 Uhr

  14. Onogenetisches Driften ist keine Lösung für das Münchhausen-Trilemma.

    Kommentar by es — 19. Oktober, 2011 @ 11:48 Uhr

  15. Onogenetisch ist ein schweinisches Wort, glaub ich.

    Männlein und Weiblein halten einander auch ohne Kinder und andere gemäßigt aufsichtsführende Organe recht gut in Schach – aber mit, wie der Systemgläubige meist selbst schon erfahren hat – natürlich noch besser.

    Die Liebe des Lebens für das Theater läßt sich wohl einzig durch unendlich viele weitere Lügen in Bereiche des Anscheins konsensfähiger Wahrheiten hineintanzen.

    Auch im Hinblick darauf, dass mir ein kultivierter Kapitalismus immer noch lieber ist als der Neofeudalismus mitsamt seinem Alleinseligkeitsanspruch (Chinesische Apple-Monteure mit Organspenderprofil statt in Freilandhaltung in Käfigen als Hardcore-Variante der unberührbaren Untermenschen, die wir uns im pflegebedrohten Alter wahrscheinlich mal leisten wollen), auf den wir uns zubewegen, bin ich für das Prinzip der Bereichshoheit für die verschiedenen Prinzipien Sozialismus und Kapitalismus. (Getreu dem “Freundschaft ist Kommunimus zu zweit.” wird man für weiteren gesellschaftlichen Progress mehr an wechselseitig validierten Vertrauensbildungsprozesse und weniger soziales Vergessen als Voraussetzung abwarten oder erstreiten – unsere Altvorderen haben so was manchmal riskiert! – müssen.)

    Vermisse einmal mehr Frau Taraba.

    Kommentar by Max Liebscht — 19. Oktober, 2011 @ 23:39 Uhr

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