Still Life
Fritz B. Simon
Wahrscheinlich gehe ich ja zu oft ins Kino. Aber immerhin: Ich habe auf diese Weise etwas, über das ich hier schreiben kann (wenn ich schon sonst nichts erlebe…).
Still Life ist ein chinesischer Film. Er handelt von Menschen, die vom sogenannten Drei-Schluchten-Projekt betroffen sind. Wie sich inzwischen herumgesprochen hat, bauen die Chinesen mehrere Dämme, um den Jangtse zu stauen. Um dieses Projekt zu verwirklichen, mussten und müssen Millionen von Menschen umgesiedelt werden. Alte Städte werden abgebaut, zerlegt und gesprengt, neue müssen gebaut werden.
Dazwischen: Menschen. Zwei davon werden hier herausgepickt. Eine Frau, die ihren Mann sucht, der auf bzw. mit der Baustelle Karriere gemacht hat und darüber seine Frau am anderen Ende Chinas vergessen hat, und ein Mann, dem Frau und Kind weggelaufen sind, obwohl er für sie ordnungsgemäß bezahlt hatte.
Als Zuschauer nimmt man an ihrem Schicksal teil, wundert sich oft über die Ästhetik der dort gezeigten Scheusslichkeiten, und ist froh, in Mitteleuropa zu leben… Alles irgendwie surreal.
Beim Nachdenken über diese Art von Mammutprojekt wird jedem klar, dass so etwas nur durch staatliche Gewalt in Szene gesetzt werden kann. Kein Marktmechanismus würde es schaffen, mit solcher Brutalität und Zielstrebigkeit gewachsene soziale Strukturen zu zerstören (die Zerstörungskräfte von Märkten wirken eben anders). Und demjenigen, der nicht an die Planbarkeit der Welt glaubt, wird angst und bange beim Gedanken an all die nicht-intendierten Nebenwirkungen ökologischer Art, die solch ein Wahnsinnsprojekt haben wird.
Wahrhaft große Katastrophen – und ich bin bereit einen höheren Betrag darauf zu wetten, dass dieses Projekt in der Zukunft dazu gerechnet werden wird – bedürfen einfach sorgfältiger Planung.
6 Kommentare
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hier bei uns im Rheinland schafft der Konzern Rhein-Braun (RWE) das schon ganz gut mit seinen Marktmechanismen, Menschen zu enteignen und ihre angestammte Heimat in einem Braunkohletagebauloch verschwinden zu lassen.
Siehe Interent: “Tagebauch Hambach”,- mitten in Deutschland – auch ohne KP!
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 29. Oktober, 2007 @ 16:57 Uhr
Lieber Herr Kirchen,
aber hierzulande geht das alles seinen demokratischen Gang mit einem entsprechenden Gesetz, das Grenzen und Möglichkeiten fixiert. Und dann die Dimensionen! Millionen Menschen von einem einzigen Mammutprojekt aus ihrem Leben geworfen.
Dann das andere Bild: In Thüringen wandert eine Kirche 12 Kilometer raus aus dem Braunkohletagebaubereich, eine Brücke wird gebaut, das Kirchlein in ein schweres Stahlkorsett verpackt und dann als Schwerlasttransport von ich glaube 350 Tonnen über eine extra gebaute Brücke im 2-km/h-Tempo an den neuen Standort bugsiert. Das ist doch direkt idyllisch im Vergleich zum brutalen Jangtse-Projekt. Also ich meine, dass dieser Vergleich doch sehr hinkt, auch wenn die direkt betroffenen Bürger des Braunkohletagebaus in Ihrer Umgebung das zu Recht als brutalen Eingriff in ihr Leben betrachten, den ich hier nicht klein reden möchte.
Herzlichen Gruß,
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 30. Oktober, 2007 @ 17:12 Uhr
Wenn wir in China nicht hübsch mitverdienen würden, könnten wir auch keine Kirchen durch die Gegend zuckeln.
Und aus Herrn Simon wird man auch wieder nicht so recht schlau.
Man sieht es ihm sicherlich sonst nicht an, aber in der Dunkelheit des Kinosaales verwandelt er sich glatt in so einen fortschrittsfatalistischen Ökofritzen.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 30. Oktober, 2007 @ 23:14 Uhr
menschliches leid ist überhaupt “psychologisch” nicht zu vergleichen und erst recht nicht quantitativ aufzurechnen!
und was Sie mit “demokratischen Gang mit einem entsprechenden Gesetz…” beschreiben, kennzeichnet für mein Daführhalten nur wiedereinmal die in weiten Teilen als Makulatur zu bezeichende demokratischen Prozesse und Strukturen bei uns.
Nur hier fällt das alles nicht so auf wie in China, weil die ja quasi plakativ/gelabelt “undemkratisch” regiert werden!
Ich behaupte: wir auch – nur geschickter versteckt!
Natürlich ist die Demokratisierung (also der Mittelweg) einer Gesellschaft ein Prozess und jeder ist dazu aufgerufen hieran mitzugestalten
Menschlich gesehen – und daruf kommt es den Autoren auch bei der Darstellung solcher Enteignungen ja letztlich – kann dieser Vergleich also nicht “hinken” – höchstens eben soziologisch, wirtschaftlich oder politisch usw.
- was aber “natürlich” klar sein dürfte und somit auch unstrittig ist.
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit
Kommentar by Thomas Kirchen — 31. Oktober, 2007 @ 10:29 Uhr
“Versteckt” klingt nach Verschwörungstheorie. Da überschätzt man die Menschen samt der Reichweite ihrer eitlen Pläne um Zähmung chaotisch geordneter Wachstumsprozesse. Da sind einfach Deppen wie vielleicht Sie und in jedem Fall ich, die sich und Weisungsbefohlene aus persönlicher Bedürftigkeit in unübersichtliche Verhältnisse verstricken. Daß es da zumindest psychologisch einigermaßen gesetzmäßig zugeht, sichert uns als intuitiv ausgebufften Psychohanseln, Órganisationsentwicklern und Obercoaches letztlich prima Einkommensmöglichkeiten. Von daher ist es schon mal zu würdigen, wie die Schnappsnasen sich da quälen, wenn sie das Angenehme mit dem Nützlichen halbswegs straffrei zu verbinden suchen. Gelegenheit macht Diebe und wer frei sei von Schuld der werfe den ersten Stein.
Und wenn Leid nicht zu vergleichen ist, wieso tun wir es dann laufend? Das dürfte ja dann eigentlich nicht gehen, dergleichen aufzurechnen. Dank erfahrungsgeschulter Intuition gelangen wir aber zu vergleichbasierten Wertungen, welche von anderen annäherungsweise nachvollziogen werden können. Es ist womöglich ein wenig geschmacklos da zu vergleichen und prinzipiell wird man mit Vergleichen dem Individuum nie gerecht – ein Leiderleben aber nach seiner Verhältnismäßigkeit psychologisch einzuschätzen ist doch gängige Praxis, bspw. im Rahmen der Festlegung von Schadenersatzansprüchen. In einer Bahnhofszeitscharft fand sich neulich eine Berechnung wieviel ein Mensch nach Euro und Cent am Markt wert ist.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 31. Oktober, 2007 @ 12:05 Uhr
“Versteckt” meint in dem von mir gemeinten Zusammenhang, fein dosiert, damit es die “Deppen” (Schlachtlämmer)nicht so schnell merken und schön brav bei der Stange bleiben, ohne z.B. wie in Paris gleich in den Gettos Autos anzuzünden!
Das Vergleiche in der Psychologie und in der Justiz angestellt werden ist bekannt und klar und macht hier auch “oft” schon Sinn!
Ich meinte aber im Fundament meiner Argumentation die “rein” menschliche, vielleicht auch philosophie- bzw. glaubensmäßige (anthropologische)Ebene, die letztlich in Ihren Implikationen politisch sein kann!
Wie eben der gute Willi Brand so schön anmerkte:
“Mehr Demokratie wagen!” – hat immer noch gute Gültigkeit wie ich finde!
So, jetzt geh ich “meiner” lieben Toten gedenken!
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 31. Oktober, 2007 @ 16:58 Uhr