Stimmen, Fortsetzung
Fritz B. Simon
Merkwürdige Fügung. Zwei, drei Stunden, nachdem ich gestern über Stimmenhören geschrieben habe, lese ich in Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” folgendes zum Thema:
“Er hatte noch nie in seinem Leben »Stimmen gehört«; bei Gott, so war er nicht. Aber wenn man sie hört, so senkt sich das etwa so herab wie die Ruhe des Schneefalls. Mit einemmal stehen Wände da, von der Erde bis in den Himmel; wo früher Luft gewesen ist, schreitet man durch weiche dicke Mauern, und alle Stimmen, die im Käfig der Luft von einer Stelle zur andern gehüpft sind, gehen nun frei in den bis ins innerste zusammengewachsenen weißen Wänden.” (S. 119)
7 Kommentare
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Könnte es sein, dass der “Mann ohne Eigenschaften”, doch (zumindest)eine Eigenschaft besitzt: die Realität manchmal mittels eines LSD Trips “umzukonstruieren”? So viel aus einer möglichen Realitätskonstrukion eiens Suchtberaters;-)
Kommentar by Karl-Heinz Steckel — 7. August, 2008 @ 07:42 Uhr
Lieber Herr Simon,
mich würden ja noch immer die den Gerüchten und möglicherweise auch den “Stimmen” zugrundeliegenden Mechanismen interessieren, die sie im letzten Post angedeutet haben. Gerüchte sind im weitesten Sinne soziale Wirklichkeitskonstruktionen innerhalb eines definierten bzw. begrenzten Kontextes bzw. Netzwerks (Dorfbewohner, Kollegenkreis, Journalisten). Sind es “Stimmen” letztlich in gleicher Weise, nur eben innerhalb des Psychiatrie-Kontext, den “Betroffenen” miteinbezogen?
Gruß
MW
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 7. August, 2008 @ 08:18 Uhr
Zu Herrn Steckel: Das Buch wurde geschrieben, als LSD noch nicht erfunden war… und dass Musil mit Meskalin o.Ä. experimentiert hätte, ist mir nicht bekannt.
Zu Herrn Wölfelschneider: Na ja, auch die psychischen Wirklichkeiten es Menschen, inklusive der Verortung von Stimmen als “innen” oder “außen”, erfolgt immer in einem sozialen, d.h. kommunikativen Kontext. Wenn die individuelle Grenzziehung nicht so erfolgt wie bei den Menschen drum herum, so können interne laut werdende Stimmen als von außen kommend zugeordnet werden. Und dass jeder Mensch eine grösseren Zahl potentieller (bzw. gehörter) “Sprecher” mit unterschiedlichen Meinungen, Werten und Sichtweisen internalisiert hat, scheint mir kein schlechtes Modell, um persönlichen Ambivalenzen und psychische Konflikte bzw. deren Foilgen/Erleben zu charakterisieren. Und wenn man auf diese verschiedenen Stimmen hört, dann kommt es halt zur Bildung von “Gerüchten”.
Kommentar by Fritz B. Simon — 7. August, 2008 @ 09:22 Uhr
Im weiteren Sinne das, was Psychoanalytiker als Selbst-Objekt-Differenzierung bezeichnen würden (zumindest wenn man den interaktionellen/kommunikativen Anteil davon in den Vordergrund stellt)?
In einer Vorlesung wurde dem Plenum einmal ein junger Mann mit Migrationshintergrund und drogeninduzierter Psychose vorgestellt. Der hat gleich zwei Stimmen gehört: eine Türkisch sprechende hat ihm “böse” Dinge suggeriert und aufgetragen (Familienmitglieder zu schädigen etc.), eine deutsche Stimme dagegen hat ihm Größenideen suggeriert (“Du kannst die Welt erlösen” usw.). Das schien mir damals schon ein plausibles Beispiel für die Verortung eigener Ambivalenzen im “Außen” zu sein.
Danke für die Erläuterung!
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 7. August, 2008 @ 09:55 Uhr
Das Schamane setzt sich der Beziehungskonstellation eines anderen aus, vergegenwärtigt sie sich, versetzt sich sozusagen in das Anliegen eines Menschen oder Kollektives hinein und stellt sich für die sich aus dem Auf- sich- wirken- lassen dieser Strukturkonstellation ergebenden Eingebungen als Medium mehr oder weniger göttlich erscheinender Eingebungen zur Verfügung. Dadurch, daß er einen anderen, in seine Sensibilität “geschulten” Resonanzkörper zur Verfügung stellt, ergeben sich für ihn anderen Lösungsvisionen. Letztlich ist der Schamane aber nur ein Medium zweiter Klasse und wir surfen in mehr oder weniger eigener Sache fortwährend als Medium erster Klasse vom “Kraft”feld einer Beziehungskonstellations in das Kraftfeld” der nächsten.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 7. August, 2008 @ 13:15 Uhr
Interessantes Beispiel, Herr Liebscht. Daran hatte ich gar nicht gedacht.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 7. August, 2008 @ 13:53 Uhr
(“Worte waren ursprünglich Zauber”)
Kommentar by Max Liebscht — 7. August, 2008 @ 18:38 Uhr