Simons Systemische Kehrwoche

Stolz auf Deutschland

Fritz B. Simon

Helmut Schmidt, unser Alt-Bundeskanzler, gefällt mir mit zunehmendem Alter (seinem wie meinem) immer besser. Im Zeit-Magazin hat er sich auf die Frage, ob die deutsche Politik nicht längst sozialdemokratisiert sei, folgendermaßen geäußert:

“Richtig, es geht den Deutschen ja auch gut. Auf der ganzen Welt gibt es nur wenige vergleichbare Staaten: die Schweiz, die skandinavischen Staaten, und dann kommen schon wir. Ich will daran erinnern, dass bei uns 21 Millionen Menschen, 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, von staatlichen Renten und Pensionen leben. Dazu kommen sechs Millionen, die Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe bekommen, das noch mal acht Prozent. Ein Drittel der Menschen, die hier leben, ist also von Staats wegen versorgt. Das ist eine unglaubliche Leistung, die auch stolz machen kann.”

Richtig. So sehe ich das auch.

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21 Kommentare »

  1. Wo viel Licht ist …

    Kommentar von Max Liebscht — 16. November, 2009 @ 10:22 Uhr

  2. Gute Aussichten für die SPD. 66% brauchen noch Transferleistungen.

    Kommentar von es — 16. November, 2009 @ 12:56 Uhr

  3. Jetzt kommentiere ich auch mal – kurz und knapp:
    Danke für die schönen Beiträge! Immer gute Denkanstöße, oft viel anknüpfungspotential! Danke.

    Kommentar von el torro — 16. November, 2009 @ 14:46 Uhr

  4. Ich sehe das anders, mit Verlaub.

    Kommentar von Stephan List — 16. November, 2009 @ 15:05 Uhr

  5. Die Würde des Menschen ist antastbar
    Bis vor kurzem war mir gar nicht klar, dass man Hartz IV-Empfänger/innen selbst das Existenzminimum kürzen oder gar streichen kann, wenn Sie bestimmte Auflagen oder Formalien nicht erfüllen (Pflichtverletzung heißt das dann). Wie muss man sich da als Mensch fühlen? Überflüssig? Nicht mehr gebraucht? Ist den Gesetzgeber/inne/n dieses unwürdigen Gesetztes eigentlich klar, dass sie damit das Existenzrecht eines Menschen in Frage stellen? Kein Staat sollte es sich antun, moralisch so tief zu sinken.

    Kommentar von Klaus Mücke — 16. November, 2009 @ 16:03 Uhr

  6. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft.
    Der Kontext, in dem wir dies zu beurteilen – wenn schon, wie Klaus Mücke – nicht anerkennen müssen, ist ein symbiotisches Gewirk von Parallelstrukturen mehr oder minder mächtiger Selbstversorger- Netzwerke: Gesellschaften in der Gesellschaft.

    Jede dieser communities entwickelt ihre eigene Stammes – bzw. Feudalethik. Der Vorwurf bspw. eines Bamberger Häcker – Nachkommen ficht daher im entscheidenden Punkt der Frame- Reflexion gesellschaftspolitischer Entscheider wenig an. Er gehört einem Indianerstamm zu, welchem sich viele alles andere als notwendig zugehörig wissen. Entscheidereliten haben sich, wie wir so schön sagen, emanzipiert.

    Wie die Indianer sich im Unterschied zu anderen Stämmen als Menschen sahen, so messen die verschiedenen Kulturrepräsentanten einander mit verschiedenen Maß. “Handelt es sich beim sog. Prekariat denn überhaupt um Menschen?”, muss man sich fragen lassen. “Na hören Sie mal! Das sind doch welche von einem ganz anderen Stamm!” Es ergibt sich keinerlei ethisches Problem dabei. Der Staat ist ein Saisonalbegriff, nicht mehr als Phrase, allmählich wieder mal ausgefressenes Wirtstier. Das mit der Prekariats – Identität lernen die tiefergec/kasteten Medienanbeter im Unterschied zu ihren noch etwas eigensinnigeren Vorfahren gerade zu akzeptieren.

    Kommentar von Max Liebscht — 16. November, 2009 @ 16:26 Uhr

  7. ja, sicher leben sehr viele von den Möglichkeiten, die die staatlichen Transferleitungen ermöglichen nicht schlecht. Dass in dieser Gesellschaft allerdings die Chancen auf Teilhabe an funktionssystemisch vermittelten Möglichkeiten derart entlang von Herkunft verteilt wird, halte ich für skandalös. Die Aussage von Helmut Schmidt, dessen Gesamtzusammenhang ich nicht kenne, bedarf da doch schon einiger Differenzierung. Als Sozialarbeiter sehe ich die Mächtigkeit z.B. davon, dass es einen Unterschied macht, ob jemand “Schüler mit Migrationshintergrund” wie obligatorisch auf einer bayerischen Restschule beschult wird oder auf der anderen Seite des Kanals als Arztsohn…

    Kommentar von Wolfgang Geiling — 16. November, 2009 @ 20:36 Uhr

  8. Ist das vielleicht wirklich “unglaublich”?

    Ich meine, schaffen wir das wirklich oder geht das Ganze nur auf Kosten der Überlebensfähigkeit des Systems? Zehren wir es nicht durch Schulden und mangelnde Investitionen langsam aus? Schwächen wir es nicht durch zunehmende Passivität und Anspruchshaltung? Weichen wir nicht notwendigen Konflikten aus, in dem wir in die Taschen der nächsten Generation greifen – bis das System dann zusammenbricht?

    Kommentar von Wolfgang Oels — 16. November, 2009 @ 21:24 Uhr

  9. “Bau auf, reiß ein! Du wirst nie ohne Arbeit sein.”

    Schulden, mangelnde Investitionen, die Taschen der nächsten Generation – wer muss denn um die Überebensfähigkeit des Gesamtzusammenhangs besorgt sein? Wer als Oligarchiefürst, Clanhäuptling, Waffenlieferant, Mediator, Volksbelustiger, Opferservice oder duldsammes Spaliergemüse von Konflikten geradezu lebt, doch wohl sicher nicht. Gesellschaft ist ein Saisonalbetrieb.

    Kastensysteme haben sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte als recht stabil erwiesen. Die Begabtesten unter den Unberührbaren werden es schon schaffen in die selbstgekürten Eliten, auf dass der Preis, der an gesellschaftlicher Verblödung für dieses “System” zu zahlen ist, sich in verkraftbaren Grenzen hält. Nicht? Bildungsziel unter Helden, um das nicht zu vergessen, ist Resilienz.

    Kommentar von Max Liebscht — 17. November, 2009 @ 09:14 Uhr

  10. In einem Land, in dem der einzige Versorger der Staat ist, bedeuted Opposition langsamen Hungertod. An die Stelle des Grundsatzes: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”, tritt ein anderer: “Wer nicht gehorcht, soll nicht essen”.

    Trotzki, 1937

    Kommentar von es — 17. November, 2009 @ 09:46 Uhr

  11. Ach herrjeh, die rote Zora bringt es wieder auf den Punkt.
    Hat sich nicht wenigstens auch jemand wie Schlomo Mann oder
    Ernst Jünger mal dazu irgendwie verbreitet?

    In unserem Dorf hat eine recht liebenswürdige Dame von westwärts mal mit dem Slogan “Stolz auf Görlitz” bei der Bürgermeisterwahl mitgemischt und ist (als Westimport!) immerhin auf 15 % gekommen.
    Neulich – im Zusammenhang mit einer Cioran- Besprechung – fiel mir eine Formulierung auf; “wie sich das reaktionäre Denken nutezn läßt” Zusammenhang?

    Kommentar von Max Liebscht — 17. November, 2009 @ 16:31 Uhr

  12. Was zugunsten des Staates begonnen wird, geht oft zuungunsten der Welt aus.

    Der Hajek hilft, Herr Liebscht.
    Geht es nicht immer um Nützlickeit?

    Kommentar von es — 17. November, 2009 @ 17:34 Uhr

  13. Hern Mücke, #5 oben, “… war es bis vor kurzem gar nicht klar, dass man Hartz IV-Empfänger/innen selbst das Existenzminimum kürzen oder gar streichen kann, wenn Sie bestimmte Auflagen oder Formalien nicht erfüllen (Pflichtverletzung heißt das dann). …”

    Mir auch nicht. Was passiert dann?
    Wenn es denn so ist, muesste man dann nicht öfters “ausgesteuerte” Harzer verhungert auf der Strasse finden.

    s.a. #10

    Kommentar von duscholux — 17. November, 2009 @ 20:39 Uhr

  14. Dazu findet man im Netz einiges:

    Z.B. Bei http://www.gegen-hartz.de/ habe ich Folgendes gefunden:

    “Tod durch Hartz IV

    ..vielleicht ändert sich das Handeln der Politik dann.

    Das rheinland-pfälzische Sozialministerium sieht keine Schuld bei der Behörde

    Nach dem Hungertod eines 20 Jahre alten Mannes, der in seiner Wohnung verhungerte, sieht das rheinland-pfälzische Sozialministerium keine Schuld bei den Behörden. Vielmehr meine man, dass es sich dabei um einen “tragischen Einzelfall” gehandelt hatte. Die Familie hätte sich nicht helfen lassen wollen, aus diesem grund sei es dazu erst gekommen. Die Hilfe der Behörden sah jedoch so aus, dass das ALG II einfach auf Null gekürzt wurde. Der Grund: Mutter und Sohn waren einzelner Termine nicht nachgekommen. Bei dem Sohn lag eine Psychische Störung vor und bei der Mutter wird diese Frage zur zeit untersucht. Durch diese Sanktion der Behörde hatten die Mutter und der Sohn kein Geld mehr, um sich Lebensmittel zu kaufen. Der 20 Jahre alte Mann war im April tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Die Mutter des Verstorbenen war stark abgemagert und musste im Krankenhaus ärztlich versorgt werden. Es erfolgten keine Hausbesuche, um z.B. nach dem Wohl der Familie zu schauen.”

    Kommentar von Klaus Mücke — 18. November, 2009 @ 10:18 Uhr

  15. Sehr geehrtes Waschmittel,

    es gibt in dieser Gesellschaft auch eine große Anzahl von Helfenden, die keine Gegenleistung mit ihrer Hilfe verbinden.

    Wahrscheinlich leben in Deutschland 1 Million Menschen auf der Straße. Genaue Zahlen gibt es nicht. Hungertote sind unbequem. Auch lassen sich damit keine Stadien füllen. Nomalerweise werden sie eingeäschert und es gibt eine anonyme Bestattung. Es passt nicht in die Gesellschaft des Spektakels. Event, Event ein Penner brennt..- Tja, soll keiner behaupten, das Prekariat komme nicht zur Geltung.

    Auch nach der Geburtsstunde des neuen Formates: DSDSL im Kolosseum zu Hannover wird die Wahrscheinlichkeit einer angemessenen Beerdigung gering sein.

    Aber, einfach nur nicht ignorieren!

    Jetzt müssen wir schnell zurück zur Normalität. (J. Löw)
    Damit wir wieder Stolz sein können.

    Kommentar von es — 18. November, 2009 @ 12:33 Uhr

  16. Ich möchte nur anmerken, dass ich dem ausnahmsweise nichts hinzuzufügen habe
    (außer einen Orthographieverweis bzgl. “von Hayek”;
    Meinen Ökonomen und Ökologen, wenn es hart auf hart kommt, nicht das Gleiche? In unserem Kastensystem sind nun verlorene Seelen, welche das hart auf hart früher erleben als wir am Cafètisch,
    mangels innerer Führung verwaltungstechnisch vorprogrammiert ->
    Was uns nicht hart macht, bringt uns um.)

    Kommentar von Max Liebscht — 18. November, 2009 @ 14:53 Uhr

  17. Ein Jeck, wer böses dabei denkt, Herr Liebscht.

    Kommentar von es — 18. November, 2009 @ 15:36 Uhr

  18. Was heißt hier „böse“? Was Klaus Mücke zitiert, wird im Jahr eines kurzschlüssig verstandenen Charles Darwin als nur zu natürlich interpretiert werden.

    Ich würde das Ganze so mißverstehen:
    Der Mensch als wandelnde Paradoxienlösung auf zwei Beinen stellt sich auf seiner Explorationssreise hin zu innerer Führung ins Zentrum von Organisationen, welche keinem anderem Zweck gewidmet sind als er denn selbst: der Vermittlung zwischen einander sowohl bedingenden als ausschließenden Unterschieden auf Zeit. Inzest oder Krieg, partnerschaftlich gehegter Privatfriedhof oder Kamikaze Swingerclub, Friede für alle oder Gerechtigkeit für mich, Survival of the fittest oder Notwendigkeit der Kooperation…

    Dem Prinzip der Resonanz zufolge, kann in uns eine Seite nur in dem Maße zum Mitschwingen kommen, in dem diese vordem erwachsen ist in uns – die wir wiederum von den Frame diverser sozialer, kultureller und ökologischer Strukturkonstellationen hypnotisch verzaubert wurden. Wenn bspw. das Phänomen Klaus Mücke nicht aus derart bodenständischen Verhältnissen stammen würde sondern der etwas degenerierte Sproß einer seit Generationen versorgten Babenberger Verwalterdynastie wäre, würde er seine Identität anhand anderer Frames und Mythen rekonstruieren. Im Hinblick auf sein Genogramm würde er Moral womöglich einfach nur als Mangel an Gelegenheit auffassen. Wessen mehr oder weniger räuberische Moral uns verbindlicher erschiene, hinge von unserer Kinderstube ab.

    Es gab und gibt da so Leute, die mit einem Lederhandschuh durch die Lande spazieren und ihren räuberischen Haustieren immer ähnlicher werden. Der Umgang formt den Menschen, die Umgebung, das Substrat seiner Herkunft. So lieb die zutraulichen Freunde auch gucken – wer wird sich schon mit Schlachtvieh identifizieren? Wer sind wir denn? Ödipus hin oder her – die Vogelperspektive des Gefahren entrückt nach Beute spähenden Räubers, auch das kann an Kinder vermittelt werden.

    Die “Ethik”, der nur im Schutz des Schwarms gegenüber Räubern starken Tiere wird als gut gemeinte Losung für eine nette Gesellschaftsform ausgerufen. Gut und schön. Aber das ist doch vermutlich eher als werbetaktisches Manöver des hiesigen Schützenvereins gemeint.

    Was ist eine Gesellschaft anderes als eine Versicherung? Es gibt da eben engere und weiter gefasste vertragliche Bindungen. Sinn und Zweck, weshalb die Versicherung ins Leben gerufen wurde, ist nun aber ohnehin nicht unbedingt, dass alle möglichen Leute im Zweifelsfall versichert sind. Das mag in den Statuten stehen und die Gedanken sind nun mal frei. Aber wenn es für zu viele hart auf hart kommt, wird die Kalkulation eh nicht aufgehen können. Kann sich eigentlich jeder denken. Solange noch hinreichend viele Cleverles daran glauben, zu den Absahnern zu gehören … für all die zweifelhaften Existenzen muss man das mit dem Wohl und Wehe der Gemeinschaft von Seiten der Wohlfahrtverwalter etwas betonen.
    Ins Leben gerufen wird die Gesellschaft jedenfalls in erster Linie zu einem Zweck: um von ihr auf vergleichsweise angenehme Art a) Geld verdienen und b) Realwerte einhandeln und auf die Seite schaffen zu können.

    Dies Versprechen, sozio- ökologisch das Gesamt der Gemeinschaft im Auge zu behalten, Sicherheitsnetze für Absturzgefährdete bereit zu halten, diese Art Gesellschaftsvertrag sichert uns ab gegenüber Bürgerkrieg, dem sich Überschlagen des Schwarmes – “versprochen”!
    Die Schriftkundigen aber, welche in der Lage sind, solch wohlklingende Reklame samt unverfänglich wirkender Versicherungsklauseln zu formulieren, dünken sich nun aber offenbar soweit emanzipiert, dass die Auslegung der Klauseln dem lieben Gott überlassen werden kann. Fragen wie die, ob Abrahmowitschs Arche Noah hält, was sie verspricht, sind von Interesse und nicht ob jemand im trügerischen Glauben an das Versicherungsversprechen sich irrdümmlich von der gesellschaftlichen Strickleiter in die endlose Tiefe hat fallen lassen. Und in der Tat: In Indien verhungert niemand in seiner Wohnung so lang er noch irgend andere Möglichkeiten sieht. Vater und Mutter werden nicht mit irgendeinem Staatsgebilde verwechselt.

    Angesichts dessen wird uns dunkel klar, dass wir nie eine Gesellschaft waren sondern immer nur Gesellschaften. Möchtegernadler, Hornochsen, Krabben (in etwa wir Idioten, die wir wie irrsinnig auf die Tastaturen einhauen, um uns schier Anschlag für Anschlag bzw. Rückschlag für Rückschlag selbst in insektenhafte Automaten zu verwandeln), sind „streng genommen“ wie wenn es hart auf hart kommt -> Gesellschaften für sich. All diese verschiedenen Tierchen wollen nach ihrer Facon selig werden. Die anderen Mitspieler brauchen sie dazu in zweiter Linie. Um sie zu gewinnen haben sich einige ein Versicherungsversprechen ausgedacht, das sie nun glauben, selbst symbolpolitisch immer weniger betonen zu müssen.
    Die immense Konzentration von Macht – speziell Dank der Überforderung der Psychen durch die Mediengewalt – verheißt, dass man es auf eine als Marktbereinigung empfundene Lösung des demographischen Überangebotes ankommen lassen kann. Die Herrschaft über die Realwerte lässt die Frage, ob ein Reset über Inflation oder Deflation erfolgen mag, als völlig nebensächlich erscheinen.

    Ohne wechselseitige soziale Perspektivübernahme wird sich an der Kultur aus Renditeerwartungen und Minenopfergalas wenig ändern. Genau dies zu vereiteln, dass man sich dem als historische Erniedrigung empfundenen Frame der Pflanzenfresser aussetzen muß, entspricht die Ghettoisierung und die ahnenvoll selbstherrlichen Konstruktionen zur Exclusivität des eigenen Status und historischen Vermächtnisses. Die Herrenrassenideologie der Möchtegernadler, Geier und Eulen lebt selbstverständlich nach wie vor. Jemand der von Schlagzeilen erfährt, wie sie Klaus Mücke zitiert, empfindet die Rührung des Habichts beim Verspeisen eines Kükens. Es ist, wie es ist. Er fühlt sich einer anderen Spezies gehörig. Shit happens. Dieses Phänomen ist m.E. nicht prinzipiell exclusiv ausgeprägt sondern trotz gradueller Konzentrationsunterschiede Allgemeingut.

    Ich schaue aus dem Fenster. Wie jeden Tag um dieselbe Zeit läuft eine dürre blasse Frau mit Hund an der Leine, in der immergleichen schwarzen Jacke und mit Zigarette im Mund entlang der Umzäunung die Grundstücksgrenzen ab. Das immer gleiche Ritual vermittelt mir den Eindruck einer Grünpflanzenexistenz. Wahrscheinlich hat sie eine goldene Seele. Aber mit Entdeckergefahren muss ich mich gar nicht auseinander setzen und kann über sie hinwegschauen. Wenn sie irgendwann an meiner Tür klingelt, werde ich weniger verlegen sein, als wie wenn ich an ihrer klingen müsste.
    Wäre dem Ganzen mehr gedient, wenn sich Fleischfresser als Pflanzenfresser verstehen und Pflanzenfresser sich als Räuber versuchen?

    Bereits das sich in der Liebe vergeblich entäußernde Begehren der Überflüsse des Gegenübers ist wesentlich asozial. Um trotz dieser Realität, Bindung zu ermöglichen, braucht es der Kultur, braucht es das Kunststück sozial – hypnotischer Konstruktionsleistung, ein einigermaßen schön verpacktes Versprechen, für den anderen sozioökonomisch mit seinen verfügbaren Ressourcen einzustehen, auch wenn er den an ihn gebundenen Vertrauensvorschuss bspw. in Folge Pflegefall nicht zurückzahlen können wird. Ein Investitionsrisiko, das mit sog. Herzensentscheidungen eingegangen und in aller Regel bereut wird. Andernfalls wäre man aber wohl auf dem Gefühl sitzen geblieben, etwas verpasst zu haben. Eine Kompromissbildung zwischen Inzest und totalen Krieg, zwischen dem Prinzip des Survival of the fittest und dem Prinzip der Notwendigkeit von Kooperation. Eine Kompromissbildung, welche sich der Fruchtbarkeit und der über den zufälligen Einzelnen hinausgehenden Regeneration verschrieben und verkauft hat, eine provisorische Paradoxienlösung als Einzelner, als Paar, als Gesellschaft. Je mehr auf Verdacht einzahlen, desto abgesicherter fühlt sich der Kassenwart.

    In dem Maße die Integriertheit und innere Führung des Einzelnen sich den ihn charakterisierenden widersprüchlichen Anforderungen als nicht gewachsen erlebt, sucht er Entlastung. Durch Externalisierung der Widersprüche entsprechend dem vorbild unserer kämpferischen Demokratie oder durch die Masse ausgleichender Gewichte. Wenn er dann seine Neurosen recht und schlecht zu stabilisieren sucht, dadurch er sie mit denen eines hoffentlich dauerhaft liebenswürdigen Geschäftspartners überlagert, wird aus zwei Organisationsformen in Sachen Paradoxienlösung eine Organisationsform? Der äußeren Form nach mag es den Anschein haben. Sobald sich einer aber mit Hilfe des anderen hinreichend stabilisiert hat, besteht auch in sog. Partnerschaften bei unglücklicher Kinderstube die Gefahr, dass sich der Kassenwart ohne Gegenwehr des ausgenommenen Wirtstieres befürchten zu müssen auf und davon machen kann. Der Sinn vom Streit mit dem hoffentlich gut abgegrenzten Gegenüber in der Partnerschaft als Äquivalent zum demokratischen Diskurs, der vereiteln soll, dass ein Versicherungsbetrüger dem anderen seine Oma verkauft. Das ist wohl der Stand, den wir haben. Der Aufsichtsrat besteht nur noch aus unseren Projektionen und macht sich in Bunkernähe einen Bunten.

    Rücksicht auf Verluste nehmen zu müssen, das ist offenbar nicht mehr einzusehen, eingespielt wie die Spielverhältnisse sind. Wer nicht pünktlich am Ausgabeschalter ist, mag über natürliche Zwänge meditieren.
    Was soll auch schon die Lösung sein? Kühe können nicht fliegen und die angekettete Lämmergeier verhungern inmittem saftigstem Gras. Der Gedanke, eine Karnickeldiktatur zu errichten, ist bereits habichtartig. Vor Hornochsenhörnern sollte man sich also einfach vorsehen und Eulen sollten nicht fressen bis sie platzen. Wenn wir Bildungsbürger und Habenichts vor die Wahl stellen; Bürgerkrieg oder Kastensystem? – was werden sie sagen? Und was wird sich durchsetzen?

    In dem Maße wir als einzelne Paradoxienlösung, als leidenschaftlich oszillierendes Tetralemmaduo, als fleißig triangulierendes Familienunternehmen oder brot- und spiele- mäßig als repräsentationsdemokratisch hin- und her wackelnde multiperspektivische Interessenten – Kultur uns aber auf eine Seite der ewig metamophosierenden Gegensatzpaare (wie Gemeinschaft aller Möglichen / Gemeinschaft aller Nötigen) schlagen, in dem Maße verlieren wir mit dem Ausgleichsverlust auch an Lebendigkeit. Dieser Verlust der Mitte, das außer sich geraten, das zeichnet sich gerade ab.

    Die von sog. „Rechtschaffenden“ gegründete Versicherungsgesellschaft kann UND braucht ihr Versprechen, das Unmögliche möglich zu halten, nicht mehr einlösen. Nicht mal mehr symbolpolitisch. Womöglich hat der psychisch angekratzte Sohn sich Symptome angelesen und in der Schule bei Charles Darwin nicht aufgepaßt. Alibis für Machterwerb und Machterhalt sind nicht mehr benötigt. Eine Verwaltung tut ohnein nie mehr als sie kann. Und wer so weit ist, dass er auf der Jacht wohnen bleiben kann, braucht sich nicht über Gebühr bekümmern ob noch jemand da ist um das Kanzleischild in Kleintrostlos zu putzen. Das Projekt der provisorischen Paradoxienlösung im gesellschaftlichen Maßstab wird aufgegeben. Die Organisation verliert ihre Form und im Zentrum der Organisation sind leutselig lächelnde Attrappen aufgestellt.

    Das Ersterben des Widerstandes zweier, ihr Gelege verteidigenden Pinguineltern gegen einen Schwarm hungriger Raubmöwen hat intersubjektiv wahrscheinlich die gleiche Qualität wie das Ersterben einer im Teerschlamm erstickenden Raubmöwe. Angesichts des wechselseitigen Angewiesenseins von Täter und Opfer, Räuber und Gejagtem, „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ sprechen die Buddhisten von der Vermeidung unnötigen Leidens. „Unnötig für wen?“ fragt sich mancher Nichtbuddhist mit einem Blick in die Kassa. Grundlegender als das selbstvergessene Abwägen zwischen asozialer Räuberethik und prosozialer Pflanzenfressergesinnung erweist sich immer wieder, dass es überhaupt weitergeht mit dem Weiterreichen der Unterschiedsbildungen. Das verbindet das Ersterben der Pinguine mit dem der Raubmöwe, das des Verwalters mit dem des Verwalteten. Diese Notwendigkeit Information zu haben und Information zu sein erscheint uns unhintergehbar.

    Der eine realisiert diese Notwendigkeit aus der Perspektive des von seinem Selbstverständnis her ethisch problemfreien Verwalters möglicher Überschüsse, der andere aus der Perspektive dessen, der aus verinnerlichtem Mangel heraus Vorräte anzulegen sucht, für die, welche es mal besser haben sollen. Jenseits im Himmel äugen schon die hoch kreisenden Räuber.

    Die Krabben, die am Strand über den im Schwarmaufflug flügelverletzten Zugvogel herfallen, möchten im Grunde ebenso wenig die Welt überdecken wie wir. Derzeit läuft es aber ziemlich auf Menschenfresserei diverser Arten hinaus. Wenn der gesellschaftliche Binnenverkehr nicht mehr ausreicht, um die wechselseitige soziale Perspektivübernahme Mitgefühl, Solidarität e.t.c. zu ermöglichen, braucht es offenbar Winter bzw. Krieg, um die Verhältnisse aller Beteiligten füreinander wieder hinreichend nachvollziehbar zu machen. Vordem ist keine, alle möglichen Geister einschließende Bereitschaft zu sozialem Kompromiss, geschweige Vorteilsverzicht zu erwarten. Eine dazu bewegende Erfahrung fehlt im Kleinen wie im Großen.

    Jeck oder Kardinal – die Reflexion dessen erscheint mir grundlegender als gut / böse e.t.c. Sobald diese Unterscheidung aber erst einmal gleichgültig ist, bleibt als Entscheidungs- und Handlungskriterium nur das Besinnen auf eigenste Verfassung und das Vermächtnis eigenster mehr oder weniger vegetarischer Herkunft. Bis sich eine neue Glaubensgemeinschaft gefunden hat, welche als Gesellschaftskompromiss in einen gemeinsamen Fons einzuzahlen bereit ist.

    Und bis einige es bis zu einem solchen Frühling geschafft haben werden?
    Ist dieses Geräusch schon die bröckelnde Vorhut der Lawine? Mit Blick auf Politik als Profitmaximierungsfunktion, Kriegseinsätze, Renten- und andere Versprechen wird für einzelne mehr und mehr zum lebensbestimmenden Fakt – dass diese Gesellschaft selbst sich immer eindeutiger als genau jene Gefahr offenbart, vor der zu schützen sie uns verheißen ward.

    Kommentar von Max Liebscht — 19. November, 2009 @ 13:06 Uhr

  19. Ich frage mich gerade, ob tatsächlich jemand den letzten Kommentar von Herrn Liebscht ganz gelesen hat? Von der Länge her könnte es ja schon eine Kurzgeschichte sein.

    Kommentar von Holger Huckfeldt — 19. November, 2009 @ 20:40 Uhr

  20. Was zeigt, dass der Begriff Kurzgeschichte durchaus irreführend sein kann.

    Kommentar von Fritz B. Simon — 19. November, 2009 @ 22:18 Uhr

  21. Wie heißt es doch so schön?
    Wie von selbst, sehr elegant und …
    schnell wird unser weises Unbewußtes …
    herausfinden, was es gut …
    für sich und uns gebrauchen kann.

    Bloß ganz kurz noch was an Futter dazu:
    http://isb.isberlin.de/SDi.76.0.html?&L=euzgfqzfillhtczd&L=euzgfqzfillhtczd

    Kommentar von Max Liebscht — 19. November, 2009 @ 22:56 Uhr

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