Strassenfeger
Fritz B. Simon
Es gibt in Berlin mehrere Obdachlosen-Journale. Sie werden in der Regel von irgendwelchen, ehr jungen Menschen in der U- oder S-Bahn mit schwer erträglichem, leiernden, Mitleid heischenden Tonfall zum Kauf angeboten (z.B. 1 Euro 20 für den “Strassenfeger”). “Ich würde mich auch über eine Spende freuen.”
Auf einer Fahrt vom Savignyplatz bis zum Hackeschen Markt hat man mit zwei bis drei solcher “Verkäufer” zu rechnen.
Manchmal kaufe ich solch ein Blatt (schlechtes Papier) – allerdings nicht, um es zu lesen, sondern um mir mein soziales Engagement zu bestätigen, obwohl ich den leiernden Tonfall als ästhetische Beleidigung erlebe. Ich stecke das Blatt dann in die Manteltasche und vergesse es, bis ich es dann irgendwann wieder entdecke und wegwerfe.
Ganz anders vorgestern. Erst habe ich es natürlich genauso gemacht, d.h. den Strassenfeger in die Manteltasche und vergessen. Dann aber – am Abend – bin ich im Fahrstuhl stecken geblieben. Natürlich hat der Notruf nicht funktioniert. Glücklicherweise war die Batterie meines Handys noch nicht ganz leer, so dass ich trotzdem um Hilfe rufen konnte. Es sollte 20 Minuten dauern bis zur Befreiung…
Da — das war sie, die Stunde des Straßenfegers. Ich hatte mich schon damit abgefunden, über mich und die Welt nachdenken zu müssen, weil ich – blöd wie ich nun mal bin – kein Notfallbuch bei mir hatte (was zur Grundausrüstung jedes zivilisierten Menschen gehört wie der Flachmann beim Alkoholiker), aber dann entdeckte ich den Strassenfeger in meiner Manteltasche. Wunderbar.
Allerdings: Ich habe keine Ahnung mehr, was drin stand. Aber keine Notwendigkeit nachzudenken über mich, die Welt, meinen begrenzten aktuellen Lebensraum, die Finanzkrise usw.
Mein Tip: Immer solche Heftchen kaufen!
11 Kommentare
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“Vlllleicht Interesse anner Obdachlosenzeitung….die Weihnachtsausgabe…” und das auf Endlosschleife. So klang das jedenfalls vor einigen Jahren zur Adventszeit in Frankfurt, nahe der Börse. Und ich habe noch immer einen Ohrwurm. In Heidelberg gibt es einen dieser “Verkäufer”, der mir besonders engagiert zu sein scheint, zumindest wenn die Bandbreite seiner Stimmmodulation als Indikator dafür herhalten kann. Ich nehme mir schon lange vor, ihm eine der Zeitungen abzukaufen, wenn er mir dafür ein “Verkaufsgespräch” anbietet, mir also erklärt, wie diese Zeitungen eigentlich organisiert sind, was es damit auf sich hat, ob es wirklich erfolgreicher ist als “einfach so” zu betteln usw. Ob ich ihm dann das Verkaufsargument “Fahrstuhl” verraten sollte?
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 31. März, 2009 @ 21:24 Uhr
Den Tipp werd ich mir zu Herzen nehmen. In Wien heißt das Blättchen “Augustin” (nach dem Refrain des bekanntesten Wienerliedes “Oh Du lieber Augustin, alles ist hin”) dort schreiben aber angeblich bekannte Autoren, hab noch nie hineingeschaut; alles organisiert in der “Gruft” der Wiener Obdachlosenvereins-Tageszuflucht unter Tag (also im Keller). Dieser Verin gehört zu Wiener Szene und ist auch am Life-Ball dabei. In meiner Gegend stehen diese fröhlich singenden Verkäufer direkt vor dem Einkaufsmarkt am Eingang und erzeugen ein ambivalentes Gefühl, wenn man hineingeht und dann, wenn man herauskommt. Ich werde also künftig meine Ambivalenzbilanz ausgleichen durch regelmäßiges Kaufen. Lesen tu ich, auch im Lift steckend, lieber was anderes.
Über Ihre Schilderung musste ich gerade herzlich lachen. Die Einsicht Ihres Erlebnisses des Tages, hab ich ab jetzt dabei, dass man tatsächlich auch im wirklichen Leben im Lift stecken bleiben kann, dass ich immer das handy dabei bzw. es auch aufgeladen habe und schließlich eine Lektüre, wie auch fürs Wartezimmer,… ab jetzt immer dabei. Mein allfälliges winziges, gewichtsloses, platzsparendes Notbedarfsbüchlein, ein Geschenk, das auch ruhig mal wochenlang in der Tasche bleiben kann hat, den Titel “Ruhe” und wird schon mal vorsorglich reingesteckt, als Verhütungsmassnahme oder Gebrauchsanweisung, für mögliche unfreiwillige Festsetzungen aller Art.
Kommentar by Sylvia Taraba — 1. April, 2009 @ 10:36 Uhr
Handy im Fahrstuhl
Viele, z.B. mit Edelstahl verkleidete Fahrstühle sind Faraday’sche Käfige und behindern die GSM-Strahlung.
Manchmal werden aber noch SMSe aus dem Schacht abgesetzt, wenn durch allfällige Bewegungen das Handy durch eine Ritze in der leitenden Hülle doch kurz Funkkontakt bekommt.
Kommentar by duscholux — 1. April, 2009 @ 16:56 Uhr
Ich kaufe den Straßenfeger regelmäßig und zwar aus folgenden Gründen.
1) Die Leute gehen einer “Arbeit” nach und versuchen sich so etwas Geld zu verdienen. Das sollte man unterstützen und honorieren.
2) Ich habe vor dieser “Arbeit” höchsten Respekt. Ich weiß nicht, ob ich mich in eine volle U-Bahn stellen, mich als mittellos outen würde und lauthals versuchen würde, eine Strassenzeitung zu verkaufen. Dazu gehört meiner Meinung nach viel Überwindung, Mut und sehr hohe Frustationsgrenze – ich sehe selten jemanden eine Ausgabe kaufen.
3) Die Beiträge sind journalistisch sehr gut recherchiert und geschrieben – auch das sollte man honorieren.
In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen.
Kommentar by Raphael Fischer — 2. April, 2009 @ 09:43 Uhr
-Notfallbuch-
Dieses Wort wird mir in Erinnerung bleiben. Gerade, weil ich ja schon ein hatte, ohne es zu wissen.
Es ist klein, leicht und dünn, hatt aber ganz viel kleine gedruckte Buchstaben drin.
Vor etwa 2 Jahren hat Amazon mich dazu überredet, das Büchlein mitzukaufen. So nach dem Motto: Andere haben dann noch dieses hier gekauft. Für nen Zehner. Also warum nicht.
Es bewährt sich beim Fliegen, lange Busfahrten, S-Bahn und natürlich Fahrstuhl-steckenbleibern.
Ich rede von “Lebende Systeme”.Und, obwohl es so dünn ist, hab ioch es immer noch nicht geschafft es komplett durchzulehsen. Bei Luhmann werde ich einfach immer müde, ich kann mich nicht dagegen wehren…
Kommentar by Holger Huckfeldt — 2. April, 2009 @ 10:01 Uhr
Lieber Herr Huckfeld, wenn Sie Luhmann nicht einfach nur “lesen” müssen … wollen, sondern sein System erfassen wollen, dann haben Sie ein besseres Motiv, auch im Notfall. Und dann werden Sie bemerken, dass Luhmann nicht nur lapidar und trocken, sondern unglaublich amüsant zu lesen ist. Ich hab mich noch nirgends so gut unterhalten, wie bei seinen Formulierungen von Beispielen aus z.B. der “Lebenspraxis” – ich empfehle “Protest” dann “Soziale Systeme”
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. April, 2009 @ 16:02 Uhr
Oh, Frau Taraba, ich finde Luhmann wirklich ncht trocken und – das kann ich nur betohnen – ich lese ihn natürlich freiwillig. Es ist auch absolut nicht langweilig.
Ich habe aber zuerst Luhmann “gehört” und dann – nachher – gelesen. Vielleicht war das der entscheidende Fehler. Mir geht seine Stimme nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht wissen sie ja eine (paradoxe) Intervention, die mir helfen kann. Aber bitte – keine Symptomverschreibung…
Kommentar by Holger Huckfeldt — 3. April, 2009 @ 10:32 Uhr
Verzeihung Herr Huckfeld, ich weiß nicht so genau, was jeder so treibt und womit er sich ständig beschäftigt. Vielleicht Luhmann als Vademecum aus der Tasche werfen und darauf in der U-Bahn herumtrampeln und dabei laut schreien? Vielleicht jetzt Luhmann weder lesen noch hören? Luhmann jetzt sowohl Lesen als auch hören? Luhmann nie mehr lesen und nur mehr hören oder umgekeht? Gleich Sylvia Taraba lesen? (war nur ein Scherz, aber ernst gemeint). Fritz B. Simon lesen? Selbst ein Buch schreiben? Vielleicht beim Lesen ab jetzt Luhmanns Stimme hören? Kopfhörern und Buch gleichzeitig betätigen? Stimme und Sätze als zwei völlig unterschiedliche Individuen trennen. Was gäbe es noch für Interventionen? Sich mit der notwendigen Differenz abfinden? Jedenfalls weiterhin viel Vergnügen und Freude bei der Therapie!
Kommentar by Sylvia Taraba — 3. April, 2009 @ 11:07 Uhr
Ja, danke.
FBS lese ich übrigens sehr gern. Da werde ich nie müde. Und es hilft -mir- tatsächlig bei schlechter Laune. Und Luhmann schätze ich natürlich auch, nur deshalb lese ich ihn ja.
Ich hab mich dann gerade entschieden, mir “Das Spiel, das nur zu zweit geht.” zu Ostern zu schenken. Hilft ja vielleicht auch gegen meinen Luhmann-Stress. Und laut Schreien und herumtrampeln sind einige meiner Lieblings-Interventionen. Woher wussten Sie das?
Einen lieben Gruß
Wie haben Sie es als Autorin eigentlich lieber? Wenn ich mir das Buch beim Verlag bestelle oder bei Amazon? Macht das einen Unterschied?
Kommentar by Holger Huckfeldt — 3. April, 2009 @ 13:38 Uhr
Ja. Fein. Aber keine Ahnung…
Kommentar by Sylvia Taraba — 3. April, 2009 @ 18:40 Uhr
…was Ihnen lieber ist
Kommentar by Sylvia Taraba — 3. April, 2009 @ 20:36 Uhr