Suboptimale Lösungen
Fritz B. Simon
In der Huffington Post, einer von mir sehr geschätzten Internet-Zeitung, findet sich ein Video mit Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, in dem er den Zustand der amerikanischen Politik beklagt, der durch den starkten Einfluß der Wirtschaft bzw. des von ihr investierten Geldes in die Politik/Politiker nur noch zu suboptimalen Lösungen führt.
Ich sehe da natürlich meine These bestätigt, dass die zur Funktionalität einer funktionell differenzierten Gesellschaft die Heterarchie von Wirtschaft und Politik notwendig ist und die hierarchische Überordnung der Wirtschaft über die Politik fatale Folgen hat. Friedman weist auch darauf hin, dass Kalifornien auf dem Wege ist, ein “failed state” zu werden, und der Versuch, einen Kino-Helden als Retter zu wählen, auch gerade scheitert. Hoffentlich ein Schritt zu einem postheroischen Politikverständnis.
Zu sehen unter: http://www.huffingtonpost.com/2009/11/22/friedman-worries-about-amn366648.html
12 Kommentare
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Aber was heißt denn nun wirklich postheroisches Politikverständnis? Vielen wird irgendwie warm ums Herz bei der Nennung von Namen, wie Adenauer, Erhard, Brandt, Schmidt u.v.a – das waren noch Politiker, die für (persönliche) Verantwortung standen, egal ob man subjektiv damit einverstanden sein konnte – also heroisch… Wie stelle ich mir nun (ich habe die Revue abonniert, weiße es aber noch nicht so ganz) die Konstruktion eines poshtheroischen Politikverständnisses vor? Politiker nur mehr als leicht auswechselbare Funktionsträger oder doch wieder als Männer (und Frauen???) die persönliche Verantwortung übernehmen?
Wodurch soll/kann Politik in der Heterarchie von Wirtschaft und Politik, die Führung übernehmen??? Was sind die Bedingungen der Möglichkeit der politischen Führung der Wirtschaft????? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Oder doch nur durch eine Diktatur möglich….Welche? Des Proletariats? Der Ökologie? (Meine Fragen sind rhetorischer Natur, sie suchen daher keinerlei Belehrungen durch Besserwisser, sondern eher die Ausdifferenzierung von Entwürfen und Kreationen, wie sie z. B. in der Revue unternommen werden)
Kommentar by Sylvia Taraba — 24. November, 2009 @ 14:29 Uhr
Mir schwebt da ein Modell vor, dass sich an der Organisationstheorie orientiert. Dort lassen sich ja Personen (d.h. nicht austauschbare Akteure, Individuen, denen ein unverwechselbarer Charakter zugeschrieben wird) als Entscheidungsprämissen konzeptualisieren. Hier kämen Adenauer, Brandt, Clinton u.a., aber auch Hitler etc. ins Spiel.
Aber daneben gibt es noch formale und informale Strukturen (d.h. Verfassungsorgane und Seilschaften, Parteien wie Lobbyisten etc.) und Programme (z.B. Wahlverfahren, rechtliche Regelungen etc.) sowie unterschiedliche kulturelle Muster, über die nicht entschieden, mit denen aber gerechnet werden muss, als Entscheidungsprämissen ins Spiel.
Diese Entscheidungsprämissen werden m.E. auch in Staaten wirksam. Zumindest scheint es mir ein hilfreicher analytischer Ansatz.
Wenn ein Staat wie Kalifornien scheitert, dann kann man es durchaus ja mit dem “Gouverneur Ihres Vertrauens” versuchen. Aber Wunder sollte man von ihm nicht erwarten, wenn z.B. die Strukturen nicht funktionell sind…
Postheroisch heisst hier ja nicht, dass es nicht sehr auf die Personen ankäme, aber sie sind nicht die Lösung. Die intelligente Führungskraft organisiert intelligente Kommunikations-Prozesse, um zu intelligenten Entscheidungen zu kommen. Das ist in der Wirtschaft leichter als in der Politik, da dort die Macht des Einzelnen bei der Änderung von Strukturen im Zweifel größer ist…
Kommentar by Fritz B. Simon — 24. November, 2009 @ 14:54 Uhr
Die intelligente (“ganzheitlich” orientierte?) Führungskraft, findet sich aber vermutlich eher in der Wirtschaft als in der Politik, weil dort der persönliche und wirtschaftliche Erfolg mit der Forderung nach einer Art von Dauer und mit der Dauerhaftigkeit von Erwartungen nach Innovation verbunden ist. In er Politik lässt sich die – in einer Demokratie, bzw. der Wechselhaftigkeit der Wähler – kaum erreichen. Zu widersprüchlich erscheinen die Seiten (“links”/”rechts”) und die divergierenden Erwartungen. Der persönliche Einsatz belohnt in der Wirtschaft mehr Personen reichlicher, als in der Politik….In der Politk müssen diese “Entscheidngsprämissen” ja für “Etwas” stehen, also gemeinhin für Werte. In der Wirtschaft stehen sie für die Marke….
Welche Werte darf ein Politiker überhaupt noch haben?
Kommentar by Sylvia Taraba — 24. November, 2009 @ 15:24 Uhr
Vielleicht bekommen Sie über Bert Hellinger ein paar wertvolle Hinweise zu dieser Frage.
Kommentar by Max Liebscht — 25. November, 2009 @ 20:32 Uhr
Lieber Herr Liebscht, leider habe ich keine Zeit um Hellinger zu lesen.
Lieber Herr Simon, kann es eine Heterarchie von Politik und Wirtschaft faktisch geben? Gab es das schon je?
Ist nicht naturgemäß die Politik immer infrastrukturelles Ausführungsorgan für die Wirtschaft und sorgt dabei so gut es geht für Ruhe und Ausgleich?
Wie können intelligente Kommunikationsprozesse hinsichtlich der Änderung von Strukturen aus der Sicht des Postheroischen aussehen?
Ginge es für die politischen Parteien dabei zunächst darum, mehr universitär geschulte Kommunikatoren, Mediatoren, Polit-Coaches an der Hand zu haben, um diese Prozesse in Gang zu bringen? Oder treten die vorausgesetzten Personen qua Charisma in Erscheinung und woher beziehen sie das?
Geht es da in diesen Kommunikations-Prozessen um intelligente Überredungskunst?
Oder möglicherweise auch um Täuschung? Vorspiegelung falscher Tatsachen durch Lobbies, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Zum Beispiel Klima? Zum Beispiel den EU-Beitritt?
Unsere Gitti Ederer, jetzt im Siemens Vorstand, damals SPÖ-EU-Beauftragte für die glatte Abwicklung des Beitritts, hat tatsächlich für die EU-und für den EURO damit argumentiert, dass „jeder Österreicher nach dem Beitritt, monatlich einen Tausender mehr in der Tasche haben wird“ (der legendäre „Ederer-Tausender“), also, dass sein Geld um diesen Betrag mehr wert sein wird. War das zum Beispiel ein, von einer intelligenten Führungsperson eingeleiteter intelligenter Kommunikationsprozess?
Die intelligente Gitti Ederer ist übrigens sofort nach dem EU-Beitritt aus der schnöden Öffentlichkeit in den vornehmen Siemens-Vorstand entschwunden.
Heiligt der Zweck die Mittel?
Bei weniger gut zu kommunizierenden Struktur-Veränderungen, benötigt das Kapital dann einen Diktatur, wie zum Beispiel unter Lenin, Stalin oder Hitler, je nach der Art der gerade zu ändernden Strukturen, da der „Parteien“ – also der nicht an EINEM Strang ziehenden – zu viele sind.
Wenn nun Personen, wie Stalin oder Hitler etc (mit ihren Verfassungsorganen, Seilschaften, Programmen, unterschiedlichen kulturellen Mustern etc..) in Frage kamen, dann zeigt das eigentlich und kann das eigentlich nur heißen, dass die „intelligente Führungskraft“ in einer übergeordneten Instanz, also in einer über der Heterarchie von Politik/Wirtschaft stehenden Instanz zu suchen wäre.
Vielleicht ist dieses organisationstheoretische Modell, das Personen als Entscheidungsprämissen konzeptualisiert, auf höherer Ebene immer schon in Anwendung?
Nochmals: Kann es überhaupt eine Heterarchie von Wirtschaft und Politik geben oder ist es nicht eher ein ständiges Wechselspiel von Diktatur und Demokratie – immer zugunsten der Wirtschaft resp. des Kapitals?
Was ich aber damit zum Ausdruck bringen will ist die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit für …welche Art von” intelligenter Führungskraft”, die welche Art von “intelligenter Kommunikation” organisiert, um zu in welchem Sinn “intelligenten Entscheidungen” zu kommen?
Kommentar by Sylvia Taraba — 26. November, 2009 @ 15:10 Uhr
Ich denke, dass Politik, die sich an den Überlebens-Interessen einer sozialen Einheit (Nation, EU, Weltgesellschaft) orientiert, der Wirtschaft Rahmenbedingungen setzen und sie bändigen kann; auf der anderen Seite wird solch eine Politik immer auf Wirtschaft angewiesen sein, die aufgrund ihrer Ertragskraft immer begrenzen wird, was politisch möglich ist (worüber entschieden werden kann). Hier zeigt sich m.E. die Heterarchie gesellschaftlicher Subsysteme in der funktionell differenzierten Gesellschaft.
Was die Organisation intelligenter Entscheidungsprozesse angeht, siehe – wie denn anders denkbar? – “Gemeinsam sind wir blöd?!”
Kommentar by Fritz B. Simon — 26. November, 2009 @ 16:25 Uhr
So oder so werden Sie also lesen müssen.
Dass Sie bei Fritz Simon fündiger werden
als bei Bert Hellinger
bzgl. Ihrer mehr oder weniger rhetorisch gemeinten Frage
nach den Werten,
die ein “politischer Entscheider” “haben” sollte,
das wage ich zu bezweifeln.
Immerhin gilt auch er als Autorität.
Ihrem Orientierungsbedürfnis dürfte er in eindeutigerer Weise entgegenkommen.
Wäre das nicht irgendwo befriedigender für Sie?
Eindeutige Ansagen anstatt dem ewigen Rumgeeier?
http://www.youtube.com/watch?v=7lvjm8wLHbk
(Es geht auch noch mal um Spaltpilzphänomene)
Ansonsten wäre – wertemäßig abgestimmt auf den Entwicklungsstand des jeweiligen System” – Kontextes – ansonsten wäre das vielleicht eine Möglichkeit zur Beantwortung Ihrer hoffentlich nicht nur “rhetorisch”, um des Fragens willen, gemeinten Frage;
http://isb.isberlin.de/Organizing-Codes.157.0.html?&L=0&L=0
Die Aufgabe der Politik besteht gegenwärtig darin,
Paradoxien zu lösen.
Damit sie das kann, muss sie aber auch erhalten.
Politik schützt die Familien vor dem Markt und den Markt vor den Familien.
Gewinnt das Familiale die Oberhand, tendiert das gesellschaftliche Ganze Richtung Inzest in diversen Arten.
Gewinnt das Kompetitive die Oberhand, tendiert das ganze Richtung Krieg in diversen Arten.
Unvermeidlich eine Wackelpartie.
Inzwischen aber …
Kommentar by Max Liebscht — 27. November, 2009 @ 17:25 Uhr
Ich “muss” überhaupt nicht lesen. Ich lese, was mich interessiert. Mich interessieren die – theoretischen und praktischen – Ansichten anderer Menschen – insofern sind meine Fragen “rhetorisch.”
Kommentar by Sylvia Taraba — 30. November, 2009 @ 14:03 Uhr
Dennoch vielen Dank für Ihre mannigfaltigen Hinweise zu meiner Weiterbildung.
Kommentar by Sylvia Taraba — 30. November, 2009 @ 14:05 Uhr
Stets zu Diensten Verehrteste.
Werte stellen eine Art soziales Kapital dar, das in unterschiedlichen kommuikativen Zirkeln unterschiedlich geratet wird.
Die Herausforderung, vor der nicht nur politische Entscheider stehen, besteht darin, sich einerseits die nötige Entscheidungenruhe zu gewährleisten und irrelevante Informationsmassen herausfiltern zu lassen, andererseits nicht in einsamer Höhe zu verblöden, weil wichtige Informationen nicht eingepflegt werden können in die Wertebildung.
An welchen Werten bzw. Entscheidungskriterien sich Politiker orientieren, dürfte davon abhängen, was sie in ihren Zirkeln überleben und reüssieren läßt. Das ist nicht anders als bei uns.
Unterschied ist, dass “wir” näher, ungefilterer an den Bereichen gesellschaftlicher bzw. wirtschaftlicher Realität wandeln, in den Probleme absehbar sind. Wir brauchen uns nicht wie Harun al Raschid zu verkleiden, wenn wir auf die Strasse gehen, um zu sehen, wo was hakt.
Immerhin sind die Aussagen von Herrn Hellinger immer noch und wieder einer Ausseinandersetzung wert, insofern sie mit einem enormen gesellschaftlichen Orientierungsbedürfniss in enger Korrespondenz stehen. Er ist öfter bei Ihnen in der Nähe.
Kommentar by Max Liebscht — 1. Dezember, 2009 @ 09:15 Uhr
Ich sehe hinsichtlich von Werten keine Herausforderung.
Ich denke nicht, dass man sich da viel entscheiden muss, man ist zu jedem Zeitpunkt irgendwie schon entschieden, damit ist einem die “Entscheidungenruhe” jederzeit gewährt. Man kann im entscheidenden Moment auch anders entscheiden, wenn man kann. Das kann ein Poitiker kaum, er muss immer schon mit Werten antreten. Aber muss er das überhaupt noch? Denn die Überlebens-Interessen einer bestimmten Einheit haben ja nicht unbedingt immer Priorität.
Danke. Ich kenne Bert Hellinger, habe aber keine Zeit und Not ihn augenblicklich zu lesen.
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. Dezember, 2009 @ 17:09 Uhr
Ja zugegeben. Einige der Menschen, welche sich seinen Einsichten anvertrauen, machen einen etwas notleidenden Eindruck. Und so richtig katholisch wirken Sie in der Tat dann doch nicht.
Kommentar by Max Liebscht — 2. Dezember, 2009 @ 19:28 Uhr