Simons Systemische Kehrwoche

Synapsen

Fritz B. Simon

In Kino ist im Moment ein Film über Eric Kandel zu sehen. Er hat den Nobelpreis für Medizin für seine Erforschung der Physiologie von Gedächtnisprozessen erhalten. “Auf den Spuren des Gedächtnisses” heißt dieser Film, der eine Mischung aus privaten Erinnerungen der Hauptfigur (aus Wien geflohener Jude) und Darstellung seiner Forschungsergebnisse ist. Von der Kritik viel gelobt, nett anzuschauen, aber eigentlich nichts Neues, außer ein wenig Personenkult (der Herrn Kandel gegönnt sei, denn er hat ihn sich offensichtlich verdient).

Das im Blick auf die Hirnforschung für den gemeinen Zuschauer wahrscheinlich Spannendste ist die Tatsache, dass sich im Prozess des Lernens, durch die Erfahrungen, die wir jeden Tag machen, unser Gehirn anatomisch verändert. Synapsen werden neu gebildet, andere verkümmern. Die alte Diakasten-Metapher, nach der Informationen in einen Speicher gepackt werden – das Gehirn als Diakasten/Speicher -, und dieser Speicher dabei nicht weiter verändert wird, ist also nicht angemessen. Das Gehirn erklärt genauso wenig allein das Verhalten eines Menschen, wie seine Erfahrung als Teilnehmer an der Interaktion/ Kommunikation allein die Struktur seines Gehirns erklärt. Beides ist zirkulär verknüpft.

Die Konsequenzen sind – wenn man genau hinschaut – sehr radikal. Wenn wir miteinander umgehen, dann verändern wir gegenseitig unsere Gehirne. Das erklärt auch, warum wir manchmal den Umgang mit uns als Körperverletzung erleben, auch wenn uns physisch niemand antastet. Und Lehrer und Psychotherapeuten sollten z.B. – wenn sie schlecht arbeiten (aber wer soll das entscheiden?) wegen Körperverletzung angezeigt werden… Ich weiss auf jeden Fall jetzt genau, warum ich manchmal den Kontakt mit Menschen meide: Ich schütze mein Gehirn vor Lernprozessen, Synapsenbildung und anderen Auswüchsen…

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10 Kommentare

  1. Da ist sie wieder, Ihre “Kunst nicht zu lernen”, lieber Herr Simon.
    Man kann es auch anders rum sehen: Was für tolle Möglichkeiten, sich auf andere und anderes einzulassen! Das machen Sie doch unaufhörlich, denke oder beobachte ich hier.

    Hoffentlich sehen diesen Film viele der Lehrerinnen und Lehrer, die noch immer ihre Schüler in Kästchen einteilen (z.B. Fünferschüler). Die Erkenntnis über die Plastizität des Gehirns ist doch eine direkte Aufforderung, sich auf die Offenheit von Lernprozessen einzulassen.

    Besten Gruß, H. Kasper

    Kommentar by Horst Kasper — 28. Juni, 2009 @ 16:51 Uhr

  2. Wie zutreffend sind beide Beobachtungen in Beitrag und Kommentar Nr1 – sich öffnen für Lernprozesse und sich durch den Umgang der anderen mit uns körperverletzt fühlen – man kann die ganze Bandbreite hier im Auer-Weblog erleben. Vermutlich hat das jeder bereits erlebt schmerzhaft vor den Kopf gestoßen zu werden. Warum? Wegen seiner Andersheit im Formulieren und/oder Denken. Hier kann man das scheinbar leicht wegstecken, indem man sich zurückzieht, indem man Contenance, scheinbare Unberührtheit, sichere Distanz wahrt oder sie wieder herstellt.
    Oftmals ist der eigenen körperlich gefühlten Verletzung, bereits die Verletzung eines anderen durch uns selbst voraus gegangen, ohne dies oftmals überhaupt bemerkt zu haben.

    In den direkten persönlichen Kontakten, Beziehungen von Individuen und Gruppen im “wirklichen” Leben” ist das aber erst recht der Fall. Das Buch von FBS “Tödliche Konflikte” beschreibt, wie sich winzige Verletzungen im gegenseitigen Umgang mit der Zeit zu Aggressionshandlungen auswachsen und eskalieren, bis keine Umkehr mehr möglich ist, weil es plötzlich um Fragen der Besonderheit, der Ehre, des Glaubens, des Status, der Macht geht und nicht darum, die eigene Integrität in eine Auseinandersetzung zu werfen, sie dabei zu wahren und sie zugleich dennoch auch preiszugeben, durch die eigenen Offenheit für den Anderen.

    Für mich stellt sich auch hier die Frage nach der Konfliktkultur. Lernt man von klein auf, oder auch erst im Erwachsenenalter, im nächsten, im nahen, im erwünschten Umfeld, Konflikte offen, empathisch und produktiv auszutragen oder vermeidet und verdrängt man sie solange, bis sie sich nicht mehr unterdrücken lassen und sie offen ausbrechen.

    Im Grunde ist es scheinbar egal, ob man sein Leben dafür in die Schanze wirft, denn es kommt, wie es kommt. Aber für die eigene Lebendigkeit ist es keineswegs egal.

    Konfliktkultur ist ein Prozess, wir lehren einander darin gegenseitig und lernen von einander. Es geht um eine würdige Annäherung an den anderen und um würdevolles, mitfühlendes und/oder humorvolles Antworten. Sie lieber Herr Kasper sind hierin ein Meister, das muss hier einmal gesagt werden….
    …was mich betrifft, ich agiere reaktiv, wie jemand in meinen Wald (Sylvia) hineinruft, tönt es heraus….

    Kommentar by Sylvia Taraba — 28. Juni, 2009 @ 18:15 Uhr

  3. Ja, Sie haben ja beide recht…

    Die Plastizität des Gehirns bzw. der Psyche sind ja auch der Grund, warum ich dem Konzept der “frühen Traumatisierung” so kritisch gegenüber stehe und stattdessen für “frühes Lernen” plädiere. Dann nämlich kann man auch ent-lernen und neu lernen.

    Und manchmal lohnt es sich ja, seine Energie in die Umformung eines fremden Hirns zu investieren.

    Allerdings sollte man sich darüber klar sein, dass die Grenze zur Körperverletzung nicht eindeutig ist. Denn manche Leute genießen ja auch den Schmerz und Verstümmelung (z.B. die Anhänger von Herr Bueb, dem unseligen Pädagogen und Disziplinator).

    Kommentar by Fritz B. Simon — 28. Juni, 2009 @ 20:17 Uhr

  4. In Geist&Gehirn 7-8, 2009 (>www.gehirn-und-geist.de<)schreibt Rainer Mausfeld über die “weiße Folter”. Psychologen waren aktiv an Entwicklung und Einsatz von Foltertechniken im Anti-Terrorkampf beteiligt. Die in Guantanamo angewandten Verhörtechniken haben Psychologen entworfen- insbesondere die Firma “Mitchell, Jessen &Associates”, an der auch ein ehemaliger Präsident der American Pyschological Association (APA) beteiligt ist. diese Firma hat sich auf die Ausbildung von Verhörexperten spezialisiert…

    Kommentar by Sylvia Taraba — 29. Juni, 2009 @ 08:46 Uhr

  5. Dem Konzept der “frühen Traumatisierung” stehe ich mehr als kritisch, nein ganz und gar ablehnend gegenüber, weil es ja ein Konzept des Abhängigmachens ist, den betroffenen Menschen die Verantwortung für ihr Leben abnimmt, sie entmündigt – das heißt dem Schicksal der Traumatisierung den Lebens-Auftrag zu nehmen versucht. Es gibt einen “Schuldigen”, dessen “Opfer” man ist. Das starke Motiv des Entlernens, wie Sie es nennen, und des Neu Lernens ist ja ein Selbstantrieb ohnegleichen, der durch so ein Konzept umgeleitet wird in das Vertrauen in das Können der Psychologen, statt in Selbstvertrauen, bzw. Vertrauen in die Selbstheilungskraft des Geistes und damit des Gehirns. Das Heil-Konzept eines Psychologen kann meines Erachtens nur in “Erste Hilfe Leistung und Wundversorgung” beruhen und in der Verabreichung von den Geist stärkenden persönlichen Mantras oder bei hartnäckigen Fällen paradoxer Intervention.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 29. Juni, 2009 @ 09:12 Uhr

  6. Tja, jeder muss sein Hirn selbst in die Hand nehmen.

    Und, es nützt nichts am Rasen zu ziehen, er wächst deshalb auch nicht schneller.

    Kommentar by es — 29. Juni, 2009 @ 09:32 Uhr

  7. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

    Kommentar by Max Liebscht — 1. Juli, 2009 @ 09:47 Uhr

  8. Letzteres, das Sie schreiben, ist das, was Therapie (oder auch “Entwicklungshilfe”) oft suggeriert, beziehungsweise, was der sich in Therapie Begebende von dieser Abhängigkeit erhofft. Der Therapeut soll sein Wachstum beschleunigen, damit er im Leben ordentlich funktioniert. Der Therapeut soll leisten, was ihm selbst zu unternehmen zu mühsam und schmerzhaft erscheint. Doch jedes einzelne Schicksal (ob “gut” oder “schlecht”) ist der schlichte Auftrag, das eigene Leben entsprechend den individuellen Gegebenheiten zu gestalten. Die Liebe zum eigenen Schicksal und seinen Herausforderungen macht das Leben zum Erfolg, nicht der Erfolg im Leben das Schicksal

    Kinder müssen durch Schutz- und Bildungsprojekte unterstützt werden. Ich meine hier nicht unbedingt die Kinder der diversen Großstadtneurotiker in den sozialen Wohlfahrtsstaaten, sondern die, die in der Welt der schieren Gewalt aufwachsen, damit sie gute Chancen haben, ihren persönlichen Schicksalsauftrag auch bewusst wahrzunehmen, ihn zu erkennen und kraftvoll umzusetzen, statt resigniert zu vegetieren.

    Kommentar by Sylvia Taraba — 1. Juli, 2009 @ 10:19 Uhr

  9. Liebe Frau Taraba,

    Hilfe ist eben die Sonnenseite der Macht.

    Kommentar by es — 1. Juli, 2009 @ 13:24 Uhr

  10. Ja! Da haben Sie recht lieber ES. Ich bin sowieso für Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Aber wo die nicht funktionieren kann, wird es der Macht zu helfen bedürfen, damit die Begriffe Schattenseite der Macht und die Sonnenseite der Macht sich auflösen können in eine neuen produktiveren Begriff. Daran wird gearbeitet und – ich bin zuversichtlich – mit Erfolg

    Kommentar by Sylvia Taraba — 1. Juli, 2009 @ 15:04 Uhr

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