Simons Systemische Kehrwoche

System Mafia

Fritz B. Simon

Unter o.g. Titel fand in der Berliner Akademie der Künste (!) gestern eine Podiumsdiskussion statt. Die diskutierenden Sizilianer schienen voll südländischer Energie, aber trotzdem resigniert. Die Situation in Süditalien scheint hoffnungslos…

Was neben dieser emotionalen Situationsbeschreibung und der Darstellung der alltäglichen Korruption leider fehlte, war eine Analyse des Systems Mafia (trotz des Titels).

Denn die Mafia in ihrer sizialianischen Ausprägung ist ja aus der systemtheoretischen Perspektive ein höchst interessantes Gebilde. Es ist schwer, sie in eine Typologie der sozialen Systeme, mit denen wir es heute zu tun haben, einzuordnen. Sind es Wirtschaftsunternehmen? Oder stellen sie so etwas wie Parallelstaaten dar? …

Die vier großen süditalienischen kriminellen Vereinigungen erzielen jede jährliche Umsätze von bis zu 35,9 Mrd. Euro. Das spricht für Wirtschaftsorganisationen: Unternehmen. Aber was sind die Produkte oder die Dienstleistungen, die sie verkaufen?

Auf der anderen Seite werden Schutzgelder erpresst – so die offizielle, staatliche Lesart -, aber eigentlich ist es, wie gestern formuliert wurde, eine “Multifunktions-Steuer”, die erhoben wird. Wer einen Laden in Palermo aufmachen will, ist gut beraten, sich vorauseilend zu melden und zu fragen, wo er seine Zahlungen abzuliefern hat. Wenn man nicht zahlt, dann wird die Bude abgefackelt.

Aber das ist beim Staat ja auch nicht viel anders. Wenn man die Steuern nicht zahlt, dann wird die Bude beschlagnahmt, was weniger romantisch ist, aber denselben Effekt hat.

Oder ist die Mafia ein Art erweiterter Familie? Die von ihr selbst verwendeten Bezeichnungen für die internen Rollen, deuten darauf hin (der “Pate” etc.)? Dafür spricht, dass in ihr eine starke Personenorientierung der Kommunikation stattfindet und sich auch noch viele andere Aspekte, die im System Familie zu beobachten sind, wieder finden. So ist die Kommunikation überwiegend mündlich (es gibt z.B. keine Aktenvermerke über Mordaufträge) usw.

Eigentlich, so scheint es, ist die Mafia ein Unternehmen, das seiner Zeit weit voraus ist, ein Modell für die Zukunft auch bei uns. Was in anderen Bereichen erst begonnen wird, ist in Sizilien schon Praxis. Staatliche Aufgaben werden outgesourced und privatisiert. Eigentlich ist es ja die klassische Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass die Bürger in ihren alltäglichen Geschäften darauf vertrauen können, dass sie nicht betrogen werden. Wer sich übervorteilt fühlt, kann vor Gericht ziehen und sein staatlich garantiertes Recht einklagen. In Sizilien zahlt man Schutzgeld und kann darauf vertrauen, dass einen der Geschäftspartner nicht betrügt, weil er weiß, dass man den Schutz einer der großen “Familien” genießt. Die zu erwartenden Sanktionen sind in ihrer prozessualen Form weniger festgelegt, aber doch hinreichend klar berechenbar.

Das Produkt der Mafia ist Vertrauen (diese Idee stammt nicht von mir, sondern die habe ich irgendwo gelesen). Deshalb konkurriert sie mit dem Staat – auch in Bezug auf dessen Gewaltmonopol. Wo die Mafia funktioniert, verliert der Staat seine Funktion, wo der Staat nicht funktioniert, entsteht eine Mafia.

Ihr Modell der Organisation ist die Aufblähung des Familienmodells. Auch der Staat hat Ähnlichkeiten mit der Familie. Man wird in den Staat wie in die Familie (meist) hinein geboren und muss keine Aufnahmenprüfung machen. Bei der Mafia wird man “ko-optiert” – von denen, die einem die Möglichkeit geben, sich durch einen kleine Gebühr des Schutzes des “Paten” zu erfreuen.

Durch die Größe, die Zutrittsregeln und die Funktionsorientierung wird die Mafia aber auch zur Organisation, zu einer, die mit staatlichen Einrichtungen im Wettstreit liegt. Und es gibt natürlich noch ein paar Besonderheiten: die höheren Beamten oder Manager werden, wenn sie ausgedient haben, nicht in Pension geschickt, sondern liqudiert. Das spart natürlich Kosten und die Miesmacherei, unter der sonst die Nachfolger zu leiden haben.

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5 Kommentare

  1. Erschreckend plausibel. Irgendwie haben die ja auch ihre eigene “Ethik”, die vielleicht nur vom Standpunkt des aussen stehenden Beobachters (und mit der jeweils ontogenetisch gewachsenen eigenen ethischen Ausrichtung) so furchtbar brutal wirkt. Im großartig inszenierten Computerspiel “Mafia: The City of Lost Heaven” wächst man als Protagonist von außen (Tellerwäscher) in eine fiktive Mafia-”Familie” hinein und kann am eigenen (virtuellen) Leib den Wandel der Moral, die Veränderung der Maßstäbe in ihrer Kontrastierung zum System “Gesellschaft” spüren. Zumindest wenn man sich auf PC-Spiele als Kunstform einlassen will, aber das ist eine andere Diskussion. Jedenfalls reletiviert sich so einiges. Beim ersten Lesen ihres Beitrages dachte ich nämlich tatsächlich “Jaja. Aber ethisch kann man das ja so nicht stehen lassen”. Andererseits sind die Regeln und die Sanktionen bekannt. Das ist im Staat genauso.

    Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 28. September, 2007 @ 11:24 Uhr

  2. Natürlich ist die Mafia ein Wirtschaftsunternehmen und eine Organisation. Sie belohnt ihre Mitglieder mit Ehre und Geld. Darüber hinaus bietet sie Ihnen einen ‘gewissen’ Schutz, stirbt ein Mafiosi ehrenvoll im Dienst, wird für die Familie gesorgt. Stirbt er unehrenvoll, wird die Familie entsorgt, darüber ist sich jeder, der dieser ‘Organisation’ beitritt wohl im Klaren.
    Vielleicht könnte Mafia mehr aus Italien machen, wenn man sie wirklich in die Pflicht nehmen würde. Der Ansatz ist gewagt und zunächst einmal nur dahingeworfen. Der Gedanke dahinter ist die Effizienz der Mafia sowie ihre Fähigkeit sich auf globalen Märkten zu behaupten.

    Kommentar by Online Spielautomat — 6. Oktober, 2007 @ 19:03 Uhr

  3. Vielleicht war es da:

    “Lernen Sie die Zeppelin Universität kennen so wie sie ist – live und in Farbe. Diskutieren Sie mit Studierenden in der Lehrveranstaltung „Netzwerktheorie“ über die Frage, was Wirtschaftsunternehmen von der Mafia lernen können. Konzipieren Sie mit Studierenden der Kulturwissenschaften eine eigene Ausstellung oder entwickeln Sie ein Schwimmbad als Public-Private Partnership. Treffen Sie Alumni und Professoren. Und gönnen Sie sich ein Mittagessen in der Unimensa. Sie können diesen Tag nach Ihren Wünschen gestalten und ganz nebenbei die Uni live! erleben.”

    An sich alles recht plausibel. Da ich gute Kumpels habe in Calabrien, die beim Thema regelmäßig die Gesichter verziehen, gehe ich davon aus, daß es in Italien ähnlich unappetitliche Implikationen für patente, hochethische Zeitgenossen gibt wie in Großstadtdeutschland. Und natürlich bildet sich an bestimmten Stellen Dreck, der irgendwann sogar zum Schmieren taugt, wenn die offiziellen Getriebe sich verklemmen. Ebenso wie Knubbelnasen, schiefe Nasen und Arschgeweihe nicht ausgestorben sind, wird das System Mafia trotz der bestechenden Vorzüge aber selbst in einem Land automatisierter Trottel wie Deutschland nicht d a s Modell werden, einfach, weil es zu perfekt ist.

    Episode: Der Vater meiner ersten frau hat in den siebzigern aus Tuff und Fels 2 ausnahmesweise hochgeschmackvolle Touridörfer bauen lassen. Eine ganze Zeit kam früh morgend ein jungen und brachte eine Kiste Orangen. Anerkennung dafür, daß er in einer strukturdesolaten Region einige Arbeitsplätze geschaffen hat.

    Heute scheint die Situation ganz anders. Billiglösungen auch hier und von Ganovenehre keine Spur mehr. Ca 500 Leute flogen zudem jährlich in einer kleinen Stadt wie Reggio di Calabria in die Luft, weil die Nachfahren der Potentaten untereinander nicht klar kamen. Inzwischen haben sie sich einigermaßen zusammengerappelt, vermutlich infolge der staatlich bedingten zeitweiligen Strukturkrise der benachbarten sizilianischen Mafia. Organisationale Degeneration, Kulturverfall der Führungsspitzen immerhin auch hier. Von den Sozialisationsstrategien der Organisation her kann man zwar das ganze Grobzeug integrieren. Aber wenn man es integriert hat, dann hat man es eben auch. Bzw. die anderen haben es dann auf dem Halse. Da gefällt mir die Staatsstrategie doch noch besser, die ganzen Möchtegernrambos im Rahmen von Konfliktexternalisation statt wie bislang auf Hartz und Selbstabschuß durch steuerpflichtige Drogen zu setzen, in die asiatischen Hochländer zu exportieren.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 6. Oktober, 2007 @ 21:06 Uhr

  4. Symbolische Anerkennung in durchaus interessanter Form, nebenbei bemerkt. Anerkennung zeigen in einer Weise, die erlaubt, das Gesicht zu wahren. Kein Mensch braucht jeden Morgen eine Kiste Orangen, die sowieso überall wachsen. Und wie gesagt, die Zeichensprache heute scheint inzwischen weitaus weniger poetisch als noch in den Siebzigern und gänzlich kulturloser Schlachthausästhetik gewichen. Wahrscheinlich der Einfluß zu vieler amerikaischer Filme.

    Kommentar by M.M.M. Liebscht — 7. Oktober, 2007 @ 10:41 Uhr

  5. Alles was unter die Schweigepflicht fällt gehört zum System Mafia;)

    Kommentar by Mafiosa — 28. Oktober, 2007 @ 15:21 Uhr

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