Tausche Schuldner gegen Geld
Fritz B. Simon
Der Kapitalismus hat sich ja in den letzten Jahren verändert. Ein Punkt, auf den Herr Kasper – bzw. die ARD-Sendung über Sparkassen – in seinem Beitrag hinweist, betrifft den Umgang mit Schulden.
Denn seit einigen Jahren kann man als Schuldner (etwa als Häuslebauer oder als Unternehmer, der bei seiner Bank einen Kredit aufnimmt) nicht mehr sicher sein, mit wem man solch ein intimes Verhältnis, wie es die Schuldner-Gläubiger-Beziehung darstellt, eingegangen ist. Oder besser gesagt: Man weiss zwar noch, mit wem man es eingegangen ist, man weiss aber nicht, mit wem es aktuell besteht. Denn eine der relativ neuen Möglichkeiten, die der globale Kapitalmarkt eröffnet hat, ist, als Gläubiger seine Ansprüche an Schuldner zu verkaufen – unabhängig davon, ob die ihre Zinsen zahlen oder nicht.
Das führt dann z.B. dazu, dass bei einem nichts Böses ahnenden Unternehmer plötzlich der Vertreter eines anglo-amerikanischen Hedge-Fonds auftaucht und mit Nachdruck verlangt, auf die Politik des Unternehmens Einfluss zu nehmen… Denn ein Gläubiger ist in der Beziehung ja immer – der Sicherheiten, die als Pfand gegeben werden – immer so etwas wie ein Teilhaber, zumindest spätestens dann, wenn die Zahlung der Zinsen infrage gestellt ist oder scheint.
Dass man Schulden auf diese Weise verkaufen kann, ist aus systemtheoretischer Sicht so interessant, weil in ihrem Ursprung das Verleihen von Geld ja das Eingehen einer spezifischen Beziehung ist, zu der beide Seiten ja sagen. Es ist ja nicht zufällig, dass das geliehene Geld als “Kredit” bezeichnet wird (Lat. “credo”: ich glaube).
Wenn nun einseitig die Verpflichtung des einen dem anderen gegenüber an einen Dritten verkauft wird, ohne dass beide zustimmen, so ist das eine einseitige Veränderung der Beziehungsdefinition. Oder anders: die Beziehungsdefinition wird zur handelbaren Ware… Gibt es ein besseres Beispiel für Dekontextualisierung?
Wo immer Geld als Kommunikationsmedium verwendet wird, eröffnet sich nicht nur die Chance/das Risiko solch einer Abstraktion vom jeweiligen konkreten Beziehungskontext, sondern ihre Wahrscheinlichkeit nimmt grandios zu…
Das ist ein wenig so, als ob ein Ehepartner seine ehelichen “Rechte” (bzw. die “ehelichen Pflichten” des Partners) auf Beischlaf an einen/eine Dritte verkaufen würde – und das auch noch ohne Wissen und Zustimmung des Partners.
Asset Backed Securities nennt man das übrigens..
3 Kommentare
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Herzlichen Dank für die Aufklärung, lieber Herr Simon. Schon erstaunlich, in welch abgeklärter Weise man dieses Thema auch diskutieren kann. Dabei geht doch hier gerade ein weiterer Wert ehrbarer Wirtschaft vor die Hunde, wird das Geschäftsleben immer mehr zur herzlosen Mördergrube, um ein Zitat Ihrer lieben Frau von vor ein paar Tagen etwas abzuwandeln. Dem kann man doch als denkender und irgendwo moralisch genordeter Mensch nicht tatenlos zusehen oder gar noch die Hand reichen, um dem blöden Rest der Menschheit denselben zu geben!
Herzlichen Gruß,
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 18. Januar, 2008 @ 19:00 Uhr
Der Herr Simon hat in seinen besten Jahren als geisteskrank Diagnostizierte behandelt und heute betreut er Entscheider der Industrielle bei der Findung einer geeignet erscheinenden Selbstdefinition. Fragen Sie ihn doch, ob ihm nennenswerte Unterschiede aufgefallen sind außer der Unkostenvergütung!
Um das Gute zu wählen muß man offenbar das Schlechte kennen. Immerhin noch erinnern können.
Wenn ein “einsichtsbegabter” Klient längerfristig selbstschädigendes Verhalten zeigt – nun ja, dann leistet eine gewisse Verstörung Nützliches. Während und nach den Kriegen haben die Leute kaum noch Neurosen. Selbst die, welche dauernd Flashbacks haben, reißen sich zusammen, unauffällig zu bleiben, bis darüber gesprochen werden kann mit denen, die es nie begreifen werden, was sie verpaßt haben.
Die letzte Verstörung durch Hinzunahme bspw. des übernahmegeilen Ostblockes ist nun eine Weile her. Das hat zum einen die Probleme des Ostens einschließlich der ursächlichen Fragestellungen gelöst. Wobei der real existeierende Sozialismus ja Ettikettenschwindel war, aber das zählt zu den Sachverhalten, die Wessis wahrscheinlich nie begreifen werden, weil einfach die Erfahrung fehlt. Alles Sonnenallee oder wie der Quark sich nannte. Die “Strukturprobleme” des Westens wurden verwässert aber nicht gelöst. Die Wirkung dieser Perturbation läßt nach. Immunkräfte haben sich aufgebaut gegenüber derartigen Störpotentialen: Typen wie Scheubläh und andere Wahnsinnige erzählen vom Krieg.
Die nach wie vor expansiv angelegte Wirtschaftsweise geriert sich aggressiver – sowohl nach außen wie inzwischen nach innen. Die Agenten des “Systems” (auch das ist keines), die an den Entscheiderpositionen ankommen, zeichnen sich durch Universalkompatibilität aus, um nicht zu sagen, daß sie bei aller präzisen Abgerichteteheit primitiv sind, was ökologische Rücksichtnahme anbelangt. “Am wichtigsten ist meistens der Schnellste” war wohl ein Auer – Spruch. Der allerdings irgendwie nach Gunthard Weber klingt. Meine Variante: Wer am meisten versteht, ist meistens der Dumme. Leute mit einem anderen Profil als dem der taktischen Unberechenbarkeit werden als unpassend, unfit ausgelesen. Und abwärts kompatibel sind wir halt immer, ich meine “wir”, die in ihrer sozialen Mobilität ethisch belasteten Leutchen, mit denen es die Successjunkeys halt so zu tun bekommen bei Ihrem Highlanderturn.
Einige Probleme unserer Kulturvereine werden durch die Pertubation Klimawandel gelöst wie bspw. die Überbevölkerung, die freilich nie wirklich für uns ein Problem war. Von unserem eitlen Anspruch an uns selbst abgesehen. Aber wie gesagt, Bigotterie gehört unvermeidlich zum Kapitalismus und den fortgeschritteneren Formen von Gesellschaft, die es davor gab. Das steht, wenn ich recht erinnere, schon bei dem Onkel mit dem Rauschebart und Faible für Kalbsbraten. Andere Probleme werden sich stellen, Probleme wie wir sie in dem relativ abgeschlossenen Wirtschaftraum der DDR hatten. Lassen Sie sich die Bananen beizeiten schmecken, empfehle ich.
Ob es so wird, wie FBS zu hoffen scheint, daß die Familie erstarkt angesichts der grassierenden Unberechenbarkeiten im Außenbereich? Ich mein´ mit Blick auf den Gau in Argentinien oder die Selbstversorger bei den Russen könnte man ja dahin kommen, daß die Leute sich privat wieder stärker solidarisieren anstatt ihre Fürsorge instrumentalisiert zu institutionalisieren. Demnächst sind wir aber ohnehin zu vertrottelt uns den A. freihändig abzuwischen. Letztlich geht es ja immer darum, irgend jemand den schwarzen Peter der Verantwortung zuzuschieben. Die Zauberlehrlinge mit den smarten Geschäftskonzepten leben davon, daß wir uns nicht mehr um unseren eigenen Dreck kümmern möchten sondern in exclusivem Ambiente lieber Sinnsuche betreiben. Bzgl. Mißständen in den Altenheimen läßt sich nämliches sagen. Wer kann der tut. Erst erfinden wir die Verwurstungsanlage und dann gackeln wir rum, wenn wir selber auf´s Band gespannt sind. Aber ob die Leute wirklich derartige Konsequenzen ziehen von wegen Besinnung auf´s Wesentliche – schön wäre es ja, daß man sich statt zu bei den Bankfritzen unter Freunden und Verwandten aushilft, wenn man ein Projekt hat, einfach weil Gelegenheit Diebe macht, bei Gelegenheiten jedenfalls bei denen kein Angestellter widerstehen kann, wenn keine Sanktion irgend auszumachen ist. Moralschablonen werden nicht mehr zur gesellschaftlichen Erziehung herangezogen. Nicht allein die Kids verwahrlosen sozial sondern eben auch die früher auf Bravsein gebürsteten Typen in ihren peinlichen Anzügen. Die Projekte, die Dank Solidarität zustande kämen, würden sich vermutlich durch Solidität auszeichnen. Wie es gehen kann, zeigen uns ausgerechnet die blöden Ausländer, die Dank Solidarität, halbwegs intakten Regelsystemen und geballter Finanzkraft im Clan inmitten feindlich gesonnener Umwelt eine Geldwäscherei mit Küchenbetrieb nach der anderen aufmachen. Ohne die Lackaffen von Lone Star zu brauchen. Höchstens die Russenmafia, wenn sich Verständigungsschwierigkeiten ergeben. Ich meine, daß der Stress und viele Müll ökologisch ungelöster Aufgaben im System dazu führt, daß sich Leute so wie sonst auch unter Stress verhalten. Die einen klumpen sich zusammen und – insbesondere wenn sie Herrenmenschen sind – bestimmen irgendwelche Führer, sobald sie dann nicht wissen, wie weiter. Irgendein Egotripper findet sich immer. Die anderen werden gleich rabiat. Sicherlich könnte sich gesellschaftlicher Fortschritt anders darstellen. Ich meine, daß der Rückfall in den Neoliberalismus mit dem Fehlen einer Infragestellung durchaus zu tun hat. Die Typen, die man sich des Strukturerhaltes seitens industrieller Komplexe als Feindbild herangezogen hat, sind ja noch am Üben und Überlegen wer sie eigentlich sein wollen. Und intern? Da is nix, schließlich leben wir alle von dem Irrsinn globaler Umverteilung der Güter und wissen das instinktiv wohl i.d.R. Je perfekter der Laden läuft, desto mehr verblöden wir immerhin gesamtgesellschaftlich angesichts der realen Aufgaben deren Zustandekommen wir verzapft haben. Da geht es uns als Gesamtverein nicht anders als einer dappichen Behörde wie dem Arbeitsamt deren Mitarbeiter keine Rufnummern mehr herausgeben dürfen, weil sie genug “feste Kundschaft” haben. Wer aber braucht ausgerechnet uns denn wirklich? Viecher wie das, dessen kleingebröselte Leber ich gerade zermalme, sicherlich nicht.
Kommentar by Max Liebscht — 20. Januar, 2008 @ 20:10 Uhr
Auf meinem Kalender finde ich gerade: “Wer sich allein langweilt, ist auch zu zweit nicht sonderlich unterhaltsam.” (Ben Kingsley) Das ist ja hübsch! Also so sehr dies bereits für Menschen zutreffen mag – für unsere Gesellschaftsform trifft dies ganz sicher zu.
Kommentar by Max Liebscht — 20. Januar, 2008 @ 20:28 Uhr