Totale Institution
Fritz B. Simon
Die Mißbrauchsfälle in den verschiedenen Internaten sind m.E. nicht durch die Charaktere der Beteiligten zu erklären, sondern durch die Form der Organisation, in der sie arbeiten. Als ich in einer großen psychiatrischen Anstalt arbeitete, wurden die Patienten auch von Pflegern mißbraucht (was von der Anstaltsleitung dann elegant unter den Tisch gekehrt und auch von mir nicht öffentlich gemacht wurde). Solche Anstalten sind “totale Institutionen” – ein Begriff, der von Erving Goffman geprägt wurde. Daher hier seine Definition:
“In der modernen Gesellschaft besteht eine grundlegende soziale Ordnung, nach der der einzelne an verschiedenen Orten schläft, spielt, arbeitet – und dies mit wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan. Das zentrale Merkmal totaler Institutionen besteht darin, dass die Schranken, die normalerweise diese drei Lebensbereiche voneinander trennen, aufgehoben sind: 1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und derselben Stelle, unter ein und derselben Autorität statt. 2. Die Mitglieder der Institution führen alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteil wird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen. 3. Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant, eine geht zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über, und die ganze Folge der Tätigkeiten wird von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben. 4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden in einem einzigen rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.” (Asyle, 1961, dt. 1973, S. 17).
Keine normalen Orte, in denen auch kein “normales” Verhalten zu erwarten ist (was nicht als Entschuldigung verstanden werden sollte, sondern lediglich als ein Puzzlestein der Erklärung…).
7 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.











“Nur die kleinen Geheimnisse müssen beschützt werden. Die Großen werden von der Ungläubigkeit der Öffentlichkeit geheim gehalten.”
Marshall McLuhan
Kommentar by es — 8. März, 2010 @ 13:16 Uhr
Wäre nicht auch ein Puzzlestein der Lösung, dass Frauen (mit Rechten) in diese Orte eingebunden werden?
Die dürften dann nur nicht so abhängig / zugetan sein vom männlichen Personal wie eine Ehefrau dies zu ihren Gatten trägt.
Frauen sehen mehr, hören mehr, merken (fast) alles – und wenn die dann auch noch den Mund nicht halten, dann würde es doch sicher deutlich schwerer, sich einen Jüngling zu schnappen…? (Günstiger Nebeneffekt: die Sexualität würde sich naturgemäß zum größten Teil zwischen Mann und Frau abspielen und nicht zwischen Lehrer und Zögling)
Da haben wir`s: der Mensch denkt, Gott lenkt. Das mit der Enthaltsamkeit ist doch nicht machbar!
Kommentar by jochen heiner — 8. März, 2010 @ 13:49 Uhr
kennt jemand den Film “Little Miss Sunshine” ?
Kommentar by o.werner — 8. März, 2010 @ 14:06 Uhr
Struktur kommt eben vor Psyche oder
das Sein bestimmt das Bewusstsein.
…und dann wären wir bei Fragen, der uns Organisationsberater betreffen, lieber Fritz:
Welche Attraktoren halten diese Organisationen für Menschen mit welchen Bedürfnissen bereit?
Wie wählen die Organisationen neue Mitglieder aus?
Welche Anreize werden gesetzt?
Kommentar by Olaf Hinz — 8. März, 2010 @ 17:02 Uhr
“Nestbeschmutzer”
Kommentar by Max Liebscht — 8. März, 2010 @ 19:11 Uhr
Ich werd mein Kind zum ZDF geben.
Kommentar by pascal — 9. März, 2010 @ 02:49 Uhr
Behalten Sie es lieber so weit, wie es geht, bei sich.
Kommentar by Max Liebscht — 9. März, 2010 @ 10:55 Uhr