Türsteher
Fritz B. Simon
In etliche Clubs (in die ich ja sowieso nicht gehe) würde mir der Eintritt verwehrt, wenn ich denn versuchen sollte, sie zu besuchen. Eigentlich ja ein merkwürdiges Phänomen: Da sind Leute bereit, ihr Geld in einer Kneipe zu lassen, und die stellt Wärter vor die Tür, um potentielle Kunden wegzujagen. Das ist diskriminierend (im wahrsten Sinne des Wortes).
Der Sinn der Angelegenheit wie aller anderen Methoden der Apartheid ist, für eine gewisse Einheitlichkeit und Exklusivität des Publikums zu sorgen. Aufgrund von Kleidung, Alter, Schönheit usw. wird sortiert. Es reicht offenbar nicht mehr, durch die Höhe der Preise für Ausschließung zu sorgen, schließlich hat ja heute Hinz und Kunz genug Geld, um zu teuren Champagner zu bezahlen, selbst wenn Hinz alt und Kunz hässlich ist.
Wenn man aus systemischer Sicht an Innen-außen-Unterscheidungen interessiert ist, so bilden Türsteher ein interessantes Phänomen. Ich habe den Eindruck, dass es noch relativ jung ist. Es wäre zeitgeschichtlich sicher interessant zu erforschen, wann es zutage getreten ist.
Wahrscheinlich ist es ja etwa zeitgleich mit der Einführung der Lufthansa Senator Klasse entstanden, wo es auch darum ging/geht, eine soziale Schichtung herzustellen (wenn auch wahrscheinlich nach anderen Kriterien). Eine geldgesteuerte Gesellschaft sorgt dafür, dass die feinen Unterschiede keine Rolle mehr spielen, d.h. keine feinen Leute mehr produzieren. Wo Geld der große Gleichmacher ist, kann versucht werden, auf der quantitativen Ebene oder aber der qualitativen Ebene neue Unterschiede einzuführen. Bei Türstehern sind es offensichtlich offensichtliche Unterschiede, d.h. es geht nicht um “innere Werte”, sondern auf einen Blick erfassbare Zeichen und ihre Deutung.
In einer Berliner Zeitung stand gestern ein Artikel, dass sich kriminelle Organisationen um die Posten der Türsteher bekriegen, weil sie so etwas wie Grenzkontrolleure sind und auf diese Weise die Belieferung mit Koks bzw. das gesamte Drogengeschäft kontrollieren können.
3 Kommentare
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Alles was irgend an Organisation funktioniert im Sozialen scheint vom Ausgang her paradox angelegt. Paradoxi nicht als Pathologie sondern als ganz normale Masche im roten Faden zielbewußter Führung fokussierter Aufmerksamkeiten.
Ja und in der Tat merkwürdig ist es, daß bei einem normalen Türsteher davon ausgegangen werden kann, daß er in krimminelle Machenschaften verwickelt ist und einem der einschlägig bekannten Vereine aus der Parallelgesellschaft angehört. Die an der Grenze stehen, müßten von daher absolut “in” sein, was die polizeilichen Konsequenzen angeht.
(Was sich auf andere Gruppen gesellschaftlicher Funktionäre gemäß dem “Gelegenheit macht Diebe” übertragen lassen dürfte ähnlich wie man bspw. bei einem neu eingeführten Entscheider nach einer gewissen Halbwertszeit mit Skandalträchtigem rechnen kann.)
Die Konsequenzen aber scheinen getrost auszubleiben bzw. sich auf Dienst nach Vorschrift zu beschränken. Räuber und Gendarm. Irgendwie gehört man wohl zusammen. Komplementäre Rollen. Interesse an derselben Sache. Das Gebot der Sportlichkeit. So wie Fußballhools einander zwar im schwer vermißten Blutrausch verprügeln, sich miteinander aber einig sind darin, daß Schach oder Handball ziemlich blöde Sportarten für Doofe sind.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 28. September, 2008 @ 17:23 Uhr
Eine interessante Analogie:
In etliche Unternehmen (in die ich ja sowieso nicht gehe) würde mir der Eintritt verwehrt, wenn ich denn versuchen sollte, mich dort zu bewerben. Eigentlich ja ein merkwürdiges Phänomen: Da sind Leute bereit, ihr Humankapital in einer Organisation zu lassen, und die stellt ein Schild mit Anforderungen vor die Tür, um potentielle Mitarbeiter wegzujagen. Das ist diskriminierend (im wahrsten Sinne des Wortes).
Der Sinn der Angelegenheit wie aller anderen Methoden der Apartheid ist, für eine gewisse Einheitlichkeit und Exklusivität des Publikums zu sorgen. Aufgrund von Auslandssemestern, Alter, Schönheit, Fremdsprachenkenntnissen, exklusiven Praktika, Studiengebühren usw. wird sortiert aus welcher gesellschaftlichen Schicht ein Bewerber kommt. Wenn man aus systemischer Sicht an Innen-außen-Unterscheidungen interessiert ist, so offenbart sich hier ein interessantes Phänomen. Es wird immer der gleiche Typus selektiert der das System am besten bestätigt und dessen pers. Indifferenzzone sich mit Geld beliebig weit dehnen lässt. Dabei wäre es mal interessant diejenigen zu wählen, die während ihres Studiums auf der untersten Ebene der Organisation gearbeitet haben und das Ergebnis dieser Selektion kennen.
Kommentar by Dominik — 30. September, 2008 @ 13:59 Uhr
Korrekt. Wenngleich der Versuch sich zu bewerben außer durch Nichtachtung dieses Enagegements an sich wohl noch nicht sanktioniert wird.
Analog gilt es bei der Organisationsform des menschlichen Individuums, einen Kompromiss zwischen überfordernder Lernanforderung und organisationale Individuation verdösender Langeweile zu finden.
Wir verblöden durch Disstress oder verholzen durch Unterforderung, weil wir uns nicht strecken müssen in Wind und Regen.
Dazwischen geht es irgendwie weiter.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 1. Oktober, 2008 @ 18:10 Uhr