Uncool
Fritz B. Simon
Wie Images sich im Laufe der Zeit radikal verändern, ist am Beispiel des Rauchens gut zu beobachten. Früher – in den seligen Zeiten, als ich noch zwei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte (Gitanes, was sonst?) – hatte ich so eine Art Amputationsgefühl, ohne Zigarette im Mund. Das hat sich geändert.
Dass ich aufgehört habe zu rauchen, lag daran, dass ich die Nächte (nein, nicht “durchgemacht”) durchgehustet (!) habe.
Doch auch bei mir galt die alte Raucherweisheit: Es ist ganz leicht mit dem Rauchen aufzuhören, ich habe es schon ganz oft gemacht!!!
Das Ende meiner Raucherexistenz ist der Simon-Weber-Smoke-Stop-Methode – der weltweit wahrscheinlich wirksamsten Rauchbeendigungsstrategie – zu verdanken. (Ich weiss nicht, habe ich hier schon einmal darüber geschrieben? Aber sie ist eh nicht mein Thema heute…)
Auf jeden Fall hat sich mein Blick aufs Rauchen in der Zwischenzeit verändert. Und offenbar nicht nur meiner. Denn es scheint inzwischen ausgesprochen “uncool” zu sein, wenn man raucht.
In Berlin müssen ab 1. Januar die Raucher in Restaurants ins Freie, da sie in geschlossenen Räumen nicht mehr geduldet werden (Hunde und Raucher: “Ich muss draussen bleiben!”).
Und Leute, die rauchen, haben inzwischen ihr Selbstbewußtsein verloren. Sie verhalten sich so wie Leute, die man dabei erwischt, wenn sie wegen einer Geschlechtskrankheit zum Hautarzt gehen. Es scheint ihnen irgendwie peinlich zu sein. Raucher als charakterschwache Randgruppe…
Eigentlich ja schade, wenn man an die Eleganz denkt, die mit dem Rauchen auch verbunden sein kann. Zigarettenspitzen aus Elfenbein (aber das Jagen von Elefanten ist ja inzwischen auch uncool).
10 Kommentare
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Also ich gucke herein und “unser” Thema ist am Werk. Diese Simon-Weber-Smoke-Stop-Methode würde ich nur allzugern wiederholt haben. Ich kann natürlich alles was Sie hier beschreiben voll und ganz bestätigen. Ich habe dann letzten Endes auch wegen dem nächtlichen Senkrecht-im-Bett-Sitzen und dem es auslösenden Höllenhusten schweren Herzens (mit einigen Unerbrechungen) mit diesen wahrhaft seligen Zeiten gebrochen. Mein Mann tut’s noch. Er und alle, die jetzt hinausgesperrt werden tun mir unsäglich leid, wegen ihrer Ächtung und dem gewaltsamen Entzug. Mein Man WILL nämlich nicht aufhören. Ich WILL aber, dass er aufhört. Ich finde es mittlerweile uncool bei ihm. Aber ich kan nix tun. Nur hoffen. Bei Dinners im Familien- und Freundeskreis, ist mein Mann einsamer Raucher und skuriler Outlaw. Im Haus hat er gemeinerweise, bei trauter Zweisamkeit, leider Rauchverbot bekommen, weil ich, unter den öffentlich-rechtlichen Eintrichterungen bezüglich passiven Mitrauchens, nun endlich doch noch das Gefühl bekommen habe, unter seinem Rauchen zu leiden zu haben. Zugleich finde ich die totalitäre, kompromisslose Gewalt der Mehrheit gegen die rauchende Minderheit dramatisch und bedrohlich, aber für Mitleid gibt es keinen Platz, wo diese Minderheit doch die Mehrheit so sehr zu schädigen scheint…(???) Ich bin vollkommen gespalten, was das Hausrauchverbot betrifft! Ab und zu paffe ich deswegen mit meinem Man im Paterreatelier eine sinlose Zigarette, weil (fast) ohne Lungenug, um nicht selbstgerecht zu werden; bleibt nur, sich die alten Filme anzuschauen, wo, in lässiger Eleganz oder hektischer Sucht, völlig hemmungslos auf Teufel komm raus gequalmt wird -
Wann kommt denn das Alkoholverbot? Zuvor dürfte das Fettsuchtverbot durchgesetzt sein. Dann das Magersuchtverbot. Vielleicht gar ein Beauty-OP-Verbot? Oder PC-Sitz-Verbot? Was könnten wir einander gegenseitig vernünftigerweise verbieten, um uns in der Welt erst richtig wohl und vollkommen rational und gesund zu finden oder zumindest die öffentliche Kasse, je nach persönlicher Vorliebe, nachhaltig zu entlasten? Ich freu mich schon, wenn endlich das Sterben oder zumindest das Leben verboten wird, da hab ich dann, was alle wollen, oder zumindest endlich Ruhe vor gemeinen Verboten.
Kommentar by Sylvia Taraba — 18. Dezember, 2007 @ 14:13 Uhr
ich habe letzten Somer einen spanenden Zukunfts-Kriminal-Rsroman gelesen, der so um 2020 spielt und da wurde in Europa flächendeckend ein “Fleichverbot” eingeführt, weil immer mehr Menschen epidemich an Gammelfleich und BSE erkrankten.
Der Kriminalroman hieß: “Der letzte Bissen”
Und mit einem Alkoholvebot haben die Amerikaner ja nicht gerade die besten Erfahrungen – Alkapones haben wir ja jetzt auch schon genug!?
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 18. Dezember, 2007 @ 14:50 Uhr
Gerade der 20er-Jahre Chic des Rauchens hat etwas attraktives. Aber eigentlich auch nur kontextgebunden. Ich habe nicht sehr lange geraucht (5-6 Jahre) und habe quasi ad hoc aufgehört. Heute muss ich immer an meinen (ganz und gar nicht eleganten) Bafög-Sachbearbeiter denken, der erstens unglaublich unfreundlich war und außerdem an seinem Schreibtisch sitzend wirklich nonstop geraucht hat. Nach einem Besuch dort war eine neue Garderobe fällig (war überdies gut um die Kränkungen “abzustreifen”…).
Der Wandel des gesellschaftlichen Bildes des Rauchers ist indes sehr spannend. Eigentlich habe ich erwartet, dass sich die Entwicklung sehr viel langsamer vollzieht. Offenbar hat das Rauchverbot in Gaststätten (in BW ja schon länger) eine Beschleunigung bewirkt.
Wie aber erklärt sich die Veränderung? Die Methoden der Gesundheitspolitik und -aufklärung zielen ja nach wie vor auf Abschreckung im Sinne einer instruktiven Intervention, die bekanntermassen nicht funktioniert und hier wohl eher geeignet ist “Reaktanz” auszubilden (man denke an diese “Briefchen” mit denen man seine Zigarettenschachtel so verhüllen kann, dass man die großformatige Warnung nicht mehr lesen muss). Die Psychologen (also, diejenigen mit denen ich darüber gesprochen habe – solche die eher behavioristisch und mit der akademischen Psychologie identifiziert sind) sprechen von einem Musterbeispiel für das “Kognitive Dissonanz”-Modell.
Und systemtheoretisch? Offenbar macht der Unterschied nunmehr einen anderen Unterschied. Wie aber konnte sich das entwickeln? Die Instruktion der Gesundheitsschützer war es wohl kaum. Wie haben sich die Beziehungen zwischen den Gruppen “Raucher” und “Nichtraucher” verändert?
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 18. Dezember, 2007 @ 15:15 Uhr
Na, na. Der Unterschied ist doch, dass Raucher in Gaststätten ihr Gegenüber mit gefährden. Rauchen ist ja nicht generell unter Verbot.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 18. Dezember, 2007 @ 15:17 Uhr
….mit Fettleibigkeit können sie das Gegenüber aber auch gefährden, äh.. erdrücken und Magersucht ist ja teilweise auch “sozial ansteckend” – siehe neueste Alternativ-Moddelkampagnen mit Modellcharakter mit Schirmherrin Ulla Schmidt – auch mit behavioristischer Prägung versteht sich.
kollegilae Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 18. Dezember, 2007 @ 16:56 Uhr
Will mir ja gar nicht die Rolle des militanten Nichtrauchers überziehen… Mich ärgern nur Raucher, die sich in die Position der “Geschädigten” oder eine Opferrolle begeben, sich gesellscahftlich diskriminiert fühlen und mir was von körperlicher Abhängigkeit erzählen. 1 Tag! Länger interessiert sich der Organismus nicht für Nikotin.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 18. Dezember, 2007 @ 17:57 Uhr
Sich mit den vielen anderen Mechanismen zu befassen, die rekursiv das Rauchen stabilisieren, ist dann wieder interessant. Aber die Nikotinnummer ist abgedroschen….
Bei mir war es ja das Kino. Ich hatte mit meinem besten Freund zu Hochzeiten unseres cineastischen Interesses das Ritual nach dem Film eine Zigarette zu rauchen und erste Eindrücke und Meinungen auszutauschen. Das fehlt mir nach 6 Jahren Abstinenz immer noch.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 18. Dezember, 2007 @ 17:59 Uhr
Der Mann braucht ein attraktiveres Stattdessen.
Zumindest bei mir hat es so geklappt. Nun schon vor vielen Jahren.
Heute kann ich anläßlich besonderer Anlässe Zigarillos genießen und weglegen, wenn sie nicht schmecken, weil sie bspw. nicht im Humidor gelagert worden sind. Ist der Anlaß nicht würdig genug – kann ich es lassen. Sonsten war das ein Automtatismus. War die erste an, war eine Box fällig. Ähnlich wie beim Quartalsäufer der erste Tropfen zu unwillkürlich ablaufenden Prozessverläufen führt. Ein Kompromiß, mit dem das Viech in mir offenbar gut leben kann. Zumal es bekanntermaßen anderes gibt. Offenbar kann man in der Tat über die Intensität des Genusses ausgleichen, über interessantere Laster mit weniger Nebenwirkungen für sich und andere.
Für Hardcore – Raucher, die noch nicht fortgeschritten sind, empfehle ich ab sofort keine einzige mehr zu rauchen und stattdessen auch nix anderes zu tun (Bonbons, Wiskey oder ähnliche mit anderweitigen Nebenwirkungen behaftete faule Kompromisse) Zero tolerance mit sich selbst. Den Schmerz durch Verzicht voll anzunehmen, zu würdigen (etwa im Sinne des Prinzips der zweitbesten Lösung von Gunther Schmidt) und sozusagen diesen unbarmherzigen Krieg mit sich selbst, dieses heroische Leiden des inneren Tieres als echter Mann (oder was auch immer) voll auszukosten in seiner existenziellen Tragik. Voller Respekt und Mitgefühl für die Wünsche und Beweggründe des schmerzverzerrt aufheulend unterlegenden Gegners, dieser gierigen Bestien in sich selbst, die Leben, Atem, selbstherrliches Willkürerleben giert und folge dusseliger Fellwechselung mit Tod kokettiert. Die Heroik, die sich aus den Mannestum auszeichnenden Verwundungen unzähliger Kämpfe anläßlich Jagd oder mit Konkurrenten um Frauen und andere ehrenwerte Beute ergaben über Jahrhunderttausende sozialer Evolution des mehr oder weniger kultivierten Zusammenlebens im Rudel, gibt es am Schreibtisch nicht mehr. Ausgleich ist dieses Kokettieren mit dem Tod auf Raten. In dem Maße Rauchen nicht mehr mit emanzipierter Männlichkeit assoziiert wird und Alibi trotz angeblich naturwüchsig stoischen Egoismus Gemeinsinn zu zeigen, (nachdem Männer ausgiebig genug mit dem Thema Tod auseinandergesetzt haben, dürfen sie sich ohne Gesichtsverlußt auch mal von den ewigen Rängelspielen um die Gunst der Damen entsetzen und ein Weilchen beieinanderstehen, Frauen sind schließlich nach wie vor die unerbittlichsten Treiber zum früheren Tode hin) hören all die emanzipierten Frauen auch wieder damit auf sich die Lungenflügel und nicht zuletzt Fruchtbarkeitsorgane zu versauen.
Wenn es Ihnen so wichtig ist … bieten Sie ihm doch für jeden Anfall, dem Suchtdruck nachzugeben, eine Fußmassage an! Ritualisieren Sie Akupressur! Oder andere Rituale, die voll würdiger Eleganz der Bewegung durchgeführt werden können und körperliche Affektregulation und Gemeinschaftserlebnis verbinden und ihn sein prinzipiell solitäres Einkämpfertum in erhebender Weise erleben lassen.
Kommentar by M.M.M. Liebscht — 19. Dezember, 2007 @ 05:36 Uhr
Bei entsprechender Prädisposition und unureichender Aufarbeitung, wovon ich in den meisten “Fällen” ausgehe, wird der Suchtstoff bei den meisten Leuten, immer mal mehr oder weniger fehlen.
Und die Länge der anhaltenden Entzugserscheiningen, auch beim “nur” Rauchen,kann auch auf “1 Tag” nicht generalisiert werden.
Bei Schwerstabhängigen, z.B. meine Eltern, beide ein Konsum von ca. 3 Päckchen pro Tag über 40 Jahre, führte das Absetzen zu langanhaltenden und gar nicht so geringen körperlichen Auswirkungen und das variiert in die harte Variante = sofort aufhören und die softere = langsam reduzieren.
jeder Jeck is eben anders – sagen sie hier im Rheinland
PS.: Der Düsseldorfer Landtag verabschiedet übrigenz heute das Nichtraucherschutzgesetz für NRW, das am 01.01.2008 in Kraft tritt und Rauchen allen öffentlichen Einrichtungen verbietet. Gaststätten soll 1/2 Jahr Zeit bekommen das auch umzusetzten.
Rauchen ist eben Ländersache – daher den Tipp für die notorischen Raucher: Ein Bundesland suchen wos noch so lang wie möglich legal geht und dann dort hin auswandern!
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit
Kommentar by Thomas Kirchen — 19. Dezember, 2007 @ 08:44 Uhr
Gute Punkte, Herr Liebscht. Gerade die Automatismen und das “Stattdessen” wird von ambitionierten Neu-Nichtrauchern sicher meist vernachlässigt. Und da hilft auch kein Nikotinpflaster.
Kommentar by Mathias Wölfelschneider — 19. Dezember, 2007 @ 09:17 Uhr