Universität Witten/Herdecke
Fritz B. Simon
Die Uni Witten – meine Uni – ist in finanziellen Schwierigkeiten, weil das Land NRW unerwartet für 2008 die zugesagten 4,5 Mio Landeszuschuss zum Haushalt der Uni verweigert. Dass dies wahrscheinlich politisch motiviert ist, kann vermutet werden, aber darüber will ich hier nicht spekulieren. Akademische Gründe sind es sicher nicht, denn die Uni kommt bei allen Ratings auf einen der ersten Plätze und erfreut sich einer guten Reputation.
Ich will aber trotzdem nicht auf irgendwelche Politiker schimpfen, sondern einen Blick auf das Paradox der Uni Witten richten, das sich hier m.E. zeigt.
Die Uni war die erste, die in privater Trägerschaft gegründet wurde. Solch ein Vorhaben war/ist einigermaßen wahnsinnig in einem Land, dessen universitäre Tradition seit Jahrhunderten eine staatliche ist. Einen Businessplan gab es nicht, konnte es nicht geben. Mit Universitäten kann man erfahrungsgemäß in Deutschland kein Geschäft machen. Wer bei Gründung solch einer Einrichtung an die Finanzierung denkt, hat schon verloren. So konnte der Gründungspräsident Konrad Schily denn auch stets guten Gewissens sagen: “Kein Geld hatten wir schon immer!”
Dass diese Uni überhaupt entstehen konnte, war einerseits dem Eigensinn ihrer Gründer zu verdanken, andererseits der guten alten Bundesrepublik Deutschland bzw. ihrer gesellschaftlichen Nachkriegsordnung, gegen die sie ein neues Modell (“Unter den Talaren, Muff von Hundert Jahren”) setzte. Denn für ihre Finanzierung sorgte der “Rheinische Kapitalismus” – die “Deutschland AG”. Es war die Old-Economy, zu einem guten Teil die des Ruhrgebiets (aber nicht nur), die durch Spenden und Sponsoring den Aufbau dieser Uni ermöglichte. Bei der Verabschiedung von Konrad Schily war die Crème de la Crème der deutschen Industrie versammelt und der Bundespräsident (Johannes Rau) hielt die Laudatio. (Ich erinnere mich, dass ich dem damals schon ziemlich betagten Berthold Beitz ein Bier geholt habe, die anderen Professoren haben anderen Magnaten das Bier geholt – oder vielleicht auch nicht, aber ich bin eben so serviceorientiert. Herr Rütgers war auch da, ihm hat keiner das Bier geholt.) Die Spitzen der deutschen Wirtschaft, die sich natürlich alle aus Aufsichtsratssitzungen gut kannten und miteinander befreundet waren, trafen sich hier. Wenn A der Vorstand der Firma X war, dann sass er im Aufsichtsrat der Firma Y, deren Vorstand im Aufsichtsrat der Firma Z sass, deren Vorstand im Aufsichtsrat der Firma X sass usw.
Dieses Old Boys Network, das natürlich viel Mißtrauen bei Außenstehenden weckte und wecken musste, war aber volkswirtschaftlich ziemlich funktionell. Diese eng vernetzte Führungsschicht hat die BRD-Wirtschaft insgesamt zu einer Art Familienunternehmen gemacht. Da diese Unternehmen gegenseitig aneinander beteiligt waren, konnten keine “Heuschrecken” oder andere Investoren dazwischen funken. Die Politik konnte Einfluss nehmen, indem sie auf dieses Netzwerk Einfluss nahm.
Dieses Netzwerk hat – aus meiner Sicht – die Uni gestützt und finanziell am Leben gehalten. Es ist kein Zufall, dass die Adresse der Uni die Alfred-Herrhausen-Strasse in Witten ist.
Man mag es mit dem Ausscheiden von Konrad Schily in Verbindung bringen, dass diese Finanzierung nicht auf Dauer sicher war, aber ich glaube, es hat mehr mit der Abschaffung der Deutschland AG zu tun. Der anglo-amerikanische Kapitalismus, der gegen jede Art von Kartellen vorgeht und solche Netzwerke für korrupt erklärt, weil angeblich der Markt die besseren Lösungen findet, wurde zum Leitbild. Die Schröder-Regierung hat das Verkaufen der Kreuz-Beteiligungen der Unternehmen von der Steuer befreit (ihr größter Fehler), so dass die Deutschland AG entflochten wurde. An die Spitze der großen Unternehmen kamen Leiter, die dem Main-Stream der Betriebswirtschaft folgten und die Steigerung des Shareholer-Value an die erste Stelle ihrer Prioritätenliste setzten. Die gegenseitigen Loyalitätsverpflichtungen und das “In-einem-Boot-Sitzen” war nicht mehr Bestandteil der gemeinsamen Wirklichkeitskonstruktion. Jeder für sich und Gott gegen alle.
Für die Uni bedeutete dies, dass die Spender weniger wurden. Denn es zahlte sich ja nicht unmittelbar aus, wenn man sie unterstützte. Es wurden stattdessen Dutzende neuer Hochschulen gegründet, die sich allein auf die Vermittlung (ziemlich schwachsinniger) Managementtools verlegten. Hier schien man ja was im Alltag Nützliches für seine Spendengelder zu bekommen. Dass da nicht geforscht wurde, sondern nur amerikanische Managementweisheiten auf Volkshochschulniveau vermittelt wurden, störte keinen, denn solche Leute suchte man ja offenbar.
In Witten hingegen war und ist die Autonomie der Forschung und Lehre seit jeher eines der obersten Prinzipien. Hier sammelt sich eine Auswahl extrem kritischer und gesellschaftlich engagierter Studenten. Hier werden keine stromlinienförmigen Anpassler produziert.
Dass in einem reichen Land wie Deutschland solch eine Universität, die in nur 25 Jahren die gesamte Uni-Landschaft verändert hat (das Medizinstudium an staatliche Universitäten wäre heute nicht so, wie es ist, ohne das Modell Witten/Herdecke, Familienunternehmen würden nicht beforscht usw.), durch die freie Wirtschaft nicht finanziert werden kann, ist eine Schande für unsere Wirtschaftsunternehmen und ihre Führer.
Die rühmliche Ausnahme bilden auch hier wieder einmal die Famillienunternehmen und Familinenunternehmer. Denn als die Deutsche Bank, die das erste und bis dahin einzige Institut für Familienunternehmen an einer deutschen Uni (ich bin einer der Gründungsprofessoren) für die ersten sieben Jahre finanzierte, beschloss, ihr Interesse und Geld lieber dem Investmentbanking zuzuwenden, haben 40 Familienunternehmen die Finanzierung übernommen…
Dass der Staat bei der Förderung privater Universitäten zurückhaltend ist, scheint mir verständlich. Allerdings denke ich, dass Nordrhein-Westfalen für seine läppischen 4,5 Millionen ziemlich viel an Gegenwert erhält: 600 direkt Beschäftigte (Steuerzahler) haben einen Arbeitsplatz, 1200 Studenten einen Studienplatz, Reputation wird geliefert, aus aller Welt pilgern Menschen nach Witten etc. Wenn all das vollkommen durch den Staat bezahlt werden sollte, wäre es sicher teurer.
Was mir ein wenig Hoffnung gibt, ist die seit Beginn der Finanzkrise zu spürende Rückbesinnung auf die Qualitäten der alten Deutschland AG. Ob sie wieder aufzubauen ist und, falls dies der Fall sein sollte, rechtzeitig für die Uni Witten, ist natürlich fraglich.
7 Kommentare
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Thank you! Tom
Kommentar by Tom Levold — 19. Dezember, 2008 @ 18:30 Uhr
Ich selbst bin in Hagen geboren. Hagen, gleich bei Witten;-)
Nicht gerade ein Ort, der durch seine besondere Bildung gläntz, obwohl ja die Fernuni da ist – kennt keine Sau, übrigens.
ich denke eher an betrunkene Stahlarbeiterm die in grauen Eckkneipen sitzen. Ach ja, meine Jugend als Vorstadtkind…
Ich lebe schon lange nicht mehr in der Gegend, aber dass in so einem Umfeld eine Uni wie Witten Weltruhm erreichen kann, ist mehr als beachtlich – es ist genial.
Gibt es eine (Mailing)-Liste, um Düsseldorf noch umzustimmen?
Einen lieben Gruß.
Kommentar by Holger Huckfeldt — 19. Dezember, 2008 @ 23:43 Uhr
Es gibt eine Unterstützer-Website: http://www.deutschlandbrauchtwitten.de.
Kommentar by FBSimon — 20. Dezember, 2008 @ 08:09 Uhr
Mir scheint, der regierungsamtlichen Nomenklatura geht es unausgesprochen darum, diese Universitaet dicht zu machen, dtatt zu ueberlegen, wie kann das Land diese Uni erhalten und ausbauen.
Schlesslich ist ein Businessplan auch nur ein Plan, also eine Fiktion.
Kommentar by duscholux — 22. Dezember, 2008 @ 11:42 Uhr
Autonomie, Kritik, Engagement, neues Wissen….,
die Uni Witten ist hier echt und erfolgreich.
Viel Ehr < > viel Feind.
Kommentar by o.werner — 22. Dezember, 2008 @ 12:24 Uhr
Glückwunsch zur Rettung!
Kommentar by Horst Kasper — 23. Dezember, 2008 @ 21:42 Uhr
Danke, Fritz, für die Unterstützung.
Diese Erklärung wurde von Freitag 18.30h bis Montag 15h von 113 Familienunternehmen unterzeichnet (danach haben wir sie nach Düsseldorf geschickt):
Die Private Universität Witten/Herdecke muss bestehen bleiben
Die Wittener Erklärung der Familienunternehmer in NRW
Die plötzliche Entscheidung der Landesregierung, die Landesmittel zur Förderung der Uni-versität Witten/Herdecke (UW/H) nicht auszuzahlen, hat uns überrascht und schockiert. Sie bedeutet de facto das Ende der Universität.
Die Familienunternehmerinnen und Familienunternehmer aus NRW fordern die Lan-desregierung dazu auf, alles dafür zu tun, dass die UW/H in ihrer jetzigen Form erhal-ten bleibt. Jetzt ist unbürokratische Eile geboten!
Ein Untergang der UW/H hat dramatische Auswirkungen auf ganz Nordrhein-Westfalen:
- Die Besonderheit der UW/H
Die UW/H ist in der Universitätenlandschaft einzigartig und daher besonders schützenswert! Die hohe Qualität des Ausbildungskonzepts mit seiner Anwendungsorientierung und Praxisnähe ist unbestritten. Die Spezialisten in den Fakultäten genießen hohe Reputation. Vor allem die gelebte Interdisziplinarität ist ein Markenzeichen der Universität.
- Die Studierenden
Die Wittener Studentinnen und Studenten lernen an der UW/H eine besondere Form unternehmerischen Denkens – und gehören nicht zufällig zu den begehrtesten deutschen Absolventen.
- Die Arbeitsplätze
Unmittelbar sind 600 Arbeitsplätze betroffen, mittelbar geht es um etwa 2000 Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region!
- Der Verlust an Fachkräften
Insbesondere sind wir besorgt darüber, dass die große Zahl international ausgewiesener und hoch spezialisierter Fachkräfte, die an der UW/H versammelt sind, in andere Bereiche und Länder abwandern wird. Dieser „Brain-drain“ kündigt sich bereits an, denn von der Krise sind vier aktuelle Berufungsverfahren betroffen: die aufwändig ausgewählten Professoren, drei in den Wirtschaftswissenschaften, einer in der Medizin, drohen, dem Nordrhein-Westfalen verloren zu gehen. So wird die Aufbauarbeit der letzten Monate zunichte gemacht.
- Die konkrete Sorge für die Familienunternehmen
Wir Familienunternehmerinnen und Familienunternehmer sind besonders besorgt dar-über, dass mit dem Ende der UW/H ein einzigartiges Wissen verloren geht, das im Wit-tener Institut für Familienunternehmen (WIFU) an der Wirtschaftsfakultät konzentriert ist. Die Forschungen dieses Instituts, der jährlich stattfindende Familienunternehmerkongress und die zahlreichen Aktivitäten des Instituts darüber hinaus haben bereits zahlreichen nordrhein-westfälischen Familienunternehmen konkreten Nutzen gebracht. Diese Forschungen müssen weitergehen. Mit dem Ende der Universität wäre auch das WIFU nicht mehr arbeitsfähig.
Aus diesen Gründen fordern wir von der Landesregierung schnelle Schritte, die UW/H und ein einzigartiges Lehr- und Lernkonzept in der bisherigen Form zu erhalten.
Kommentar by Arist v.Schlippe — 24. Dezember, 2008 @ 11:13 Uhr