Unter sich lassen…
Fritz B. Simon
Auf meinen gestrigen Beitrag, der offenbar einen melancholischen Hauch hatte, habe ich viel ermunternden Zuspruch erhalten.
Danke.
Aber auch wenn es draussen grau ist und ich mir über die Absurdität dieses Blogs vollkommen klar bin, werde ich mich – keine Sorge – nicht davon abhalten lassen, hier weiterhin meinen Senf zu all dem, was in der Welt so passiert, zu geben.
Ich hatte mal einen Chef – wahrscheinlich wiederhole ich mich, aber das ist bei über 900 Texten kaum zu vermeiden, denn so viel habe ich ja nicht wirklich zu sagen – es war mein erster Chef in einer psychiatrischen Klinik, der schrieb sehr gern, und er war obendrein sehr eitel. Sein Oberarzt, ein abgeklärter älterer Herr, der während der Nazi-Zeit hunderte von Diagnosen seiner Patienten gefälscht hatte, um sie vor der Euthanasie zu schützen, sagte immer, wenn ein neues Paper unseres Chefs verteilt wurde: “Ach, hat er wieder unter sich gelassen?!” Dabei war nicht klar, ob er ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen sprach. Der Ton war eher so, wie bei einem Erwachsenen, der die – sich hoffentlich irgendwann auswachsenden – Inkompetenzen und Inkontinenzen eines Kleinkindes kommentierte: nicht wirklich böse, etwas verwundert, aber auch nicht ernsthaft am Inhalt oder gar der Qualität dieser Absonderungen interessiert.
Seither habe ich alle Hemmungen, aber auch alle Idealisierungen, gegenüber dem Publizieren verloren. Ohne diese generelle Zuordnung zu individuellen Ausscheidungen hätte ich wahrscheinlich nie gewagt zu schreiben. Denn, wenn irgendjemand sagt, das sei alles Scheiße, was ich da produziere, so bin ich dagegen gefeit, denn es passt zu meinem Bild des Schreibens. Eine gute Kränkungsprophylaxe, nebenbei bemerkt.
Natürlich muss man schamlos sein, um zu publizieren, und in einem Format wie diesem erst recht. Aber was mich hier am Schreiben hält, ist, dass es ja eine – zumindest für mich – vollkommen neue und noch nicht vollkommen in ihrem Möglichkeiten ausgelotete Form von Texten ist, die so entstehen. Und da ich hier ja fast täglich was schreibe, haben sie zwangsläufig eine Auswirkung auf mein alltägliches Leben. Denn ich laufe etwas bewusster durch die Gegend. Nicht, dass ich dauernd auf der Suche nach Themen wäre, aber wenn irgendetwas Unerwartetes passiert oder ich aufmerksam werde – worauf auch immer -, so kommt fast automatisch der Gedanke: Das wäre ein paar Zeilen in der Kehrwoche wert. Leider vergesse ich das dann häufig, da ich mir keine Notizen mache, so dass ich oft später grüble: Da war doch was ganz Dolles, worüber ich schreiben wollte (- aber jetzt ist es weg, zu blöd)…
Schwierig würde es für mich hier, wenn ich immer etwas produzieren müsste. Aber: Wenn ich keine Lust habe oder mir nichts einfällt, dann schreibe ich eben entweder nichts oder darüber, dass mir nichts einfällt…
Trotzdem: Danke für die Ermunterung!
5 Kommentare
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Dann gleich noch eine Ermunterung: Ich bin beeindruckt von Ihrer Neuerfindung, hier täglich selbst zu schreiben. Es sind keine Einträge in der Kürze von Haikus, wie manche Kommentare, aber immer atmosphärisch animierte Bilder Ihres Denkens und Lebens, die mehr oder weniger nachvollzogen, und mehr oder weniger nachvollziehbar kommentiert werden (können).
Hier (mal ganz abgesehen von “Mehdorn”) ist mir klarer geworden,…wie Kommunikation diverseste unterschiedlichste Kommunikationen erzeugt. Interessant finde ich, von welchen unwägbaren Momenten sie auch bestimmt wird, welch unterschiedliche Personen sie wie und wann anspricht und welche Fülle an konvergierenden und divergierenden Gedanken sie hervorruft.
Es handelt sich um eine Beobachtungskultur, die Sie hier bieten. Natürlich lassen sich die ganz persönlichen, die gesellschaftlichen oder die politischen Bewertungen nicht neutralisieren, sie dringen durch und fordern heraus.
Wenn man nun davon ausgeht, dass hier Kommunikation über diverse Beobachtungen 1. und 2. Ordnung stattfindet, also Kommunikation, sowie Kommunikation über die Beobachtung des Beobachteten, frage ich mich: wird hier auch „Meinung gebildet“ oder letztlich nur „Meinung gesagt.“ Dient das Meinungssagen, der Meinungsbildung? Oder ist jede „Meinung“ immer schon gebildet, – und, das ist mittlerweile meine Sicht, ist der Prozess der Kommunikation (jeder Kommunikation) reine Unter-Haltung? Als Lebensprozess, dient Kommunikation dazu, Überleben im weitesten Sinn, und als Unterhalt zu gewährleisten, Als Sinnprozess, um die Konstruktion von Welt – in ihrer notwendigen Gegensätzlichkeit – kontinuierlich aufrecht zu erhalten. Kommunikation ist so gesehen reine Unter-Haltung, ein Doppel-Spiel des Lebens und des Sinns, von Materie und Geist. Ich denke so lapidar hat auch Luhmann Kommunikation verstanden. Man muss nur anschließen können, ob durch Position oder Negation spielt keine Rolle. Sogar signalisierte Unentschiedenheit bei einer Unterscheidung ist eine Anschlussmöglichkeit, auch an Unentschiedenheit und Nicht-Unterscheidung kann angeschlossen werden….
Die Paradoxie ist, dass wir individuell für unsere Unterscheidungen verantwortlich sind.
Was Sie hier machen: Sie dienen Ihrer persönlichen und der Unterhaltung anderer. Man kann sich hier sehr gehoben unterhalten. Sich von Bonmots oder unterschiedlichsten Texten zum Nachdenken anregen lassen. Dazu gehört auch, -neben so alltäglichen Fragen wie der Organisation der Bahn und der Qualität des Fussballspiels – die Gabe einer subtilen Themenauswahl und ihre lapidare, trockene, und notwendig persönlich gefärbte, (schamlose) Behandlung – alles zusammen keine „Scheiße“ – sondern, wie man sieht, beste Unterhaltung.
Kommentar by Sylvia Taraba — 5. Dezember, 2009 @ 14:25 Uhr
PS – ich WAR damals beeindruckt – (von der der Selbstherausforderung zur täglichen Übung).
Kommentar by Sylvia Taraba — 5. Dezember, 2009 @ 14:29 Uhr
Na also!
Im Vergleich zu Juppi Heesters sind Sie doch noch ein junger Hüpfer. Da ist Lamorianz noch nicht angesagt.
Auf die nächsten 90000 Beiträge.
Da werden selbst der Lindenstrasse die Blätter aus der Krone fallen.
Kommentar by es — 5. Dezember, 2009 @ 17:48 Uhr
Von Ihrem Kumpel Rudi Wimmer… diese – zunächst etwas scheuen – Einlassungen über Eitelkeit … geradezu schön irgendwie.
http://blog.rebell.tv/p10775.html
Kommentar by Max Liebscht — 5. Dezember, 2009 @ 20:42 Uhr
Giokonda läßt die Hüllen fallen? Abgesehen davon, dass es von gutem Stil zeugt, selbst ab und zu die Vertrauensfrage an sein Folk zu stellen – stellt das Ganze hier doch eine Art Poesiealbum dar. Sie selbst haben davor gewarnt, dem Internet Pornobilder zu überantworten und sich selbst auch meist daran gehalten. Angesichts der Frage, „Was würde ich in der Zeit machen, wenn ich hier nichts mehr schreiben würde?“ lohnt es sich vielleicht, einige Gesichtspunkte noch einmal in Erinnerung zu rufen.
Zuallererst wäre es natürlich eine kleine Blamage. Das Versprechen, mit dem Sie angetreten sind, haben Sie nicht gehalten. Ich habe damit natürlich von Anfang gerechnet, klar.
Aber nicht nur Sie kommen womöglich in um so ärgere Nöte. Auch andere Geister werden geschockt. Falls Ihnen nun schon tatsächlich kaum noch etwas Unterhaltsames geschweige Neues einfallen würde, müssten Sie sich wenigstens so ausschleichen, wie man ein Medikament ausschleicht. Nicht? Hat Ihnen am Ende einfach der Ghostwriter gekündigt?
Im Leben vieler Menschen hat die täglich bespielte Kehrwoche einen festen Platz bekommen. Wie aktualisieren all diese Menschen Ihre Identitäten fürderhin ohne diese tägliche Seinszutat? Es wird sich zeigen, inwieweit Sie zu der Verantwortung stehen, die Sie narzismusbeflügelt unversehens eingegangen sind.
Sie beanspruchten zu einem Teil im Leben anderer Menschen zu werden. Nun, da Sie es geschafft haben, wie gehen Sie damit um? „Hast Du ein Problem, mach einen Beruf daraus!“ meint Johann Kluczny. Irgendwann klärt sich aber auch so etwas.
Am Ende ist es einfach so, dass das Blog einfach nicht mehr das bringt, was man sich davon erhofft hat, weil erst zu wenige schrieben und nun zu wenige lesen. Schreibmüdigkeit als Resultat einer nüchterne Rechnung von Aufwand und Nutzen? Ist das Phänomen der hier zelebrierten, kontinuierlichen Welt = und Selbstreflektion damit nun entzaubert? Möglicherweise doch nicht ganz.
Im Grunde genommen ist das ja hier eine Art Psychoanalyse. Sie überantworten die Assoziationen, die sich bei Ihnen einstellen, einem etwas speziellen Therapeuten; dem Kollektiven Unbewussten einer wahrscheinlich kleinen, aber vielleicht ausreichenden Anzahl stiller Teilhaber und Mitredner. Blöd oder genial, dieses kollektive Unbewusste? Das sollte sich erweisen. Führung als Herausforderung für andere wie sich selbst.
Für einen Menschen, der für so viele in seinem Leben in die Rolle des Therapeuten geschlüpft ist, erscheint mir das Bedürfnis nach einer eigenen ultimativen Analyse, ja letztlich nach sozialer Kontrolle sehr gut nachvollziehbar. 900 Male hab ich hier Senf unter mich gelassen, bin ich noch ganz dicht?
Die neulich geäußerte Idee, dass im Möglichkeitsraum des hier virtuell versammelten Gruppendynamikszenario keine Aufgabe formuliert wäre, war jedenfalls dumm. Die Aufgabe, um die es hier gehen kann, ist wasserklar. Wer die Fehler der Vergangenheit – die man hier ähnlich Therapieskripten sehr schön nachrecherchieren kann – nicht verarbeitet hat, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Es geht um die Aktualisierung von Identität: „Wer bin ich heute?“ Diese müden Äußerungen – Anzeichen bedrohter narzistischer Identität?
Wer soviel assoziiert, fängt unvermeidlich an, sich immer häufiger zu wiederholen, schreiben Sie. Bei welchen Fragekomplexen ist jemand steckengeblieben u.s.w. Gerade wenn, wie früher, da der Psychoanalytiker fest auf der Gehaltsliste von Familienhaushalten stand, Therapien sich geschmacklos lange hinziehen, bekommt man eine Vorstellung davon, dass der Einfallsreichtum menschlicher Psychen sich als zunehmend begrenzt erweist. Im sog. „frei“ Assoziierten zeichnen sich zunehmend zwanghafte Muster bzw. Themenumkreisungen und Vermeidungen ab. Neue Frames infolge Reisen, Drogen, Schicksalsschlägen u.s.w. relativieren solche Befunde. Wollten Sie nicht schon immer mal in die Rheumadeckenstadt Nürnberg fahren? Zwei befreundete punks sind mal mit so einem Bus älterer Mitbürger mitgefahren. Gehen Sie dem Thema Peinlichkeitsforschung einfacher konsequenter nach!
Was kann nun so ein kollektives Mal- mehr- mal- weniger- Bewusstes für Herr Simon als besonderen Einzelfall leisten?
Immerhin, da mit Mehdorn, Fußballvereinsmanagerei, Giokonda, B/Hollywood, ständiger Begleiterin, Alt- 68- ern emotionale Quantitäten und Transmitterfreisetzungen verbunden zu sein scheinen … trotz gewisser Schafsbekundungen wird das Ganze Hilfe anderer ja einigermaßen gründlich durchgearbeitet. Sind das nun alles Verkörperungen dessen, was zu werden Sie irgendwie doch gereizt hätte? Spieglein, Spieglein an der Wand, was dieser Weg ins Zwergenland der für mich richtige? Im Gegensatz zu anderen Klienten in einer weit weniger machtvollen Position, kann keiner als Widerstand auslegen, wenn Casus Simon bestimmte Deutungen nicht akzeptieren mag.
Eines bleibt in jedem Fall: ein Monument gegen das eigene Vergessen. Eine Art Vergesslichkeitsbarometer. Sie brauchen – solange Sie sich der Funktion noch erinnern – nur einen Reizbegriff einzugeben. Das Internet als Hilfe zur Prophylaxe dementiellen bzw. charakterlichen Verfalls. So können Sie prüfen, inwieweit Sie sich zu einem Thema schon einmal in bekannter Weise geäußert haben. Konsistenz statt Insuffizienz. Das ist praktischer als in Büchern nachzublättern, deren selbst geschriebenen Inhalt Sie kaum noch erinnern. Wenn jemand mit Ihnen mal Biographiearbeit machen will, tut er sich Dank der hier niedergelegten und interaktiv reflektierten Gedächtnisstützen einfach leichter.
Dann natürlich noch die Sache mit dem So- als- ob. Das Ganze hält Sie trotz, ja geradezu wegen der mit dem möglichst freien Assoziieren verbundenen Anstrengung, originell zu sein und neues Material zu präsentieren, geistig rege. Sobald sich die Einsicht allzu fühlbar aufdrängt, dass sich die Grenzen der eigenen Originalität als begrenzt erweisen, kann man sich zumindest um ein soziales So- als- ob- bemühen. Statt verbrauchter Zukünfte laden wir den Raum vorstellbarer Möglichkeiten hübsch ordentlich auf! Sie tun einfach so, als ob Sie neue Positionen vertreten würden und warten ab, was passiert. Hat der Simon eben einen Scherz gemacht? Strapaziert der schon wieder dieses “Vorrecht” älterer Herrschaften? Oder meint er es am Ende gar tatsächlich so, wie er schreibt? Nutzen Sie die befruchtende Macht des Imaginären! Über diese so- als- ob – Konstruktionen werden Sie am Ende “wirklich” wieder einfallsreicher. Ich erinnere mich vage (weil es damals noch kein Internet gab) an die Besprechung einer Langspielplatte, die Pink Floyd mal zusammen mit Bob Dylan aufgenommen hatte. In der DDR gab es da so eine Sendung “trend ad libitum”, die an einem Tag im Jahr ohne irgend erklärenden Zusatzkommentar eine Satireausgabe brachte.
Ich fände es spannend, wenn Sie die Grenzen des eigenen Einfallsreichtums weiter ausloten und dadurch erweitern würden. Selbst auf die Gefahr, dass sich im Laufe einer solchen Mammutanalyse irgendwann die Neurosen und Traumata des Psychiaters allgemein deutlicher abzeichnen würden. Die Gegner von einst, die bis heute einen chronifizierten Persönlichkeitszustand nicht von einer Tasse Marke Rosenthal (kürzlich pleite gegangen) unterscheiden können, haben es dann immer gewusst: „Der hat sie nicht alle beisammen! Das zeigt sich ja schon, wie der sich mit Fußballvereinen identifiziert.“ Nehme an, dass Sie sich – unbewusst natürlich – vor der öffentlichen Dokumentation eigener Verfallserscheinungen fürchten und Renommée noch nicht riskieren können. Beim Bücherschreiben hat man Selbst- und- Fremdbild- bedrohliche Peinlichkeiten leichter im Griff.
Eitelkeit auf dem Wege, sich selbst ad absurdum zu führen. Im Grunde eine ziemlich noble Sache, sich bei seinem Aufstieg zum Satory von so vielen Resonanzkörpern supervidieren zu lassen. Aber ob diese Resonanzkörper das paradox Heroisch – Unheroische dieses Unterfangens in der Form wertschätzen können, die Sie brauchen, um sich dem selbstkritischen Anspruch weiter stellen zu können?
Kommentar by Max Liebscht — 6. Dezember, 2009 @ 11:27 Uhr