Unterschiedliche Kontrollideen
Fritz B. Simon
Einer der Gründe, warum ich hier so oft über Amerika schreibe, dürfte sein, dass in der Presse und der öffentlichen Diskussion die USA oft als Vorbild genutzt werden; ein anderer, dass ich als BRD-Nachkriegskind mit der Idealisierung der USA (Reaktion auf die Nazizeit) augewachsen bin; ein dritter, sachlicher Grund ist, dass der Unterschied der gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa und den USA wahrscheinlich aufschlussreicher ist als der Vergleich mit China oder Indien, gerade weil beide Systeme relativ ähnlich scheinen.
Was es sowohl in den USA wie auch hier gibt, ist der Ruf nach Kontrolle, wenn irgendwas im öffentlichen Leben nicht so läuft wie erwünscht. Das Massaker in Newtown hat die Kontroverse über die Freizügigkeit des Waffenhandels losgetreten. Aber nicht nur die, sondern auch noch eine, die psychiatrisch relevant ist. Es geht darum, “rechtzeitig” vor “psychisch gestörten, potentiellen Kindermördern” zu warnen (oder so ähnlich). Psychiater, die Patienten haben, die ihnen verdächtig erscheinen, sollen dies den Behörden melden.
Dass Psychiater ja immer irgendwo auf der Grenzlinie zwischen Kontrolle und Therapie balancieren, dürfte kein Geheimnis sein. Aber ihnen jetzt so eindeutig die Rolle des Ordnungshüters, noch dazu des mit einer präventiven Aufgabe versehenen, zuzuschreiben, sollte eigentlich die Profession auf die Barrikaden rufen.
Zum einen rührt dies an die Identität und das Selbstverständnis des ganzen Berufsstandes, zum anderen geht es von Prämissen über die sogenannten Geisteskrankheiten bzw. die Gefährlichkeit von Patienten aus, die schlicht falsch sind.
Und die Idee, jemanden vorbeugend aus dem Verkehr zu ziehen, weil er gewalttätig werden könnten, rührt an die Grundfesten der freiheitlichen und demokratischen Grundordung (wie es immer so schön heißt).
Dass Menschen, die nicht den üblichen Erwartungen an das Einhalten der sozialen Spielregeln entsprechen (=Innenkontrolle), werden fast überall aus dem Verkehr gezogen (=Außenkontrolle). Aber dass dies schon geschieht, bevor sie etwas getan haben, entspricht der Nutzung der Psychiatrie zur Behandlung von Dissidenten in der Sowjetunion.
Es wäre sicher leichter, den Waffenhandel zu kontrollieren als die eigenen Bevölkerung im Blick auf mögliche psychische Ausnahmezustände. Denn es sind ja meist nicht psychiatrische Patienten, die Amoklaufen, sondern “gute Bürger”, die bis dato eher unauffällig waren…
Siehe auch: http://www.nytimes.com/2013/01/16/health/breaking-link-of-violence-and-mental-illness.html?hp&_r=0
6 Kommentare
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und wenn es nach der NRA ginge, wäre es wahrscheinlich überhaupt die beste lösung, wenn psychiater in zukunft nur mehr bewaffnet praktizieren.
Comment by Jan A. Poczynek | menschen teams organisationen — 16. Januar, 2013 @ 17:51 Uhr
Auch hierzu wieder Watzlawick -immer wieder sehenswert:
http://www.youtube.com/watch?v=M7aMmiMrYmU
Gerade auch im Hinblick auf “psychische Ausnahmezustände”, bei denen der jeweilige Kontext und der eigene Standort nicht berücksichtigt wird und dann nach gewohnten Modus “immer mehr desselben verfahren wird”.
“Gemeinsam in den Abgrund” schaukelt Konflikte hoch, wenn die Differenzlogik fehlt, die Paradoxien des aktuellen Auftrags und des eigenen Standort nicht berücksichtigt werden.
“Distinction is perfect continence” . Alleine die Bewertung des aktuellen Zustands macht bereits den Unterschied aus dem sich fatale Folgen ergeben können.
Wie und wer definiert auf dieser Basis jetzt den Wahnsinn? Und wer entscheidet nun über Normalität?
Empfehle hierzu auch kurze Rückblende auf “Die Bosheit des Banalen” (Blog vom 11.01.13)
Comment by deaXmac — 16. Januar, 2013 @ 20:07 Uhr
Wenn man die Entwicklung im Blog zum Thema Revue passieren läßt, wäre dies dann nicht Anlass genug, die Differenzkriterien von Ruesch/Bateson aus anderen Perspektiven zu durchleuchten?
.. “gerade weil beide Systeme relativ ähnlich scheinen”, dreht es sich dann doch um Ausarbeitung von nicht so offen zutage liegenden Unterschieden, die selbstreflexiv auf die Grundkonzeptionen der Systeme zurückweisen.
Hierzu Ihre Rezension von 2005, Herr Simon:
http://www.systemagazin.de/buecher/klassiker/rueschbatesonkommunikation.php
“Tempora mutantur, nos et mutamur in illis”.
Vielleicht ist es auch Zeit an der sich von manchen eigenen, auch transgenerational kompensatorisch geprägten Idealisierungen zu trennen? Daraus könnten sich auch praktische Übungen in Differenzlogik im Hier und Jetzt ergeben?
Comment by deaXmac — 16. Januar, 2013 @ 21:08 Uhr
@3: Meine Idealisierungen der USA habe ich schon seit dem ersten Besuch dort hinter mir gelassen (und der ist auch schon mehr als 30 Jahre her)… Mir machen eher die Idealisierungen in der Presse, speziell der Wirtschaftspresse, Sorgen. Sie haben über Jahrzehnte dazu geführt, dass unsere Gesetzgebung am anglo-amerikanischen “Ideal” gemessen wurde (was, wie ich finde, fatal war und ist).
Comment by Fritz B. Simon — 17. Januar, 2013 @ 11:10 Uhr
@4: Stimme Ihnen völlig zu, Herr Simon.
Im Endergebnis finden wir nämlich in der Wirtschaft nach angloamerikanischen Recht spitzfindig ausgefeilte Verträge, die den Umfang ganzer Handbücher annehmen und die kaum jemand mehr verstehen und nachvollziehen kann. Diese finden sich vorrangig bei “global players” als Ableger der Finanzindustrie, mit ganz fatalen Auswirkungen insbesondere in der Versicherungsbranche.
Hierdurch werden unsere Sozialgesetzgebung, unser Arbeitsrecht
planmäßig unterlaufen, um die Leistungskataloge von Versicherungen einzuschränken.
Im Ergebnis treffen Kunden nach Eintritt des Leistungsfalls auf in Unterparagraphen formulierte Ausnahmen und Restriktionen, die so manche Betroffene in existentiell bedrohliche Bedrängnis bringen können, wenn Versicherungen dann nicht zahlen, vor allem bei Berufs- bzw.Erwerbsunfähigkeit.
Unsere Sozialgesetzgebung, die gerade zur Absicherung solcher Härtefälle als Solidarsystem entwickelt wurde, hat sich mittlerweile völlig pervertiert – gerade auch in Folge der Agenda 2010 mit Teilprivatisierung – und agiert mittlerweile eher wie eine insuffiziente und inkompetente Feuerwehr, auf die kein Verlass mehr ist.
Um ein Bild zu gebrauchen: An den Einsatzort gerufen, spannen diese “sozialen Retter” ein Sprungtuch auf, lassen Leute aus dem 10.Stock eines brennenden Hauses springen, um dann das Sprungtuch kurz vorm Aufprall wegzuziehen. Mit der Begründung, gerade diese Leistungen seien -laut Kleindrucktem- leider nicht mitversichert.
Angesichts all dessen könnten einem schon Ideen kommen, wie, wo und bei wem Kontrollideen anzusetzen hätten, um Zauberlehrlinge mit ihren idealisierten Absicherungs-, Gesundheits- und Sozialbuttons am Revers ihr desaströs und fatal wirksames Handwerk zu legen.
Dennoch seien wir den Herrschaften für die fortgesetzten Hochglanzpräsentationen ihres Schwachsinns auch dankbar.
Dieser Markt schrumpft längst und ein soziales Immunsystem sensibilisiert sich über die Schadenseinwirkungen.
Comment by deaXmac — 17. Januar, 2013 @ 13:12 Uhr
Ist nicht der „gute Bürger“, der mal ebenso zur Waffe greift und einfach ein paar Unschuldige erschießt, nicht auch eine Idealisierung? Ich glaube nicht, dass Amokläufer unmotiviert, gleichsam aus dem nichts heraus handeln. Und auch die im verlinkten Artikel zitierten Ärzte gehen nicht davon aus, dass es sich bei potentiellen Amokläufern um Personen handelt, die keine psychischen Probleme haben. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass die Symptome keine eindeutige Diagnose erlauben. Diese „weichen“ Störungen scheinen mir das eigentliche Problem zu sein um potentielle Amokläufer zu erkennen. Es gibt eine große Menge an Menschen die psychische Probleme habe, die nicht so schwer sind, dass sie selbst die Notwendigkeit für eine ärztliche Behandlung sehen. Es gelingt ihnen zwar noch irgendwie ihr Leben zu bewerkstelligen. „Irgendwie“ heißt dabei, dass ihnen das mehr schlecht als recht gelingt – z. B. die Jobsuche oder Freunde finden. Die Probleme sind also zumindest so schwer, dass ein gewisser Leidensdruck entsteht, der jedoch nicht als Symptom einer psychischen Störung erkannt wird – weder vom Betroffenen noch von Bekannten. Meine Vermutung ist, dass in dieser Grauzone weicher psychischer Probleme potentielle Amokläufer heranreifen.
Comment by Beobachter der Moderne — 17. Januar, 2013 @ 19:05 Uhr