US-Gesundheitsreform
Fritz B. Simon
Eigentlich weiss ich gar nicht, warum mich die Reform des US-Gesundheitsversicherungssystems so interessiert. Verglichen mit den USA haben wir in Europa ja ein wunderbar soziales und menschenfreundliches System. Dort hingegen sterben, wie jetzt eine Harvard-Studie belegt, 45000 Menschen jährlich, die nicht sterben müssten, wenn sie keine Krankenversicherung hätten (47 Mio US-Bürger sind unversichert).
Wahrscheinlich ist der Grund für mein Interesse ja, weil sich hier ein Konflikt um die Funktion von Staat vs. freier Wirtschaft zeigt, der prinzipiell von Bedeutung ist. Denn der Versuch, eine “Public Option” durchzusetzen, d.h. eine vom Staat getragene Versicherung, die mit den privatwirtschaftlich organisierten konkurrieren kann, wird – mir viel Lobby-Geld – massiv bekämpft und zum Entscheidungskampf gegen den “drohenden Sozialismus” aufgepeppt. Wahrscheinlich gewinnen die Lobbyisten der Versicherungswirtschaft ja, weil sie die meisten der Abgeordneten in der Tasche haben.
Das aber ist eine weitere Schwächung der USA.
Da man durch begonnene Kriege wie den im Irak immer an Macht verliert, ist das ein weiterer Schritt beim Abstieg der USA als Supermacht.
Und ich weiss nicht, ob ich mir das wirklich wünschen soll, solange Europa sich nicht mehr einigt und einen alternativen Stabilitätspol bildet.
2 Kommentare
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Aber Herr Simon, Staat vs. Wirtschaft (wohlmöglich noch vs. Gesellschaft). Dies sind doch triviale Beobachtungsschemata, diese Teilbereiche der Gesellschaft zu Zentren umzudeuten, die dann in Stellung zueinander gebracht werden, erscheint mir unterkomplex. Die Deutung von Supermacht fällt ebenfalls in diese Mainstreamanalyse vieler Politikwissenschaftler. Wenn die USA eine solche wären oder aber gewesen sind, dann hätte diese Macht den Internationalen Strafgerichtshof verhindert und nicht nur boykottiert.
Aber unter den Bedingungen einer Weltgesellschaft mit differenzierten Funktionssystemen verschafft sich auch (nicht nur) das Recht seinen Weg. Die strukturellen Kopplungen der sozialen Systeme untereinander sind das Entscheidene, welche den Erfolg oder Mißerfolg der Gesundheitsreform markieren. Insoweit ist es kritisch zu beobachten das die funktionale Differenzierung voranschreitet und die Eigenlogiken des Systems sich stetig verfestigen. Aber anhand der Systemkrise im globalen Wirtschaftssystem zeigt sich, dass sich die Systeme nicht unabhängig von ihrer Umwelt differenzieren können. Wieviele solcher Craschs aber notwendig sind, damit das System “lernt” bleibt abzuwarten, es richtet sich ja gerade wieder in alter Logik ein.
Aber vielleicht verkürzt sich das Problem ja durch den Crasch zwischen der Gesellschaft und ihrer ökologischen Umwelt.
Kommentar by Kai — 18. September, 2009 @ 12:16 Uhr
Ich glaube auch, dass es um die strukturelle Kopplung zwischen Politik und Wirtschaft geht. Aber die Politik ist seit einigen Jahren gegenüber der Wirtschaft in die untergeordnete Position gekommen. Wenn es eine Hierarchie zwischen den Subsystemen einer funktionell differenzierten Gesellschaft gibt, dann funktioniert offensichtlich das alles nicht mehr so recht. Der Streit geht also um die Art der Kopplung. Ich will ja nicht der Politik oder gar dem Staat die übergeordnete Position geben, sondern den Konflikt zwischen den Subsystemen am Leben halten als Voraussetzung des Funktionierens der funktionellen Differenzierung.
Die Chance des Abdankens der Supermächte ist – um zum zweiten Thema zu kommen – ja vielleicht langfristig doch, dass die Nützlichkeit von Strukturen mit Gewaltmonopol gesehen wird (von einigen mehr als bisher).
Kommentar by Fritz B. Simon — 18. September, 2009 @ 13:46 Uhr