Simons Systemische Kehrwoche

VEB 2.0

Fritz B. Simon

In dieser Woche hatte ich ein Gespräch mit einem gut informierten Journalisten aus Hannover (obwohl sein Wohnort zugegebenermaßen nicht wirklich was zur Sache tut, muss ich doch ab und zu was Gutes über Hannover publizieren; wer macht das denn ausser mir?) zum Thema Familienunternehmen. Wir kamen, wie das so üblich ist, vom Hölzchen auf’s Stöckchen und landeten schließlich bei der Frage, ob das Modell des Familienunternehmens nicht auch ein Vorbild für Staatsbetriebe sein könnte.

Dass Familienunternehmen in ihrer Qualität sehr widersprüchlich zu bewerten sind, ist klar. Man braucht nur über die Bank Sal. Oppenheim in der Zeitung zu lesen. Hier wurden offensichtlich die Partikularinteressen einzelner Familienmitglieder über die Überlebensinteressen des Unternehmens gestellt. Auf der anderen Seite ist die Überlebenszeit von Familienunternehmen im Durchschnitt länger als von Nicht-Familienunternehmen. Auch ihre Profitabilität kann sich sehen lassen.

Das Management der Grenze zwischen Familien und Unternehmen ist hier das Hauptproblem. In guten Familienunternehmen gelingt es, die Familie vor dem Unternehmen zu schützen und das Unternehmen vor der Familie. Beide können so gegenseitig Nutzen füreinander stiften. Das Bedarf intelligenter Regeln und entsprechenden Managements.

Das Grenzmanagement ist auch das Problem von Unternehmen im Staatseigentum. Denn die Versuchung ist groß, “verdiente” Parteifreunde dort auf Posten zu deponieren, für die sie nicht die fachlichen Qualitäten haben (man kann ja nicht alle nach Brüssel schicken). Dass das nicht so sein muss, zeigt m.E. VW (obwohl dort die Weste auch nicht ganz sauber ist, wenn man an die gemeinschaftlichen Freudenhausbesuche in Brasilien denkt – aber es waren wenigstens keine Politiker, die da ihre Freude hatten). Wenn Unternehmen nicht nur Profit erwirtschaften müssen, sondern darüber hinaus auch noch soziale Infrastruktur-Funktionen zu erfüllen haben – wie bei der Post, der Bahn, der Müllabfuhr, dem Elektrizitätswerk, der U-Bahn etc.), dann macht es durchaus Sinn, dass der Staat, die Gemeinde, das Land usw. in der Eigentümerrolle bleibt und so seine über den finanziellen Gewinn hinaus gehenden Interessen sichert. Als Privatmensch verkauft man ja auch nicht seine Badewanne (Küche, Bett, Klo) und least sie dann für teures Geld zurück. Das wäre schon ökonomisch nicht so sehr schlau, man würde sich außerdem noch abhängig machen vom jeweiligen Eigentümer und seinem meist ja schlechten Geschmack…

Es geht also darum, von erfolgreichen Familienunternehmen zu lernen und Modelle der Governance staatseigener Betriebe zu entwickeln. Und sie dürfen – wie Familienunternehmen – natürlich auch keinen Schutzraum durch ein Monopol besitzen, der ihnen den Wettbewerb mit Konkurrenten erspart.

Mein hannoverscher Gesprächspartner hat für dieses Modell den Namen “VEB 2.0″ vorgeschlagen.

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1 Kommentar

  1. Üblicherweise verläuft die Karriereentwicklung eines Systemikers ja so, dass er als Sozialreformer (Therapeut, Sozialarbeiter e.t.c.) startet und seinem Schatten dann als Consultant oder Organisationsentwickler wiederbegegnet. Was nun aber ist dann d a s jetzt? VEB – Reklame! Ein romantischer Anflug in die Utopien der Jugendzeit oder einfach nur stressbedingte Regression in einer Vorstufe zur Demenz? Oder steckt doch noch was ganz anderes dahinter?

    Kürzlich hat eine Dame einen Nobelpreis dafür bekommen, dass sie nachgewiesen hat, dass kollektiv verwaltete Unternehmen nicht zwangsläufig schlechter wirtschaften und in Bezug auf Nachhaltigket sogar besser wirtschaften können. Ist der Herr Simon neidisch auf Frau Ostrom?

    Ganz überraschend sind die Ergebnisse von Fritz B. Simon und Elinor Ostrom allerdings nicht. Letzte Woche habe ich klassisch mal zwei (Frauen-)Gruppen gegeneinander antreten lassen, welche jeweils unter der Arbeitsbedingung (gemäßigt) autoritärer Führungsstil / (repräsentativ) demokratischer Führungsstil eine allen ungewohnte Aufgabe zu lösen hatten. Die Ergebnisse waren fast in allen Punkten bilderbuchmäßig. Zufriedenheit mit der Arbeitsform bei den Demokraten 1a, bei den Autoritären hingegen beklagenswert. Da die bei den Autoritären vor Verkündung der Arbeitsform gewählte Leiterin sich sehr unwohl fühlte in ihrer Entscheider – Position, brauchten die Autoritären ausnahmsweise mehr an Zeit für die Lösung als die Demokraten, welche munter, selbstbewußt und zügig ihr Ergebniss präsentierten. Gleichwohl war die autoritär moderierte Gruppe 10 Punkte besser hinsichterlich der Qualität der erreichten Lösung. Bei unvertrauten, weil neuartigen Aufgabenstellungen ist dieses Ergebniss unter solchen Bedingungen nur zu erwarten.

    Was anders als autoritär ist es nun aber, “Wirtschaftlichkeit” an im wesentlich einem Wert, nämlich Eigner-Profit auszurichten anstatt Wirtschaftlichkeit systemökologisch an vielen, u.a. sozial relevanten Rationalitätskriterien? In der Politik finden wir dieselbe kurzatmige Fixierung auf einen Wert, auf´s Amt, auf die Macht, just in time was irgend geht zu mauscheln. Politik als die Kunst, das Angenehmen mit dem Nützlichen zu verbinden, bedeutet außerhalb der Krisenzeiten ja: Erst das privat Angenehme d a n n das allgemein Nützliche zu verfolgen.

    Pluralität dahingegen hieße über eine Abstimmung hinaus eben auch, wenn neben der systemischen Vielzahl gemeinschaftsrelevante Rationalitätkritieren bspw. auch die Interessen -> Werte künftiger Verwalter berücksichtigt würden. Derartige Utopien lassen sich offenbar nur im Notfall an die Leute verkaufen. Orienierung an einer Vielzahl von Werten, mutet den Gammas ein bißchen denke denke zu. Gesteigertes reflexives Bewußtsein und damit überhaupt erst einmal Wahlbereitschaft setzt aber die Wahrnehmung eines Ausnahmezustandes voraus.

    Wenn die Aufgaben zunehmend berechenbar werden und sich die demokratisch moderierten Problemlöser aufeinander einpacen, kommen demokratisch geführte soziale Organismen nach längerer “Warmlaufphase” zu qualitativ gleichwertigen Ergebnissen.
    Was sich gegenüber diesen nicht unbedingt neuen, durch Frau Ostrom nur eben deutlicher als durch FBS popularisierten Einsichten m.E. aber abzuzeichnen scheint, ist a), dass wir es vermehrt mit neuartigen Aufgabenstellungen und immer kürzeren Reaktionszeiten zu tun bekommen und das demgegenüber auf die in Rudelstrukturen bewährte autoritäre Moderationsform gesetzt wird. Dem Tier im Menschen leuchtet dies speziell unter Stress unbewußt wesentlich leichter ein. “Am meisten Recht hat meistens der Schnellste.” meets “Intelligent ist das, was der Chef versteht.”. Was wir infolge der bis zum Überschnappen wieder und wieder bemühten Muster erleben werden: “Wer am meisten versteht, ist meistens der Dumme.”

    Kommentar by Max Liebscht — 1. November, 2009 @ 13:30 Uhr

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