Simons Systemische Kehrwoche

Vereine

Fritz B. Simon

Heute in Berlin-Schöneberg. Ein Stadtfest. Buden, an denen es Currywurst und Caipirinha (schreibt man das so?) zu kaufen gibt, Musik aus riesigen Boxen, hämmernde Bässe, weinende Kinder, Familien machen sich einen netten Nachmittag. Auch Kunsthandwerk ist zu kaufen wie auf dem Weihnachtsmarkt. Eigentlich nichts Besonderes, wenn man mal davon absieht, dass hier mehr Menschen sind als üblicherweise bei solch einem Fest zu erwarten wäre.

Und – das vergisst der nichts ahnende Besucher: Schöneberg ist für Berlin, was San Francisco in den 60er und 70er Jahren für die Welt war.

Mir persönlich wäre an diesem Stadtfest nichts aufgefallen – und ich habe in meinem Leben wahrscheinlich schon Hunderte besucht -, wenn da nicht das Banner gewesen wäre: “Willkommen zum lesbisch-schwulen Stadtfest!”, offenbar gesponsert von Beck’s Bier.

Neben den vielen Familien fallen mir jetzt auch die vielen Männer mit Glatze auf (rasiert, aber ohne Springer-Stiefel). Und auch die gleichgeschlechtlichen Paare, obwohl sie gegenüber den traditionell erscheinenden (wer weiss schon, wie es da drinnen aussieht?) Familien – Mutter, Vater, Kind – in der Minderheit zu sein scheinen (zumindest am Nachnittag, bevor die Kinder ins Bett müssen).

Einige rührende alte Ehepaare – Mann und Mann, Frau und Frau.

Die Stimmung ist gut, die Musik laut, das Gedränge groß.

Es gibt aber neben den bei solchen Festen üblichen Ständen auch noch welche, die durch – für mich – exotische Schilder hervorgehoben sind: “Berliner Leder- und Fetisch-Club e. V.”.

Ich muss gestehen: Das befremdet mich sehr. Nicht das Leder und nicht die Fetische. Aber dass es sich um eingetragene Vereine handelt, finde ich komisch. Der Wunsch, sich zu organisieren, scheint mir hier mit den anarchischen Abgründen sexueller Leidenschaften zu kollidieren. Ich kann mir keine Hauptversammlung solch eines Vereins vorstellen. Sollte über den Umgang mit Fetisch und Leder genauso verhandelt und entschieden werden wie in den Kleintierzüchtervereinen, in denen ich mich normalerweise aufhalte?

Ich finde, es ist das Extrem der Domestizierung von Sexualität, wenn es sie zum Gegenstand eingetragener Vereine wird.

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3 Kommentare

  1. Verspäteter Kommentar zum Verein. Lebe nun schon 4 Jahre in Deutschland- vorher fast immer Wien – und war schon erschrocken über manche ungezügelte Leidenschaft, gerade bei der Euro. Und dann lese ich das…wunderbar. Neben dem Verein zur Verzögerung der Zeit und ein Verein zur Ordnung archaischer Triebe – das Zügeln ist doch Teil des Fetisch selbst, passt also zusammen.Antrag für die Gerneralversammlung: ordenliche Mitgleider dürfen nur mehr biologoisch hergestellte und das ausstrebende Gerbergewerbe stützende Lederartikel verwenden,Fetische sind vor Verwendung dem Vorstand zur Genehmigung vorzulegen.

    Kommentar by Herbert Schober-Ehmer — 25. Juni, 2008 @ 16:55 Uhr

  2. In gewisser Hinsicht dienen alle diese Vereine sexuellen Interessen. Ich denk Sie sind bekennender Psychoanalytiker (auch so ein Verein, der nichts als Sex im Kopf hat.) da werden Sie doch den kulturtragenden Wert dieser Sublimationsleistungen mit ein wenig mehr Liebe betrachten können?

    Kommentar by Max Liebscht — 26. Juni, 2008 @ 18:20 Uhr

  3. der artikel hat mich nachdenklich gemacht. wobei ich allerdings schon finde, dass gruende wie armut und stress auch im alter (mehr und mehr) einen gewissen ausschlag geben koennen zur flasche zu greifen. in jedem fall ist die aussage “man kan noch so viel vom leben haben” natuerlich nur zu unterstreichen!!! zudem verkraftet ein junger koerper wahrscheinlich eher ein glas mehr als ein aelterer mensch. ein gewisser warnschuss darf hier also ruhig erfolgen…

    Kommentar by Rürup Rente — 15. Oktober, 2010 @ 17:16 Uhr

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