Verfallsdaten
Fritz B. Simon
In den Zeitungen steht heute, dass irgendein Experte den Vorschlag gemacht hat, Mitteilungen im Internet mit einem Verfallsdatum zu versehen und automatisch zu löschen. Hintergrund ist wohl, dass immer wieder junge Menschen der Versuchung nicht widerstehen können, irgendwelche Daten ins Netz zu stellen, die später gegen sie verwendet werden – etwa, wenn sie sich um eine Stelle bewerben etc.
Das Netz vergisst keine Jugendsünden. Wer mit 17 pornographische Fotos von sich ins Netz stellt, sollte damit rechnen, dass ihn seine Enkel darauf ansprechen, wenn er 71 ist…
Hier wären Verfallsdaten hilfreich. Eine Vergessensfunktion für das Internet. Mir scheint das auch sehr sinnvoll. Schließlich rechne ich auch damit, dass mir das alles in ein paar Jahren peinlich ist, was ich hier reinstelle.
(Und ob Sie das in zehn Jahren alles noch so toll finden, was und wie Sie hier kommentieren, ist ja auch noch nicht wirklich klar…)
Das scheint mir die Tücke von Kommunikationsmedien, die dazu verführen zu vergessen, dass dies hier keine mündliche Kommunikation ist. Die einzelnen Äußerungen sind – wie bei der e-mail – nicht Ereignisse, die eigentlich schon vorbei sind, wenn sie sich ereignen, sondern sie können auf immer und ewig reproduziert werden, und kein Schwein erinnert sich dann mehr, in welchem Kontext sie einmal entstanden sind.
Doch das gilt in noch stärkerem Maße für Gesetze und Verordnungen, die bedauerlicherweise nicht mit einem Verfallsdatum versehen sind, sondern deren Entsorgung immer einer neuen (politischen) Entscheidung bedarf. Auch die gelten noch in Zeiten, die keine Ähnlichkeit mehr haben mit denen ihres Entstehens. Die Bedingungen sind anders, nichts stimmt mehr – und dennoch werden sie noch durchgesetzt (“enforced”).
In Familienunternehmen bzw. in den Familien von Familienunternehmen ist die Folge solchen Nicht-Vergessens gut zu beobachten. Denn dort werden oft irgendwelche Verträge abgeschlossen, die dazu dienen, die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern zu regeln (z.B. Gesellschafterverträge). Zum Zeitpunkt ihrer Unterzeichnung mögen sie noch stimmig gewesen sein, aber nach 10 oder 20 Jahren haben sich in der Regel die Verhältnisse verändert. Wenn nun der eine oder die andere seine/ihre verbrieften Rechte einklagt, so wird ein neues und ganz anderes Spiel eröffnet, das nichts mehr mit der gewachsenen Situation der Familie zu tun hat… Üblicherweise landet das dann alles vor Gericht.
Das ist einer der Gründe, warum in “normalen” Familien keine Verträge zwischen den Mitgliedern abgeschlossen werden. Sie ändern sich einfach nicht mit den Vertragsparteien und ihrer Beziehung.
Verfallsdaten wären also insgesamt etwas ganz Gutes bei allen schriftlichen Produkten, nicht nur bei Lebensmitteln…
7 Kommentare
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Hallo Herr Simon,
dafür gibts natürlich schon eine Lösung: http://www.reputationdefender.com/index.php?lang=de
Das ist eine Web 2.0 Plattform um die Google- & Co. Schnippsel zu kommentieren und ggf. auch entfernen zu lassen – natürlich gegen Geld. Man kann den IT’lern mehr als einmal “nicht-weiter-denken-als-als-vors-Brett-auffer-Stirn” aber nicht, daß sie für selbst geschaffene Probleme nicht wieder Lösungen finden würden.
Das Problem mit Verfallsdaten ist das es kein Gesetz gibt das den Verfall verpflichtend macht. Sprich: selbst wenn es solche Daten gäbe es würden sich genügend Leute finden die sich nicht ans Verfallsdatum halten würden – weil die Information über die Vergangenheit von Personen und Firmen Geld (bzw. deren Beseitigung) Geld wert ist.
Bei Google kann man übrigens kostenlos anfordern aus dem Google-Cache entfernt zu werden (sofern man einen Google-Account hat).
https://www.google.com/webmasters/tools/removals
Viele Grüße,
Andrew Smart
Kommentar by Andrew Smart (Institut für systemische IT) — 16. Januar, 2008 @ 09:27 Uhr
Hallo Herr Simon,
das war kein Experte sondern eine ModeratorIn (oder ein Politiker? – Aber die haben ja schon ein Verfallsdatum.). Ich weiß nicht mal mehr, von welcher Sendung, weil ich sofort weitergeklickt, äh gezappt habe. Die Idee ist genial, aber fragen Sie mich mal, wie das technisch gehen soll. (Ich arbeite am Unirechenzentrum Heidelberg.) Gut, also ungefragt: Es wird ungefähr so viel Aufwand erfordern wie Schäubles Bundestrojaner. (Warum ist das nicht Unwort des Jahres 2007 geworden?) Und wird ebenso leicht zu umgehen sein.
Viele Grüße, Ewald Dietrich
Kommentar by Ewald Dietrich — 16. Januar, 2008 @ 13:07 Uhr
ich bin innerlich oft entsetzt, zu welchen Äußerunge ich mich schon habe verführen und hinreisssen lassen. Nicht dass ich mich jetzt fürchte, aber es reut mich, wenn ich dann dran denke, was da alles von zwei bis tausend Augen herausanalysiert werden wird, oder aber, dass ich jemanden mehr als beabsichtigt vor den Kopf gestoßen haben könnte. Andrerseits will ich in dem Moment nichts anderes, als den akuten Unmut zu kommunizieren und den anderen vor den Kopf zu stoßen.
Ich bin heilfroh über das Verfallsdatum im Auer-Weblog. Es geht hier ja abgründiger zu, als bei einer mündlichen Kommunikation. Dort würde man sich, würde ich mich, einfühlsamer, zurückhaltender, beziehungsweise strategischer verhalten. Wenn ich als ganzer Mensch anwesend bin und den anderen als ganzen Menschen wahrnehme, und das ganzheitlich kommuniziere, ergeben sich Zwischentöne, Ausgleichung, wirkliche Beziehungen und klare Abgrenzungen.
Hier befindet man sich in einer Pseudoatmosphähre oft alltäglicher Vertrautheit und Anonymität zugleich und vergißt glatt auch noch die Zuschauer. Eigentlich haben Sie die einzig richtige Konsequenz gezogen Herr Simon, indem Sie auf unverfänglichen Small Talk rekurrierten. Aber wie leicht gibt man sich auch da die eine und die andere Blöße.
Wozu sind also Blogs gut? Wozu ist dieser Blog gut? Ich kenne diesen Blog nun seit langem. Ich hatte schon immer ein Interesse an der differenzierten Diskussion diverser Konstruktivismen und systemischer Fragestellungen. Manchmal gab es diesbezüglich highlights. Aber es funktionierte (aus meiner Sicht) nicht wirklich. Es sei denn man/ich selbst nimmt das Thema in die Hand und macht täglich die entsprechenden Beiträge. Das ist dann ein Fulltimejob, der von niemandem zu leisten ist und der angesichts seines inhaltlichen Verlaufs auch langweilig werden kann.
Eigentlich wars ja mal ein Experimentierstudio. Doch kommt da je irgendwas dabei heraus, außer die Einprägung der Namen, die lang genug präsent bleiben, beziehungsweise andrerseits das allmähliche Kennenlernen diverser Nuancen einer Person, die einem in doppelten/dreifachen Sinn fremd ist? Oder ist es nicht schlicht ein kaum verdecktes Simonsches Under-Cover-Versuchslabor für virtuelle Gruppendynamik? Denn das einzige, was man hier wirklich lupenrein beobachten kann, ist die Auerspezifische und allgemeine Gruppendynamik und das hierarchiegenerierte Verhalten der verschiedenen Teilnehmer zum Leiter und untereinander.
Da mich Small Talk über politische Tagesthemen so überhaupt nicht interessieren, fällt es mir meist nicht schwer, mich beim Hereinschauen aus der Dynamik herauszuhalten und selbst das Gruppendynamische Versuchslabor von Frit B. Simon zu beobachten. Manchmal gehen mir die Gäule durch und ich werde hineingerissen in die Dynamik dessen, was mich ärgert und entblättere mich als was auch immer. Schlimm. Mache ich nicht mehr.
Also bleibt es (zumindest aus meiner Sicht) letztendlich wohl einerseits bei der Pflege augenzwinkernden selbstaffirmativem Small Talks und zu diesem Zweck beim Austausch trivialer Information. Andrerseits wohl unvermeidbar bei gruppendynamisch angeheizten Zustimmungs-, Verbrüderungs- oder Abgrenzungsritualen in den diversen Beziehungsgefällen, von denen ja vielleicht die eine oder ander eines Tage nützlich werden kann. Aber im Grunde Zeitverschwendung. Oder doch nicht?
Kommentar by Sylvia Taraba — 16. Januar, 2008 @ 13:39 Uhr
Lieber Herr Dietrich,
vielleicht war es ein Moderator, aber das Thema wurde auch in div. Zeitungen behandelt, und alle beriefen sich auf den genannten Experten. Aber ob nun Experte oder nicht, mir scheint das wirklich ein interessantes Thema…
Dass das ganze Problem technisch nicht so einfach zu lösen ist, leuchtet mir ein. Aber da ist es in guter Gesellschaft: Es ist ja auch sonst nicht einfach, gezielt und bewusst zu vergessen. Und Alkohol dürfte in diesem Fall ja nicht helfen.
Kommentar by Fritz B. Simon — 16. Januar, 2008 @ 17:08 Uhr
Liebe Frau Taraba,
das wird Sie von allen Untaten, die Sie hier im Netz vollbracht haben, natürlich am längsten verfolgen: Dass Sie meine Ausführungen als Small Talk disqualifizieren…
(Sie merken, ich fühle mich unverstanden…)
Kommentar by Fritz B. Simon — 16. Januar, 2008 @ 17:10 Uhr
Lieber Herr Smart,
dass man -gegen Geld – die Spuren seines Surfens bei Google löschen lassen kann, ist ja immerhin beruhigend. Aber das wird uns nicht davor hüten, dass das meiste unvergesslich bleibt.
Was mich beruhigt, ist, dass ich inzwischen soviel Junkmail bekomme, die angeblich von Leuten, die ich kenne, abgeschickt wurde, ja, von mir selbst – obwohl ich genau weiss, dass ich keine Heizstrahler zu verkaufen habe -, dass ich kaum mehr Sorge habe, was die Zukunft meiner Äußerungen im Netz angeht. Wenn so viele meinen Namen nutzen, dann gehen womöglich meine eher schwachsinnigen Äußerungen als die von Heizstrahlerverkäufern durch…
Kommentar by Fritz B. Simon — 16. Januar, 2008 @ 17:16 Uhr
Ich find es eigentlich eher klasse, daß man im Rahmen technischer Zverlässigkeit einigermaßen zu Kongruenz angehalten wird. Womöglich können meine Nachkommen nachvollziehen, daß der Alte gelegentlich so was wie Entwicklung durchlebt haben muß. Sonsten zweifel ich an der Zuverlässigkeit – wäre ja eine feine Sache sonst so ein Tagebuch – und wundere mich eher wie billig Notstromgeräte noch sind. Ähnlich wie bei Büchern und bla wird der ganze Kram zusammenprasseln wie die olle Bibliothek da in Alexandria. Sofern jemand da is, um sich zu wundern, wird man erstaunt sein, wie abgedreht wir unterwegs gewesen sind.
Kommentar by Max Liebscht — 20. Januar, 2008 @ 17:02 Uhr