Zeit
Fritz B. Simon
Da ich gerade ein sehr gutes Buch über die “Zeit” (nicht das Wochenmagazin) lese, nehme ich mir hier die Zeit, einmal die darin aufgeworfene Frage, wie wir eigentlich zu unseren merkwürdig abstrakten Zeitvorstellungen kommen, weiter zu reichen.
Ist es nicht abenteuerlich, eine räumliche Metapher zu verwenden, um die Erfahrung, dass manchen Phänomene von Dauer sind und andere vergehen, so darzustellen, als entspräche dies Strecken auf einer (“Zeit”-)Linie? Zeitpunkte. Zeitabschnitte.
Und ist es nicht noch absonderlicher, dass wir aus solchen Erfahrungen so etwas wie eine abstrakte Zeit, innerhalb derer wir all dies verorten, abzuleiten?
Und noch eine Steigerung: die Personalisierung der Zeit (sie kommt, sie geht, sie wird genutzt, sie ist gut oder schlecht usw.).
Schlimmer noch: ihre Veränderung zu einer Ware, die man kaufen oder verkaufen kann.
Mein Verdacht ist allerdings, dass dies alles eng zusammenhängt und – zumindest historisch – dieselben Wurzeln hat: Zeit ist Geld. Seit wir Geld verwenden und damit eine Vergegenständlichung von menschlichen Beziehungen vorgenommen haben (zwischen Schuldner und Gläubiger), haben wir auch eine Verobjektivierung der Zeit vorgenommen – obwohl dies niemandes Erleben entspricht.
18 Kommentare
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hmmmmmm –
so ganz weit hergeholt ist die räumliche metapher finde ich auch wieder nicht, wenn wir die erdrotation bzw. sonnenlaufbahn her nehmen. ich denke für unsere vorfahren aus der höhle war der sonnenstand ein orientierungspunkt und indikator für den tagesverlauf und als solches am ehesten räumlich zu beschreiben – oder liege ich da anthrpologisch daneben?
sunshine!
Jan
Kommentar by Jan A. Poczynek — 29. Juli, 2009 @ 22:24 Uhr
ach ja Fritz…
da fällt mir beim posten zum thema “zeit” noch etwas auf:
dein blog ist nicht auf sommerzeit umgestellt!
Kommentar by Jan A. Poczynek — 29. Juli, 2009 @ 22:26 Uhr
Wir erleben Tag und Nacht, Wachsein und Schlafen; und wir erleben alle Bewegung im Raum als Zeit. Warum erlebt man Zeit?
Ich kann mich erinnern: an Gestern, Vorgestern, an den gestrigen Tag vor einem Jahr..; die Ereignisse erinnern wir; sie sind nicht völlig weg…
das genaue Messen der umlaufenden Bewegung (Erde um sich, Erde um Sonne) führt zu einem Diktat, dem Diktat des Sekunden- und Minutenzeigers. Den Vorwurf: “Du bist zu spät!” habe ich schon öfter gehört…
Kommentar by René Oerterer — 29. Juli, 2009 @ 22:35 Uhr
“Holt mir einen Bauern vom Pfluge, macht ihm die Frage verständlich, und er wird euch sagen, daß, wenn alle Dinge am Himmel und auf Erden verschwänden, der Raum doch stehen bliebe, und daß, wenn alle Veränderungen am Himmel und auf Erden stockten, die Zeit doch fortliefe.”
ARTHUR SCHOPENHAUER
Kommentar by es — 30. Juli, 2009 @ 12:28 Uhr
Ich schreibe gerade einen Roman, in dem die Zeit (bzw. Unsterblichkeit) einen große Rolle spielen. (Ist fast fertig!)
Haben sie zufällig den Namen und die ISBN-Nummer zur Hand? Das Buch interessiert mich sozusagen halbprofessionell.
LG
Kommentar by Holger Huckfeldt — 30. Juli, 2009 @ 13:40 Uhr
F. Jullien: Über die “Zeit”. Diaphanes Verlag, Berlin-Zürich.
Er vergleicht die chinesische und alteuropäische Weise Zeit zu denken…
Kommentar by Fritz B. Simon — 30. Juli, 2009 @ 13:58 Uhr
Es gibt sehr unangenehme Zeitgenossen – und dazu zähle ich auch den persönlichen inneren Schweinehund – die immer wieder von einem verlangen, dass man “aufs Tempo drückt”. Man will aber eigentlich nicht. Die Lösung des Konflikts: Man führe immer ein entsprechendes Papiertaschentuch mit sich und drücke es dann, wenn es wieder einmal soweit ist…
Kommentar by Manfred Bögle — 30. Juli, 2009 @ 20:45 Uhr
Zeitdruck – ein Papiertiger! Das Tempotaschentuch ist hier bestimmt ein guter Anker. Doch sollte man, speziell auf dieser Seite, was Zeit und Raum betrifft, nicht auch die Spencer Brownschen “Gesetze der Form” und die Bewegung der imaginären Werte in Betracht – oder zu Rate ziehen?
Kommentar by Sylvia Taraba — 31. Juli, 2009 @ 10:35 Uhr
Liebe Frau Taraba,
vielleicht nutzen Sie den Tunnel zu Schopenhauer?
Leider hat er in seinem Testament festgelegt, dass seine Schriften nicht verändert werden dürfen. Damit hat er sicher die Zeit der Veränderung nicht erkannt.
Allerdings gab es bereits im Mittelalter eine Figur des “Bald Anders”. Wie wäre es, die Zeit der Veränderung von GSB so zu bezeichnen, mangels anderer Maßeinheit?
Kommentar by es — 31. Juli, 2009 @ 11:36 Uhr
Lieber es – ich nütze diesen angebotenen Tunnel, um mich mit Ihnen zu verständigen: “Holt mir einen Bauern vom Pfluge, macht ihm die Frage verständlich, und er wird euch sagen, daß, wenn alle Dinge am Himmel und auf Erden verschwänden, der Raum doch stehen bliebe, und daß, wenn alle Veränderungen am Himmel und auf Erden stockten, die Zeit doch fortliefe.”
Ich weiß nicht, ob wir jetzt dasselbe verstehen (Das weiß man hier nie). Ich verstehe die „Gesetze der Form“ immer besser-
Der hier von Ihnen qua Schopenhauer gezeichnete Tunnel wäre die reine Oszillation zwischen zwei leeren Seiten oder abstraktem plus/minus…wenn man den mathematischen (imaginären) Wert, der Lösung jener Gleichung zweiten Grades nimmt: sie hat ZWEI Lösungen plus/minus (eins). Das ist Ausgangs- und Endpunkt der Laws.
Da das Verlangen zu unterscheiden in den Laws als injunktiv angenommen wird, ist Nicht-Unterscheiden nicht möglich. Es existiert und es bedarf (mindestens) eines Beobachterpaares (und seiner Asymmetrie des Unterscheidens) und seiner Kommunikation darüber – somit ist ständige Veränderung, nämlich das Weiter-Unterscheiden, gegeben (…polykontextural selbstredend bei vielen Unterscheidern).
Sie haben jetzt mehrere Möglichkeiten zu antworten:
Da Sie hier Nr 2 pflegen, findet eine Art Austausch statt, der ein Nachdenken und Antworten einschließt: Eine ersprießliche Art der Auseinandersetzung. Danke!
Kommentar by Sylvia Taraba — 31. Juli, 2009 @ 12:36 Uhr
Liebe Frau Taraba,
besten Dank für Ihre Handlungsanweisung.
Ausgehend von FBS und Ihrem schönen Hinweis auf GSB zum Thema Zeit, vermisse ich diese in Ihrer Interpretation.
Kommentar by es — 31. Juli, 2009 @ 15:39 Uhr
Lieber Es, das Thema Zeit ist Inhalt meiner Beschreibung. Das Wort Zeit habe ich nicht verwendet, das stimmt. Wie lässt sich das auch kurz sagen. Ich wundere mich nicht über die Facetten von Zeit… Oszillation ist der mir geläufige ununterbrechbare Zustand der Tiefe, der einen Kreis in Nichts zeichnet, welcher Nicht-Zeit bedeutet: die Unruhe des Selbst nennt das Hegel. Es geht um Selbstreferenz. Die injunktive Selbst-Anweisung, eine Unterscheidung zu treffen bedeutet laut GSB das Kreuzen einer Grenze – dieses Verlangen (!) benötigt und erzeugt Zeit….etwas, das unentwegt stattfindet, solange Unterscheidungen getroffen werden. Keine Unterscheidung zu treffen, das Verlangen zu unterdrücken, ist nicht möglich. D.h. der oszillative Zirkel wird unentwegt unterbrochen, scheinbar linearisiert und notwendigerweise asymmetrisiert: Ich und Du existieren und Kommunikation findet statt: Sie benötigt und erzeugt Zeit. entsprechend obiger “Handlungsanweisung” 1.2.3. (entsprechend der notwendigen Anschlussmöglichkeit). Über die Komplexität von Zeit zu meditieren ist müssig, wenn man sich nicht schon dessen bewusst ist, dass die Welt/der Andere durch Kommunikation kreiert wird, das heißt durch das Treffen von Unterscheidungen. Die Gesetze der Form von GSB beschreiben nur, was wir tun, um eine Welt zu erzeugen. Wir können uns dabei eventuell überlegen, wie wir das tun wollen….ist aber auch fraglich….
Kommentar by Sylvia Taraba — 1. August, 2009 @ 08:46 Uhr
PS Unnötig zu sagen, dass die Zeitdimension durch die Differenz von vorher und Nachher, die an allen Ereignissen unmittelbar erfahrbar ist…in die Vergangneheit und in die Zukunft hineinverlängert wird . – doch so meine Sicht – dies geschieht, ereignet sich, handelt alles immer instantan Im Jetzt….
Kommentar by Sylvia Taraba — 1. August, 2009 @ 08:50 Uhr
Aber, auch wenn die Vorher-nachher-Unterscheidung unvermeidbar ist und dadurch eine zeitartige Ordnung geschaffen wird, muss daraus keine abstrakte Zeit abgeleitet werden, innerhalb derer Ereignisse wie in einem Raum verortet werden. Das ist ein Merkmal des alteuropäischen Denkens, und es ist schon bei Aristoteles zu finden.
Dass es auch anders geht und man bei der Beschreibung konkreter Verläufe bleibt (z.B. die Abfolge der Jahreszeiten) ist am altchinesischen Denken zu studieren (s. F. Jullien: Über die “Zeit”).
Kommentar by Fritz B. Simon — 1. August, 2009 @ 14:44 Uhr
Ja , das ist ja ,glaube ich, der casus knaktus bei Jullien, so dass gezeigt werden soll, bei den alten Chinesen und den dort verzweigten Traditionen gibt es gar nicht die Konstruktion “Zeit”, es sind die Jahreszeiten (mit ihren Potentialen), die den Horizont für den Moment und die Dauer (gelingend, mißlingend) ermöglichen. Und diese Idee kann auch übertragen gelten in andren Bereichen. Auch die atomistische Konstruktion “Ereignis” , so hab ich es verstanden, ist eine alteuropäische Konstruktion, gegengesetzt zu übergangsmäßigem Prozessieren und Passagieren, Wandlungsprozessen – auch in Beziehung zu dem jahreszeitlichen “Horizont”. Nur, und das ist meine ich eine große Schwierigkeit, die Jullien einem klar macht, die Grammatik unserer Art der Sprache (griechisch, lateinisch, indogermanisch, …) ist durchsetzt von Konstruktionen einer abstrakten Zeit, so dass sie ein Korsett des Denkens ausmachen. Man könnte ja sagen, die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt oder dass Sapir und Whorf das ja schon früh längst empirisch evident erkannt haben. Das ist aber m.E. zu bedenken, dass man in die Privatsprachen von Konzepten einsteigt, seien sie auch von Who is Who und sie anzupassen versucht. Wie ist das bei GSB mit dem “space”, the marked and the unmarked – und seiner Relevanz für das Unterscheiden und Bezeichnen- geht es hier um eine Metapher -oder, und das Verlangen, zu unterscheiden, das “Zeit” erzeuge, wie soll das verstanden werden ?
Kommentar by sonnenfinsternis — 2. August, 2009 @ 00:43 Uhr
Die Kennzeichnung “alteuropäisch” bezeichnet in der “Weltgesellschaft” einen Herkunftsort für gediegenes Konstruieren, nicht mehr und nicht weniger.
Die Komplexität der Zeitkonstruktionen, ob abstrakt oder praktisch, sind unserer Konstruktionen. Es „gibt“ keine Zeit. Wir benötigen und wir konstruieren Zeit, um diese Unterscheidungen zu treffen.
Wir treffen die Unterscheidungen immer jetzt. Nicht gestern und nicht morgen. Aber wir beziehen und darin logisch notwendig auf gestern und auf morgen. Daraus wird keine abstrakte Zeit abgeleitet, vielmehr ist das unter anderen Hilfsmitteln, eine Welt zu erzeugen, eine Werkzeug der Konstruktion
Dasselbe mit den Jahreszeiten. Es „gibt“ keine Jahreszeiten, wir unterscheiden sie und stellen je nach angenommener geografischer Lage fest, was das jeweils bedeutet. In „Alteuropa“ aber auch in China beschreiben wir sie z.B. als Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Innerhalb dieser Konstruktion werden die entsprechenden Ereignisse (Blüte, Frucht, Ernte, Ruhe) in räumlichen Landschaften, mit spezifischer Vegetation und mit den zugehörigen spezifischen Kulturen verortet – bleiben also nicht „abstrakt“, sondern werden ganz und gar „konkret“ bis ins kleinste Detail.
Die Gesetze der Form sind von GSB als DIE grundlegende Konstruktion beschrieben, in der Sprache der Mathematik, die verstehbar ist, und sie machen ja nur SINN, wenn sie auch als die grundlegende Konstruktion verstanden werden, aus der alles folgt, was der Fall ist. Das heißt man muss ihre Mathematik als KONSISTENT verstanden haben. Ansonsten ist jede Zitation der Laws der reinen Beliebigkeit, Deutungsmacht und Auslegungsmanipulation unterworfen.
Nun handelt es sich dabei selbstverständlich auch um so genannte „Glaubensfragen“ zum Beispiel die leidige Frage „gibt“ es die Welt auch ohne uns oder ist sie und alles was sie ausmacht unsere Konstruktion und sind unsere Beschreibungen von ihr, eine Mischung aus subjektiven und objektiven Beschreibungen, die für Kommunikationen anschlussfähig sind?
Wer davon aus geht, dass die Welt und die Jahreszeiten schon „da“ sind – auch ohne unsere Beschreibungen und unsere (subjektiven und objektiven) detaillierten Festlegungen, huldigt der alteuropäischen Ontologie und benötigt einen Schöpfer oder aber die Evolution, um sie sich zu erklären.
Wer davon ausgeht, dass die Welt, – das heißt Kosmos und Logos – , Konstruktionen sind, die durch das Verlangen zu unterscheiden, das heißt dann umgehend: durch UNSERE Unterscheidungen erscheinen, der geht davon aus, dass ALLES, was existiert, unmittelbar, immer JETZT, in der Nicht-Zeit unterschieden/erlebt, verhandelt, beschreiben, konzipiert usw. wird und in der Erfahrung und Beschreibung zeitlich konnotiert wird – werden muss, um erlebbare und erfahrbare Realität zu werden.
Das „abstrakte“ der Laws, ist der fiktive Kreis, der in Nichts gezeichnet wird, dessen Grenze gekreuzt wird, ohne sie zu verletzen (Tunnel) und durch eine Gleichung zweiten Grades darstellbar ist: sie hat jedoch ZWEI Lösungen – das „konkrete“ der Laws sind die Folgen davon. Was dabei erscheint liegt innerhalb der Grenzen von Sprache, mit welcher der jeweilige Beobachter die Unterscheidungen trifft.
Spencer Brown zeichnet den mathematischen Tunnel (eine Oszillation) nach, durch welchen der Tunnel vom Imaginären in die Realität imaginär konsistent beschreibbar und DAMIT reell möglich ist. Zugleich ist das Imaginäre und das Reelle durch den Tunnel der re-entry mit sich und seinen Unterscheidungen verbunden:
Beobachter, Markierung (Sprache) und die Unterscheidung sind identisch gleich.
Da diese Konstruktion im Grunde symmetrisch ist (Zweiseitenform) handelt es sich hier NICHT um einen philosophischen Solipsismus, sondern um die prinzipielle Gleichzeitigkeit alles potentiell Konstruierbaren, aber um die Asymmetrie seines Erscheinens und die Ungleichzeitigkeit seines Kommunizierens….und um die beschränkenden Grenzen, die dies bedeutet…. es ist NICHT alles möglich….
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. August, 2009 @ 11:58 Uhr
Von obigem ausgehend, sehe ich unsere Kommunikationen als konstititutiv für imaginäre Räume, Inhalte, Zustände, die ihrerseits Zeit kreieren bzw. Zeit benötigen um real zu werden.
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. August, 2009 @ 13:50 Uhr
“Bald anders” wäre dann eine poetische Beschreibung des irgendwie statischen Begriffs der Gegenwart, beziehungsweise des Jetzt auf ein zukünftige Jetzt (bald anders) hin
Kommentar by Sylvia Taraba — 2. August, 2009 @ 18:14 Uhr