Simons Systemische Kehrwoche

Zwangspsychiatrie

Fritz B. Simon

Was alltäglich geschieht und als selbstverständlich erlebt wird, hat nur wenig Chancen problematisiert oder gar zum Gegenstand der Forschung zu werden. “Selbstverständlich” heißt eben nicht, dass irgendwer etwas versteht, schon gar nicht von selbst, sondern dass es einfach nicht in Frage gestellt wird. Das gilt auch für Zwang in der Psychiatrie.

Als ich 1974 in einer psychiatrischen Klinik zu arbeiten begann, war es selbstverständlich, dass ich dort vom ersten Tag an über Gewaltmaßnahmen zu entscheiden bzw. sie zu verantworten hatte. Ich habe also einsperren, anschnallen, niederspritzen lassen, was das Zeug hielt. Nicht, weil ich so scharf darauf war, sondern weil ich mich in meine Rolle fügte (Stationsarzt einer geschlossenen Abteilung und der Wachstation) und das tat, was die Organisation (repräsentiert durch Pfleger, Schwestern und meinen Oberarzt oder auch die einliefernden Polizisten) von mir erwarteten…

Das war eine ziemlich erschütternde Erfahrung für mich (für die Patienten sicher noch viel mehr). Jedenfalls wurde mir sehr schnell klar, dass Gewalt bzw. Macht einer der wesentlichen, definierenden Faktoren der Institution Psychiatrie und der psychiatrischen Institutionen war… – und das war dann schließlich auch einer der Gründe, warum ich mich von ihr immer weiter entfernt habe.

Jetzt erst, d.h. in den letzten Jahren, wird zunehmend auch die Anwendung von Gewalt in der Psychiatrie empirisch beforscht. Das Ergebnis ist nachzulesen in einem Artikel, der auf Spiegel online publiziert ist:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,806966,00.html

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4 Kommentare

  1. Wenn die Plebejer den Steuern zahlenden Eigenheimbesitzern auf den Straßen unheimlich werden, liegt es daran, dass man diese nicht rechtzeitig auf andere Plebejer losgehetzt hat. (Der Aspekt der Verlagerung erlebnispädagogischer Maßnahmen -> http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Laender/PapuaNeuguinea.html ist m.E. noch nicht ganz zu Ende gedacht worden.) In der Psychiatrie dasselbe Phänomen: similia similibus curentur einmal mehr. Es werden Leute zwangsvergesellschaftet, die mit dem Phänomen Abweichung fachlich überfordert sind – sei es, dass es um sie selber geht, sei es, dass es um andere geht. Die Personalauswahlstrategien der psychiatrischen Einrichtungen zeigen ganz klar; das Spiel gewinnt, wer die dickeren Muckis geltend machen kann. Hätte man den hier empfohlenen Hans Peter Dürr und den Norbert Elias zusammen in eine Zelle gesteckt, hätte sich ein jeder Psychiater freilich auch ohne routinierte Schläger und Einschüchterer um ein leichtes bestätigen können.
    Da Carl Auer witzig ist, könnte man eingedenk dieser leidigen Erfahrungswerte einen Qiz ausloben, welche Kombination welcher gefeierten Geister welche Standardsymptome gezeitigt hätte. Über die Preisvergabe entscheidet, wer von Amts wegen darf.

    Comment by Max Liebscht — 15. Januar 2012 @ 18:44 Uhr

  2. Wieso sollte es in klinischen psychiatrischen Institutionen anders sein als im Knast?
    Ich war in letzter Zeit häufiger als Supervisor in psychiatrischen Fachkliniken unterwegs und ich kenne mich in Knästen ziemlich gut aus.
    Und sobald ich die institutionellen Räume zur SV betreten habe, spürte ich eine eigenartige Dumpfheit und Aggressivität, die ich nicht alleine nur auf meinen Geisteszustand zurückgeführt habe.

    Comment by Christoph Simon — 16. Januar 2012 @ 14:37 Uhr

  3. Ick sach man so: Dät äinzische wat net verrückt is, is da Dot.

    Wunderschönes Video (!) nebenan über Bücher bzw. deren Händler … die auch irgendwie verrückt sind.

    Comment by Max Liebscht — 16. Januar 2012 @ 23:13 Uhr

  4. Nun, eine totale Institution zieht solch Verhalten wohl an. Ich kenne ein paar Leute, die waren in der Fremdenlegion… nach einer gewissen Zeit hält man das dann für normal, oder eben für selbstverständlich, um den Begriff von Herrn Simon aufzunehmen. Ein “Problem” entsteht ja auch erst, wenn man von Aussen hineinstochert, oder wenn sonstwie Informationen hinausdringen (wie bei den pinkelnden Navis…).
    Es wäre interessant zu sehen, ob dort ein ethischer Wandel dem Allgemeingesellschaftlichen folgt und wenn ja, in welchem Abstand.

    Comment by Holger Huckfeldt — 17. Januar 2012 @ 15:47 Uhr

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