Simons Systemische Kehrwoche

Zwerge sprengen

Fritz B. Simon

Bei den Filmtagen Solothurn gibt es gerade einen künstlerischen Prioritätenstreit. Die Frage ist, wer zuerst die Idee hatte, Gartenzwerge zu sprengen: ein Künstler, der dies im Rahmen von Performances tut, oder ein Filmemacher, der dies zum Thema eines seiner Werke gemacht hat.

Dass es immer wieder zu feindseligen Akten und groben Misshandlungen von Gartenzwergen kommt, hat Tradition. Ich erinnere mich, dass es während meines Studiums in Göttingen zu Ausschreitungen gegen die Zwergen-Community kam.

Es war wahrscheinlich nicht zufällig, dass es gerade in einem der Jahre, als Kiesinger Bundeskanzler war, geschah (1968) - obwohl ich nicht wirklich weiss, wie da der Zusammenhang ist. Damals wurde in von den Bewohnern einer WG („Kommune GaZwe“) die „Aktion sauberer Vorgarten“ gestartet. Ziel war es, Göttinger Vorgärten zwergenfrei zu machen. Dazu wurden in Nacht- und Nebel- und Alkoholaktionen die Zwerge aus Vorgärten geholt und in die genannte WG gebracht. Um eventuelle Spuren zu beseitigen und die Identifikation der Zwerge zu erschweren (Fingerabdrücke und andere Zwergenkenndaten wurden damals noch nicht gespeichert – man kam auch noch unkontrolliert als Zwerg in Flugzeuge), wurden die Beutestücke mit Tarnanstrichen versehen (sie wurden z.B. in afrikanische, d.h. dunkelhäutige, Zwerge verwandelt, so wie das neulich wieder erfolgreich mit Günther Wallraf gemacht worden ist – ganz das Design von damals; allerdings hat Wallraff die rote Zipfelmütze nicht aufbehalten).

Die Polizei, die sich mit der Angelegenheit vorübergehend beschäftigte, wurde nach kurzer Zeit durch randalierende Studenten von der Fahndung nach den Tätern abgelenkt. Wenn ich recht informiert bin, so sind heute einige der engagiertesten Zwergenverfolger von damals selbst verzwergt. So ändern sich die Zeiten.

Mal sehen, was langfristig aus den Zwergensprengern wird. Der Prioritätenstreit spricht ja für eine spezifische déformation professionelle: Man setzt sich nicht ungestraft länger mit einem Gegenstand oder Thema auseinander, ohne dass das abfärbt. Infektion? Identifikation mit dem jeweiligen Gegenüber? Wanderung der Moleküle vom Zwerg zum Zwergensprenger?

1 Kommentar »

  1. Solange er sich nicht als Fritz Simon verkleidet und mit Ihrer ständigen Begleiterin ins Kino geht, ist das doch sehr ordentlich was Herr Wallraff da macht, finden Sie nicht?

    Kommentar von Max Liebscht — 28. Januar, 2010 @ 07:18 Uhr

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