Simons Systemische Kehrwoche

1. Die Herrschaft der toten Arbeit

Sylvia Taraba

(Untenstehende These ist Teil der 1:1 Abschrift der 18 Thesen des MANIFEST GEGEN ARBEIT der Gruppe krisis ()

Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft – der Leichnam der Arbeit. Alle Mächte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit!

Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorübergehende Krise, sie stößt an ihre absolute Schranke. Die Reichtumsproduktion hat sich im Gefolge der mikroelektronischen Revolution immer weiter von der Anwendung menschlicher Arbeitskraft entkoppelt – in einem Ausmaß, das bis vor wenigen Jahren nur in der Science-fiction vorstellbar war. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass dieser Prozess noch einmal zum Stehen kommt oder gar umgekehrt werden kann. Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20 Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen. Wer aber in dieser Gesellschaft seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, gilt als „überflüssig“ und wird auf der sozialen Müllhalde entsorgt.

Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen! Dieser zynische Grundsatz gilt noch immer – und heute mehr denn je, gerade weil er hoffnungslos obsolet wird. Es ist absurd: die Gesellschaft war niemals so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit überflüssig gemacht wird. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitäre Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Bis in die Poren des Alltags und bis in die Psyche hinein bestimmt sie das Denken und Handeln. Es wird kein Aufwand gescheut, um das Lebe des Arbeitsgötzen künstlich zu verlängern. Der paranoide Schrei nach „Beschäftigung“ rechtfertigt es, die längst erkannte Zerstörung der Naturgrundlagen sogar noch zu forcieren. Die letzten Hindernisse für die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen dürfen kritiklos hinweggeräumt werden, wenn ein paar elende „Arbeitsplätze“ in Aussicht stehen. Und der Satz, es sei besser „irgendeine“ Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden.

Je unübersehbarer es wird, dass die Arbeitsgesellschaft an ihrem definitiven Ende angelangt ist, desto gewaltsamer wird dieses Ende aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. So unterschiedlich die Methoden der Verdrängung auch sein möge, sie haben einen gemeinsamen Nenner: die weltweite Tatsache, dass sich die Arbeit als irrationaler Selbstzweck erweist, der sich selbst obsolet gemacht hat, wird mit der Sturheit eines Wahnsystems in das persönliche oder kollektive Versagen von Individuen, Unternehmen oder „Standorten“ umdefiniert. Die objektive Schranke der Arbeit soll als subjektives Problem der Herausgefallenen erscheinen.

Gilt den einen die Arbeitslosigkeit als Produkt überzogener Ansprüche, fehlender Leistungsbereitschaft und Flexibilität, so werfen die anderen „ihren“ Managern und Politikern Unfähigkeit, Korruption, Gewinnsucht oder Standortverrat vor. Und schließlich sind sich alle mit Ex-Bundepräsident Roman Herzog einig: es müsse ein so genannter „Ruck“ durch das Land gehen, ganz so als handelte es sich um das Motivationsproblem einer Fußballmannschaft oder einer politischen Sekte. Alle sollen sich „irgendwie“ gewaltig am Riemen reißen, auch wenn der Riemen längst abhanden gekommen ist, und alle sollen „irgendwie“ kräftig anpacken, auch wenn es gar nichts mehr (oder nur noch Unsinniges) zum Anpacken gibt. Der Subtext dieser unfrohen Botschaft ist unmissverständlich: Wer trotzdem nicht die Gnade des Arbeitsgötzen findet, ist selbst schuld und kann mit gutem Gewissen abgeschoben werden.

Dasselbe Gesetz des Menschenopfers gilt im Weltmaßstab. Ein Land nach dem anderen wird unter den Rädern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt und beweist damit immer nur das eine: Es hat sich den sogenannten Marktgesetzen vergangen. Wer sich nicht bedingungslos und ohne Rücksicht auf Verluste dem blinden Lauf der totalen Konkurrenz „anpasst“, den bestraft die Logik der Rentabilität. Die Hoffnungsträger von heute sind der Wirtschaftsschrott von morgen. Die herrschenden ökonomischen Psychotiker lassen sich dadurch in ihrer bizarren Welterklärung nicht im Geringsten erschüttern. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind bereits mehr oder weniger zum sozialen Abfall erklärt worden. Ein „Standort“ nach dem anderen stürzt ab. Nach den desaströsen „Entwicklungsländern“ des Südens und nach der staatskapitalistischen Abteilung der Weltarbeitsgesellschaft im Osten sind die marktwirtschaftlichen Musterschüler Südostasiens ebenso im Orkus des Zusammenbruchs verschwunden. Auch in Europa breitet sich längst soziale Panik aus. Die Ritter von der traurigen Gestalt in Politik und Management aber setzen ihren Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen nur umso verbissener fort.

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1 Kommentar

  1. Mir scheint die Unterscheidung zwichen „Beschäftigung“ bzw. “Arbeit” auf der einen und “Erwerbsarbeit auf der anderen Site wichtig.

    Wichtig, um nicht nur die dargestellte Situationsbeschreibung zu verstehen und als “Tatsache” anzunehmen, sondern um Lösungswege zu entwickeln.

    Nämlich genau in der Fixierung auf die Erwerbsarbeit, liegt, zumindest in den westlichen Post-Industieländern das Problem, das ja auch in dieser ersten These beschrieben wird:

    Lebenssinn, Glück, Erfüllung, identifkation mit siener Arbeitsaufgabe, gesellschaftliche Teilnahme und damit Aufbau bzw. gefährliche bzw. einseitige Ableitung von Selbstbewusstsein und -vertrauen, wird von allen Protagonistten der Post-Arbeitsgesellschaft, wie selbstvertändich bedingungslos mit dem Fortbestand der “Erwerbssrbeit verknüpft” – das ist ein konstruiertes “Wahnsystem”, wie es ganz passend genannte wurde.

    Der Syytemschrott, als Resultat dieser irrigen Implikatiponen, sitzt bei mir dann wöchentlich in der Mobbing-Beratung, wenn mit DEM “Job” auch plötzlich der Lebenssinn komplett abhanden gekommen ist.

    Das der “Arbeitsgesellschaft die Arneit aus geht” (siehe gleichnahmige Veröffentlichung” und dass der Zustand wie wir ihn heute haben, nur logisch zu erwarten war/ist, war Oswald-von-Nell-Breuning (siehe z.B. Wikipediea) schon vor einigen Jahrzehnten klar.

    Es war “eingentlich” immer das Ziel, und das entspricht auch anthropologisch einer Grundprämisse der menschlichen Spezies, sich die Arbeit immer mehr zu erleichtern, um Zeit für wesenlicher “Dinge” zu haben = Rationalisierungsspirale.

    Und genu an dieser Stelle/Nahtstele stehen wir jetzt, dass die Mesnchen mit dem “Wesentlichen”, wozu sie jetzt Zeit hätten, nichts mehr anzufangen wissen, und wie im “Wahn” an dieser “Erwerbsarbeit” festhalten, deren Grundlage bereits vor ca. 25 Jahren in Mitteleuropa beseitgt worden ist – zeitgleich bzw. als Anzeige mit dem Beginn der Sockel- bzw. Massenarbeitslosigkeit.

    Ein möglicher Weg aus dem Jammertal bestünde u.a. darin, einen “erweiterten” Begriff von Arbeit einzuführen und mit Leben zu füllen.

    Arbeit ist auch “Familen-, Pflege-, Kultur, Ehrenamt, Nachbarschaftsarbeit etc., die durchaus Erfüllen kann und mit der sich Menschen Identifizieren können, auch ohne das “Maß aller Dinge der Erwerbsarbeit”
    Die steigende Zahl von Eigenarbeit- bzw. Tauschringen” sind konkrte Beispiele hierzu.

    Nur, um solche Perspektiven anzuregen und in die Tat umzusetzten, müsste über eine entkoppelte sozioökomische “Versorgung” der Bevölkerung von der Erwerbsarbeit nachgedacht werden, in “Volksbldung” investiert, was letztlich durch “Verteilung” von Macht und Einkommen realisiert werden “könnte.”

    Damit wären wir jeoch schon wieder am Ende der Zukunftsaussichten dieser Idee, weil die “neoliberale Seuche” bereits allen fruchtbaren Grund zur Entwicklung weiterführender Perspektiven vergiftet zu haben “scheint.” – wo mit wir bei der zweiten These angelangt wären!

    Vielleicht gibt es noch andere Wege – die Hoffnung ist jedanfalls nicht aufzugeben!

    kollegiale Grüße
    Thomas Kirchen
    http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de

    Kommentar by Thomas Kirchen — 1. Februar, 2008 @ 10:03 Uhr

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