In Erwartung
Sylvia Taraba
Lieber Herr Simon, liebe kehrende Gemeinde
Damit es nicht nur beim Small Talk bleibt (bzw. bei zustimmungsgrumelnden, scherzkecksartigen Stammtischgesprächen) will ich in den nächsten Tagen und Wochen (abschreibendes und dabei für mich nachdenkendes) Sprachrohr der Gruppe KRISIS (www.krisis.org) sein und 18 Thesen aus deren “Manifest gegen Arbeit” (entstanden in der Tradition von Paul Lafargue (Das Recht auf Faulheit)) der werten Kehrwochenstammtischrunde zur Diskussion übermitteln. Das könnte erlauben hier (vielleicht) auch mal andere Aspekte, als die des vorauseilenden Globalismus und dessen Selbstaffirmation im affirmativen Gespräch, zu denken.
Mich persönlich interessiert dabei, ob das System des Systems nur passiv, also durch das Sprechen darüber, nämlich was der Fall ist, beobachtet werden kann, oder ob alt-neue, jedenfalls ungewöhnliche Beobachtungen im System hier auch aktive, praktische, das heißt steuernde Auswirkungen haben können. Zeigen würde sich das daran, wenn die Gedanken dieses Manifestes hier unter systemischen Gesichtspunkten ernsthaft als machbar oder nicht-machbar oder halb-machbar diskutiert würden und der neue Gedanke unter den 3000 kritischen Hereinguckern verbreitet und weiter diskutiert würde, im Sinne des von Foersterschen Diktums, stets neue (Denk) Möglichkeiten zu schaffen.
Ich bin neugierig welche Ideen im Anschluss daran entstehen! Ich zum Beispiel bin der persönlichen Überzeugung, dass immer alles perfekt ist, so wie es jetzt ist. Zu dieser Einsicht kam ich, als ich das Ausmaß von Macht erkannte, das jedem Individuum zusteht. Scheinbar gar keine, aber in Wirklichkeit alle Macht. Zur Veränderung tragen wir automatisch in jedem Augenblick bei, indem wir uns in dieser oder jener Frage selbst ändern. Wer sich über Nokia oder die Bahn nur alteriert, gibt dem kritisierten System massiv Energie. Wer die selbstgemachten Zustände dafür nützt, um sich stammtischmäßig das Mütchen zu kühlen, ist ein Zyniker.
Wer frischfröhlich Ideen entwickelt und mit anderen zwecks Überprüfung austauscht, wie die (zunächst) eigene Lebensweise, individuelle Umgebung, gemeinsame Region (Stadt, Land, Kontinent, Welt liegen schon auf der Ebenen des Gebetes) lebenswert gestaltet werden könnte, „besser“ funktionieren könnte, der wendet seine Energie produktiv einem (gemeinsam) machbaren Modell zu. Es ist ja nicht so, dass man damit gleich fertig ist und einem gleich wieder fad ist. Manche Entwicklungen dauern sogar mehrere Generationen….
Der mittlerweile, so scheint es, allgemein akzeptierte Globalismus zeigt, wie Denken funktioniert, und zeigt, dass wir uns bewusst und gezielt ändern werden müssen, so oder so, gewaltsam oder freiwillig, früher oder später.
Warum nicht statt des vorauseilenden Gehorsams und der im stets nacheilenden Gewalt, wirklich fundierte, utopische= realistische und nachhaltige Ideen für eine Gestaltung des Systems Gesellschaft/Umwelt? Warum nicht nachhaltig die Umgebung von Gesellschaft gestalten, beziehungsweise sie zuerst in Gedanken erschaffen und darüber aufmerksam und vielfältig sprechen? Warum ständig nur, wie der paralysierte Hase die Schlange, beobachten, was auf der Ebene der Gesellschaft der Fall ist? Oder realistisch wie ein Ofenhaken, angeblich realistische Kommentare dazu abgeben, statt Ideen zu entwickeln, die in der Umwelt von Gesellschaft zur Realität werden können? Die Gestaltung unserer Lebensweise und unseres Lebensraumes ist das einzige, was wir gewaltfrei im Dialog tun können. Daraus ergibt sich tatsächlich Veränderung in der Umgebung von Gesellschaft, die dem (uns) Menschen bekömmlich ist, wenn er sie denn erwartet. Aufmerksamkeit, Fokussierung und Erwartung regen nicht nur die Gehirnvorgänge an, sondern gleichzeitig die Umwelt der Umwelt der Individuen, nämlich die Gesellschaft. Ich muss es nur erwarten können. Herzliche Grüße Sylvia Taraba
7 Kommentare
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Mehr als Stammtischgepräche
Das es ein “Recht auf Faulheit” bzw. ein Recht darauf, “keiner Arbeit bzw. Erwerbsarbeit” nachgehen zu müssen geben muss, wenn ein “Recht auf Arbeit gefordert wird, ist mir und vielen anderen schon lange klar.
Modelle das Umzusetzten gibt es auch genug:
…nur, und da möchte ich Ihnen wiedersprechen, die “Macht” ist hier bzgl. des “Dialoges” den Sie fordern und ich sehr begrüßen würde so ungleichverteilt, das der Dialog eben nicht fruchtbar zustande kommen kann (siehe Nokia-Leitung: einseitige Entscheidung und Basta – erst mal!)
Ich kann stets “so handeln, dass sich meine Möglichkeiten erhöhen”, bis ich völlig bekloppt bin, wenn mich die potentiellen und maßgeblichen Dialopartner am “ausgestrekten Arm verhungern” lassen (Don Gischott-Syndrom!).
Um hier “wirklich” etwas Epochales verändern zu wollen, müssten den Systemcodierungen der relevanten Entscheidungssysteme “Wirtschaft” und “Politik”, neben ihren Codierungen “Geld” und “Macht”, die des “Wissens”, der “Gerechtigkeit” und die der “Solidarität”, hinzugefügt werden.
Letzteres, ein kleiner Hoffnungsschimmer, zeigt sich ja derzeit bzgl. der neuesten Entwicklungen in der Nokia-Affektäre – auch dergestalt, das hier die Nokiacheffes ihre starre Haltung, zumindest aus Deppensicht, etwas aufweichen mussten.
Auch andere konkrete Ideen sind in diesen schlimmen Wochen über diesen blog entwicklet worden, die Sie ja wohl kennen werden, als aufmerksame Leserin.
Alles in Allem also weit mehr als “Stammtischgespräche” und wenn schon!! – mir is es ziemlich egal von wo aus die Welt verändert wird, Hauptache es passiert – über Niveau lässt sich freilich nicht streiten, das ist hier vorhanden!
In Erwartung Ihrer Erwartungen;
kollegiale Grüße
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 30. Januar, 2008 @ 14:47 Uhr
Liebe Frau Taraba,
so erfreulich es ist, Ihren flammenden Beitrag hier zu lesen, so erschreckend die Vorstellung, Sie beim Abschreiben dieses 30-seitigen Konvoluts zu wissen. Ich schlage Ihnen vor, einfach den richtigen Link einzufügen, mit dem man auf das Papier gelangt. Dann kann es jede/r, der das möchte, an Ort und Stelle lesen, was ich gerade getan habe, sich seine Gedanken machen und diese wiederum hier auf den Rest der Menschheit loslassen. Immerhin geht es ja um eine Fundamentalkritik der Arbeit, und da wollen Sie sich einer solch intensiven Maloche unterziehen? Ist das nicht ein wenig paradox? Aber bitte: Sie sollen sich ja nicht weiter unnötig ärgern müssen über den seichten Gesprächsstoff, der sich hier ausbreitet. Von wegen Leibspeisen in taiwanesischen Kloschüsseln, um auf Herrn Simons Beitrag von heute hinzuweisen.
Nichts für ungut und beste Grüße,
Horst Kasper
Kommentar by Horst Kasper — 30. Januar, 2008 @ 17:03 Uhr
Lieber Herr Kirchen,
im Prinzip habe ich gar nichts gegen Stammtischgespräche, im Gegenteil ich finde sie sogar interessant, vor allem, wenn sich nicht alle einig sind und Positionen auch argumentiert werden, möglichst so, das Teilnehmerinnen und Leser was davon haben. Was mich stört sind die üblichen Wehklagen, das überhebliche Eh-schon-Wissen und in beschränkenden Schablonen denken. Dass es diverse Modelle gibt, davon bin ich überzeugt. Hin und wieder sollten sie diskutiert werden, um einer neuen Sicht und des eigenen Handelns willen. Mich zum Beispie interessiert, was andere über die dort aufgeworfenen Fragen denken und was ich darüber denken werde. Das ist ja nicht alles gleich abgemacht, ausgemacht, abgehakt und fertig, nur weil es dieses und jenes Modell gibt. Mit herzlichen Grüßen Sylvia taraba
Lieber Herr Kasper,
Ihre Sorge um mich ist überaus liebenswürdig. Ich werde mir die Portionen so einteilen, dass es sich machen lässt. Ich habe mir als welthaltige Zwschentätigkeit abschreibendes Nachdenken verordnet. Mit der Paradoxie müssen wir ja leben. Zumindest lebe ich damit, auch mit meiner eigenen. Wie man hier den richtigen Link (www.krisis.org) einfügt weiß ich nicht. Es schnell mal so durchzulesen ist mir zu wenig. Jeden Tag oder Jede Woche eine These: man hat sie vor sich und wenn man Lust hat schreibt man einen Kommentar dazu. Wenn nicht, nicht. Alles ist gut. Herzliche Grüsse Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 30. Januar, 2008 @ 20:55 Uhr
Liebe Frau Taraba,
willkommen zurück! Angesichts Ihrer Ankündigung, hier das “Manifest gegen Arbeit” zu publizieren, habe ich natürlich sofort die Arbeit in der Kehrwoche eingestellt (was mir im Moment wirklich etwas Erleichterung verschafft). Bleiben Sie am Ball (und wenn Ihnen die Luft ausgeht, dann springe ich wieder ein).
Bin sehr gespannt,
liebe Grüsse, FBS
Kommentar by Fritz B. Simon — 31. Januar, 2008 @ 09:22 Uhr
denken ist schön und gut – “wichtig ist was hinten raus kommt” – sagte Altkanzler Kohl einaml treffend – auch wenn ich sonst nich viel von ihm gehalten hab!
stelle heut auch ab jetzt die Arbeit und geh Karnevall feiern!
viele Grüße aus dem närrischen Rheinland und allaaf
Thomas Kirchen
http://www.arbeitswelt-lebenszeit.de
Kommentar by Thomas Kirchen — 31. Januar, 2008 @ 10:13 Uhr
Lieber Herr Simon,
dass Sie gleich die ganze Arbeit einstellen, kann bedeuten, dass es Tage geben könnte, wo’s nix zu kehren gibt. Ich werde es versuchen, am Ball zu bleiben, vielleicht nicht täglich, und Luftknappheit rechtzeitig anzukündigen. Ich bin auch wirklich sehr gespannt, durchaus auch auf die geschätzten Kommentare aus Ihrer Sicht. Die erfolgte ERleichterung könnte diese eventuell erleichtern, jedenfalls nicht erschweren. Gleich gehts los, bzw. gerade gings los. Mit herzlichen Grüßen Sylvia Taraba
Kommentar by Sylvia Taraba — 31. Januar, 2008 @ 16:45 Uhr
Schön!
LG
Kommentar by Max Liebscht — 31. Januar, 2008 @ 21:28 Uhr