Abduktion – Retroduktion

Die aus konstruktivistischer Sicht spannendste Form, wie wir zu unseren Wirklichkeitskonstruktionen kommen, ist die Hypothesenbildung bzw. das Konstruieren von Hypothesen.

Aristoteles hat diese Schlußform als Abduktion bezeichnet, Charles S. Peirce nennt sie – wahrscheinlich passender – Retroduktion (in Abgrenzung zu Deduktion und Induktion).

Sie folgt folgendem Muster:

„Wenn μ wahr wäre, würden π, π’, π’’ als diverse (miscellaneous) Konsequenzen folgen.

Aber π, π’, π’’ sind tatsächlich wahr;

∴ Wir können vorläufig annehmen, dass μ wahr ist.“

Unsere vermeintlichen „Wahrheiten“, so muss man wohl feststellen, sinde allesamt hypothetisch. Das Schöne an dieser Schlussform ist, dass statt der Hypothese μ eben auch eine andere Hypothese konstruiert werden könnte, die π, π’, π’’ als Konsequenzen hat.

Noch einmal Peirce:

„Die zweite Figur des Schließens ist die Retroduktion. Hier gibt es nicht nur keine zur Konklusion gehörige eindeutige Wahrscheinlichkeit, sondern eine solche ist nicht einmal mit dem Schlussmodus verknüpft. Wir können nur sagen, dass die Ökonomie der Forschung auferlegt, in einem bestimmten Stadium der Untersuchung eine gegebene Hypothese zu versuchen, an der wir, solange die Fakten es zulassen, vorläufig festhalten müssen. Bei ihr gibt es keine Wahrscheinlichkeit. Sie ist eine bloße Annahme, von der wir versuchsweise ausgehen.

[…]

Was ist Wirklichkeit? Vielleicht gibt es so etwas überhaupt nicht. Ich habe wiederholt darauf bestanden, dass sie nur eine Retroduktion ist, eine Arbeitshypothese, die wir erproben, unsere einzige verzweifelte verlorene Hoffnung, irgendetwas zu wissen.““

13 Gedanken zu “Abduktion – Retroduktion

  1. Dazu eines meiner Lieblingsbeispiele zu Wirklichkeitskonstruktionen in der empirischen (Medizin-)Forschung („Evidence Based Medicine“…schlimmer Begriff): An großen Stichproben hat man festgestellt, dass die Einnahme einer bestimmte Sorte Cholesterinsenker (Statine) die Überlebensdauer von Menschen nach Herzinfarkt („Sekundärprophylaxe nach KHK“) statistisch erhöht. Man glaubt, den biochemischen Funktionsmodus dieser Medikamente zu kennen: Sie hemmen offenbar die Aktivität eines bestimmten Enzyms, das an der Cholesterinbildung beteiligt ist. Diese Funktion hat man für die Verlängerung der Überlebenszeit verantwortlich gemacht. Leider wurde in einer späteren Studie gezeigt, dass die Überlebenszeit statistisch nicht mit dem Ausmaß der Cholesterinsenkung zusammenhängt. Operativ funktioniert es aber halt, so dass man das Medikament weiter empfiehlt. Solange man nicht den Beipackzettel ißt…

  2. Diese Wahrheitskonstruktion lässt sich auch in der aktuellen Krise gut beobachten, die als multiples „n“ unbestritten ist, deren verschiedene „μ“ aber mittlerweile Legion sind. In Vorwahlzeiten sind diese Konstruktionen dann wunderbar in jeder Richtung auszunutzen!

  3. Da würde ich gern, im Hinblick auf die Konsequenzen der Gesetze der Form ergänzen: Realitätskonstruktion ist das, was wir die ganze Zeit TUN.

    Ich denke wir müssen etymologisch, konstruktivistisch und philosophisch zwischen Wirklichkeit und Realität unterscheiden. Wirklichkeit ist das Imaginäre, das wirkt. Das heißt, was wirksam Unterscheidungen trifft. Realität ist das Reelle, das“real“ zum „Faktum“ wird, werden kann und somit „wahr“ gemacht wird, wurde, werden kan.“ Wahrheit“ bleibt subjektiv, wenn sie nicht auf der Übereinkunft beruht, „Faktum“ zu sein.

    Wirklichkeit „gibt“ es, sie ist zum Beispiel logisch darstellbar durch die Unterscheidung der Pierceschen Triade von First/Second/Third, beziehungsweise von Repräsentamen/ Object, Interpretant.
    Realität gibt es, wenn man den Gesetzen der Form folgt nicht. Sie ist, in meiner Sicht, die instantane Hypothese auf der

  4. oh die Eile…
    nochmals Realität „gibt“ es, wenn man den Gesetzen der Form folgt, nicht.
    Realität ist aus dieser meiner Sicht die instantane Hypothese von Repräsentamen, Objekt, Interpretant oder anders gesagt Unterscheidung, Markierung und Beobachter

  5. Ich finde, Peirce muss unheimliche Kopfstände machen, weil er ontologische Prämissen verfolgt (manchmal scheint er zu zweifeln). Aber eigentlich ist er an der Logik der Welt, unabhängig vom Beobachter, interessiert. Und an die kommt er eben prinzipiell nicht ran…

    Mir scheint GSB die Angelegenheit sehr vereinfacht zu haben – Gotseidank habe ich mich mit ihm lange vor Peirce beschäftigt, sonst hätte ich wahrscheinlich gar kein Zugang zu epistemologischen Fragestellungen gefunden.

    Beobachter, Unterscheidung, Markierung… that’s it…

  6. Hans Vaihinger beschreibt in seiner „Philosophie des Als Ob“, die etwa zur gleichen Zeit entstand wie die ersten Gedanken von Pierce, ein Gesetz der Ideenverschiebung. Von der Fiktion über die Hypothese zum Dogma und vice versa.
    Er leitet das deduktiv aus dem labilen und stabilen psychologischen Gleichgewicht ab.

    Soweit ich verstehe, erkennt er eine „Gleichwertigkeit“ aller drei Definitionen, spricht sich jedoch gegen einen erkenntnistheoretischen Ulitarianismus aus.

    Es geht also um die Überprüfung der Dogmen auf Brauchbarkeit.

    Ich stelle mir allerdings die Frage, wieviel Ambiguitätstoleranz
    kann eine Gesellschaft (ein Mensch) aushalten?

    Und, da sind sie wieder, die Herrscher des Wörterbuches.
    (Verzeihung, Frau Taraba)

  7. Unsere vermeintlichen “Wahrheiten”, so muss man wohl feststellen, sinde allesamt hypothetisch. Das Schöne an dieser Schlussform ist, dass statt der Hypothese μ eben auch eine andere Hypothese konstruiert werden könnte, die π, π’, π’’ als Konsequenzen hat.

    Beobachter, Unterscheidung, Markierung… that’s it…

    So dass eine Hypothese nichts anderes ist als der (vom Beobachter strukturdeterminiert) markierte Raum im Phänomenbereich „denkbare Erklärungen für π, π’, π’’“ ???

  8. Die Ebene der Ontologik zu verlassen ist ja die schwierigste Übung. Mit Spencer Brown im Rücken hätte Peirce sich auch besser verstanden. Hegel vermutlich auch. Repräsentamen (unwritten cross) Object (Unterscheidung) Interpretant (Beobachter) sind identisch. Das Schwierigste am Begreifen und Verstehen (und zugleich das einfachste) ist jedes Mal von neuem zwischen den Ebenen zu switchen und den naiven Realismus zu verlassen, beziehungsweise sie im Verwechseln niemals zu verwechseln. Ambiguitätstoleranz gegenüber der Beobachtung 1.,2. und 3. Ordnung und gegenüber dem Verwechseln ist verlangt. So tun „Als ob“ – was ja konstruktiv auf „Realität“ und „Fakten“ hinausläuft, – ist dann eine ganz bewusste Eigenleistung der Eigenwerte, also der Beobachter. Das große Mysterium liegt dann im je Blinden Fleck der Beobachter und in der phantastisch komplexen gemeinsamen Schöpfungspotenz..

  9. Ich weiß nicht recht wer Die „Herrscher des Wörterbuchs“ sind – wenn ich nachdenke: sie wären für mich diejenigen, die nicht zwischen Wirklichkeit (das Imaginäre) und Realität (das Reelle) und den daraus hervorgehenden Fakten unterscheiden.Die um jeden Preis auf Ontologie bestehen und die Welt nach Belieben nach ihrem Geschmack möblieren bzw. manipulieren, bzw interpretieren…. die Welt ist jedoch keinesfalls beliebig. Man kann konsistent sagen, sie folgt den Gesetzen der Form: und das heißt, aus der ersten Unterscheidung folgt instantan alles, was ist. Die Ebene der Ontologik (Beobachtung 1. Ordnung) zu verlassen ist die schwierigste Übung.

  10. Frau Taraba,

    ihre Kommentare finde empfinde ich immer als sehr fruchtbar und bereichernd…

    „die Welt ist jedoch keinesfalls beliebig. Man kann konsistent sagen, sie folgt den Gesetzen der Form: und das heißt, aus der ersten Unterscheidung folgt instantan alles, was ist.

  11. Anscheinend habe ich zu dicke Finger…

    Frau Taraba ich wollte Sie zitieren mit ihrem Satz über die Welt aus ihrem Kommentar No. 9.

    Dazu wollte ich sie nur fragen, ob sie mit dem Satz meinen, dass die Welt den Gesetzen der Form folgt? Ich dachte so was können nur die Beobachter…

    Herzliche Grüße

    Rainer Isermann

  12. Herr Isermann, mit GSB könnte man sagen, „Welt“ teilt sich in zwei Zustände, um sich selbst zu sehen. Wenn ich „Welt“ sage, rede ich vom „Gesamtpacket“: Beobachter und ihre Unterscheidungen. Ein Fels ist nichts ohne seine Beobachter; ein Beobachter ist nichts ohne seine(n) Beobachter. Der Fels mit seinen Eigenschaften macht mich weich, zart, zerbrechlich und ohnmächtig, ich ihn hart, widerständig, gefährlich und mächtig.

  13. …aber beides benötigt Beobachter um zu ex-sistieren, also evident zu sein. Das klingt für die meisten zu einfach und unwissenschaftlich, um „wahr“ zu sein. Ich empfinde es als so wunderbar einfach und so unglaublich komplex zugleich, dass es nur wahr sein kann, weil es in jedem Augenblick wahrnehmbar ist, was wir tun, um eine Welt zu konstruieren. Eine objektive und eine subjektive zugleich.

    Herzliche Grüße
    Sylvia Taraba

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