Heynckes, oder die Sehnsucht nach alten Problemlösungen

Bayern München, so hört man, engagiert erneut Jupp Heynckes als Trainer, nachdem Ancelotti entlassen wurde.

Mir scheint, damit sind die Münchner mal wieder am Puls der Zeit. Denn der Rückgriff auf alte (d.h. gestrige), vermeintlich bewährte Lösungen, um die Probleme von heute zu lösen, erfreut sich ja großer Beliebtheit.

Die Briten sind zu dem Schluss gekommen, dass es ihnen zu Zeiten des Empire besser ging, und haben deshalb den Brexit beschlossen (allerdings bezweifeln Experten, dass dadurch das Empire wieder von den Toten erweckt werden kann – zumal die alten Kolonien wie etwa Indien, Burma usw. weit weniger gute Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ haben dürften).

Auch in Deutschland ist das Heynckes-Modell, so will ich diese Form von Lösungsidee mal nennen, in gewissen Kreisen sehr populär. So meinen viele Leute, man könne die mit der Globalisierung verbundenen Probleme – vom Export von Arbeitsplätzen bis hin zur Migration – mit dem Rückgriff auf alte, nationalstaatliche Lösungen bewältigen: Grenzen zu, Portemonnaie zu, Fremde raus, Mammi, Pappi und das Kind allein zu Haus…

Albern.

Schaun wir mal, wie die Bayern das hinbekommen. Aber wahrscheinlich stellt Heynckes immer noch die intelligentere Lösung dar als die nostalgische Sehnsucht nach alter nationaler Abgeschottetheit (die es ja früher auch eigentlich nicht gab…).

35 Gedanken zu “Heynckes, oder die Sehnsucht nach alten Problemlösungen

  1. Das ist nur ein Teil der Entscheidungsdynamik bgzl. Don Jupp. Das System Hoeneß-Rummenige greift auf bewährte L-Muster zurück auch aus Gründen der Risikovermeidung und dem Wissen um Heynckes‘ Kompetenzen im Umgang mit einer Mannschaft. Tuchel hat zuwenig Interesse gezeigt, warum er zu Bayern will, sondern in der Telefonkonferenz seine Spielidee zu sehr in den Mittelpunkt gerückt, das mag Hoeneß nicht. Das Risiko Nagelsmann ist derzeit möglicherweise noch zu hoch, außerdem hätte er in der Saison keine Freigabe bekommen von Hoffenheim. Und Louis Enrique wäre schon wieder ein Spanier bzw. ausländischer Trainer gewesen.
    Und dass Senioren einiges draufhaben und keineswegs „alte“ Lösungen repräsentieren, beweist ja schon dieser Blog.

  2. Heynckes (72) hat vier Jahre lang nicht als Trainer gearbeitet. Er dürfte jedoch die Autorität haben, die alternden Stars der Bayern-Mannschaft zu letzten Höchstleistungen zu motivieren, bevor im Sommer 2018 der junge Nagelsmann (30) ein verjüngtes Team aus teuren Edelkickern zu internationalen Titeln führen darf.
    Die Zwischenlösung mit Jupp Heynckes haben sich die Bayern-Bosse selbst eingebrockt. Viel mehr als Carlo Ancelotti wird er wohl nicht bewirken können, da die Mannschaft spürt, dass sie mit PSG, Real und Barca nicht mithalten kann, so sehr sie sich auch anstrengt. Nachdem Philipp Lahm in den Ruhestand trat, sackte Thomas Müller noch tiefer in die Formkrise. Dieser ist das letzte „Bayern-Urgestein“ in einer Multikulti-Mannschaft internationaler Fußball-Söldner, die entweder gemütlich ihr Gnadenbrot verzehren wollen oder auf dem Sprungbrett zu noch ruhmreicheren Clubs stehen, wie es Toni Kroos erfolgreich vormachte. Was fehlt, ist ein „Maximo Leader“ im Mittelfeld, doch den kann Jupp Heynckes in dieser Saison wohl nicht mehr (und schon gar nicht aus Sebastian Rudy) hervorzaubern.

  3. Lässt sich verlorene Zeit aufholen, indem man die Uhr zurückdreht?

    Der Fußball-Innovator Thomas Tuchel wäre „eingefleischten“ Bayern-Fans jedoch nicht zumutbar gewesen – dafür währte die „Intim-Feindschaft“ zu lang.

  4. Zum Thema ein lesenswerter Artikel in der heutigen SZ (Seite 3). Leider kann ich ihn nicht per Link anbieten.

  5. Sooo gestrig scheint der Heynckes nicht zu sein, war wohl eher seiner Zeit voraus:
    „Mit welchen Problemen sich Heynckes in der damaligen Zeit herumzuschlagen hatte, ist heute kaum mehr zu begreifen. In den 80ern soll er gar mit Otto Rehhagel und Udo Lattek einer der wenigen Trainer gewesen sein, der verletzte Spieler nicht fitspritzen und spielen ließ. Passend dazu sah er die Rotation der Lauterer bei ihrem Titelgewinn 1991 ebenfalls als Vorteil und als ursächlich für den Meistertitel an.

    „Wenn die elf Stars permanent strapaziert werden, spielen sie ja nicht mehr top. Dann ist der Kopf leer und der Körper müde. Das ist für mich eine ganz logische Schlußfolgerung.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 27. März 1991

    Zusätzlich war er in seiner analytischen Betrachtung von Fußballern und Mannschaften ebenfalls Vorreiter – sogar heute noch. So führte er taktische Aspekte wie Fouls auch auf körperliche und geistige Müdigkeit zurück, unterschied den „Star“ vom „Führungsspieler“, der die Mannschaft befruchtet und nicht knechtet, und lobte 1990 wie schon Arrigo Sacchi die Kolumbianer für ihre Taktik, während alle Welt noch Deutschland zujubelte…“
    http://spielverlagerung.de/2017/10/05/trainerportraet-jupp-heynckes/

  6. Das Systemische und eigentlich Interessante an der vom Fritzpulator SO erzählten Geschichte wäre ja etwas anderes….

    Wer’s kapiert darf aus dem Blog aussteigen…..

  7. @ 7: Richtig: Jupp Heynckes wird heute mit seinen Erkenntnissen von gestern nicht weit mehr kommen. Beim Fußball wie auch hier im Blog geht es um das Verstehen und Motivieren aller Teilnehmer. Und das beherrscht FBS wie kein Zweiter!

  8. Es ist also, alles in allem, ein großes Freuen im Gange…

    Wenn das mal gut geht! Ein paar freundliche (A….)Tritte werden folgen müssen…

  9. @ 14: Ja, die alten Männer erkennt man an ihren Nasen – doch lassen wir das! Das biologische Alter spielt in dieser sich permanent verjüngenden Branche keine entscheidende Rolle, solange das mentale Alter noch auf der Höhe der Zeit ist. Falls es Jupp Heynckes gelingen sollte, aus der von Erfolgen übersättigten Bayern-Seniorenmannschaft eine stürmisch-drängende Fohlenelf zu formen, dann hat er eine Chance, gegen Dortmund, Hoffenheim und Leipzig zu bestehen – wenn auch noch lange keine Chance gegen PSG, Barca und Real. Dazu bedürfte es jüngerer und stärkerer Spieler. Doch das nationale Double könnte erneut drin sein – mehr aber auch nicht.

  10. Alte Problemlösungen: Oliver Kahn ins Tor, Franz Beckenbauer spielt Libero, Loddar Matthäus die alle rammelnde Rampensau und Mario Basler, der Schwerenöter, als lässigen Goalgetter! Unn wass iss aichendlich middem Fritz? Wär däs nett widderr emool sai Wedder?

  11. Auch Stefan Effenberg könnte zur Lösung beitragen: mit seiner Gabe zum wegweisenden Fingerzeig.

  12. Eine nostalgisch-emotionale Retro-Lösung wäre die Rückkehr des begnadigten Mittelfeld-Regisseurs Bastian Schweinschweiger von Chicago Fire aus der amerikanischen Major Soccer League – wenn auch nicht ganz billig bei seinem Jahresgehalt von 4,5 Millionen Dollar. Naja, immerhin wesentlich günstiger als Zlatan Ibrahimović, der voriges Jahr 11,44 Millionen Euro Gehalt bekam.

  13. Die 2017er-Neueinkäufe James Rodríguez (26), Sebastian Rudy (27), Niklas Süle (22) und Corentin Tolisso (23) stellen international eher Mittelmaß dar und können die 2017er-Abgänge Philipp Lahm und Xabi Alonso sowie die nachlassende Durchschlagskraft von Franck Ribéry (34) und Arjen Robben (33) nicht – vielleicht NOCH nicht – ausgleichen.
    Daher wäre es ratsam, die an andere Vereine ausgeliehenen Spieler Douglas Costa (27), Serge Gnabry (22), Renato Sanches (20) so schnell wie möglich in den Münchener Kader zurückzuholen.

  14. @ 23: Ich trinke weder Kaffee noch Cappuccino noch Latte macchiato noch Caffè Shakerato.

    Was meinen Sie übrigens mit „auch nix“, Herr Diplom-Psychologe?

  15. @ 22: Ich wollte nicht behaupten, dass die an andere Vereine ausgeliehenen Bayern-Spieler Douglas Costa (27), Serge Gnabry (22), Renato Sanches (20) besser Fußball spielen könnten als die (noch) nicht mit Messi, Neymar und Cristiano Ronaldo vergleichbaren James Rodríguez (26), Sebastian Rudy (27), Niklas Süle (22) und Corentin Tolisso (23), obwohl James bei der WM 2014 absolut exzellent spielte.
    Klar ist jedenfalls: Bayern München wird wieder deutscher Meister – sicherlich dank der quantenverschränkten Hypnotherapiekünste von Lothar E. aus Mannheim!

  16. @ 25: Na, dann bin ich beruhigt. Ich dachte schon, Sie meinen: Von Fußball verstehen Sie auch nichts, so wie Sie nichts von Psychologie, Soziologie und Systemtheorie verstehen.
    Die Bayern werden aber doch hoffentlich die Meisterschaftsentscheidung spannend bis zur letzten Nachspielminute machen? Sie als Hypnotherapeut brauchten doch bloß im richtigen Moment Ihren Fuß in die richtige Richtung zu bewegen – vor dem Sky-Bildschirm!

  17. Sie meinten wohl folgende Fußballweisheiten, die mir durchaus bekannt sind:

    Douglas Costa (27), der 21-fache brasilianische Nationalspieler wurde für ein Jahr an Juventus Turin verliehen. Zum 1. Juli 2018 greift eine finale Kaufoption für den italienischen Rekordmeister, die jedoch nicht zum Verkauf führen muss.

    Serge Gnabry, der 22-jährige U21-Europameister, der letzte Saison bei Werder Bremen spielte und im Juni einen Dreijahresvertrag bei Bayern München unterschrieben hatte, wurde für ein Jahr, bis zum 30. Juni 2018, an den Europapokalteilnehmer SG 1899 Hoffenheim ausgeliehen.

    Renato Sanches (20), 2016 als Europameister und Supertalent für einen Grundbetrag von 35 Millionen Euro plus Boni von Benfica Lissabon geholt, wurde für ein Jahr, also bis zum 30. Juni 2018, an Swansea City ausgeliehen.

    Julian Nagelsmann, der mögliche Nachfolger von Jupp Heynckes, sollte entscheiden, ob er diese drei Spieler, mit denen weiterhin ablösefreie Verträge bestehen, für den FC Bayern München ab der und für die Saison 2018/2019 sichern möchte oder nicht.

  18. Bayern Münchens Mittelstürmer Robert Lewandowski ist in die kleine Gruppe der akademischen Fußballprofis vorgedrungen (der erste in der Bundesligamannschaft der FCB). Der 29-Jährige legte am Montag, dem 9.10.2017, seine Bachelor-Prüfung an der Sporthochschule Warschau ab. Die schriftliche Prüfungsarbeit trägt den Titel „RL9 – Der Weg zum Ruhm“. Laut F.A.Z. soll es „Bestnoten gegeben haben“.

    Wie selten ein solches Hochschul-Examen im Profi-Fußball ist, belegt die Tatsache, dass es in der Bundesliga 15 Jahre lang keinen Akademiker mehr gab. Im Jahr 2002 hatte Oliver Bierhoff neben seiner Profilaufbahn ein wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Fernuniversität in Hagen nach 26 Semestern erfolgreich als Diplom-Kaufmann abgeschlossen. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete: „Die Bestimmung des Platzierungspreises von Aktien im Vorfeld einer Börsenneueinführung – Eine vergleichende ökonomische Analyse am Beispiel des Börsenganges von Fußballvereinen“.

  19. Ich meinte Fußballweisheiten, z.B.
    „die Wahrheit is aufm Platz“
    „Burschn, geht’s naus und spuits Fuaßboi“
    „Des nägschde Spiel ist des schwerste“
    Sowas steht natürlich nicht im Handelsblatt oder im Kreuzberger Beobachter.

  20. @ 28: Beim FCB tummeln sich weitere Geistesgrößen:

    Ulrich „Hoeneß’ Abiturnote betrug 2,4. Ursprünglich wollte er zum Wintersemester 1971/72 Betriebswirtschaftslehre studieren. Um an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Studium für dieses Fach zugelassen zu werden, musste ein Bewerber damals einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0 vorweisen. Als nichtbayerischer Studienbewerber bekam Hoeneß jedoch einen Malus (Abzug von einer ganzen Note), sodass er dieses Fach mit einem Schnitt von nunmehr 3,4 dort nicht studieren konnte. So entschloss er sich zu einem Lehramtsstudium in Anglistik und Geschichte. Dieses brach er nach zwei Semestern ab.“ Quelle: Wikipedia

    Paul Breitner schloss 1970 „das Gymnasium mit dem Abitur ab und begann anschließend ein Studium (Pädagogik, Psychologie, Soziologie) an der Pädagogischen Hochschule in München-Pasing mit dem Berufsziel Sonderschullehrer. (…) Im März 1970 hatte DFB-Jugendtrainer Udo Lattek das Traineramt beim FC Bayern München übernommen und brachte seine ehemaligen Schützlinge Uli Hoeneß, Rainer Zobel und Paul Breitner in die Bundesliga. Der 18-jährige Breitner nahm das Angebot an, unterschrieb einen Profivertrag und brach daraufhin sein Studium an der Pädagogischen Hochschule ab. Er schaffte auf Anhieb den Sprung in den Bundesliga-Kader und debütierte am 15. August 1970 (1. Spieltag 1970/71) beim 1:1 gegen den VfB Stuttgart.“ Quelle: Wikipedia

  21. @ 29
    Der Ball ist rund. (Sepp Herberger)

    Das Spiel dauert 90 Minuten. (Sepp Herberger)

    Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. (Sepp Herberger)

    Ja gut. Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage. (Franz Beckenbauer)

    Die Schweden sind keine Holländer. Das hat man genau gesehen. (Franz Beckenbauer)

    Die Breite an der Spitze ist dichter geworden. (Berti Vogts)

    Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann. (Berti Vogts)

    Wenn ich über´s Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er. (Berti Vogts)

    Sex vor dem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts! (Berti Vogts)

    Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien. (Andreas Möller)

    Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber. (Andreas Möller)

    Der Jürgen Klinsmann und ich, wir sind ein gutes Trio. (etwas später dann) Ich meinte: ein Quartett. (Fritz Walter jun.)

    Die Sanitäter haben mir sofort eine Invasion gelegt. (Fritz Walter jun.)

    Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig. (Paul Breitner)

    Zwei Chancen, ein Tor – das nenne ich hundertprozentige Chancenauswertung. (Roland Wohlfahrt)

    Es war sehr schmerzvoll, aber ich habe kaum etwas gespürt. (Miroslav Klose)

  22. @ 28 und 30

    Auch Ex-Bayern-Profis haben Köpfchen!

    Oliver Kahn, der Titan, mittlerweile 48, hat immerhin drei Bücher geschrieben:
    Nummer eins. Droemer/Knaur, München 2004, ISBN 3-426-27346-2.
    Ich. Erfolg kommt von innen. Riva Premium Verlag, München 2008, ISBN 978-3-936994-99-5.
    Du packst es! Wie du schaffst, was du willst. Pendo, München, Zürich 2010, ISBN 978-3-86612-279-6.
    Oliver Kahn unterstützt drei soziale Projekte: die Münchener Straßenfußball-Liga „buntkicktgut“, die Justin-Rockola-Soforthilfe und die Sepp-Herberger-Stiftung. Außerdem hat er die Oliver-Kahn-Stiftung ins Leben gerufen, die seit Herbst 2011 mit der Roland-Berger-Stiftung an Schulen in neun Bundesländern zusammenarbeitet. Die Stiftung arbeitet mit dem selbstentwickelten Programm „Du packst es!“, das die Motivation von Schülern steigern soll. Die Stiftung trägt dazu bei, aus Oliver Kahn, dem Sporthelden, Oliver Kahn, die Sportmarke zu gestalten.
    Quelle: Wikipedia

    Philipp Lahm, dessen ehemaliger Trainer Pep Guardiola ihn als „intelligentesten Spieler, den ich je trainiert habe“, bezeichnete, ist seit dem Jahr 2015 Miteigentümer und seit 2017 Alleininhaber der Sixtus Werke, eines Herstellers von Pflegeprodukten. Ebenfalls im Sommer 2015 versuchte Lahm vergeblich im Rahmen eines Investoren-Konsortiums die Modefirma Bogner mit zu erwerben. Außerdem ist Lahm Gesellschafter der Firma Schneekoppe, des Berliner Start-up-Unternehmens Fanmiles und von Danova, einem Anbieter digitaler Vorsorgeuntersuchungen.
    Quelle: Wikipedia

    Jo, do schau her!

  23. Zwei Drittel der Fußballprofis in Deutschland haben Abitur oder Fachabitur, „Tagesspiegel“, 27.2.2017, siehe unten:

    „Daniel Memmert hat als einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland erkannt, dass Fußball auch und vor allem Denksport ist. Vor 15 Jahren promovierte Memmert über „Kognitionen im Sportspiel“. Memmert ist nun Institutsleiter und Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln und einer der führenden Wissenschaftler in diesem Bereich. Er sagt: „In der Fitness ist vieles ausgereizt. Aber nicht im Bereich der Kognition.“

    Diese Einschätzung teilen inzwischen fast alle, die im Fußball professionell arbeiten. Deshalb ist Memmerts Expertise auch überall gefragt. Der Kölner Forscher hat Gruppentaktiken und Talentindikatoren entwickelt, die viele Profiklubs anwenden. Die zentralen Begrifflichkeiten in seiner Lehre sind die Spielintelligenz sowie die Spielkreativität. Unter Spielintelligenz versteht Memmert, dass ein Spieler in einer bestimmten Situation, die klare, bestenfalls automatisierte Lösung sucht. Dass er zum Beispiel nicht mehr groß überlegt, wenn er alleine auf den Torhüter zuläuft, sondern sich für eine einstudierte Aktion entscheidet. Schmidt beschreibt das so: „Ein Spieler muss in einer bestimmten Spielsituation die dafür passende Schublade herausziehen können.“

    Schmidt wie Memmert sind überzeugt davon, dass die Spielintelligenz schon in sehr jungen Jahren antrainiert werden muss. Wer zu spät damit anfängt, hat keine Chance mehr. So wie es ein Musiker auch nicht mehr auf die großen Bühnen schafft, wenn er nicht schon im Kindesalter täglich übt. „Für den klassischen Garagenkicker muss das erst einmal kein Nachteil sein“, sagt Schmidt. „Nur muss er früh unter Anleitung sein fußballerisches Wissensspektrum erweitern.“ Schmidt benötigt dieses Spektrum von seinen Spielern, sonst kann er sein flexibles und komplexes Spiel mit bis zu fünf taktischen Grundformationen, in denen die Spieler auch auf unterschiedlichen Positionen klarkommen müssen, nicht zur Anwendung bringen.

    Aber die Anforderungen an einen Profispieler von heute gehen noch darüber hinaus. Der Fußball beinhaltet ein großes Maß an Unwägbarkeiten, die Spieler sehen sich in jeder Partie mit Problemen konfrontiert, für die es keine einstudierten Lösungswege gibt, keine Schublade, die sie schnell herausziehen können. „Hierfür müssen sie originelle Ideen zur Problemlösung produzieren“, sagt Memmert. Es ist die Königsdisziplin für die Fußballer. Aber wie kann man das trainieren?

    „Indem man versucht, das Aufmerksamkeitsfenster der Spieler zu optimieren“, erklärt er. Der Sportwissenschaftler konnte in Studien nachweisen, dass Spielintelligenz und Spielkreativität durch Training signifikant verbessert werden können. Die größten Leistungszuwächse beobachtete Memmert im Kindes- und Jugendalter. „Die Schwierigkeit besteht für einen Trainer darin, dass er das Arbeitsgedächtnis der Spieler nicht mit Anleitungen zuballern darf. Er muss seinen Spielern Freiräume geben, die Platz für kreative Ideen bieten.“ Auch Schmidt sagt: „Ein Spieler muss heute Kreativität mit einem Ziel kombinieren. Wer nur das Standard-Programm abspult, für den reicht es nicht mehr.“

    Aber heißt das auch, dass ein Profifußballer heutzutage, ganz allgemein betrachtet, intelligent sein muss?

    „Man muss das auf die kognitiven Fähigkeiten im Bereich des Fußballs reduzieren. Das hat nichts mit dem Intelligenzquotienten zu tun. Allerdings wird ein hoher Intelligenzquotient sicher nicht schaden“, sagt Memmert. Letzteres glaubt auch Schmidt. Er nennt ein konkretes Beispiel aus seiner Mannschaft. „Wenn bei uns mal bei einer Trainingsform durch ständig wechselnde Regeln Chaos ist, dann fragen die Spieler schon mal beim Robert nach, wie es jetzt weitergeht.“ Schmidt meint Robert Strauß, und der Abwehrspieler ist deswegen ein gutes Beispiel, weil er sein Abitur mit der Traumnote 1,0 abschloss.

    Überhaupt hat sich in dieser Hinsicht viel verändert. Während noch vor 20 Jahren ein Bundesligafußballer mit Abitur ein absoluter Exot war, haben nun zwei Drittel der Profis in Deutschland Abitur oder Fachabitur. Das ist zum großen Teil den Klubs geschuldet, die die schulische Ausbildung ihrer Talente stark fördern. Es gibt aber auch Wissenschaftler, die die These vertreten, dass Intelligenz mit den sportlichen Fähigkeiten korrespondiert.

    Der Neurowissenschaftler Thomas Schack, der an der Universität Bielefeld den Masterstudiengang „Intelligenz und Bewegung“ leitet, ist sich sicher, dass motorische und kognitive Intelligenz eng miteinander verknüpft sind. Schack verweist auf eine Vielzahl an Studien, die nachgewiesen haben, dass Nachwuchsleistungssportler im Durchschnitt bessere Noten haben als sportlich inaktive Schüler. Er sagt: „Die motorische Intelligenz ist nicht isoliert von der allgemeinen Intelligenz zu betrachten.“
    „Vom Erfolg im Sport macht der Kopf 90 Prozent aus“

    Dass dem Kopf eine immense Bedeutung zukommt, davon ist auch Sylvain Laborde überzeugt. „Vom Erfolg im Sport macht der Kopf 90 Prozent aus“, sagt er. Laborde arbeitet wie Memmert an der Deutschen Sporthochschule. Sein Themenbereich ist aber ein anderer. Seine Dissertation zum „Einfluss von Emotionen auf die Entscheidungsleistung eines Sportlers“ ist das Standardwerk zum Thema emotionale Intelligenz im Sport.

    Seit zehn Jahren nun forscht Laborde dazu. Er hat emotionale Intelligenz mit biologischen Parametern verknüpft, indem er den Herzschlag sowie den Speichel von Sportlern untersuchte. Schlägt das Herz langsamer und ist weniger von dem Stresshormon Cortisol im Speichel, geht dies einher mit weniger Ablenkung und besserer Konzentration auf das Wesentliche. Und genau das versteht Laborde unter emotionaler Intelligenz.

    Laborde entwickelte auf der Grundlage dieser Ergebnisse sportartspezifische Fragebögen und einfache Handlungsanleitungen wie Atemübungen für Spitzensportler, um ihre Stresspegel zu senken und ihre emotionale Intelligenz zu verbessern. „Das Ziel ist: Die Spieler sollen sich gar nicht mehr beim Schiedsrichter beschweren, sie sollen sich nicht vom Gegner provozieren lassen, sie müssen Drucksituationen standhalten und die Fehler der Mitspieler verzeihen“, sagt Laborde. Er bekommt immer mehr Anfragen von Profiklubs aus allen Bereichen, aktuell arbeitet er mit einer Mannschaft aus der Bundesliga zusammen. Lediglich 30 bis 50 Prozent seien im Bereich der emotionalen Intelligenz genetisch veranlagt, sagt er. „Den Rest kann man trainieren.“

    Auch Frank Schmidt ist sehr offen für die im Profifußball lange verbrämten Bereiche aus der Sportpsychologie. „Wir können es uns nicht leisten, unsere Energie für das Monieren von Schiedsrichterentscheidungen oder den Ärger über Fouls zu verschwenden“, sagt er. In dieser Saison ist das seiner Mannschaft bislang außerordentlich gut gelungen. Der FC Heidenheim führt in der Zweiten Liga die Fairnesstabelle mit den wenigsten Gelben und Roten Karten an. „Wir sind ein kleiner Verein“, sagt Schmidt. „Wir müssen Nischen suchen.“

    Frank Schmidt ist fündig geworden. Nicht in den Beinen seiner Spieler, sondern in ihren Köpfen.“

    http://www.tagesspiegel.de/sport/sport-und-intelligenz-warum-profifussball-etwas-fuer-kluge-koepfe-ist/19379052-all.html

  24. Die Bayern-Profis David Alaba (Österreich), Arjen Robben (Niederlande) und Arturo Vidal (Chile), die drei Anführer ihrer jeweiligen Nationalmannschaft, spielen nicht bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 mit.

Schreibe einen Kommentar