Luigi Boscolo

Am vergangenen Montag (12. 1. 2015) ist Luigi Boscolo in Mailand im Alter von 82 Jahren verstorben. Da er sicher einer der einflussreichsten Pioniere in der Entwicklung der systemischen Therapie war, ein paar persönliche Bemerkungen an Stelle eines ordentlichen Nachrufs.
Luigi Boscolo gehörte mit Mara Selvinivi Palazzoli, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata zu einer Gruppe von 16 Mailänder Psychoanalytikern, die sich zur Aufgabe gesetzt hatten, psychotische Patienten zu behandeln. Nach einiger Zeit spalteten sich die genannten vier Personen von der Gruppe ab und begannen – inspiriert von den Gedanken Gregory Batesons und der Palo Alto-Gruppe – mit einer kommunikationstheoretischen Brille auf die Patienten und ihre Familien zu blicken. Sie arbeiteten in einem Setting, bei dem immer zwei Therapeuten mit der Familie arbeiteten und zwei hinter der Einwegscheibe das therapeutische System beobacheten.
Paul Watzlawick erzählte mir, dass sie ihn zur Supervision nach Mailand eingeladen hätten und er ihnen nach einer Sitzung nur mitteilen konnte,  sie hätten ihn nicht nötig, da sie schon weiter seien als er und seine Kollegen in Palo Alto.
Das waren sie in mehrfacher Hinsicht: Zum einen arbeiteten sie konsequent nur mit der ganzen Familie (d.h. nicht mit Einzelnen wie in Palo Alto damals). Wenn der Opa in Sizilien vergessen worden war, musste die Familie eben nach Hause fahren und ihn holen… Zum anderen entwickelten sie etliche neue Methoden, die ihren Fokus auf das Erkennen und Verändern von Kommunikationsmustern richteten.
Ihr Buch „Paradoxon und Gegenparadoxon“ schlug ein wie eine Bombe. Paradoxe Interventionen, die das System aus dem Gleichgewicht bringen sollten… Das alles gehörte noch in die Zeit der Kybernetik 1. Ordnung, wo man dachte, wenn die Intervention den G-Punkt des Systems erwischt, dann ändert sich alles.
So einfach war das alles aber dann nicht. Trotzdem: In dieser Phase wurden viele der Methoden, die heute immer noch systemische Therapeuten anwenden, entwickelt: Das zirkuläre Fragen, Unterschiedsfragen, paradoxe Verschreibungen usw.
Im Mailänder Team gab es eine geniale Arbeitsteilung: Die beiden Männer waren die Kreativen, bei denen die Einfälle nur so sprudelten, Mara Selvini war die analytisch scharfe Autorin, die alles zu Papier brachte.
Nach einiger Zeit wurden die Unterschiede zu groß: Die beiden Frauen machten jeweils ihr eigenes Institut auf, die beiden Männer ein gemeinsames. Cecchin und Boscolo fuhren ab nun um die Welt und wurden in den 80er Jahren zu Rock-Stars der Familientherapieszene.
Auf sie geht auch der neudeutsche Begriff „systemische Therapie“ zurück, da sie ihre Arbeit – auf Englisch – im deutschsprachigen Gebiet so nannten.
Ich selbst habe mit beiden in Heidelberg bzw. Wiesloch (und mit Gunthard Weber) in den 80er Jahren ein Curriculum durchgeführt, vor allem aber Anfang der 90er Jahre ein vierjähriges Curriculum in Südtirol. Als wir vier es planten, dachten wir – vollkommen naiv – es gäbe dabei lediglich ein Sprachproblem. Schon während des ersten Tages wurde uns klar, dass es sich um ein ethnisches Problem handelte (ein Begriff, den ich bis dahin nicht kannte und von dessen Bedeutung ich mir keine Vorstellung machte). Die Gruppe (ca. 50 Personen) wollte den Kurs sofort in eine deutsche und eine italienische Gruppe spalten. Wir waren nicht einverstanden, schließlich wollten wir ja zusammen arbeiten. Wir blieben also zusammen und machten den Kurs dreisprachig: Die Italiener sprachen Italienisch, die „Deutschen“ Deutsch, und die Trainer untereinander Englisch.
Ein Projekt, das als erstes interethnisches in diesem Bereich politische Bedeutung in Südtirol erlangte und deswegen auch von der Provinzregierung bezahlt wurde.
Boscolo und Cecchin gingen dann immer mehr eigene Wege. Luigi war etwas bodenständiger mit seiner Familie in Mailand, Gianfranco fuhr um die Welt. Dass er schließlich tot gefahren wurde, passt irgendwie zu seinem Leben „auf Achse“. Und Luigi hatte private, familiäre Tragödien zu durchleben.
Ich habe ihn zu letzten Mal vor vier Jahren getroffen, als er mich zu einem Seminar nach Mailand eingeladen hatte. Sein Institut hat etliche Zweigstellen in Italien. Es wurden damals ca. 700 Therapeuten ausgebildet – mit unsicherer beruflicher Zukunft. Er selbst war körperlich angeschlagen, stand unter der fürsorglichen Fuchtel seiner Frau und versuchte dem Leben immer noch das Beste abzugewinnen.
Der Einfluss der beiden Mailänder Männer – Gianfranco Cecchin und Luigi Boscolo – für die Praxis und Methodik der systemischen Therapie und Beratung ist meines Erachtens gar nicht hoch genug einzuschätzen. Und wie bei vielen genialen Praktikern, die wenig oder ungern schreiben, ist auch bei ihnen zu befürchten, dass ihr Beitrag für die Entwicklung des professionellen Feldes unterschätzt und vergessen wird. Deswegen war und ist es mir ein Anliegen, die Verdienste der beiden hier noch einmal explizit zu würdigen…

3 Kommentare zu “Luigi Boscolo

  1. „Zirkuläres Fragen“ war nach Watzlawick und Erickson mein dritter Einstieg ins Systemische. Und der klappte, weil er pragmatisch orientiert und für mich als Novize noch nicht zu voraussetzungsvoll angelegt war (wie bspw. Erickson).

    Im Studium waren diese Blaupausen für mich bzw. uns eine riesen Erleichterung. Wir sollten Beratung lernen und wollten es auch. Aber kein Schwein konnte uns in verständlicher Form rüber bringen, wie genau man das denn nun bitte schön machte. Stattdessen wurden überwiegend Lieblingstheorien gewälzt darüber, was wie verantwortlich sein könnte dafür, dass irgendwas funktioniert könnte. Ein Grauen! Und wie ich später mitbekam, ging es an den UNIs noch praxisferner zu. Irgendwann aber konnte ich das – dank dieser Einstiege und dem, was sich von da aus als Wege der Weiterentwicklung anbot – auch: Familientherapie „machen“ ohne Familie und – wann hat man in der Kinder- und Jugendhilfe schon die Arbeitsbedingungen, die man theoretisch braucht – sogar „Familientherapie ohne Therapie“:-).

    Bei allem Kritikwürdigem hat sich in den letzten 20 Jahren dann noch einiges weiter entwickelt, wenn ich bspw. an Gallo oder die immer differenzierteren Formen der Aufstellungsarbeit denke. Aber ein bisschen was ist schon auch noch zu tun. U.a. wenn es gilt, Klassifikationssysteme zur Einordnung von Anpassungs-LEISTUNGEN auszudifferenzieren, welche auf Aktionsdiagnostik statt auf Diagnosen setzen, die sich symptom-stabilisierend auswirken und stigmatisieren…

    Bemerkenswert ist die Arbeit dieser Pioniere sicherlich auch deshalb, weil in Italien – teils bis heute – sehr spezielle Bedingungen für psychologisches Arbeiten bestehen. Ich stell mir vor, dass sie noch mehr kämpfen, noch trickreicher vorgehen mussten, um innerhalb des Feldes der mehr oder minder lieben Kollegen und der Institutionen nicht gemobbt zu werden, als die Kritiker des damaligen psychologischen Mainstreams in der BRD.

  2. „Und wie bei vielen genialen Praktikern, die wenig oder ungern schreiben, ist auch bei ihnen zu befürchten, dass ihr Beitrag für die Entwicklung des professionellen Feldes unterschätzt und vergessen wird.“ – Tom Levold hielt anlässlich einer Tagung im vergangenen Jahr eine Vortrag. Dabei zeigte er ca. 15 Fotos von Leuten, die mittlerweile verstorben sind und die womöglich keine Zulassung als (systemische) Therapeutinnen erhielten heute – ja vielleicht nicht mal zu einer Weiterbildung. Die Frage nach dem Verhältnis von Konservierung, Verstetigung zu Offenheit für ganz Neues, Widersprüchliches (siehe Vortrag FB Simon SG Berlin, 2013?) ist aktuell und vor allem: aktuell zu halten.

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