Psychiatrische „Gesundheits“-Checks

Seit dem Absturz der Germanwingsmaschine geistert die Idee durch die Medien, man könne durch regelmäßige psychiatrische Untersuchungen in Zukunft solche Katastropen verhindern. Mal ganz abgesehen davon, dass ein derartig extrem fremddestruktives Verhalten zu keinem der etablierten Symptomenkomplexe irgendeiner psychiatrischen „Krankheit“ gehört, ist die Idee, man könne psychiatrische Diagnosen in ähnlicher Weise wie körperliche Befunde (z.B. pathologische Blutwerte, EKG-Zacken etc.) objektivieren, Quatsch. Denn psychische Prozesse und Strukturen sind nun einmal keine direkt beobachtbaren oder gar messbaren Phänomene. Sie werden immer nur aus direkt beobachtbarem Verhalten gefolgert. Und wenn man hier prophylaktisch berufs- oder gar bevölkerungsübergreifend (Muster: Schulzahnarzt) vorbeugend diagnostisch tätig werden wollte, so würde zwangsläufig ein totalitäres System entstehen, die Stasi wäre ein Amateurverein (war sie wahrscheinlich ja eh) im Vergleich zu solch einer „Gesundheits“-Kontrollstelle. Deswegen scheitert ja auch die NSA, denn auch sie kann nur aus Daten ihre mehr oder weniger paranoiden Schlüsse ziehen…
Die Frage stellt sich allerdings, ob die etablierte Politik der Fluggesellschaften, keine dauerhaften Teams im Cockpit zuzulassen (d.h. Piloten und Co-Piloten dauernd auszutauschen) so weise ist. Die Idee ist, dass andernfalls zu enge persönliche Bindungen entstehen könnten, die dazu führen, dass nicht mehr nach den Regeln der Handbücher gearbeitet wird. Ein Risiko, das sicher gegeben ist. Schlamperei könnte entstehen. Vorteil: Bei dauerhaften Teams würde sich eine intimere Kenntnis der Kollegen kaum verhindern lassen. Problem: Dass dies zum Anschwärzen eines vertrauten Kollegen führen würde, ist zweifelhaft. Bleibt nur der Rückgriff auf abzuarbeitende Programme, d.h. Verfahrensweisen wie etwa das Vier-Augen-Prinzip, die hier ein wenig mehr Sicherheit versprechen könnten. Doch hier stellt sich die Frage nach der Angemessenheit. Denn wer schützt uns vor suizidalen, Amok fahrenden Chauffeuren von Reisebussen, die ohne große Schwierigkeiten ihr Gefährt von einer hohen Autobahnbrücke fallen lassen könnten; oder vor Ärzten, die ihren Patienten Gift spritzen, Metzgern, die Ratten in die Wurst schnipseln (was ja relativ harmlos wäre) usw.?
Manchmal führt einfach die Idee, man könne Risiken durch Kontrollmaßnahmen beseitigen, in die Irre bzw. in die Handlungsunfähigkeit. Vertrauen ist als Mittel der Komplexitätsreduktion ziemlich ökonomisch und letztlich auch rational – auch wenn es immer mal wieder enttäuscht wird.

16 Gedanken zu „Psychiatrische „Gesundheits“-Checks

  1. Nebenaspekt:
    Ich bezweifle, ob die NSA und artverwandte Arbeitszirkel die Daten sammeln, weil sie hoffen, daraus neue Erkenntnisse gewinnen zu können.
    Alle Erkenntnisse, die sie brauchen, sind in wohl mehr als 90% aller relevanten Fälle längst da.
    Zumal es ähnlich wie bei der Stasi gar nicht so sehr um Erkenntnisse gehen dürfte.
    Um die Arbeit zu machen, braucht man die gar nicht so sehr.
    Ich denke, es geht eher darum, im Bedarfsfall etwas in der Hand zu haben, was man einsetzen kann, um jemanden als Person von öffentlichem Interesse a) sozial zu diskreditieren oder b) „unschädlich“ zu machen.
    Tritt der Bedarfsfall ein, clustert man die Daten und lässt den restlichen Datenmüll Datenmüll sein.
    Immer noch kostengünstiger, als von jemandem auf dem Level von Ang Lee ein Beweisvideo komponieren zu lassen.
    Ich glaub bei dieser Art „Tätigkeit“ ist es ähnlich wie bei Folter Made in USA zunächst erst einmal von Nutzen, dass man mit geeigneten Fragen herangeht.
    In dem Maße jemand über Macht verfügt, werden Erkenntnisse für ihn nachrangig.
    Wichtiger wird für ihn Abschreckung, Zersetzung sozialer Bindungen und Sicherheiten.
    http://www.tagesschau.de/ausland/cia-folter-reaktionen-101.html
    Die ws bekannte PEN-Studie zur Selbstzensur zeigt, dass die Intelligenzia des Westens unter dem Eindruck der Überwachungseffizienz bereit ist, vorauseilenden Gehorsam zu beweisen.
    Alles in allem bewegen wir uns mit derlei trotz bzw. infolge Globalisierung in Richtung Leben im Dorf inkl. Inquisition.

  2. Nirgendwo in der bislang gelaufenen Diskussion ist dieser aus meiner Sicht einzig wirklich nützliche konzeptionelle Zugang zu finden; nicht in den unterschiedlichen Medien, nicht in Beiträgen aus den systemischen Verbänden. Besonders letzteres ist geradezu skandalös. Wo bleibt die Öffentlichkeitsarbeit dieser Verbände hier? Was ist los?

  3. So verwunderlich scheint mir das nicht. Bei uns in sind sehr viele Leute ja auch erst nach der Wende Widerstandskämpfer gegen das Regime geworden.
    Außer der für Intellektuelle ja nun nicht untypischen fehlenden Traute sollte man noch ein paar andere Gesichtspunkte berücksichtigen.

    Ich hab mich gestern mit einem Zeitgenossen unterhalten, der gerade ein wenig arm ist, aber vor einer Weile ziemlich viel Geld über Börsengeschäfte gewonnen und verloren hat. Der Mensch hatte eigentlich nur ein Problem: zu wenig Geld. Würde er das haben, dann würde er sofort wieder zocken. Dass sich inzwischen die Spielregeln etwas geändert haben, weil die durchschnittliche Zeit, in der Aktien gehalten werden, 5 Sekunden beträgt, weil nicht mehr Menschen ihre Wetten gegeneinander setzen sondern vermögendere Anleger Computer gegeneinander spielen lassen, dass der Privatanleger deshalb immer der Verlierer ist, weil er nicht den langen Atem hat, um gleichzeitig auf Gewinn und Verlust wetten zu können etc. all das interessierte ihn nicht. Auch die moralische Fragewürdigkeit vieler Spekulationsoptionen sah er sofort ein. Dennoch: hätte er die Kohle, würde er den Unterschied machen. Klarer Fall von Junky-Logik, gut bei Burroughs nachzulesen. Ich hab ihm als Einstieg dennoch erst mal Dostojewski („Der Spieler“) empfohlen, den er nicht lesen wird.

    Warum bitte ist das in dem Zusammenhang nun erwähnenswert? Dass das Bildungsbürgertum auf wertfreie Ideologien steht, ist nix Neues. Die Durchseuchung der Gesellschaft mit Zynismus – in sozialer orientierten Gesellschaften eine Art Geisteskrankheit – ebenfalls nicht. Wichtig ist: die Hoffnung muss erhalten bleiben. Die Hoffnung auf Aufstieg. Darauf, von dem mörderischen System IWF mit profitieren zu können. Die Hoffnung, doch nicht zu denen zu gehören, deren Altersvorsorge mit Negativzinsen belastet wird oder deren Guthaben mangels Trennbankensystem verzockt wird.
    Diese Hoffnung ist wichtig und hält die Leute in Acht und Bann bzw. im Hamsterrad. Wichtig ist natürlich auch, dass die Orientierung an der Person immer hübsch betont wird. Trägt es Krethi und Plethi aus der Kurve, so steht nicht etwa das System in Frage deren Funktionsprinzipien und Werten nach, in dieser Gesellschaftsform bitteschön Kooperationen auszurichten sind, sondern man hat es sich gefälligst selbst zuzuschreiben. Es trifft doch immer nur die anderen, die Loser. Und wenn es einen doch trifft, dann hat man eben versagt, weil man nicht rechtzeitig auf ein anderes Anlagegeschäft gewettet hat. Die Häckselmaschine kommt immer näher, aber weil man mit so vielen anderen Bambis zusammen hoppelt, kann der Weg nicht falsch sein.

    Person-Orientierung und System-Orientierung sind natürlich verschränkt zu denken, weil nur so zu leben. Aber das kann man schon mal vergessen darüber, dass man jeden Tag für Selbstverblödung via Wurstblatt noch bezahlt. Kurz: die frommen Leute werden verarscht und sie rufen – gut gebildet wie sie sind, noch artig „Hurra!“ dazu. Ein bisschen m.E. auch, weil sie nach langen fetten Jahren noch so ein bisschen wie auf Junk sind und von den Lösungsversuchen vom Typ mehr desselben nicht loskommen. Einem Gewahrwerden, dass die bürgerliche Welt , wie wir sie kannten mit ihren Sicherheiten, nur noch als Kulisse existiert, dem steht die Krux mit Festingers kognitiver Dissonanz entgegen. Eine besonders systemische, weil ökologisch abgestimmte Lösung wird vermehrt zu besichtigen sein: Dummes Fleisch kommt weg.
    Anders: auf den moralischen Verfall folgt unaufhaltsam der materielle.

    Wer sich keinen Tatort mehr leisten kann, kann sich immerhin hier den Thrill für´s Leben holen;
    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/03/30/es-wird-ernst-oesterreich-garantiert-die-sparguthaben-nicht-mehr/

  4. ich weiß nicht, ich lese in der diskussion durchaus auch kritische reflexionen. müssen denn immer gleich die „systemischen verbände“ auch noch ihren senf dazugeben? wollen wir nicht einfach mal neugierig verfolgen, welchen weg die diskussion nimmt? und darauf vertrauen, dass sich das, was wir ’systemisches denken‘ nennen, auch von selbst bilden kann?

  5. @ 2, frafri Na ja, „kritische Reflexionen“ sind zu lesen, wer bestreitet das. Ist ja auch harmlos. Aber das Vertrauen ins von-selbst-bilden systemischen Denkens ist wohl eher nicht das Vertrauen, von dem hier die Rede war. Eher fehlt mir hier die Traute. Diese distanzierte Form von Neugier hat mit einer philosophischen Perspektive wenig zu tun. Parrhesia, gnothi seauton, alles im Schweigen? …
    Es geht um Anwendungen systemtheoretisch bezogener Angebote, unser Konzept des Verhältnisses von sozialen zu psychischen Systemen (und organischen) zu überdenken. Das sollte man schon selber machen bzw. sich direkt dran beteiligen. Und wenn sich Verbände, die sich auf systemtheoretische Konzepte (hoffentlich) beziehen, zwar gesundheitspolitisch, insbesondere anerkennungstechnisch reüssieren wollen, aber dann schweigen, wenn sie inhaltlich wirklich was zu sagen hätten (im doppelten Sinn dieses Konjunktivs), irritiert mich das schon. Senf wird´s nicht sein, wenn sie sich ernstlich zu Wort melden. Jedenfalls ein süßer. Leider muss man für diese Art Irritation auch schon selber sorgen, denn eigentlich wundert es mich nicht. Wenn das systemisch wäre, sollte man über postsystemische Perspektiven nachdenken.

  6. „Tests test tests“.

    Noch läuft bzw. rotiert der „konzeptionelle Zugang“ , verlässlich kalkulierbar, von EU-Ebene abwärts gesteuert und auch hermetisch ab (ge- und ver) -sichert – im Einheitskreis von „DIN SPEC 91020“, namentlich bekannt als „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ ( Einzelheiten,FESI: Nachzulesen unter Wikipedia).

    Ergo? Was
    Es klingt zwar hart, aber fair.
    Ob man personalisiert und gentechnisch präpariert Pillen gegen „Wahnsinnig Normale“ je erfinden kann, muss zur Stunde noch offen bleiben. Hauptsache erst einmal durchstarten. Im Zweifel kommt auch mit Hilfe der Chemie Bewegung in medias res. Nur den Kopf nicht hängen lassen, angesichts des gesamten Chaos. Im Allgemeinen gilt eben auch bei Zero-Passagen: Antriebssteigerung vor Stimmungsaufhellung.
    Insgesamt gesehen, kommt es eben vor 7.0 auf den jeweiligen Standort und die Leiter an. Wenn selbst quantenmechanisch die Chemie erst mal stimmt, bleibt insofern alles nur ein Frage der Stöchiometrie im Kalkül.

    Einzelheiten zu diesem Schema im Kalkül hatten wir -soweit erinnerlich – mindestens schon einmal im Blog.
    Und die Verbände? Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit? Medizinisch genommen müssen sie eben regelmäßig ausgetauscht und gewechselt werden, wenn‘ sein muss, auch postoperativ.
    Manche Wunde heilt eben nur, wenn sie -zumindest vorübergehend – offen bleibt. Bzw. dann entsprechend drainiert wird.

    Ergo? Wenn die Öffentlichkeitsarbeit hier eben mal wieder darin bestünde, im Ergebnis festzustellen, dass die Psychiatrie eben doch nicht zur Medizin gehört und die Medizin mit ihren Maßmethoden mal wieder schuld ist an dem ganzen Dilemma, reicht das nicht, um den weiteren Verlauf in Selbstorganisation zu beobachten?

    Hauptsache, die Störmuster eliminieren sich dann auch von selbst. Inwieweit sich allerdings Selbstheilungskräfte von intern angesprochen fühlen, um Alternativen zu entwickeln, bleibt eben, wie immer schon, ziemlich ungewiss.

    Ergo? PX! Bleibts Xsunt.
    Und kommt gut durch.
    Zeitnah aufbereitet, wie der OsterHammel.

  7. gut, dafür kenne ich die interna der „systemischen verbände“ wohl zu wenig. aber ich würde sagen: lieber schweigen als sich besserwisserisch-belehrend in die diskussion einzubringen.

  8. @ 4, frafri Immerhin nicht alternazivlos, aber genauso gefährlich: denn das ist nicht die Alternative (wenn man es so wahrnimmt, lässt das allerdings tief blicken …)
    Man kann sich auch differenzierungs-fördernd, bildungsaffin, lernfreudig, begegnungsfreudlich, streit-lustig, parrhesisch, … einmischen. Das hat mit Verbands-Interna nichts zu tun.
    Verbandszeug könnten wir brauchen.

  9. herr ohler, ich habe Ihnen doch nicht die alternative „besserwisserisch-belehrend“ unterstellt!
    wenn Sie das so wahrnehmen, dann lässt das… 😉

  10. Vielleicht ist mein Autopoiesis-Verständnis ja nicht hinreichend vertrauenswürdig. Aber mir scheint, die Diskussion ist nicht weniger autopoietisch, wenn man riskiert, ein Wörtchen mitzureden.

  11. @ 7, frafri Mir nicht. Das habe ich auch nicht so verstanden. Wie kommen sie nur darauf? … Aber Sie haben – aus welchen Motiven, Gründen oder sonstigem auch immer – einfach diese Alternative – schweigen oder besseriwsch-belehrend – in den Raum gestellt, als gebe es nicht so viele andere Möglichkeiten – gerade für „Systemiker“. Oder andere Philosophierende.

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