Sinn oder Organisation

Es ist mir ja etwas peinlich, hier schon wieder über eine gelungene Veranstaltung zu schreiben, an der ich beteiligt war (wenn auch nur dem Namen nach und durch körperliche Anwesenheit, nicht als Planer oder Organisator). Das diesjährige Alumnitreffen von Simon, Weber & Friends, stand dieses Jahr unter o.g. Titel. Etwa 130 Absolventen der Ausbildung zum systemischen Organisationsberater – d.h. in erster Linie: Berater, aber auch Führungskräfte – trafen sich wie jedes Jahr, um aktuelle Themen der Entwicklung der Gesellschaft, speziell der Wirtschaft, von Unternehmen und neuen Organisationsformen usw., zu diskutieren und systemtheoretisch zu reflektieren.

Die einzelnen Themen reichten von Achtsamkeitstrainings über das Gesundheitscoaching, kollektive Achtsamkeit in High Reliability Organisationen, die ökonomischen Vorteile einer Gemeinwohlorientierung von Unternehmen, konkrete Beispiele und Methoden der Sinngenerierung in Change-Prozessen und alternativen, personenorientieren Organisationsformen bis hin zu Fragen der Integration von Flüchtlingen.

Was mir persönlich etwas zu kurz kam, war die systemtheoretische Analyse, was es über den Zustand der Unternehmen heute aussagt, dass solche individuumzentrierten Moden wie  Achtsamkeitstrainings  hochgejubelt werden. Ich denke, es stellt ein Symptom für gewissen Defizite von Unternehmen dar, die im falschen System (=Individuum = Umwelt der Organisation) gelöst werden sollen und deren Effekt die Verhinderung von organisationalen Lernprozessen ist. Analog dazu ist m.E. der Coaching-Boom zu bewerten.

Aber ungeachtet dieser – für meinen Geschmack – auch angesichts der begrenzten Zeit etwas kurz geratenen systemischen Reflexion war es eine rundum gelungene Veranstaltung, was u.a. auch daran lag, dass diese Allumni ein Haufen ziemlich kompetenter Leute sind. Das Spektrum reichte von den  Chefs gut etablierter Beratungsunternehmen bis zu den jungen Kollegen, die weit mehr in der digitalen Welt zu Hause sind als ich. Gute Mischung,

Meine persönliche Stellungnahmen zur Frage „Sinn oder Organisation“ bestand, nebenbei bemerkt, darin, dass ich jedem Teilnehmer das gerade neu im Carl-Auer-Verlag erschienene Buch „Das Duplikat“ habe schenken lassen…

7 Gedanken zu “Sinn oder Organisation

  1. Möglicherweise helfen die vielen Coachings und die Mindfulness-Trainings den Chefs ebenfalls bei der Suche nach einer bekömmlichen Work-Life-Balance? Solange es keine gravierenderen Probleme gibt…
    Meiner beruflichen Erfahrung nach reicht es, wenn die Chefs die Ziele bekannt geben und dann die Mitarbeiter machen lassen. Allzuviel zu problematisieren ist oft mit unnötigen Zeit- und Energieverlusten verbunden.

  2. Ich denke, hier spielt durchaus auch die Verlagerung der Ausbeutung in die Selbstausbeutung mit hinein. Darauf passt der New-Age-Narzissmus dann wie die Faust aufs Auge, und unter dem Rückkopplungseffekt in Form materialistischer Weltmodelle leiden am Ende wir alle.
    @0 Ich finde die Beschreibungen der Seminare bereichernd und lese gern davon – das aber nicht ganz ohne Neidgefühle…

  3. „… individuumzentrierten Moden wie Achtsamkeitstrainings… ein Symptom für gewissen Definzite von Unternehmen … die im falschen Systeme (=Individuum) gelöst werden sollen und deren Effekt die Verhinderung von organisationalen Lernprozessen ist.“

    Klingt plausibel und so frage ich mich: „Woher kommen denn die Anreize zu organisationalen Lernprozessen und was sind die günstigen Rahmenbedingungen, damit diese präventiv-kreativ verlaufen, um ähnlich „innovativ“ sein zu können, wie technologische Innovationen und deren Wertschöpfungsverlauf?“

    Ich vermute, dass beobachtbare, sich abwechselnden Resonanzphänomene wachsender Sehnsucht bzgl. „Sinnfindung“ und organisationaler „Effizienzsteigerung“ nicht wirklich „neu“ sind. Neu erscheint mir die gegenwärtige „Reichweite und Tiefe/Höhe“, getrieben von der Globalisierung und Digitalisierung. Bisher vermeintlich fix definierte Grenzen und Fixpunkte stehen auf dem Prüfstand und scheinen nicht mehr zu genügen.

    Einerseits wird allseits ein Facharbeitermangel beklagt, anderseits die wachsende „Erschöpfung“ der (noch) Arbeitenden, bzw. der als „inkompetent“ abgewiesenen Bewerber.

    Soweit Unternehmen und deren Beschäftigte „auf dem Zahnfleisch“ agieren, bestünde ja Übereinstimmung und nötiger Leidensdruck, damit erforderliche Korrekturen/Veränderungen zu mehr Balance in der Mehrfach-Bedürfnisbefriedigung sowohl von „Sinnfindung“ (vlt. besser Erinnerung an wesentliches, was vorübergehend „aus dem Blick geraten“ ist) und „Effizienz“ möglicher werden.

    Sollte es systemischer Beratungskunst nicht möglich sein, auf Basis gemeinsamer, unternehmerischer und individueller unerfüllter Sinn- und Effizienz-Bedürfnisse eine entsprechende Begleitung anzubieten? Liegt es an der Auftragsklärung? Am fehlenden Handwerkszeuge dürfte es ja wohl kaum liegen.

  4. Meiner vielleicht nicht verallgemeinerbaren Erfahrung aus einem Aktienunternehmen, in dem ich seit elf Jahren arbeite, nach tingeln die Chefs zwar von Seminar zu Seminar und von Schulung zu Schulung, doch ihnen geht es hauptsächlich darum, die vorgegebenen Wachstumsziele zu erreichen. Und da sind sie notfalls äußerst (!) kreativ – um nicht zu sagen: skrupellos – ob nun gegen die Kunden oder gegen die Mitarbeiter. Die zur Schau gestellte Achtsamkeit und das demonstrative Einfühlungsvermögen endet dort, wo es um die Zielerreichung geht.
    Ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass ein Manager sagte, warum sollen wir 100 Mitarbeiter entlassen? Wir erreichen dieselbe Einsparung, wenn wir einen einzigen Geschäftsführer entlassen. Das war sein letzter Vorschlag…

  5. also offen gestanden gibt’s mir bei den ganzen Achtsamkeits-AG doch etwas zu viele mit äußerst beschränkter Haftung.
    So lieb mir die Systemtheorie ist, so sind mir doch so manche Trittbrettfahrer und Beutelschneider ein Graus, mit ihrem beliebigen Mix an Zitaten.

    Nichts gegen Selbstdarsteller, Rampensäue und so manche Exzentriker und total abgedrehte Typen, die es im Grunde ihres Herzens auch wirklich ernst damit meinen, ihre sozial relevanten und hilfreichen Botschaften rüberzubringen, um auch in der Tat auch etwas Wesentliches zu bewegen.

    Man spürt eine ehrliche Kooperationsbereitschaft auch im Grunde daran, daß diejenigen, die wirklich etwas können, Widersprüche auch einfach mal stehen lassen können, bisweilen nicht ohne leisen Spott, aber in tiefer Verbundenheit und Anerkennung für die individuellen Leistungen des Gegenübers.
    Dies aber,
    ohne Eifersucht. Neid und Hass auf den jeweiligen Konkurrenten, denen sie sich vielleicht -insgeheim doch – unterlegen fühlen.

    Aber das macht nichts, ein paar Grenzkonflikte gehören immer dazu und beleben auch das Geschäft. Insbesondere was den richtigen Riecher ohne nachfolgendes Geschmäckle angeht.

    Und die kann man (bislsng) nicht suchen, sondern die muss man finden, sofern sie sich auch finden lassen.
    Über Websiten, zB. worüber sie sich ihrer Verantwortungsübernahme für andere nicht schämen müssen. das zu tun, was sie tun und wie wie sie es tun.

    Mein Gott, jetzerd is es schon widder halwer 2 und uch krieg um drei Uhr Besuch.
    Hab awwer noch kee Bett gemacht, kee Geschirr gespült, vunn meiner Buchführung ganz zu schweige.
    Die verrutschen nämlich beim Finanzamt immer in de Spalten undoun die als dausche, wohl fer de näcktsche Lauschangriff.

    Ei do det isch denne Mäd un Buwe alzemoo gern saae, Ei heern doch uff mit demme Quatsch, isch bin doch in meim Alter kee Konkurrenz mee fer Eich, die mer anheere müßt,
    Außerdem bin ich aa schunn in rente roll back un geheer nimmi zu de Kicker (zu denne ich nich nie geheert han, die isch mer awwer gern aangeguckt han)

    So Ihr Buwe un ihr Mäd,
    denken draa, heit is MudderTag. (un a wann des e NaziDag is mit Blubo-hinnergrund)
    des macht eire Mama garnix

    Die hat doch ohnehin immer noch die Grundrezepte fer de beschte Kuche vunn de Welt,

    👌🐣🎭😇🙏👍🏾

  6. @3 Danke, lieber Siggi. Bin immer noch in Zeitnot, sonst würde ich mehr dazu antworten.

    @4 Lieber Michael, was mir schon mehrfach aufgefallen ist, ist, dass trotz aller Bemühungen, mehr rundum und systemisch zu denken, ziemlich brutale Friss-oder-stirb-Mechanismen ablaufen. Du bringst die ja häufiger aufs Tapet. Finde ich wichtig.

    @6 „Man spürt eine ehrliche Kooperationsbereitschaft auch im Grunde daran, daß diejenigen, die wirklich etwas können, Widersprüche auch einfach mal stehen lassen können, bisweilen nicht ohne leisen Spott, aber in tiefer Verbundenheit und Anerkennung für die individuellen Leistungen des Gegenübers.“ Ein Satz, der den Tag versüßt. Guten Morgen, liebe DeaXmac.

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