Suhrkamp Sommerfest

Es findet in der üblichen Villa am Wannsee statt. Eintritt 8 Euro. Versprochen wird ein Programm, bei dem in Halbstundentakt jeweils zwei Autoren (der Bücher, die im Herbst erscheinen) in ein Gepräch verwickelt werden – meist von einem Interviewer – und ein paar Texte aus ihrem neuen Buch verlesen dürfen. Eine Art literarischen Speed-Datings.

Ich habe eine Einladung (als Suhrkamp-Autor), deshalb muss ich die acht Euro nicht bezahlen. Meine ständige Begleiterin auch nicht. Auf dem Parkplatz der Villa stehen zwei Zelte aus dem Baumarkt, wie man sie aus Nachbars Garten von deren Silberhochzeit kennt. Die eingeladenen Gäste sind zeltmäßig von den zahlenden Gästen getrennt. Ich nenne meinen Namen, er wird in der Liste auch gefunden. Zur Begrüssung erhalte ich ein Couvert mit Bons (die vorgefertigten aus dem Schreibwarenladen) für Getränke: 3×2 Euro. Besser als nichts. Später sehe ich andere Leute, andere Autoren, die mehr Bons erhalten haben als ich. Offenbar gibt es eine Bon-Hierarchie, in der ich nicht sonderlich weit oben stehe.

Auf der Terasse der Villa ist bereits eines der Gespräche im Gang. Die meisten Leute stehen, hören interessiert zu.
Im Garten spielen ein paar Kinder, für die ein Programm angekündigt war, von dem allerdings nichts zu sehen ist – es sei denn, damit war der Eisstand „Hedwig“ gemeint, vor dem sich Schlangen bilden.

Ich habe Hunger und checke die kulinarischen Möglichkeiten. Sie scheinen sehr begrenzt. Ein Stand, an dem es Bratwurst gibt. Sie sind allerdings zur Zeit nicht verfügbar, da die Holzkohle erloschen ist oder überhaupt erst mit Spiritus angefacht werden muss.
Es gibt einen anderen Stand, an dem es Fleisch gibt. Ich bin vom Namen eines beworbenen Fleischgerichts verstört: „Indianer in der Hose“. Das will meine ständige Begleiterin auf gar keinen Fall essen. Trotzdem bilden sich vor jedem Stand lange Schlangen. Ich vermute, dass auch diejenigen, die überhaupt nichts haben wollen, Schlange stehen, um es nicht zu bekommen.

Ich hole mir für meine Bons ein Getränk. Irgendwas mit „Mate“ im Namen. 3 Euro, 2 Euro Pfand, ein halber Liter. Ich gebe meine drei 2 Euro-Bons und erhalte einen Euro als Wechselgeld zurück.

Ich breite mein Jacket auf dem Rasen aus, um mich drauf setzen zu können. Andere Leute habe blaue Wolldecken. Alle dieselben. Ich habe wieder mal keine abbekommen, schlecht informiert wie ich bin. Typisch.

Im Garten, ganz nah am Wasser, in der sogenannten Rotunde, liest Durs Gründbein ein paar Gedichte, die mich nicht beeindrucken.
„Wie fandest Du die Gedichte?“, frage ich meine ständige Begleiterin, die es abgelehnt hat sich auf meine Jacke zu setzen und stattdessen auf einer mitgebrachten, faltbaren Reserveeinkaufstasche sitzt. Sie antwortet: „Ich habe nicht hingehört.“

Es sind nicht viele Leute da. Vor Jahren war ich (auch als Autor) in der selben Villa bei einem Sommerfest des Klett-Cotta-Verlags eingeladen. Damals waren viel mehr Leute da, und das Essen war besser. Ob ich es bezahlen musste oder nicht, weiss ich nicht mehr.

Ein paar originelle Typen laufen durch den Garten: ein Mann in langen, über die Knie reichenden bayrisch anmutenden Lacklederhosen, ein anderer im langen Trenchcoat, ziemlich hellen Strohhut und weißen Trunschuhen. Sieht irgendwie unpassend aus. Aber die meisten Leute sehen vollkommen uninteressant aus.

Ein kleiner Junge ruft mehrfach, ohne dass die Eltern es zur Kenntnis nehmen: „Langweilig! Das ist langweilig hier!“
Meine ständige Begleitering nickt: „Ja, das ist wirklich langweilig hier. Lauter Leute die meschugge sind. Lass uns gehen!“

Ich wollte eigentlich ein paar Bekannte, die am Speed-Dating teilnehmen, sehen und treffen, bin aber inzwischen überzeugt, dass es sich nicht lohnt, wegen der 10 Minuten, die sie aus ihrem Buch vorlesen werden, noch länger zu bleiben.

Wir stehen auf, ich streiche mein Jacket wieder grade. Am Getränkestand hole ich mir die 2 Euro Pfand zurück.

Mein Gewinn von der Veranstaltung: (1) Von ein paar Büchern weiss ich jetzt, dass ich sie nicht lesen muss. (2) Falls der Carl-Auer-Verlag jemals in der unvermeidlichen Villa am Wannsee ein Sommerfest veranstalten sollte, dann muss die kulinarische Versorgung besser sein und sie darf keine Depressionen bei den Teilnehmern auslösen). (3) Ich habe 3 Euro verdient (Wechselgeld/Pfand meiner Getränkebons).

Wir gehen, fahren in die Stadt und suchen uns ein gutes Restaurant, ohne alle Autoren – zumindest hat keiner etwas vorgelesen.

15 Gedanken zu “Suhrkamp Sommerfest

  1. Tja, wo soll man nur die Zeit hernehmen, das alles nicht zu lesen bzw. die gesamten Events nicht zu verkonsumieren?
    😉

  2. @0 Fritz, du musst deine schriftstellerischen Fähigkeiten nutzen und Romane schreiben. Dafür würde ich dann sogar nach Berlin zu irgendeinem „Verlags-Sommerfest“ fliegen und hungrig zuhören, wenn du vorliest 😉

  3. hmmm… als Beobachter des Blogs als ganzem war ich ja gespannt, wie das weitergeht nach dem bemerkenswerten System-Absturz im Entsorgungs-Thread vorgestern; in welcher Form die Einzelnen sich neu sortieren, wieder auftauchen etc. …
    Mir scheint das hier wie eine klassische Übersprungshandlung. 😉

  4. glei kummt die mit eere Weck&sound:
    … raus aus de Feddere,
    „don’t worry -be happy- age is 🎩🍃🎭😳🤓😜🎉🌹❤️😘🎭🌊🦆👄🎀👅🤠🍪☔️⭐️💩🍳🤑.
    Alla hopp, Jupp

  5. Die Empfänger des Berliner Senats sind auch nicht mehr das, was sie mal waren bevor die Ossis kamen.

    Insofern haben die Ossis den Westen niemals richtig kennen gelernt und bieten jetzt auf allen Ebenen das, was sie nach Lektüre des 1989er Quellekatalogs unter Berücksichtigung des im Privatfernsehen Fortschritts für westlich halten.

    Und die Intendanten des Berliner Schaugewerbes, von Jazztage über Museen bis zum richtigen professionellen Theater, koennen offenbar Events selber nicht mehr und überlassen die Organisation Eventagenturstartups, die die Telefonnummern der besseren Caterer nicht haben.

  6. Höre gerade von einer in Berlin seit Jahrzehnten residierenden Franzoesin, dass man selbst in der französischen Botschaft nicht mehr anständig verpflegt werde, selbst die petits 4 seien abgezählt.

    „Lohnen“ tun nur noch Ministerempfaenge auf dem Weltraumbahnhof Kourou in Guayana.

    Rede allerdings der Minister zu lange, schmelzen im dortigen Klima die petty 4 dahin.

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