Erregung und Information….

….so kann man es auf den Punkt bringen. Wenn auch in psychologischer Fachsprache ausgedrückt, tut es dem Ganzen keinen Abbruch. Dort heißt es dann wie gerade im Spiegel ausgeführt: Hysterie erlebt eine Renaissance.

Weh dem, der primär auf die Wahrheit der Information setzt oder dem, der sich emotional im Syndrom täglicher Erregtheit und Empörung suhlt.

Wie war das noch beim Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel? ….Ätsch, ich bin schon wieder da….

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/berlin-mediale-erregungszyklen-und-die-politik-der-hysterie-kolumne-a-1127329-druck.html

22 Gedanken zu „Erregung und Information….

  1. @Ulrich: Ihnen und Ihrer Familie besinnliche Weihnachten!

    Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, es ist auch schon eine gute Weile her, und ich bekomme es nur noch sinngemäß zusammen, aber es war ungefähr dieses: Wenn heute unsere Kanzlerin sagen würde: „Wir besitzen noch nicht genügend Informationen, um Antworten oder Lösungen zu präsentieren“, würde am nächsten Tag in der BILD-Zeitung stehen: „Kanzlerin gesteht Ahnungslosigkeit“.

    Irgendwo in der gemütlichen Zone mit Ernst von Glasersfelds „Once you really get into constructivist thinking you realize that you don’t have to be right“ (https://www.youtube.com/watch?v=GpWbUWroPuA) und einer bedacht erworbenen Zuneigung zu nachprüfbaren Fakten wird vielleicht eines Tages die Utopie einer sich nicht ständig selbst gegenseitig umbringen wollenden rechthaberischen Menschheit wahr, die so laut schreit, dass sie (deswegen? Was denken Sie, könnte es so einfach sein?) beginnt, Mauern und Zäune mehr zu lieben, als eine größere gemeinsame, bunte Zukunft.

  2. @ 0: „Weh dem, der primär auf die Wahrheit der Information setzt oder dem, der sich emotional im Syndrom täglicher Erregtheit und Empörung suhlt.“

    Also: weder, noch?

    Weder „auf die Wahrheit der Information setzen“, stets skeptisch bleiben, selbst nachdenken und dabei seine Gefühle nicht außer Acht lassen; noch „sich emotional im Syndrom täglicher Erregtheit und Empörung suhlen“, stets einen kühlen Kopf bewahren und bei aller „Betroffenheit“ „vernünftig“ bleiben..

    So lässt sich das seit 200 Jahren laufende Projekt der Aufklärung auch beschreiben.
    Noch immer gehören viel Mut und individuelle Autonomie dazu.

  3. @ 1: Angelus Merkel ist zwar nicht ahnungslos, doch sie taktiert und kann wohl auch nicht anders: „Die Kanzlerin hält das Thema aus dem politischen Meinungskampf lieber heraus. Denn wer jetzt eine intensivere Prüfung der Flüchtlinge an den Grenzen fordert, bekommt die Frage gestellt: Warum wurde im vergangenen Herbst monatelang gar nicht mehr geprüft? Diese Frage ist das Dilemma, das die Bundeskanzlerin so seltsam sprachlos macht. Das Jahr der Bundestagswahl wird so völlig unkalkulierbar.“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article160580705/Ein-Dilemma-macht-Merkel-seltsam-sprachlos.html

    • @3 Guten Morgen und einen angenehmen 2. Weihnachtstag, lieber Arno.
      Was ist eigentlich so faszinierend am Flüchtlingsthema, dass in diesen Blogs selten 2 Minuten vergehen, ohne, dass jemand darauf zu sprechen kommt?
      Auf mich wirkt es wie ein seltsamer Attraktor. Man sollte das mal mathematisch untersuchen 😀 Es gibt da garantiert diesen einen Punkt, da schlägt es um, und fast jeder muss einfach.
      Ich wünschte wirklich, die Menschen hätten mehr Angst vor Robotern oder 3D-Printern. Das wäre vielleicht auch nicht sehr klug, aber wenigstens eine Abwechslung mit etwas mehr realistischem Hintergrund.
      Zumindest könnten dann auch unsere Politiker – inklusive unserer erschöpften Kanzlerin – zur Abwechslung auch mal über was anderes nachdenken.

      • es geht wahrscheinlich nicht um „Flüchtlinge“ sondern um die Erfahrung des „Fremden“. „Nicht der Fremde ist fremd, sondern ich bin fremd“ ist die unbequeme Erfahrung vieler Menschen, in Zeiten der Globalisierung. Und wenn was unbequem ist, schaut man gerne auf den Anderen und vergisst dabei, dass man emotional sich selbst sieht.

        • Sehr spannend, Danke, Ulrich.
          Und es stimmt ja auch, ich bin fremd. Achtung, Eule nach Athen: Identität ist paradox.
          Nicht mal in meinen eigenen selben Fluss kann ich zweimal steigen.
          Lautet die Frage unserer Zeit also: „Wie lerne ich meine eigene Fremdheit zu ertragen?“
          ?

          • Gerade dazu gelesen:
            „Eine der Merkwürdigkeiten sozialer Konflikte ist, dass sie die psychischen Systeme der Akteure zunehmend von Konflikten befreien.“
            Fritz B. Simon „Einführung in die Systemtheorie des Konflikts“

          • …und ist das bezogen auf das Fremde in mir ein willkommenes“Selbst-Versteck“ oder ein Talent?

          • Sehr schön. Ich gehe davon aus, Sie meinen das einschließliche Oder, schließlich ist, ein Versteck in sich zu haben, ein nützliches Talent. Manchmal sogar vor sich selbst, richtig? „Ich werde heute nicht an Rhett denken, heute denke ich an Tara. Ich werde morgen an Rhett denken.“

          • nun ja: nicht das einschließliche „oder“. „Selbst-Versteck“ kann man auch Projektion nennen, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Projiziert man doch dann den eigenen inneren Konflikt auf ein fremdes Gegenüber, um sich um daran abzuarbeiten. Hierdurch entsteht natürlich ein sozialer Konflikt, bei dem man seine eigenen Hände in Unschuld waschen. Hat ja alles nichts mit mir zu tun. Fremd ist eben fremd. Und „fremd“ ist das Problem.

          • Ah, so haben Sie es gemeint. Danke, das hatte ich falsch verstanden.
            Ich war mehr in der Richtung unterwegs, dass es manchmal hilfreich sein kann, wenn man erkennt, dass man sich selbst fremd ist und manchmal sogar recht angenehm, das einfach mal für einen Tag oder so zu ignorieren: sich und die eigenen Sorgen oder Probleme mal auf morgen zu verschieben, alles auf einen Platz zu packen, an den man heute nicht ran geht, um die Kraft zu sammeln, die man benötigt, um das Problem dann sehr viel lockerer zu packen. Und wer weiß, es kommt ja auch vor, dass es am nächsten Morgen einfach weg ist.
            Das ergibt jetzt aber in dem Zusammenhang Ihres so sorgfältig bedachten Ausgangsthemas nur dann Sinn, wenn man geistig schon in Richtung der Antwort auf die Frage unterwegs ist, wie man es schaffen kann, andere eben mit sich selbst möglichst in Ruhe zu lassen.
            Habe ich soweit jetzt den Bogen zu Ihren Gedanken hinbekommen oder bin ich immer noch auf falschen Pfaden unterwegs?

          • wir sind schon gut auf gemeinsamen Pfaden. :-) Ich will meine Überlegung etwas deutlicher machen: gerade im rechten Milieu werden durch die unbewussten Projektionen soziale Konflikte provoziert. Der oder das Fremde sind dann die herbeigesehnten, willkommenen Opfer, natürlich aber die erforderlichen Täter, damit man selbst mit dem Finger auf DIE da zeigen kann. Habe hierzu mal ne Analyse (2000) der Identifikationsangebote gemacht, die durch Jörg Haider hervorragend gelebt wurden. Oder ne andere zum Thema „der Fremde“ und Projektionen im rechtsextremen Jugendmilieu für die NZZ Anfang der 2000er.

          • Danke, lieber Ulrich. :)
            Wo kann ich diese Analysen bekommen? Sind es Bücher oder Artikel?
            Sie schreiben „gerade im rechten Milieu“. Ist es tatsächlich dort intensiver oder häufiger oder fällt es dort nur intensiver oder häufiger auf?
            Das ist keine rhetorische Frage, ich kennzeichne die sicherheitshalber vor neuen Bekannt- und Freundschaften mit Ironie-Smileys.

          • Ich bin nicht genau genug und sorge womöglich wieder für Durcheinander: Ich meine nur den ersten Teil: „werden durch die unbewussten Projektionen soziale Konflikte provoziert“.

  4. Dass die Erregung Hochkonjuktur hat, liegt auch an der neuen Medienwelt. Laut Marshall McLuhan könnte bald Schluss mit der Überhitzung von Internet-Blogs sein: „In dem von seinem Sohn Eric 1988 posthum veröffentlichten Werk ‚Laws of Media‘ fasste McLuhan seine Thesen über Medien und ihre Effekte zusammen und verwendete zu ihrer Darstellung eine Tetrade. Diese Anordnung ermöglicht es, die Effekte von Technologien (damit auch Medien) auf eine Gesellschaft darzustellen, indem ihre Effekte in vier Kategorien aufgespalten und gleichzeitig dargestellt werden. McLuhan entwarf diese Form als pädagogisches Werkzeug, das seine Thesen als Frage, wie mit einem Medium umzugehen sei, formuliert:

    Was verbessert das Medium?
    Was macht das Medium obsolet?
    Was macht das Medium wieder aktuell, das früher obsolet gemacht worden war?
    Was löst das Medium aus, wenn es bis zu seinen Extremen überzogen wird?

    Die Gesetze der Tetrade sind gleichzeitig in Kraft, nicht sukzessive oder in chronologischer Ordnung und ermöglichen es dem Fragesteller, die Grammatik und Syntax der Sprache der Medien zu erkunden. Ausgehend von den Thesen seines Mentors Harold Innis nimmt McLuhan an, dass sich ein Medium ‚überhitzt‘ oder eine entgegengesetzte Form annimmt, wenn es bis zu seinen Extremen überzogen wird.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Marshall_McLuhan#.E2.80.9EHei.C3.9Fe.E2.80.9C_und_.E2.80.9Ekalte.E2.80.9C_Medien

  5. Das Bewusstseinssystem wird durch Reize in Erregung versetzt, die ihm aus zwei Quellen zuströmen, aus der Außenwelt und aus dem Inneren. Die Erregungsvorgänge im psychischen Apparat beruhen auf einer Energie, die sich laut Sigmund Freud quantifizieren lässt und die vermehrt und vermindert werden kann. Dieser Gesichtspunkt wird von Freud als „ökonomisch“ bezeichnet.

    • interessant ist dann WIE das Zusammenspiel beider Reizquellen sich zu etwas modelliert, was dann z.B. in den Medien als sog. Faktum auftaucht oder einem persönlich als Überzeugung unumstößlich wichtig und relevant ist. Ebenso ist interessant zu schauen, WIE man dies dann unterscheidet und eine solche Unterscheidung als faktisch deklariert oder post-faktisch. :-)
      Ich tue mich da manchmal selbst recht schwer.

  6. …hinzu treten bekanntlich die Voreingenommenheiten und Vorurteile, die (meist unbewusst) bereits bei der Reizauswahl wirksam werden (selektive Wahrnehmung) und die (meist schon etwas bewusster) bei der Deutung und Bewertung der Reize eingesetzt werden, um daraus subjektive Fakten reifen zu lassen…

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